Auswege aus der Krise

Musiker erproben alternative Vermarktungsstrategien

Fast hatten wir uns dran gewöhnt, und die jährlichen Meldungen würden uns nicht weiter berühren: Die Plattenindustrie steckt in der Krise. Allein der fortschreitende Abwärtstrend bei der EMI hat dieses Thema in den letzten Monaten wieder in die Schlagzeilen der Tageszeitungen gebracht. Die neue Firmenpolitik seit der Übernahme durch den Finanzinvestor Terra Firma tat ihr übriges und hatte für einige hier unter Vertrag stehende Künstler Konsequenzen: von Firmenwechsel bis zum Protest durch die Verzögerung der Veröffentlichung ihrer neuen Platten. Die Krise jener Firma, die Bands wie die Beatles, Queen oder Radiohead groß gemacht hat, verdeutlicht aber nur einen Teil des Problems. Auch weniger krisengeschüttelte Konzerne müssen sich weiter gegen den Verkaufseinbruch physischer Tonträger, der vor ca. zehn Jahren mit der Möglichkeit, CDs 1:1 zu vervielfältigen, begann und später durch mp3s verschärft wurde, wappnen. Geldverdienen mit CDs und LPs, so heißt es immer wieder: Das war gestern. Der Verkauf von mp3s nimmt zwar zu, kann aber die Lücke nicht schließen. Das Geschäft läge heute im Konzertbereich. Doch wenn man sich die Preisspanne ansieht, die bei Konzertkarten verschiedener Bands existiert, steht man unweigerlich vor der Frage: Wie sollen Künstler bekannt werden, wenn keine Firma am Anfang Geld für Produktion und Vermarktung in sie investiert? Konzerte junger Bands sind schon ab 9 Euro zu sehen, bei bekannten Bands liegt der Preis beim Zehnfachen. Daß bei einem Ticketpreis von 90 Euro einige davon leben können – gut vorstellbar. Doch ein finanzieller Nulleffekt ist für eine neue Band ein solches Unternehmen ohne Sponsoring eher schon. Woher also sollte das Geld kommen, das zur Planung und Durchführung von Alben und Konzerten nötig ist? Der alte Weg wären Plattenfirmen, die entsprechend investieren, aber auch an den Acts verdienen müssen, die schon länger im Geschäft sind. Gerade deshalb wurde das Vorgehen der Band Radiohead Ende letzten Jahres breit diskutiert. Nach Auslaufen des Vertrages bei der EMI boten sie ihr Album In Rainbows schlicht zum Download auf der Homepage an, und das zu dem Preis, der es dem Hörer wert war. Daß Radiohead nun wieder eine Plattenfirma haben, eine kleine, die sich den Aufbau neuer Bands nicht in dem Maße leisten kann, und In Rainbows auch als physischer Tonträger ein Erfolg wurde, war bei dieser Ausnahmeband kein Wunder; heute, da sie bekannt ist. Hätte sie aber auf einem so kleinen Label ihre Karriere begonnen, wären sie deutlich schwerer zu dem geworden, was sie heute ist. So ist die Angst der Plattenfirmen zum Teil berechtigt, daß das Beispiel Schule machen wird, denn das Geld, das sie mit Radiohead verdient hätten, wäre auch Lohn für frühere Investitionen und die dazugehörigen Risiken gewesen. Doch für einen Teil der Musiker zählt das nicht, denn diese Investitionen hat es nie gegeben und sie haben ihren Namen durch viele Konzerte und das Internet verbreitet. Letzteres bietet unbekannteren Künstlern durch Netzwerke wie MySpace heute eher die Möglichkeit, ihre Musik zu promoten, als der nicht mögliche Plattenvertrag, da eben keine Firma mehr Gewinnchancen in ihrer Musik sieht. Der Musiker David Freel von Swell hat die Konsequenz gezogen und bietet seine neue Platte ausschließlich auf der Bandseite und via iTunes an. Auf seiner MySpace-Seite fand sich zur Zeit der Veröffentlichung ein Artikel, der explizit Bezug auf das Vorgehen von Radiohead nahm. Schule gemacht hat es also. Nur wird ihm wohl keine Firma so schnell einen weltweiten Vertrieb anbieten und er die Investitionen und Risiken für zukünftige Projekte weiterhin allein tragen müssen.

