Brecht?

Paraphrase, leicht verwirrt & teilmontiert

[Anm. d. A.: Dieser Text erschien zuerst in »Kritische Ausgabe« 1/1999 und wird hier gnadenlos wiederverwertet.]

»Mir fällt zu Brecht nichts ein.« (Ursa Klark)

Aber kann man uns wirklich vorwerfen, wir hätten uns zu seinem Hundertsten nichts einfallen lassen? Zum Beispiel die tolle 3sat-Reihe, die einiges an Raritäten zu bieten hatte. Oder der wiederaufgewärmte »Skandal« um Brecht und die Frauen. Überhaupt: Waren unsere Spielpläne und Universitäten nicht seiner Stücke voll? Gab es etwa nicht genügend Fernseh- und Radiofeatures zum Thema, waren nicht auch die Zeitungen satt vor lauter Brecht? Und dann der Biermann-Abend im November: War das nicht höchst lehrreich? Ja, sogar die Marxisten haben wir uns angehört (passend zum anderen Großjubiläum: 30 Jahre 68er). Und hat nicht Suhrkamp, dies alles zu krönen, eine Sonderausgabe der Werke Brechts in Leder (wofür man sie allesamt kreuzigen sollte!) auf den Markt gebracht? Ganz erschöpft sind wir von soviel Brecht – und schauen ahnungsvoll ins nächste Jahr, nach 1999, wo es den ungleich größeren Herrn G. zu feiern gilt. Müßten wir uns angesichts dessen nicht eher fragen, was uns noch zu Goethe einfällt, dem Olympier, dem Genie schlechthin? – Nicht ganz soviel Pathos! Wie Biermann schon argwöhnte in einem seiner Songs, der Herr B. hätte sehr wohl seinen Spaß dran gehabt zu sehen, wieviel Arbeit er seinen Nachgeborenen macht. Tut er das wirklich? – Macht er uns noch Arbeit, der arme B.B., hat er denn endlich sein statement, wie ers ankündigte damals beim Komittee für unamerikanische Umtriebe, verkündet – oder hat man ihn, wie damals, mal wieder nicht gelassen? Antwort »am Grunde der Moldau« – Brecht zu Stein erstarrt, zu Stein geworden, wälzend und wandernd im Bett vor jedweder goldenen Stadt, seinen Städten ein steinerner Kaiser? »Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine« – Trost für Scheinrevoluzzer: nein, Herr Biermann, das können wir nicht beziehen auf 68 in Prag! Brecht! kein Hanussen! Schnupftabak für einen Totenkopf – sozusagen (arp! arp! die raben rufen). In welche Ecke stellen wir den Herrn K. denn nun, in welcher Schublade, zwischen welchen Buchdeckeln (aus Leder oder nicht) legen wir ihn ab? Was halten wir an ihm für überlieferungswürdig? Was gefällt uns denn nun so an Herrn Brecht, daß wir das ganze Jahr über an ihm festhielten wie sonst nie und daß er auf einmal so unumstritten als der Dramatiker des 20. Jahrhunderts gefeiert wird? In Koblenz wars, da besuchte ich einmal eine Aufführung von »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«, die auch