Beim Häuten der Zwiebel

Karin Beier serviert mit ihrer Inszenierung von Peer Gynt am Kölner Schauspielhaus dem Zuschauer nur auf den ersten Blick leichte Kost

Das Besondere an Karin Beiers Inszenierung von Peer Gynt ist, dass der Zuschauer sie wahrnehmen kann, wie er möchte – sei es als vollkommen konfuse und wirr-komische Aneinanderreihung von Episoden oder als im wahrsten Sinne des Wortes todernste Beantwortung der Frage aller Fragen: Wer bin ich? Was ist mein Wesen? Schon in Ibsens Original-Fassung aus dem 19. Jahrhundert wirken viele der Ereignisse in der Lebensgeschichte von Peer Gynt, dem ohne Vater aufwachsenden Bauernsohn, abstrus und surreal. Beier verstärkt in ihrer Interpretation des Werkes diesen Eindruck noch, indem sie das Stück mit seinem eigentlichen Ende beginnen lässt: Ein mittlerweile alter Peer sitzt in einem Irrenhaus in Kairo, der sich öffnende Vorhang gibt den Blick frei auf eine Reihe von herumvegetierenden Insassen. Alle hängen sie leblos in ihren schweren Sesseln, mit lähmender Regelmäßigkeit tickt eine Uhr vor sich hin. Im Nachhinein muss es auf den Zuschauer wirken, als holten die Darsteller einmal noch tief Luft, bevor das Chaos losbricht. Denn nachdem Peer sich genügend selbst bemitleidet hat, schrillt auch schon die grelle Stimme seines Sitznachbarn (Tilo Nest) über die Bühne: »Peer, du bist ein Lügenmaul!«. Der vermeintliche Geisteskranke trägt Frauenschuhe und ein Kleid, dazu einen Dreitagebart – willkommen im Kopf von Peer Gynt: Seine Fantasie macht aus dem Irren neben ihm seine eigene Mutter. An dieser Stelle entfernt sich die Aufführung von der Ebene der Realität und von Ibsens Text, wo die Mutter zu diesem Zeitpunkt längst tot ist. Peer beginnt, sich im Irrenhaus an sein Leben zu erinnern – sind es Lügen? Sind diese Dinge wirklich geschehen? Wenn Peer seiner ‚Mutter‘ von der Bockjagd berichtet oder im Anschluss von seinem heroischen Brautraub auf einer Hochzeit, wird dem Zuschauer schnell klar, dass hier der Wunsch Vater des Gedankens ist. Aber Beier setzt einen klaren Akzent, sie nimmt Peer in Schutz, stellt ihn nicht bloß vor den Augen des Publikums: Alles um ihn herum ist Melanchonie. »Ich werd nochmal König«, sind seine Worte ganz zu Beginn des Stücks – aber er wirkt dabei so verletzlich wie eine Seifenblase, die man nicht zerstechen will. Er ist bei Beier ein Getriebener, die Mutter setzt ihn unter Druck, die Freunde im Dorf ebenso (Im Chor fragen sie ihn: »Kannst du hexen, Peer? Kannst du hexen?«). Er wird in seine Lügenwelt getrieben und betrügt dabei vor allem sich selbst. Michael Wittenborn nimmt man die Rolle an manchen Stellen nicht ganz ab, diese Mischung von Großmut und Zerbrechlichkeit macht er dafür jederzeit spürbar. Die Stellen, an denen Peer zu sich kommt und seinen Selbstbetrug erkennt, sind die intensivsten des Stückes. Es folgen Peers Flucht aus seinem Heimatdorf und der Aufenthalt im Reich der Trolle, wo er ohne vorherigen Geschlechtsverkehr ein Kind zeugt. Seine Mutter stirbt. Er versucht sich als Geschäftsmann, genauer als Waffenhändler. Gegen Ende verliert sich die Handlung in Episoden auf einem Schiff, das mit ihm in Seenot gerät. Aber nach der Pause ist es ohnehin weniger die Handlung als die Aussage, die in den Vordergrund tritt: Peer ist auf der