Maczde Carpate
Maczde Carpate

Was aber macht eine unbekannte Band, deren Plattenvertrag ausläuft und die nicht das große, einfache Geld verspricht wie Radiohead und auch nicht die Mittel hat, ihr Album allein zu produzieren? Daß es noch andere Möglichkeiten gibt, eine Platte auch bei einer Firma mit Vertrieb zu veröffentlichen, zeigt derweil die französische Band Maczde Carpate. Sie greift eine Vorgehensweise auf, die aus dem Verlagswesen lange bekannt ist: die Subskription. Ehrgeiziges Ziel der Band ist nicht weniger, als auf diese Weise ein Doppelalbum finanzieren zu können, bestehend aus einer Live- und einer Studio-CD. Schwierigkeit ist hier scheinbar weniger, die Firma zur Veröffentlichung einer neuen Platte zu bewegen; die Aufnahmekosten sind es, die zu tragen sind. Selbst für eine eher unbekannte Band, die jedoch in diesem Falle bereits seit 13 Jahren unterwegs ist, ist es eben keinesfalls unwesentlich, auch über die eigene Internetseite hinaus Platten vertreiben zu können. Im Gegensatz zu Swell touren Maczde Carpate zudem seit Jahren kräftig. So streuen sie ihren Namen um einiges weiter. Auch über Amazon und ähnliche Händler wird das Album nach Erscheinen erhältlich sein. Das dürfte sich als großer Vorteil erweisen. Einen Bestseller werden sie zwar auch dadurch nicht landen, es dürfte sich aber zeigen, ob im Falle dieser Offenlegung der Schwierigkeiten, das Album zu finanzieren, nicht doch einige, die bisher Platten lieber nur gehört als besessen haben, wieder einmal in den Geldbeutel greifen, um für das, was sie hören wollen, auch zu bezahlen. Denn, so die eigentliche Logik dahinter: Zahlt keiner den Subskriptionspreis von 18 Euro für die CD, wird es sie auch nicht geben. Bei Radiohead war das Produkt bereits fertig, als es angeboten wurde. Die Katze im Sack also, für die man hier subskribiert? Nicht ganz, schließlich kann man ihre letzten Alben, die eine angenehm abwechslungsreiche Kontinuität beweisen, teilweise auf der Webseite anhören.

Das Mittel der Subskription, auf das die Franzosen hier zurückgreifen, rückt den Musikmarkt in eine bemerkenswerte Nähe zum Buchmarkt. Zwar könnte man auch ein Buch mittlerweile im Internet anbieten wie eine mp3, doch könnten Autoren ihre Lebensgrundlage auf diese Weise ebenfalls nicht mehr sichern. Auch hier sind es bereits etablierte Autoren, die solche Experimente mit einem gewissen, wenn auch ideellen, Gewinn starten können. So veröffentlichte zuletzt Elfriede Jelinek ihren Roman Neid ausschließlich im Internet. Stephen King erregte bereits 2000 Aufsehen, als er eine Kurzgeschichte im Internet veröffentlichte. Beim Buch hat das Internet allein bezüglich des Verkaufs von Büchern, vor allem auch vergriffener Werke, in den Produktionsprozeß eingegriffen, die Praktikabilität eines Internetromans ist jedoch eher gering, was Elfriede Jelinek auf ihrer Homepage zu einer Erklärung verleitet, wie ihr Roman gelesen werden solle. Anders die Musik. Die CD ist mit der Entwicklung von mp3 zu einem Produkt geworden, das an den Rand der Vermarktbarkeit gedrängt wird. Das Album an sich verliert seinen Stellenwert zugunsten einzelner Lieder, die dafür mitunter aus ihrem Zusammenhang herausgerissen werden, wie zu Zeiten der Single. Mit der Durchsetzung des mp3-Spielers und des mp3-Handys ist dieser Siegeszug noch einen großen Schritt vorangekommen. Doch für die Musiker wird all das zur großen Schwierigkeit. Das Verschwinden großer Plattenfirmen macht dem Musikliebhaber wenig Sorgen, eher, daß die kleinen Entdecker eines Tages aufgeben könnten, die man im übrigen durchaus mit den unabhängigen Verlagen und ihrem Mut vergleichen sollte. Ein entscheidender Unterschied zwischen Musik- und Literaturindustrie scheint hier jedoch die fehlende Preisbindung der CDs zu sein. Mit billigeren CDs konnte der Internetmarkt über die Grenzen hinweg den örtlichen Fachhandel um seine Existenz bringen und nahm somit auch die Möglichkeit, in ein breites Spektrum Musik zu hören, als das Internet noch nicht die Bandbreite erreichte wie heute. Bonn zählte, um ein Beispiel zu nennen, im Jahr 2000 noch sieben ernstzunehmende CD-Geschäfte, heute ist es eines. Von den zahlreichen, eigentlich unzähligen, Buchhandlungen schlossen im selben Zeitraum zwei. Stärker betroffen waren die Antiquariate, die aber noch die Möglichkeit nutzen konnten, im Internet ihren Handel fortzuführen, wenn sich ein Ladenlokal nicht mehr rentierte. Der Buchmarkt ist protegiert, während der Plattenmarkt einzugehen droht. Das, was Hoffnung macht, ist, daß Bands wie Maczde Carpate mit ihrer Idee, die alte Verlagspraxis in den Musikmarkt zu integrieren und so ihre Fans zu mobilisieren und zu sensibilisieren. Sobald der Verbraucher vorgerechnet bekommt, was das Produkt kostet, obwohl man es kostenlos im Netz ziehen kann, ist die Chance da, daß die Musik auch zu einem adäquaten Preis gehandelt wird. Änderungen des Urheberrechtes, die den Konsumenten eher kriminalisieren, helfen da wenig. Wichtiger wäre es, ein Bewußtsein nicht für Recht im juristischen Sinne, sondern für Gerechtigkeit und Verantwortung gegenüber den Künstlern zu schaffen. Zudem könnten sich die Plattenfirmen die Mühe geben, nicht nur Musik zu vertreiben, die man hören möchte, sondern auch Produkte, die man haben möchte. Hier waren Radiohead mit dem Packaging von Kid A in Buchformat und dem Landkartenformat von Hail to the Thief vorbildhaft. Was man dagegen für ein Zahlenpaket namens mp3 ausgibt, erscheint vielen sicherlich als verbranntes Geld. Aber für Experimente fühlen sich die Großen vielleicht einfach noch zu sicher auf dem Thron ihrer Marktanteile.

 

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