passabler hätte sein können, hätte sich ein freundlicher Herr (es mag der Vizeintendant des Theaters gewesen sein) nicht zuvor die Mühe gemacht, seinem Publikum zu erläutern, was er über Brechts Werke dächte. Es sei nämlich, sagte er, etwas in der Rezeption speziell dieses Brechtstückes bisher immer vernachlässigt worden, was aber gerade jetzt, wo sich die Ideologie, die Brecht verfochten habe, gleich einem Spukbild (jenes oft und nicht zuletzt von ihren Begründern propagierte »Gespenst«) aufgelöst hätte, wieder in den Vordergrund rücken sollte: der Humor! (ein Klavier! ein Klavier!) Da standen wir nun, etwa fünfzig Motivierte, und fragten uns, oder doch zumindest ein Teil von uns fragte sich sicherlich, was der gute Mann eigentlich damit sagen wollte. Klar! Brecht strotzt nur so vor Humor! Vor allem in der Mahagonny-Oper! Daß wir das bisher noch nicht bemerkt hatten! Wir mußten ja geradezu blind gewesen sein! An dieser Stelle aber muß der Autor gestehen: Er mag Brecht. Schimpf und Schande ganzer Schülergenerationen über ihn! Er mag Brecht sogar so sehr, daß es ihm schlicht egal ist, ob der Mann sein Leben lang nur abgeschrieben hat (nunja, so wars freilich nicht, und Biermann merkte völlig zurecht an, daß etwa Elisabeth Hauptmann, die Übersetzerin der Dreigroschenoper aus dem Englischen, mehr als genug Zeit gehabt hätte, die Frage um die Autorschaft richtigzustellen, wenn sie es denn gewollt hätte; stattdessen hat die gute Frau Brechts Werke posthum herausgegeben, das mag für sich – gar für ihn? – sprechen). Ebenso frei aber will der Autor auch eingestehen, daß er ein ungleich größerer Fan von Brechts Lyrik als von seiner Dramatik oder seiner Prosa ist. Sie ist s. E. das, was bleiben wird, da mag nun die ganze Ideologie seiner Stücke in Trümmern liegen (by the way: seit wann ist das ausschlaggebend dafür, ob ein Stück »klassisch« ist oder nicht?). Brecht: größter Dramatiker und größter Lyriker des 20. Jahrhunderts, will man den Superlativ gebrauchen, den Biermann so schamlos zweideutig auf sich selbst zurückblinzelnd gebrauchte. Kein Genie, nein, diese Einschränkung sei getan, aber herausragend über alle Epochen und Stilrichtungen, die dieses verworrene Säkulum hervorgebracht hat. Zeitlos. Brecht über den Wassern, ja, im Anfang war ... Baal – nein, wir wollen nicht übertreiben. Nein – DOCH! laßt uns noch ein wenig übertreiben: »Zum Augenblicke dürft ich sagen: VERWEILE DOCH!« Mensch! Verweile noch ein wenig, DU WARST SO SCHÖN! – was haben sie aus Dir gemacht, Du armer toter Mensch! Wo plötzlich Dein berühmtes Zitat aus Deinem vielleicht berühmtesten Gedicht An die Nachgeborenen:

