Dann geschieht es einfach

Swantje Karich ist eine »Germanistin, die es geschafft hat«

Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie lautet die Studienkombination, die der Journalistin Swantje Karich den Karriereweg ebnete. Was in einer kleinen Buchhandlung in tiefer Provinz mit dem Schreiben von Kurzkritiken begann, hat seinen (vorläufigen) Höhepunkt gefunden in Kritiken über Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und über Kunst allgemein – als Redakteurin für das F.A.Z.-Feuilleton. Und dass ein solcher Job über gut vorbereitete und vielfältig interessierte Geisteswissenschaftler auch schon mal ganz unverhofft hereinbrechen kann, das schildert Karich in ihren Antworten zu unserem Fragebogen.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Swantje Karich:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? Ich habe vom SS 1998 bis WS 2003/04 in Bonn Kunstgeschichte, Neuere Deutsche Literatur und Philosophie studiert. Abschluss Magistra Artium. Das Erasmusjahr habe ich in Leicester, Großbritannien, verfeiert. Germanistik ist also mein Nebenfach gewesen.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? Ich wollte schon nach dem Abitur Kulturjournalistin werden – da lag Germanistik nahe. Ich habe zunächst ein Praktikum beim WDR-Fernsehen, Philosophie heute, gemacht. Denn eigentlich sollte Philosophie Hauptfach werden, aber dann kam mir die Kombination sehr gelegen. – Begonnen hat aber alles in einer Buchhandlung in Schlebusch [legendär in Leverkusen: die Buchhandlung Gottschalk, Anm. d. Red.], für die ich kleine Rezensionen verfasst habe.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? Ich habe über den belgischen Künstler Luc Tuymans geschrieben – »›Antikatharsis‹ im Werk von Luc Tuymans – Analyse einer Bildstrategie anhand ausgesuchter Werke zu Shoah«, so lautete der kryptische Titel.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? Polemisch ausgedrückt: Tuymans' Ansatz erschien mir damals als der Wahre. Seine Kunst bedient keine Kontemplation, keine Katharsis, sondern eine von mir so benannte Antikatharsis. Tuymans' Bildstrategie setzt sich mit der Shoah auseinander, indem er im Bild einen Konflikt provoziert, einen Diskurs führt, der nicht lösbar ist, weil die Zeichen nicht das indizieren, was sie zunächst versprechen. Heute bin ich immer noch eine Anhängerin seiner Arbeit, aber ich sehe ihn kritischer!
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? Anne-Marie Bonnet vom kunsthistorischen Institut. Sie hat mir auf ihre unnachahmliche Weise eine visuelle, multimediale Kompetenz vermittelt – von ihrer Lehre profitiere ich noch heute bei meiner Arbeit. Nie vergessen werde ich aber auch meine mündliche Prüfung bei Prof. Gabriel über Durst Grünbewachsen.
  6. Was war / ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Diese Frage finde ich … denn davon gibt es zu viele … Ich bin eine sehr treue Leserin von Virginia Woolf. Ich sammle alles, was ich von ihr bekommen kann. Es ist langsam eine Karotte. SusanSontagGillesDeleuzeDanielBurenDietmarDath­MarcelBeyer­AndreaFraser­ThomasBrasch-Leserin, das sagt wohl viel über die Vielfalt meiner Interessen und gleichzeitig auch gar nichts. Das gefällt mir besser.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? WDR-Fernsehen, WDR-Radio, Bundestag, General-Anzeiger Bonn, Deutschland Radio Berlin etc. … Ich habe meine ersten Erfahrungen schon vor dem Studium beim WDR und Bundestag gesammelt. Während des Studiums habe ich beim General-Anzeiger in Bonn angefangen. Die ersten Artikel gingen über Goldhochzeiten.
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? Ich wollte es schon immer. Dann kam mir aber die Erfahrung forschender Tiefgründigkeit dazwischen. Doch nach einem Jahr Promotion mit kurzen Stipendien bin ich wieder umgeschwenkt, zumal ich mitbekam, was sich alles durch die Reformen an der Universität verändern würde. Ich habe das freiheitliche Studium des Magisters schon sehr geschätzt. Dann bin ich nach Berlin auf die Journalisten-Schule gegangen, von dort nach Frankfurt. Dann geschah es einfach.
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? Da ich im Feuilleton der F.A.Z. in meinem Hauptfach der Kunstgeschichte arbeite, ist mein Studium jeden Tag wieder hilfreich … Ohne wäre meine Arbeit unmöglich.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? Ich würde mich heute wieder für ein Magisterstudium entscheiden. Ob ich nun einen Bachelor machen würde, weiß ich nicht genau. An der Universität in Halle gebe ich ein Seminar, was ich dort erlebe, macht nicht sehr viel Hoffnung. Die Studenten jagen den Punkten hinterher.
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? In meiner Redaktion haben (fast) alle ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert – Talente sind immer willkommen.
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Warum lasst ihr zu, dass alle Euch unterschätzen? Das Entscheidende ist, dass die Studenten einerseits genügend Freiraum bekommen, um sich im Studium zu orientieren, ruhig auch mal in Ruhe einige Semester forschen dürfen. Doch dann sollte man rechtzeitig praktische Erfahrung sammeln. Letztendlich muss man seiner Neugierde folgen. Mein bester Dozent an der Journalisten-Schule in Berlin, Stephan Lebert von der Zeit, hat immer darauf gepocht, dass die Neugierde den Journalisten ausmacht. Es ist die treibende Kraft! Ich bin oft überrascht, wie viele Studenten gar nicht wissen, was sie reizen würde.

 

Swantje Karich (Foto: © F.A.Z.)Swantje Karich, geboren am 30. Mai 1978 in Leverkusen, studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie in Bonn und Leicester. Nach dem Magister 2004 besuchte sie die Berliner Journalisten-Schule. Zum Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kam sie 2006 als Hospitantin. Im Juli 2006 wechselte sie dort in das Ressort »Kunstmarkt«, seit April 2008 ist sie F.A.Z.-Redakteurin.

Foto: © F.A.Z.

 

Swantje Karich ist unsere 35. »Germanistin, die es geschafft hat« – nämlich einen Beruf zu ergreifen. Seit 2006 geben ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten in der K.A. plus Auskunft über ihren Werdegang und über den Nutzen ihres literaturwissenschaftlichen Studiums. Die zwölf Fragen unseres Fragebogens beantwortete vor Karich zuletzt Radio-Journalist Wolfgang Bender, der gemeinsam mit ihr und sprachgebunden-Mitherausgeber Jan Valk heute beim »Forum B(eruf): Germanistik« im Institut für Germanistik der Uni Bonn zu Gast ist. Die Antworten von Jan Valk präsentieren wir Ihnen am kommenden Montag an dieser Stelle, weitere »Germanisten im Beruf« werden folgen!
 

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