Berlin – (K)eine Stadt der Liebe

Ein Jahresrückblick unserer Korrespondentin Marion Acker

Ich lebe nun seit einem Jahr in Berlin. Noch nicht lange genug, um »Bulette« statt »Fleischküchle« zu sagen. »Fleischküchle« klingt einfach lieblicher. Lieblich ist Berlin ganz und gar nicht und will es auch nicht sein. Berlin ist keine Stadt der Liebe. Aber Berlin ist voll von Kunst und die Kunst handelt viel von Liebe. Der Liebe in ihrer mannigfachen Manifestation – ihrer tragischen, rationalen, göttlichen und komischen Gestalt – widme ich daher meinen Jahresrückblick. 

MUSIK | »Not all my torments can your pity move«
Die Liebeslieder des englischen Barock-Komponisten Henry Purcell (1659-1695) entführen uns in hypnotische Klanggefilde zwischen Hoffnung und Resignation, Manie und Depression. Auf dem international renommierten Festival zeitfenster – VI. Biennale Alter Musik konnte man davon eine eindrückliche Kostprobe erleben. Die in Sheffield geborene und in Berlin lebende Sopranistin Deborah York gab dabei auch weniger bekannte Lieder von Purcell zum Besten – darunter auch die folgenden, blumenreich vorgetragenen Verse: »Not all my torments can your pity move, /Your scorn increases with my love. / Yet to the grave I will my sorrow bear; / I love, tho' I despair.« Ja, das ist der Kuschelrock des 17. Jahrhunderts und er geht einem förmlich durch Mark und Bein. 

VIDEO | »Muss man ein Werk kennen, um es zu lieben?«
Das Konzerthaus Berlin präsentiert sich nicht nur optisch im neuen Gewand. Seit der Saison 2012/13 ist der Ungar Iván Fischer neuer Chefdirigent des Konzerthausorchesters. Sein Anliegen: klassische Musik der breiten Öffentlichkeit näherzubringen. Welche schwerfällige Kulturinstitution sucht sich heutzutage nicht ihres elitären Images zu entledigen? Das Konzerthaus Berlin vermittelt Offenheit in amüsanter und glaubhafter Weise. In der Clipreihe »Eine Frage, Herr Fischer«  erfährt man so manches Interessantes über peinliche Pannen, störenden Husten und die Liebe auf den zweiten oder dritten Blick: TOP-Dirigenten gibt es viele, aber nur wenige nehmen ihr Publikum so ernst. Chapeau, Herr Fischer! 

LYRIK | »Ein Knie, das jedes Knie der Welt in Schatten stellt«
Wie bezwingt man schriftstellerisch ein Monstrum wie den Pergamonaltar, ohne dass das Ergebnis vor Schweiß trieft? – Mittels sinnlicher Hingabe, wie der Lyriker Gerhard Falkner zeigt. Seine Pergamon Poems sind eine lyrische Ekphrasis des auf dem Fries in Szene gesetzten, dramatischen Kampfes zwischen Göttern und Giganten. Schauspieler der Schaubühne Berlin übersetzten die Gedichte im Auftrag des Pergamonmuseums ins filmische Medium. Das »Götterkino« gibt es hier zu sehen. Aufgrund der brachialen Mixtur aus Alltagssprache und antikem Pathos wirken einige Gedichte etwas forciert. Das »Götterkino« jedenfalls beweist: Eine professioneller Vortragsweise ist die beste Kosmetik für mittelmäßige Texte.

THEATER | »Wenn Musik die Nahrung für die Liebe ist, füttert mich weiter«
Das Berliner Ensemble nennt sich ein »Theater für Zeitgenossen«. Ist das eigentlich ironisch gemeint? Denn das BE hält große Stücke auf seine Staubdecke – zu Recht. Das klassische Brecht-Repertoire und die alt bewährte Wilson-Ästhetik sind das einzig Erträgliche, was dieses Haus zu bieten hat – der Rest ist Müll. Das war zumindest meine unerschütterliche Meinung bis zur Premiere von William Shakespeares Verwechslungskomödie Was ihr wollt in der Regie von Katharina Thalbach. Die Regisseurin setzt in ihrer Inszenierung auf schauspielerische Virtuosität und derbe Komik. Die ekstatische Lachgemeinschaft dankte es ihr mit tosendem Szenen- und Schlussapplaus.


 

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