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut In der wir untergegangen sind Gedenkt Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht Auch der finsteren Zeit Der ihr entronnen seid

benutzt wird, um für oder gegen Wehrmachtsausstellung oder Holocaustmahnmal zu argumentieren. Liebe Güte! Hätten sie doch nur Weihnachtsbäume verkauft stattdessen – oder Eier: »Und wenn der Kopf fällt, sag ich: Hoppla!« Was tatest Du? Du starbst den Heldentod, aber dem Kaiser hats nicht gefallen, da hat er Dich lassen exhumieren und seinem Karren vorgespannt und diese unselige Fledderausgabe Deiner Werke in Leder (meine Güte, nochmal! was wird in dieser wirren Zeit eigentlich noch alles in Leder verpackt!) herausgebracht als Zeichen dafür, daß der Krieg noch immer nicht vorbei ist! (marx! marx! – den die metz erwürgt im graben, des knaben letzte laute waren) Was hätte Dein getreuer Heiner wohl daraus gemacht?! Und jetzt ist der auch schon tot, mit ihm die ganze Postmoderne, und in Deutschland proben sie längst wieder das »Marschieren«, daß einem ganz pfingstig wird ums heil – ach! das war Argwohn, nicht wesentlich. Im übrigen aber habe ich nie verstanden, warum ausgerechnet die »Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration« in nahezu jedes Lesebuch aufgenommen wurde, oftmals sogar als einziges oder eins von wenigen Beispielen für Brechts Lyrik. Dieser weise und gemein daherschleichende, fürs Auswendiglernen und Verhaßtmachen geradezu prädestinierte Sezuanappell der Gewaltlosigkeit, weiches Wasser, harter Stein, schon wieder Prag? Luma diesmal? »Freilich dreht das Rad sich immer weiter ...« Wassermetaphorik bei Brecht, was Exquisites: »Dann ward sie Aas in Flüssen mit vielem Aas« – (Brecht und die Frauen?) herrlich! –, und besonders: Baummetaphorik! Ungemein schätze ich etwa die »Morgendliche Rede an den Baum Grien« – ich kann sie nachvollziehen, weil auch vor meinem Fenster ein sehr lieber Baum steht, der im Wind ächzt und rauscht und sich zwar beugen, aber nicht unterkriegen läßt, das macht ihn mir sehr sympathisch. Flexibel wie sein Schreiber, dieser grienend-grünende Baum, stark und flexibel zugleich in seinen Prinzipien, blieb immer so lange wie der Ort es zuließ, im Bewußtsein: »Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!«, soviel Gelassenheit wie nötig zeigend: »Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich / meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit« – dies alles schon 1921 festgeschrieben, zwölf Jahre vor dem Erdbeben (ohne die Naturkatastrophenmetaphorik allzu sehr strapazieren zu wollen, die man in bezug auf den 30. Januar 1933 ff. so gerne und oft, möchte man sagen: ins Feld führt – »Herr Schweyk, wenn das Dritte Reich untergeht / Waren nur die Naturgewalten schuld an dem Mißgeschick.«) und nochmal zwölf, »öfter als die Schuhe die Länder wechselnd« (was hoffentlich so nicht zutrifft), und das erst auf nicht ganz halber Strecke. Zwei Bekenntnisse, wenn man so will, dazwischen siebzehn Jahre, beide selbstreflexiv, das zweite ausgreifend auf die Gesellschaft, politischer, mahnender allemal. Auch heute noch? Biermann, um wieder mal auf den zurückzukommen, der sich offenbar als rechtmäßiger Nachfolger Brechts versteht (aber Liebe kann einen Menschen nicht retten, schon gar nicht vor einem Krittler), Biermann versuchte ja eine Antwort auf die Fragen: Wie stehen die Nachgeborenen zu Brecht? Wer war und ist uns dieser Brecht eigentlich? Und er sagte ein paar sehr wahre Dinge, und wer dort war, kann es bezeugen, aber letztlich hatte er die Antwort nicht, und es war »nur« ein schöner, teils etwas stahlnostalgisch angehauchter Abend, immerhin. Vielleicht stimmt es, daß man die Welt von heute nicht durch Brechts Brille sehen kann, alas, daß man noch lange zu Einseitigkeiten in der Interpretation seiner Werke neigen wird, daß auch die ewig Gestrigen es immer nur im Sinn des ewig Gestrigen deuteln werden auf ihre längst abgeschriebene »glorreiche Revolution«, aber wen interessieren die schon! (Und komm mir niemand mit Père Josephe!) Für die Interpretation des nächsten Jahrtausends wünschte sich der Autor dieser Zeilen ein bißchen mehr Anmut, bißchen mehr Mühe, Leidenschaft, bißchen mehr Verstand auch, nich son wirres Zeug, son ideologisches Rumludern, det is nich hübsch, nee, nich sojet montiertet, und daß uns wieder mehr und besseres einfällt zu Brecht, denn: so ganz richtig war das im letzten Jahr nicht, da war was gezwungen-verlogenes dran, sowas von Pflichtschuld, son pestiger Beigeschmack zum Aufstoßen (RRUMMS!). Allzu gerne gedenken wir der Toten, zementieren ihr Andenken, versteinern sie gleichsam zu Denkmälern, insgeheim froh, uns auf diese achso »würdige« Weise ihrer entledigt zu haben in den Teich der Geschichte, die uns zu Lebzeiten noch soviel Ärger und Sorgen verursachten. (man möge 3 sic! einfügen) Und was das diesjährige Pflichtjubiläum (»Hic Weimar, hic salta!«) angeht, da hab ich auch so meine Zweifel. Im vergangenen Sommer machte die Stadt Frankfurt a.M. eine Umfrage unter ihren Bürgern, was ihnen denn, sinngemäß, zu dem größten Sohn ihrer Stadt einfiele. Zitat aus dem Presseartikel (pia):

Manchmal war auch das Prinzip der Umfrage noch nicht ganz transparent. »Da will einer von der Stadt wisse, wann der Goethe geboren is. Karl, guck doch emal im Lexikon. So, mir habbes gefunne. Schreibe se uff. 28. August 1749.«

Na denn ...

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!