Suche nach seinem Wesen, seinem Selbst. Nachdem er es auf seiner Odyssee nicht finden konnte, versucht er sich als egoistischer Pragmatiker: Nur Geld zählt für den Waffenhändler, er ist sich selbst der Nächste. Auch hier wird Peers Tragik von Beier gekonnt betont: Seine Gier, die die Rationalität des Geschäftsmannes ad absurdum führt, wird personalisiert in einer Prostituierten, die vor den feinen Geschäftsleuten tanzt – Peer gibt ihr sein ganzes Geld, sie verschwindet damit, er kann sie nicht gewinnen. Am Ende verrennt der irre Peer sich in verschiedenen Bildern seiner selbst, um der Drohung des Knopfgießers zu entkommen – er solle nach seinem Tod mit allen anderen Menschen zusammengeschmolzen werden, wenn er nicht er selbst sei. Alleine die Tatsache, dass alle in dieser Lebensgeschichte auftretenden Personen bis auf eine von Männern gespielt werden, nimmt ihr die Glaubwürdigkeit – eine starke Idee von Beier, mit der sie die Weltflucht des alten Peer im Irrenhaus noch einmal betont. Dieser ständige Wechsel zwischen der imaginierten Welt in Peers Kopf und der Realität im Irrenhaus ist das prägende Merkmal der Aufführung. Unterstrichen wird dieser Kontrast auch durch die fünf Musiker, die im Hintergrund der Bühne platziert sind. Als die erste längere Episode aus Peers Leben, eine Hochzeit in seinem Heimatdorf, erzählt wird, sorgen sie für festlich-ausgelassene Musik. Die alten Irren, eben noch im Rollstuhl, tanzen nun ausgelassen als weibliche Party-Gesellschaft, einige tragen Perücken auf dem Kopf. Ähnlich die Krankenschwester (Angelika Richter): Eben noch serviert sie im Kittel den Alten den Kaffee, um dann als schöne Solveig im roten Abendkleid den jungen Peer zu betören. Und irgendwann fragt sie doch wieder: »Noch jemand Kaffee?« – die Realitätsebenen verschwimmen auf der Bühne wie in Peers Kopf. Überhaupt Solveig: Sie steht zu Peer. Am Ende schreit er sie verzweifelt an: »Wo war mein Selbst?«, leise antwortet sie: »In meinem Glauben, in meinem Hoffen und in meinem Lieben.« Hier manifestiert sich die Aussage der Inszenierung: Das Leben besteht aus nichts als Rollen, die wir spielen, in die wir gedrängt werden. Was wir wirklich sind, erfahren wir erst, wenn es schon zu spät ist. Wenn überhaupt. Im Stück gibt es für dieses Dilemma das Bild der Zwiebel, die beim Schälen nur Hülle um Hülle, jedoch keinen Kern zum Vorschein bringt. Wenn Grass sich so gnadenlos mit seinem eigenen Leben auseinandergesetzt hätte wie Peer Gynt, wäre sein Buch wohl Pflichtlektüre. Insgesamt verlangt Beier dem Zuschauer eine Menge ab, nicht nur auf Grund der Länge der Inszenierung von fast drei Stunden. Es braucht lange, bis man realisiert, dass die Realitätsebene des Irrenhauses im Stück allgegenwärtig ist und die Episoden aus Peers Leben kein Klamauk sind, sondern die verzweifelte Suche nach sich selbst. Peer Gynt im Schauspielhaus ist intensiv von der ersten bis zur letzten Minute – im ersten Teil kommt man sich durch das Chaos auf der Bühne phasenweise vor wie im Zirkus, während der zweite Teil die Aussage dann verdichtet. Peer Gynt – ein dramatisches Gedicht. Deutsch von Frank Günther. Fassung von Karin Beier. Schauspiel Köln. Weitere Termine: 22.11., 13.12., 14.12., 23.12., 28.12.

 

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