Beethovenhalle: ja oder nein?

Ein Kolloquium in der Bonner Uni widmete sich dem »brennpunkt beethovenhalle«

Am Samstag, 28. November 2009, ging es im Hörsaal 9 der Universität Bonn emotionsgeladen her. Das bereits seit zwei Jahren in Diskussion stehende Projekt eines neuen/alten Festspielhauses ließ das Kolloquium »brennpunkt beethovenhalle« zu einem - wie es der Titel schon richtig traf - ›Brennpunkt‹ hitziger Diskussionen und empörter Gemüter werden. Anlass dieses Kolloquium war der in Diskussion stehende Abriss der Beethovenhalle, die einem neuen Festspielhaus, das zum größten Teil von den Firmen Post, Postbank und Telekom gesponsert wird, weichen soll. Veranstalter war die Initiative Beethovenhalle, die am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn entstand und ein studentisches Projekt ist. Angeregt durch ein Oberseminar bei Prof. Dr. Hiltrud Kier, feiert die Initiative Beethovenhalle mit ihrem Projekt nicht nur das 50jährige Jubiläum der Beethovenhalle, sondern setzt ihren Schwerpunkt gerade auf die aktuelle Diskussion. Aus kunstwissenschaftlicher, städtebaulicher, historischer und denkmalpflegerischer Sicht wurde die Beethovenhalle unter die Lupe genommen.

Die Bonner Beethovenhalle 1959 (Foto: © Schafgans Archiv/Hans Schafgans)
Die Bonner Beethovenhalle 1959, dem Jahr ihrer Eröffnung (Foto: © Schafgans Archiv/Hans Schafgans)

Dem Kolloquium gingen bereits zwei Projekte in Form eines Offener Briefes an die damalige Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann sowie einer Ausstellung über die Geschichte der Beethovenhalle in Fotodokumenten aus dem Hans Schafgans Archiv in den Räumen des Kunsthistorischen Institutes voraus (11.9. bis 8.10.2009).

