Das Elend liegt im Märchenwald

Szenenfoto aus HANS CHRISTIAN ANDERSEN © Thilo Beu„Mein Leben ist ein schönes Märchen, so reich und glücklich. Wäre mir als Knabe, als ich arm und allein in die Welt hinausging, eine mächtige Fee begegnet und hätte gesagt: Wähle deine Laufbahn und dein Ziel, und dann, je nach deiner Geistesentwicklung und wie es der Vernunft gemäß in dieser Welt sein muss, beschütze und führe ich dich!“ – mein Schicksal hätte nicht glücklicher, klüger und besser geleitet werden können. Meine Lebensgeschichte wird der Welt sagen, was sie mir sagte: Es gibt einen liebevollen Gott, der alles zum besten führt.“

Mit diesen Worten aus der Feder Hans Christian Andersens beginnt Johann Kresnik seine getanzte Biographie des vor rund 200 Jahren geborenen Märchenerzählers. Vielleicht mag der skeptische Zuschauer ahnen, dass sich dahinter Abgründigeres, Wahrhaftigeres verbirgt. Für Kresnik sind sie reine Farce, Ausdruck einer in Wirklichkeit getriebenen und zutiefst unfreien Seele. Nur schade, dass er dieser vermeintlich hintergründigen Erkenntnis so wenig Substanz und Differenziertheit zu verleihen vermag, allzu gewollt das Bild des entfremdeten Menschen Andersen mit brachialen Klischees herbeizwingt – laut, scheppernd und burschikos.

Als Auftragsarbeit für die Hans-Christian-Andersen-Foundation inszeniert Kresnik seine choreographische Biographie in einer Szenenfolge aus sechzehn Bildern. Eins zu eins überträgt er dabei das Leben Andersens auf seine Märchen und umgekehrt. Versagt der Unselige an der Tanzschule in Kopenhagen, werden einer zarten Ballerina wie im Märchen Die Roten Schuhe ihre Beine brutal abgesägt. Andersen ist unattraktiv. So gerne würde er sich nicht wie im Märchen als hässliches Entlein, sondern als grazilen Schwan sehen. Die Geschichte vom fliegenden Koffer – ein Sinnbild des rastlosen, vor sich selbst und der Welt Flüchtenden. Und schließlich die latent verdrängte, nicht auslebbare Homosexualität: Andersen wirbt im Märchen um Kay, den Jungen, den die Schneekönigin in ihr Reich entführt. Wünscht sich den Prinzen wie die Prinzessin auf der Erbse zu sich. Wird er von der Gesellschaft brüskiert, lässt er den Übeltäter als König ohne Kleider beschämt und lächerlich seine Blöße bedecken.

Natürlich fordert eine biographische Bearbeitung Andersens eine innige Verbindung zwischen Leben und Werk, Kresnik jedoch produziert Adäquanzen, die es nicht gibt. Sowohl Märchen als auch Sequenzen aus Andersens Innenleben erstarren zu Klischees. Zweifaches geht verloren, die Zauberhaftigkeit der Märchen und die Tiefe der Person. Dabei gilt es selbstverständlich, die menschlichen Abgründe und emotionalen Verunsicherungen des ebenso unglücklichen wie unverstandenen Künstlers darzustellen. Andersen wehrte sich tatsächlich gegen konventionelle Familien, mochte keine Kinder, konnte seine Sexualität geschweige denn seine Homosexualität im allgemeinen nicht befriedigend ausleben. Kresnik lässt ihn von den eigenen Märchenfiguren unter Hunderten von Plastik-Babypuppen begraben. Kinderwagen überrollen ihn, attackieren ihn geradezu. Sie fallen ebenso scheppernd in den Orkus des Orchestergrabens wie die Massen an klirrendem Geschirr, die nach ihm geworfen werden. Grotesk verletzte Zinnsoldaten begraben ihn unter Operationsbesteck. Fette unbekleidete Frauen mit bunten Orden an den Hüften verfolgen ihn kreischend; nackte Männer mit glitzernden Tangas und Glatzen umtanzen ihn. Mit derart brachialen Mitteln verwehrt sich dem Zuschauer jede feinsinnige Botschaft.

Szenenfoto aus HANS CHRISTIAN ANDERSEN © Thilo BeuNur wenige Metaphern sind überhaupt noch als solche erkennbar, verfehlen dann aber auch nicht ihre poetische Kraft. Wenn etwa Andersens Vater, der Schuster, eine überdimensionierte Kugel aus Schuhen mühevoll vor sich herrollt oder die Ballerina mit den abgehackten Beinen lächelnd, fast zärtlich im tänzerischen Zwiegespräch mit Andersen agiert, dann funktionieren Kresniks Bilder und Ideen. Doch sind diese Momente leider rar. Schon poltern auf einem geschmückten Trecker jene dickleibigen Weiber daher, Andersens Besuch eines Bordells wird gezeigt. Warum muss jede Idee aus Andersens Leben, von denen Kresnik ja nicht zu wenige als mitteilungswürdig empfindet, an reine Sexualanamnese und soziale Befindlichkeiten gekoppelt werden? Zarte Menschen schreiben Märchen, obwohl sie Kinder nicht mögen. Die Annahme, er hätte eventuell sein zwiespältiges Verhältnis zu Kindern sublimiert und in eine Mär gepackt, muss den geneigten Zuschauer skeptisch machen. Beethovens Taubheit erklärt nicht seine fünfte Symphonie, Nietzsches Philosophie war keine Krankheitsgeschichte. Auch wenn es nahe zu liegen scheint, dass Leben und Werk eines Künstlers eine elementare Bindung eingehen – in Andersens Märchen eine Photokopie seines Lebens zu sehen, dieser Ansatz hinkt gewaltig.

