Mitten im Schnee

Der Film Büchner.Lenz.Leben ist mehr als nur eine Wanderung durch eine Textlandschaft

Es gibt nur wenige literarische Figuren, die wie Lenz aus der gleichnamigen Erzählung Georg Büchners auch an anderer Stelle immer wieder auftauchen. Kaum ein Werk übt bis in die Gegenwart hinein so eine Faszination aus – und das keinesfalls ausschließlich in der Literatur. Jüngstes Beispiel dafür ist der Film Büchner.Lenz.Leben. Poetische Reise in einen Text, den die Regisseurin Isabelle Krötsch mit dem Schauspieler Hans Kremer gedreht hat. Auf geradezu einfache Weise geht das Duo diesem Phänomen nach und zeigt, worin der Reiz von Büchners Lenz liegt.

Wäre die Geschichte des Schriftstellers Johann Michael Reinhold Lenz angesichts seiner Krankheitsgeschichte, des einsamen Tods in Moskau und der bis dato unbekannten Grabstelle nicht so tragisch, womöglich würde sich heute niemand mehr an ihn erinnern. Dass dem dennoch so ist, liegt in großem Maße auch an Autor Georg Büchner, der aus dem realen Autor den Protagonisten der Erzählung Lenz machte. Mit diesem erst postum erschienenen fragmentarischen Werk schuf er die Basis für ein scheinbar unaufhaltsames Nachleben, das, denkt man an Albert Ostermaiers jüngst erschienenen Roman Lenz im Libanon, auch bis in die Gegenwart anhält. Neben all den anderen Büchern und Büchner-Preisreden der vergangenen Jahre, in denen die Figur Lenz ebenfalls auftaucht, äußert sich so ein ungebrochenes Interesse weiterer Schriftsteller für dessen Geschichte.

Der wandernde Autor ist auf der Suche nach Erholung von seiner Geisteskrankheit und glaubt diese in der Begegnung mit dem Pfarrer Oberlin im elsässischen Waldersbach zu finden. Sein Aufenthalt im Pfarrhaus verspricht Abwechslung und Abstand vom bürgerlichen Leben, doch die Heilung bleibt aus. Mordphantasien, die anfangs noch den Mitmenschen gelten, richten sich zusehends gegen ihn selbst. Der vermeintlich einzige Ausweg aus dieser Paranoia ist nicht mehr die Zuflucht in das Studium der Bibel, sondern, wie es die letzten Worte der Erzählung nahelegen, der Abschluss der Winterreise in Straßburg:

Am folgenden Morgen, bei trübem, regnerischem Wetter, trat er in Straßburg ein. Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten. Er tat alles, wie es die andern taten; es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last. –
So lebte er hin ...

 

Die Leere, die Lenz schon vorher beobachtet hatte, als seine Schneewanderung durch das Niemandsland begann, überdauert alles. Das Nichts, das sich dem Protagonisten immer wieder eröffnet, wird zur beispielhaften religiösen Erfahrung in der modernen Welt. Im elsässischen Pfarrhaus erwartet Lenz alles andere als Erlösung. Der Atheismus gewinnt Überhand und steigert den Wahn. Er zeigt, dass eine Rückkehr ins Leben oder gar ein Ausbruch aus der Leere unmöglich ist. Lenz' schizophrene Gedankenwelt ist längst zu einem Gefängnis geworden.

Ein literarischer Stoff, wie für das Kino gemacht

Nicht nur Schriftsteller haben sich von dieser Wirkmacht der Leere, die auf das Leben radikal übergreift, begeistern lassen. Im Film stößt die Geschichte des Lenz ebenfalls immer wieder auf großes Echo. Jüngstes Beispiel dafür ist der in diesem Jahr erschienene Film Büchner.Lenz.Leben. Poetische Reise in einen Text, den die Regisseurin Isabelle Krötsch zusammen mit dem Schauspieler Hans Kremer gedreht hat. Wer hier eine klassische Literaturverfilmung erwartet, wird enttäuscht. Der Film, der eher essayistisch gestaltet ist und die Geschichte des Lenz ohne Aussparungen präsentiert, beginnt wie die Büchner'sche Erzählung mitten im Schnee. Die Kamera fängt nach einem Panoramaschwenk über eine Berglandschaft den Wanderer Lenz ein, der in der Abenddämmerung auf dem Weg zur Kirche von Waldersbach ist. In seiner kleinen Kammer angekommen, kapselt er sich von der Außenwelt ab, ist ganz bei sich und seinen wilden Gedanken. Das kärglich eingerichtete Zimmer, in dem nur der Wasserkocher an das moderne Leben erinnert, wird dabei immer mehr zur Spielstätte des Wahnsinns und es ist dem großen Schauspieltalent Kremers zu verdanken, dass dem Zuschauer die pathologischen Zustände bei allem Augenspiel und schnelleren Kamerabewegungen nicht entgehen.

Kremer verinnerlicht in seiner Rolle geradezu das Schizophrene. Er ist nicht nur der leidende Lenz, sondern auch Georg Büchner, der die Geschichte in seiner Schreibstube notiert, sowie der Prediger, der von der Kanzel der Kirche von Waldersbach spricht. Auf kluge Weise montiert Krötsch diese drei unterschiedlichen Erzählebenen und verbindet sie mit der Mimik, Gestik und Stimme des Schauspielers. Der Wahnsinn zeigt sich dabei in einer Dosis, bei der trotz spärlich eingesetzter Filmmusik und anderer Techniken, die das Kino in solchen Situationen bereithält, keine Langeweile entsteht. Im Vertrauen auf die Kraft der Worte als tragendem Element wird der Film Büchner.Lenz.Leben zur Wanderung durch eine Textlandschaft, wie es bereits der Untertitel anklingen lässt. Das essayistische Werk liefert mit dieser Betonung von Büchners Sprachgewalt aber auch eine geradezu einfache Erklärung, weshalb die Erzählung Lenz als moderne Geschichte einer Verzweiflung am Dasein auch heute noch begeistern kann. Es ist nur zu verständlich, dass sich kreative Köpfe davon immer wieder hinreißen und anstecken lassen.

Büchner.Lenz.Leben. Poetische Reise in einen Text (D 2015) Regie: Isabelle Krötsch. Mit Hans Kremer. Dauer: 108 Minuten. Verleih: as2Edition


 

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