Berlusconi muxmäuschenschrill

Bye Bye Berlusconi (Filmplakat)Wer sich dann an Sharon Stones Beinen satt gesehen hat, kann sich unter den heute anlaufenden Filmen auch eine politische Satire aussuchen: Jan Henrik Stahlberg entdeckt, nachdem er in „Muxmäuschenstill“ seine deutschen Mitbürger nachhaltig diszipliniert hat, sein Herz und Interesse für Italien. Dort lebt ein Mann, der, ganz ähnlich wie der Stahlbergsche Prototyp des zielstrebigen Anarchos, das tut, wonach ihm ist, und das ist: Regieren! Und weil ganz Europa weiß, was scheinbar nur das sonnen- und olivenölverwöhnte Völkchen südlich der Alpen einfach nicht kapieren will, erklärt Stahlberg ihnen schon im Filmtitel, was er sich für die bevorstehenden Parlamentswahlen in Italien wünscht: „Bye Bye Berlusconi!

Der Titel klingt vielversprechend, und rasant fängt der Film auch an: eine Explosion, schnelle Schnitte, Eilmeldungen, eine Verfolgungsjagd, zu allem entschlossene Entführer sowie eine Kiste, darin der Premierminister – holla, denkt der Zuschauer da: Das könnte unterhaltsam werden! Doch dann: „Cut!“ Und unvermittelt findet man sich in den Dreharbeiten zu dem Film wieder, an dem man gerade begonnen hatte, Gefallen zu finden.

Denn natürlich wäre dies kein Stahlberg-Film, wenn hier nicht die Pfade der traditionellen Erzählweise verlassen würden: Was nun folgt, ist ein Film über ein deutsch-italienisches Filmteam, das in Italien einen kritischen Film über den italienischen Regierungschef drehen will. Das Problem: Einem Regierungschef pinkelt man nicht einfach so ans Bein, schon mal gar nicht, wenn es sich dabei um Silvio Berlusconi handelt. Und damit der den Film so kurz vor den Parlamentswahlen am 9./10. April nicht per einstweiliger Verfügung verbieten und möglicherweise sogar noch Regressforderungen stellen kann, müsse, so erfährt der Zuschauer sowohl im Film als auch in den ganz realen Presseverlautbarungen des Regisseurs, der Streifen eindeutig als Satire gekennzeichnet sein.

Also heißt der Angeklagte Micky Laus statt Silvio B., ist Bürgermeister von Hühnerhausen und die Entführer sind die Hühnerkackerbande. Das Unterhaltungspotenzial dieser Namen wird im Film hinreichend kontrovers diskutiert, sodass wir uns das hier sparen können. Schrill ist es allemal, und zweifellos: Die Barbusige von „Tele Melone“ ist natürlich immer hübsch anzuschauen, und ab und zu gibt es dann auch einmal ein paar Häppchen vom richtigen, eigentlichen Film zu sehen.

Schmuckstück des Films ist zweifelsohne Maurizio Antonini: Der römische Schuhverkäufer sieht Silvio Berlusconi zum Verwechseln ähnlich. Durch ihn gewinnt der Film scheinbar überhaupt erst die realistische Dimension, die er benötigt. Andererseits wäre eine Satire über den Melonen-Millionär, der Bürgermeister eines Dorfes ist, die lokalen Medien beherrscht und eine Partei namens Forza Topolonia anführt, auch ohne das Antlitz des Silvio B. für jedermann erkennbar gewesen. Da verkommt dann das Gesicht des Beschuldigten doch nur zum Dauer-Gag.

Ziel der Entführung (und damit des Films) ist es, Micky Laus alias Silvio B. vor einem Gericht der Strafe zuzuführen, die ihm laut Anklage zusteht. Die vorgetragenen Anschuldigungen sind, im Gegensatz zu Personen und Ort, blanke Realität: Sie werden dem italienischen Premierminister tatsächlich zur Last gelegt. Freilich: Bislang konnte er sich jeglicher Verurteilung entziehen. Im Film soll nun das Volk via Internet über das Strafmaß entscheiden. Dem Schuhverkäufer mit dem Silvio-Gesicht gelingt dabei die überzeugende Darstellung eines sich gegen die linke Justiz in Rage redenden italienischen Ministerpräsidenten Dorf-Bürgermeisters.