Das öffentliche Kolloquium »brennpunkt beethovenhalle« diente nun dazu »im akademischen Rahmen die ganze Bandbreite der Bedeutung des Baus vorzuführen: als Bautypus, als Architekturkunstwerk, als Bestandteil des Städtebaus, als historischer und gesellschaftlicher Ort sowie unter dem Gesichtspunkt der Rezeption in der Fachpresse.« In diesem Sinne wurde es in vier Sektionen unterteilt: zunächst wurde die Halle an sich vorgestellt (U. Mainzer) und in einen Kontext zu ähnlichen Bauten im Raum Deutschland (J. Rüter) aber auch in der ganzen Welt gebracht (W. Pehnt). Prof. Dr. Udo Mainzer (Landeskonservator Rheinland), der die Beethovenhalle »als Objekt der Denkmalpflege« vorstellte, machte seinen Standpunkt gegen den Abriss von Anfang an deutlich. Er setzt sich voller Elan für das Denkmal Beethovenhalle ein und bezeichnet es als „ein baukünstlerisches Bekenntnis zum demokratischen Bau“.  Außerdem betont er, dass „die Denkmalpflege nicht gegen ein neues Festspielhaus ist, sondern gegen den Abriss eines Denkmals.“ Der wissenschaftliche Hintergrund solcher Stadt- oder auch Mehrzweckhallen wurde so in der ersten Sektion anschaulich vorgestellt. In der zweiten Sektion wurde das Augenmerk in den Vorträgen besonders auf Referenzbauten, wie die Liederhalle in Stuttgart, den Konzertsaal der Hochschule für Musik in Berlin und das Stadttheater in Münster gelenkt. Diese Beispiele zeigten wie eine Renovierung bzw. Restaurierung in Teilen den ursprünglichen Bau wieder erstrahlen lassen kann, aber auch - wie im Falle Münster - dass dies nicht unbedingt erfolgreich sein muss. Die vielfachen Möglichkeiten einer Verwendung der Beethovenhalle wurden besonders im Vortrag von Prof. Dr. Heijo Klein deutlich, in dem man erfuhr, dass nicht nur Konzerte, Bälle und die Wahlen des Bundespräsidenten dort stattfanden, sondern dass sie auch für Veranstaltungen wie Rassekatzenausstellungen genutzt wurde. Einen neuen Blick auf die Akustik der Halle erschuf Raoul Mörchen in seinem Vortrag, wobei er die einzig wahre Akustik negierte und den Begriff des optischen Hörens in die Diskussion brachte. Man nimmt Geräusche, Sprache und vor allem Musik anscheinend besser wahr, wenn man einen guten ungestörten Blick auf die Bühne bzw. das Geschehen hat. Sein Beitrag wurde viel diskutiert und insbesondere von den Beethovenhallenbefürwortern willkommen geheißen. Die Akustik der Beethovenhalle war in letzter Zeit in den Medien immer wieder bemängelt worden. Mörchen bescheinigte der Halle jedoch für ihren multifunktionalen Charakter eine völlig ausreichende, ja sogar gute Akustik. Die vierte und letzte Sektion, die auch die bestbesuchte war (zum Schluss gab es nur noch Stehplätze) enthielt eine kurze Zusammenfassung der Vorträge durch Prof. Dr. Hiltrud Kier und die regelrecht heiß ersehnte Podiumsdiskussion mit sechs Vertretern aus Politik und Kultur. Es nahmen der Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch, der ehemalige Oberbürgermeister Dr. Hans Daniels, der ehemalige Generalmusikdirektor Prof. Volker Wangenheim, der Landeskonservator Prof. Dr. Udo Mainzer, Heinrich Küpper von der Projektleitung Festspielhaus Beethoven als Vertreter für die Sponsoren und der Vorsitzende des Bundes Deutscher Architekten Dipl.-Ing. Joachim Klose teil. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion durch den ehemaligen Leiter der Redaktion Kultur des WDR 5 Jürgen Keimer. Mit seinen gezielten Fragen an die Teilnehmer versuchte er in durchaus provokanter Weise aus ihnen Sichtweisen, Standpunkte und konkrete Antworten herauszulocken. Nicht jeder der Teilnehmer war dabei so kooperativ, auf die gestellte Frage auch direkt zu antworten, sondern verlor sich manchmal in ausschweifenden Erklärungen, die vielmehr Unklarheiten und Missverständnisse schufen als diese zu beseitigen. In den Diskussionen, auch nach den jeweiligen Sektionen, wurde eines besonders deutlich: dass die Mehrheit der Anwesenden gegen den Abriss der Beethovenhalle ist und außerdem über das bisherige Vorgehen sehr verärgert ist. Durch aufgebrachte Zwischenrufe und Statements wurde dies immer wieder deutlich. Die Emotionen sind aufgeladen und bahnten sich ihren Weg nach draußen. Dass dabei das eigentliche Ziel des Informierens und Diskutierens manchmal auf der Strecke blieb, ist einerseits schade, andererseits aber auch verständlich. Die Organisatoren mussten immer wieder freundlich darauf hinweisen, dass das Kolloquium kein Ort zur sofortigen Gründung einer Bürgerinitiative ist. Informationsgrundlagen anbieten, Kontakte knüpfen, Themen ansprechen und die bereits laufende Diskussion weiter unterstützen und so »im konstruktiven Gespräch zu neuen Erkenntnissen kommen«, das sind die Anliegen der Initiative Beethovenhalle. Dieses konstruktive Gespräch kann aber nicht richtig anlaufen, da sich bereits zu viel Ärger und Unmut aufgestaut haben. Auch gerade während der Fragen aus dem Publikum an die Teilnehmer der Podiumsdiskussion wurde dies deutlich, die zum größten Teil weniger Fragen darstellten als provokante und eigenwillige Stellungnahmen, die vielmehr die persönlichen Meinungen darlegten. Joachim Klose bemerkte während der Diskussion ganz richtig, dass dieses Kolloquium eine tolle Möglichkeit und Idee sei, dass es aber auch schon viel früher hätte stattfinden sollen (vor ein bis zwei Jahren) und dann erst weitere Entscheidungen und Diskussionen auf einer sachlichen Informationsgrundlage hätten getroffen und geführt werden dürfen. Jetzt nach zwei Jahren hin und her, einem schon veranstalteten Architekturwettbewerb mit bereits zwei Finalisten (Zaha Hadid, Hermann und Valentiny) und nach dem Ausgeben von bereits einigen Millionen Euro sind die Meinungen und Standpunkte festgefahren. Ein Austausch, ja sogar ein Kompromiss erscheint unmöglich. Und dabei steht noch so vieles in der Schwebe: die Denkmalschutzfrage, die definitive Finanzierung, der Standort, ein Ersatzspielhaus für die Zeit des Neubaus bzw. der Renovierung und die Frage nach der Betriebskostenübernahme für eventuell zwei Häuser. Und vor allem fehlt die sachliche Darlegung der Argumentation dafür, dass Bonn eine neue Beethovenhalle, welche dann besonders auch Auswirkungen auf die Denkmalschutzfrage haben wird, braucht. Da bleibt zum Schluss nur noch ein Kopfschütteln für so ein verqueres Durcheinander und weiterhin die Frage: Beethovenhalle ja oder nein?

 

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