»Wir wollen etwas produzieren, das Bestand hat«

Interview mit dem Zeitschriftenmacher Peter Wagner

Während das Feuilleton in den Zeitungen immer dünner wird, scheint der Markt der Kulturzeitschriften regelrecht zu boomen. Immer wieder entstehen neue Projekte, die Kultur und Journalismus auf spannende Weise vereinen. Eine Zeitschrift, die dabei gegenwärtig heraussticht und geradezu erfrischend wirkt, ist Das Buch als Magazin. 2014 bei den Lead Awards als Newcomer-Magazin des Jahres gefeiert, trägt es mit seinen zweimal pro Jahr erscheinenden Ausgaben dazu bei, das Klassiker der Literaturgeschichte und ihre Inhalte mit der Sicht von Heute konfrontiert und ergänzt werden. Im aktuellen Heft steht der erste Teil von Goethes Faust im Mittelpunkt. Wir haben mit dem Verleger Peter Wagner gesprochen.

Peter Wagner hat schon vieles gemacht. Er hat Agrarwissenschaften an der TU München studiert, einen Abschluss an der Deutschen Journalistenschule gemacht, für die Werbeagentur Scholz & Friends gearbeitet, ein Buch geschrieben und nicht zuletzt auch zahlreiche Texte in Zeit und Süddeutsche Zeitung – insbesondere im jetzt-Magazin – veröffentlicht. Für die SZ entwickelt er momentan auch neue Magazine und journalistische Formate. Doch damit nicht genug. Seit zwei Jahren ist Peter Wagner neben seiner Tätigkeit als Redakteur auch Verleger und produziert zusammen mit der Art Directorin Joanna Mühlbauer im eigens dafür gegründeten Verlag Das Buch als Magazin - ein Heft, dem es auf spannende und geradezu erfrischende Weise gelingt Literatur und Journalismus zu verbinden. Anlässlich der aktuellen Ausgabe, in der der erste Teil von Goethes Faust eine zentrale Rolle spielt, gibt er uns Auskunft über das aktuelle Heft, seine Rolle als Zeitschriftenmacher und beantwortet die Frage, was Faust gerade heute so aktuell macht.

Kritische Ausgabe: Herr Wagner, vor zwei Jahren haben Sie mit Ihrer Kollegin Joanna Mühlbauer die erste Ausgabe von Das Buch als Magazin publiziert, einer Zeitschrift, die, wie Sie sagen »vorne Literatur, hinten Journalismus« bietet. Wie sind Sie damals überhaupt auf diese ungewöhnliche Idee gekommen?

Peter Wagner: Joanna und ich waren Anfang 2012 beide bei der Süddeutschen Zeitung und haben das jetzt-Magazin gemacht, ein Heft für Schüler, Studenten und Berufseinsteiger. Joanna war die Art Directorin, ich der Redakteur. In der Diskussion über eine Geschichte erinnerten wir uns an die Schullektüren im Fach Deutsch, an den Woyzeck, an die Verwandlung, an den Faust. Da fiel uns diese seltsame Kluft auf: Die meisten kennen die Klassiker vor allem aus der Schule. Wer nicht gerade Germanistik studiert, kommt später kaum mehr in die Verlegenheit, in der Reclam-Bibliothek zu stöbern. So begann unsere Überlegung: Wie kann man neue Zugänge zu Klassikern ebnen? Unser Blick fiel auf unsere Alltagsarbeit bei der SZ. Und plötzlich war die Idee ganz klar: Wir machen ein Magazin aus den Büchern, drucken den Originaltext, produzieren eine Bild- oder Illustrationsstrecke dazu, schreiben Anmerkungen und Assoziationen zu einzelnen Textstellen. Und wir schreiben journalistische Geschichten, die sich auf den Klassiker beziehen, die dem Leser klar machen: Hey, der literarische Text mag alt sein, aber er verhandelt Probleme, Gedanken und Ideen der Gegenwart. Er bezieht sich auf dein Leben – du musst nur genau hinsehen!

K.A.: Das Buch als Magazin zeichnet sich nicht nur durch die Verbindung von Literatur und Journalismus aus, sondern auch durch eine markante Gestaltung: ein griffiger Einband und viele Bilder. Warum setzen Sie in Zeiten, in denen Anzeigenkunden immer rarer werden und sich das Internet immer mehr als alternative Plattform für journalistische Inhalte anbietet, auf die Magie des Papiers?

