Unruhe in den schottischen Highlands

In ihrem Debütroman erzählt Isabel Bogdan von Bankern und einem verrückten Pfau

Denkt man an das schottische Hochland, hat man sofort eine traumhafte Landschaft vor Augen: blauer Himmel, saftig grüne Wiesen und ewige Stille. Das ist Natur pur und genau der richtige Ort für Banker, die Abstand von ihrem stressigen Berufsalltag suchen. In Isabel Bogdans Debütroman Der Pfau wird diese Ruhe jedoch gestört. Schuld ist ein Pfau, der alles attackiert, was die Farbe Blau besitzt. Er liefert die Basis für eine irre Geschichte, die es in sich hat und trotz der ein oder anderen Schwäche dennoch lesenswert ist.

In Der Pfau geht es um eine Gruppe Banker, die auf den schottischen Landsitz der McIntoshs fahren, um dort ein Teambuilding-Wochenende zu verbringen. Neben der Leiterin einer Investmentabteilung, ihrem Irish Setter und vier Mitarbeitern reisen auch eine Köchin und Psychologin aus London in die schottischen Highlands. Als sie mitten in der Natur eintreffen, durch Gänsedreck zu den altmodischen Cottages ohne Handy- und Fernsehempfang gehen, möchten am liebsten alle umkehren. Aber auch die McIntoshs befürchten kein entspanntes Wochenende. Denn einer ihrer Pfauen ist verrückt geworden und attackiert aus unerfindlichen Gründen alles, was die Farbe Blau besitzt. Dumm nur, dass gerade die Chefin in einem nagelneuen Sportwagen in Blaumetallic anreist.

Ausgedacht hat sich diese verrückte, aber auf einer wahren Begebenheit beruhenden Geschichte Isabel Bogdan. Die 1968 in Köln geborene Autorin studierte zunächst Anglistik und Japanologie in Heidelberg und Tokyo. Daraufhin arbeitete sie als Übersetzerin von Autoren wie Nick Hornby und Jonathan Safran Foer. Heute lebt sie in Hamburg und bekam neben dem Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzung außerdem den Preis Literatur Bloggerin des Jahres 2014 verliehen. Auch für den Romananfang von Der Pfau wurde sie bereits 2011 mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet.

Die Auflösung der Klischees

Bogdan gelingt es in Der Pfau, ganz ohne die Verwendung von wörtlicher Rede, eine amüsante und lebhafte Geschichte zu erzählen. Der ständigen Wechsel des personalen Erzählers stellt sich im Verlauf des Romans nicht nur als Stil dar, sondern gibt auch Struktur und Thema vor. Denn mit der unglücklichen Verkettung von Missverständnissen unterliegt die Geschichte zunehmend einem »Wer-weiß-was?«-Geflecht, das selbst die Gedanken des Hundes einbezieht: »Er verstand außerdem nicht, warum er dauernd angeleint worden war, obwohl es so viel zu entdecken gab, warum er nicht mit den anderen Hunden umherrennen durfte [...].« Dabei entwickelt die Geschichte eine wunderbare Eigendynamik, die mit viel Witz und Kreativität gepaart ist. Beeindruckend ist vor allem die authentische Darstellung obskurer Begebenheiten sowie Fügungen, die durch die Gegensätzlichkeit von Banker und Natur bereits vorprogrammiert scheint. So ist ihre Geschichte zu keinem Zeitpunkt albern, sondern stets sehr amüsant.

Schade nur, dass Bogdan dem Leser nicht etwas mehr zutraut. So wird der Stand über das Wissen der einzelnen Figuren etwas zu oft thematisiert. Stattdessen hätten jene Passagen, in denen Bogdan überraschenderweise sehr in die Tiefe geht, etwas mehr ausgeführt werden können. Zwischen all den Ereignissen vollziehen einige der Figuren enorme Entwicklungen, so dass man als Leser die ein oder andere Person doch sympathisch findet. Klischee um Klischee, mit dem Bogdan in die Geschichte einführt, wird im Roman aufgelöst und die scheinbar harte, gefühllose Fassade der Banker bröckelt. Die schönen Landschaften werden zu schätzen gelernt sowie eigene Ansichten und Verhaltensweisen überdacht. Doch wie das alles nun auch mit dem Pfau zusammenhängt, muss jeder selber herausfinden. Dass sich das lohnt und durchaus ein Lesevergnügen ist, lässt das Resümee der McIntoshs nach der Abreise der Banker erahnen: »Und dann saßen Lord und Lady McIntosh am Küchentisch, rührten in ihren Teetassen und fragten sich, wie die Leute eigentlich auf die Idee kamen, in so einem abgeschiedenen Tal wäre nichts los.«

Isabel Bogdan: Der Pfau. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016. 256 Seiten. ISBN: 978-3-462-04800-1. 18,99 Euro.

 

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