Der didaktische Impetus, auf das Strafregister des Silvio B. hinzuweisen, ist freilich nicht alles, was Stahlberg und seine Drehbuch-Co-Autorin Lucia Chiarla mit dem Film zu bieten haben. Denn dass Silvio B. gelegentlich noch krummere Dinger dreht als schwergewichtige Fußballmanager mit rheinischem Dialekt, das bestreitet selbst in Italien kaum einer mehr ernsthaft. Gewählt wird er freilich dennoch. Die, die man damit vielleicht noch überraschen könnte, werden sich nicht von dem Film überzeugen lassen – überhaupt werden sie im Zweifel nie von dem Film erfahren: In Italien scheint kaum jemand Notiz zu nehmen von der Produktion. (Probieren Sie es selbst: Hier der Link, der die italienische Google-News-Seite nach „Stahlberg“ suchen lässt. Am Donnerstag gab es dort lediglich zwei ältere Einträge, die auf die Premiere des Fillms bei der Berlinale verweisen, sowie einen kleinen Hinweis auf den Film in einem Artikel im zum Berlusconi-Imperium gehörenden Wochenmagazin „Panorama“. Und dazu die Frage: „Meinten Sie Spielberg?“)

Und die Italiener brauchen übrigens auch keinen Deutschen, um einen Berlusconi-kritischen Film zu drehen: Das erledigte schon Nanni Moretti mit „Il caimano“ („Der Kaiman“), der erst kürzlich angelaufen ist und die Zuschauer zwar verwirrt, sein Ziel aber offenbar verfehlt.

Die Stärke des Films von Jan Henrik Stahlberg ist es, dass er die Zuschauer, ganz ähnlich, wie das B. vielleicht auch mit seinen TV-Zuschauern macht, absichtlich in die Irre führt: Handlung und immer wieder schriftlich eingeblendete „Fakten“ sollen den Eindruck erwecken, dass die Dreharbeiten zu dem Film tatsächlich von dunklen Mächten behindert worden seien. Dies ist zwar unzutreffend, bewirkt beim Zuschauer aber das beklemmende Gefühl, dass da wohl jemand etwas zu verbergen habe. Dieser subtile Kniff gelingt – ansonsten ist Bye Bye Berlusconi ein Film, bei dem man sich hinterher vielleicht ärgern soll, dass die politische Realität eine unterhaltsame und unalberne künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema verhindert hat. Das wäre ja immerhin auch etwas.

Bester Darsteller des Films, das wollen wir hier nicht verheimlichen, ist übrigens der kleine Tommaso Ferraris als Sohnemann des großen Micky Laus, der seine Abneigung gegenüber dem Herrn Papa mit wunderbaren italienischen Gesten und kindlichem Elan grandios zu vermitteln versteht.

 

ADDENDUM (3. April 2006): Heute meldet das Kinomagazin cineuropa.org in einer Kürzestmeldung, dass der Film in Italien vorerst "eingefroren" werde und erst nach den Wahlen am 9./10. April in den Kinos anlaufen soll. Massimo Ferrero von "Blu International", dem italienischen Verleih für den Film, begründet dies damit, dass "das Risiko, dass der Film instrumentalisiert werde, sehr hoch" sei, was man so nun "vermeiden" wolle.

Bye Bye Berlusconi! Deutschland 2006. Regie: Jan Henrik Stahlberg. Drehbuch: Jan Henrik Stahlberg und Luci Chiarla. Darsteller: Maurizio Antonini, Franco Leo, Pietro Bontempo, Jan Henrik Stahlberg und Lucia Chiarla. Länge: 88 Minuten. Kinostart: 30. März 2006.

Am Sonntag, den 2. April, wird Regisseur Jan Henrik Stahlberg zur Vorführung des Films um 19.30 Uhr im Bonner WOKI erwartet. Im Anschluss werden Stahlberg sowie Ulrich Glassmann, Politikwissenschaftler mit Spezialgebiet Italien an der Universität zu Köln, und Rudolf Lill, emeritierter Historiker der Universität Bonn, ebenfalls mit dem Spezialgebiet Italien, sowie weitere Gäste über den Film und über die bevorstehenden Wahlen in Italien diskutieren. Unseren Recherchen zufolge haben die geschätzten Kollegen des deutsch-italienischen Kulturmagazins „onde“ aus Bonn nachhaltig zum Zustandekommen dieser Veranstaltung beigetragen, dazu unseren Glückwunsch!

[...] Also eine historische

[...] Also eine historische Wahl zwischen Rechts und Links. Der Sieger ist nicht zu beneiden, denn Italien muss wieder “auf Vordermann” gebracht werden. Vor einigen Jahren wurden die deutschen Touristen weniger, und erst hielt man das für eine Laune der “crucchi”. Es war aber ein Zeichen: wie das Ausbleiben der Glühwürmchen, das Pier Paolo Pasolini beklagt hat. Seit Jahren wird alles schlechter im gesegneten Land, wo die Zitronen blüh’n. Frust herrscht allerorten, und nun soll es im “Aprile” wieder werden. Bye-bye Berlusconi! Der radelnde Professore muss an die Macht! [...]

 

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