Wagner: Dafür gibt es drei Gründe.  Zum einen wollten wir ein Magazin machen, das nahe am Buch steht, das allein beim Anfassen den Wert der Literatur aber auch unserer Geschichten vermittelt. Wir wollten etwas produzieren, das Bestand hat - ein Heft ohne Verfallsdatum, ein Sammlerstück. Zum anderen sehen wir, dass  Menschen Ereignisse, Erfahrungen, Geschichten und Arbeiten abschließen können wollen. Sie wollen einen Schlussstrich ziehen können, sie wollen eine Sache ablegen oder zumindest einordnen können - schlicht, weil es der seelischen Gesundheit dient. Nun ist der Stream, wie wir ihn auf Facebook und mit Mails und auf Twitter erleben sehr anstrengend, weil er nie endet. Es gibt da nie ein Fazit oder die Gewissheit: Jetzt habe ich alles beisammen. Ein Magazin ist anders. Wir als Macher behaupten, dass man genau das sagen und schreiben muss, was wir auf 116 Seiten unterkriegen. Nicht mehr, nicht weniger. Dann ist das Magazin zu Ende und Feierabend. Diese Bündelung, diese Begrenzung hat was Beruhigendes, was Tröstendes, was Versicherndes. Und schließlich ist das  Magazinmachen schlicht einfach auch das, was Joanna und ich einigermaßen gut können.

»Faust gibt Ratschläge für Gründer und Kreative«

K.A.: In Ihrem aktuellen Heft publizieren Sie den ganzen ersten Teil von Goethes Faust. Im Editorial der Ausgabe bekennen Sie, dass Sie im Laufe der Arbeit eine gewisse Hassliebe entwickelt haben. Was kann Faust heute über den Menschen erzählen?

Wagner: Ich hatte den Faust zuletzt im Deutschunterricht gelesen und fand ihn schwer verdaubar. Bei der Neu-Lektüre traute ich meinen Augen kaum. Mir war die Figur plötzlich viel näher. Auf jeder Seite entdeckte ich Bezüge, Szenen und Sätze, in denen meine eigenen Fragen ans Leben verhandelt werden. Komme ich näher an den Sinn des Lebens, wenn ich immer mehr lerne und lese? Nicht wirklich, mit dem Verstand allein wird man der Welt nicht Herr. Wird man irgendwann diese komische Unruhe los, diesen nie ganz versiegenden Ehrgeiz, dieses Streben? Wohl nicht. Faust deutet an, dass er eher tot sein möchte als diese Unruhe zu verlieren. Faust gibt Ratschläge für Gründer und Kreative, indem er andeutet, dass eine Sache, ein Unterfangen nur dann richtig super wird, wenn es von Herzen kommt, wenn es ein wirkliches Anliegen ist. Und dann gibt es da immer wieder diese Stellen, an denen er auffordert, den Moment, das Hier und das Jetzt zu nutzen, zu genießen und wahrzunehmen. Da spricht er aus meiner Sicht über den Kern des Buddhismus und sogar über die gegenwärtige Sehnsucht nach einem achtsamen Leben.

K.A.: Ein zentrales Moment, das den Faust-Stoff bestimmt, ist das Scheitern. Als Zeitschriftenmacher wissen wir, welche Hürden bei der Heftproduktion genommen werden müssen. Mit jeder Ausgabe beschleicht einen aber auch das Gefühl, dass sich dieser steinige Weg am Ende ausgezahlt hat – allein auch schon, weil man automatisch etwas Neues dazulernt. Wieviel von Goethes Faust steckt in Ihnen selbst?

Wagner: Mir persönlich liegt dieses Zweifelnde, Pessimistische und Unruhige, wie es aus meiner Sicht den Faust charakterisiert, wahnsinnig nahe. Ich bin da nicht stolz drauf, es ist eher eine Last. Da ist mir zum Beispiel meine Kollegin Joanna in ihrer Gelassenheit und Klarheit um einiges voraus.

K.A.: Wissen Sie schon, welches Werk nun nach Klassikern wie Kafkas Verwandlung, Büchners Woyzeck und aktuell Goethes Faust den Inhalt der Zeitschrift bestimmen wird?

Wagner: Im Moment haben wir Kleists Zerbrochenen Krug und Tschechows Möwe im Blick.

Das Buch als Magazin ist in den drei Monaten nach Erscheinen der jeweiligen Ausgabe in Bahnhofs- und Flughafenkiosks erhältlich. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, über die Internetseite www.dasbuchalsmagazin.de sowohl alte Ausgaben als auch das aktuelle Heft zu bestellen.
 


 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!