Eine Beziehungsstörung ist immer auch eine kommunikative Störung. Kresnik erkennt, dass Andersen außer in seinen sehnsüchtigen Träumen unfähig ist, eine authentische und darum befriedigende menschliche Beziehung einzugehen, weder zu Frau noch zu Mann: Über seine ständigen Selbstbefriedigungen führt er akribisch Protokoll auf seinem Körper, Wänden, Handtüchern, erotische Szenen mit Männern erscheinen zu oft im Spiegel, als dass sich diese Sehnsucht erfüllen könnte. Andersens Kommunikationsstörung bezog sich jedoch nie auf sein Schreiben – gerade weil es ihm eine Distanz erlaubte, aus der er selbst entscheiden konnte, auf welche Weise er sich dem Gegenüber näherte, und der Leser wiederum, wie weit er sich durch das Medium Literatur auf den anderen zubewegt. Andersen muss den Leser nur seelisch, nicht – vermeintlich direkter – körperlich berühren. Gerade deshalb erscheint die Diskrepanz zwischen dem unerfüllten Autor und dem kraftvollen, zufriedenen Andersen im Märchen zu extrem und oft in platte Klischees gewandet. Dabei hätte es die Möglichkeit gegeben, sich dem Literaten Andersen filigran durch Tanz und Musik zu nähern. Das liegt an der, wie üblich, hervorragenden Leistung des Bonner Ensembles und der Musiker. Wundervoll bewegt sich Przemyslaw Kubicki zwischen einem unsicheren, ungelenken, verklemmt wirkenden Andersen und einem Menschen, den in seinen Träumen keine Angst treibt, sondern der Kraft und Schönheit in jeder Hinsicht ausstrahlt. Die Schatten, die sein Leben begleiten (Linda Ryser und Patrick Entat), erfüllen in poetischen Tanzszenen jene Sehnsüchte, die Andersen in der Realität nicht auszuleben vermag. Die überzeugend minimalistisch gehaltene Musikuntermalung, komponiert von Kurt Schwertsik für Klavier (Claudio Frassetto) und Violine (Olga Rexroth), begleitet mal spieluhrenhaft, zartklingend, dann wieder kraftvoll, fast kompromisslos die Bilderfolge.

Szenenfoto aus HANS CHRISTIAN ANDERSEN © Thilo BeuAllein die Inszenierung wirkt in weiten Teilen burschikos – als müsse dem Zuschauer die Wahrheit eingeprügelt werden. Kresnik ist sicher kein Mann der leisen Töne, aber mit einer oft so treffenden und aufdeckenden Vorliebe für grotesk-bizarre, extreme Bildlichkeiten. Diesmal bleibt er nur im quantitativen Sinne exzessiv, und gerade das wird Andersen nicht gerecht. Possenhafte Deutlichkeiten und Überdeutlichkeiten, bloße Extreme sind kein universell gültiges Rezept. Lustlos wirken die Wiederholungsmotive aus Kresniks choreographischem Tanztheater seit Ulrike Meinhof: die fettleibigen Frauen, mit Klebeband irgendwo befestigte Menschenkörper, die ins Schauspiel integrierte Violinistin des Orchesters, in irgendeiner Weise auffällig gestaltete Brüste der Darstellerinnen, die spießig-konventionelle und entfremdete Gesellschaft, die natürlich wieder Pelze und Sonnenbrillen trägt. Massen an Requisiten werden zuhauf auf der Bühne verteilt, und als wäre das noch nicht auffällig genug, schneidet sich eine Figur, wie schon in Meinhof, die Zunge ab. All das zwingt den Zuschauer, unabhängig von der poetischen Qualität der Motive, in die Distanz und löst Befremden aus: Geht es Kresnik überhaupt um Andersen?

Andersen war ein kreativer Mensch. Seine Identität war zerrissen zwischen Angst und Unerfülltheit im Leben und nicht realisierbaren Sehnsüchten im Traum. Darin liegt keine Widersprüchlichkeit. Widersprüchlich aber ist, dass es Kresnik mit seiner Inszenierung nicht schafft, den Menschen Andersen subtil darzustellen, stattdessen ausweicht in gröbere Einsichten und somit seinem Sujet letztlich einen Bärendienst erweist.

Hans Christian Andersen. Choreographisches Theater von Johann Kresnik. Oper Bonn.
Eine Koproduktion von Theater Bonn mit The H.C. Andersen 2005 Foundation.
Premiere: 02.12.2005. Inszenierung und Choreographie: Johann Kresnik.
Weitere Termine unter: www.theater-bonn.de.

(Fotos: Thilo Beu)

 

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