Das Leben des Muharrem

Özer Kiziltans Drama Takva– Gottesfurcht eröffnet ungewöhnliche Einblicke in ein Leben mit dem Islam

Biennale Bonn 2008 (Logo)Welche Auswirkung hat unser tägliches Umfeld auf unsere Werte, auf das, was wir glauben? Der Film Takva zeigt fast dokumentarisch den Moslem Muharrem, der noch glaubt, an Werte und Gebote. Seine kleinen Rituale und die Strukturen seines Alltags lenken den Blick auf ein Leben, das sich ganz der Religion und der Arbeit verschrieben hat. Muharrem (Erkan Can) arbeitet als Gehilfe in dem Sackladen eines Mannes, dem er noch durch seinen Vater zugeteilt wurde. Er hinterfragt nicht, sondern fügt sich den Gegebenheiten und erledigt tagtäglich die gleichen Aufgaben. Auch in der Religion hat er seinen festen Platz gefunden. Sie dominiert sein Leben. Feste Rituale führen ihn durch den Tag: das Waschen, das Zählen, das Beten. Eng ist diese Struktur um ihn gespannt und gibt ihm Halt. Muharrem macht sich nichts aus weltlichen Gütern, sondern ist zufrieden mit dem, was er hat. Tagsüber. Nachts hat er keine Kontrolle mehr über seine Gefühle und Gedanken, sie brechen aus ihm heraus. Der Film wechselt hier von der realistischen Darstellung ins Surreale. Die Bewegungen der Personen verschwimmen, die Szenen werden gerafft dargestellt, sind meist nur wenige Sekunden lang. Muharrem verliert sich in der Sinnlichkeit, die er sich verbietet, wenn es hell ist. Kaum ist er erwacht aus seiner Welt der freien Gedanken, reinigt er seinen Körper, reinigt sich von den Sünden der Nacht. Es ist ein Traum des Oberhaupts seines Klosters, der das Leben des Muharrems vollkommen verändert. Der Scheich sieht in ihm den nächsten Schuldeneintreiber für den Orden. Von nun an lebt Muharrem nicht nur für Gott, er arbeitet auch für ihn. Der Scheich erklärt ihm, dass alles Gott gehört, die Immobilien und das Geld des Ordens sind Gottes Eigentum. So verwaltet Muharrem nun die Mieteinnahmen. Sein Ansehen in der Gesellschaft steigt, sein Ansehen vor sich selbst sinkt von Tag zu Tag.

Filmplakat zu »Takva – Gottesfurcht«
Filmplakat zu Takva – Gottesfurcht

Muharrem wird vom Orden mit weltlichen Gütern ausgestattet, seine Aufgabe ist es auch zu repräsentieren. Er fährt durch die Straßen seiner Stadt und trifft auf Menschen, die Entscheidungen von ihm verlangen. Muharrems Leben gerät aus der Bahn. Das spiegelt sich auch in seinen Träumen wider, die immer ausschweifender werden. Wo er anfangs nur von der einfachen Zweisamkeit mit einer Frau träumt, spielt er in seinen Träumen mittlerweile die Rolle des reichen und dominanten Liebhabers. Sein Gewissen leidet, er leidet für Gott und sucht Hilfe bei seinem geistlichen Oberhaupt, doch dieses ist wegen eines religiösen Rituals 40 Tage nicht zu sprechen. So gewinnt die Furcht Oberhand. Muharrem weiß: Gott ist allgegenwärtig. Er will ein guter Moslem sein, doch er weiß nicht, was richtig ist. Er hat nie gelernt, selbst zu entscheiden. Die Furcht vor Gott zerreißt ihn, lässt seine Sinne entgleisen. Er halluziniert, seine Psyche bricht in sich zusammen.

Mit Takva – Gottesfurcht gelingt es Regisseur Özer Kiziltan, dem Zuschauer sensibel das Leben und Denken des religiösen Muharrems nahezubringen. Man gewöhnt sich an seine Rituale und sieht interessiert einem Leben in dieser fremden Welt zu. Durch die dokumentarische Narration und das Beibehalten der türkischen Sprache, die dem Zuschauer durch Untertitel übersetzt wurde, fühlt sich der Betrachter wie ein heimlicher Beobachter im Leben des Protagonisten. Man geht mit ihm durch die kleinen, schmutzigen Gassen und bekommt gezeigt, wie traditionell Kaffee zubereitet wird. Diese kleinen, alltäglichen Augenblicke sind der wirkliche Schatz des Films. Durch ungewohnte Einblicke bekommt der Zuschauer ein Bild davon, wie es ist, mit dem Islam zu leben. Der Film zeigt einen völlig unbekannten Alltag aus einem fremden Land. Dennoch schafft er es, dass der Zuschauer mit Muharrem fühlt und ihn versteht. Warum Muharrem sich jedoch so in den Wahn und die Apartheit steigert, bleibt teilweise im Dunkeln. Das Klosteroberhaupt ist für die Motivation von Muharrems Handlung sehr wichtig. Als Zuschauer hätte man sich gewünscht, gegen Ende des Films mehr Einsicht in die Gedankenwelt des Scheichs zu bekommen. Man kann nur vermuten, inwieweit er die Lage Muharrems versteht oder sie beeinflusst hat. In einer der Schlussszenen spricht er davon, dass Muharrem als Vorbild dient, in seiner Treue zu Gott. Die Zweifel und die Furcht haben Muharrem innerlich zerissen. Die letzte Szene zeigt das Klosteroberhaupt, wie es aus einem Zimmer geht, in dem Muharrem ans Bett gefesselt an die Wand starrt. Wieso sein Zustand nun so schlecht ist, und wie oder ob er mit dem Scheich nach dessen Abwesenheit noch kommuniziert hat, bleibt offen. Im Presseheft erfährt man, dass Kiziltan vieles in dieser deutsch-türkischen Koproduktion arrangiert hat und der Film so nicht der Realität entspricht. So sind die rythmischen Gebetszeremonien eher unüblich für den Islam und die dargestellte Welt, in der Muharrem lebt, ist sehr eingeschränkt widergegeben. Kilziltan begrenzt Muharrems Welt auf die drei Eckpunkte Arbeit, Haus, Kloster, um deren Enge und Abgeschlossenheit zu demonstrieren. Der Regisseur wollte so den starken Kontrast zwischen Muharrems kleiner Welt und dem modernen Istanbul hervorheben. Er hat Muharrems abgeschiedenes, ärmliches Leben konstruiert, weil so seine moralisch bestimmte Gedankenwelt glaubwürdiger wirkt. Trotz dieses Hintergrundwissens scheint Takva nicht unrealistisch. Als Zuschauer fühlt man sich nach dem Film, als würde man aus einer fremden Welt auftauchen. Während man über die asphaltierten, breiten Straßen nach Hause geht und die Gedanken und Blicke schweifen lässt, fragt man sich, welche Werte in unserer flüchtigen Welt heute noch so leidenschaftlich gelebt werden können wie in Muharrems kleinen Gassen von Istanbul. Takva – Gottesfurcht (2006). Regie: Özer Kiziltan. Spielfilmreihe der Bonner Kinemathek. Kino im Rheinischen Landesmuseum.

 

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