Das Leben gewählt

Ilana Shmueli: Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt (Gedichte)»Schön« wollen sie nicht sein, diese Gedichte. Ihre Diktion ist äußerst knapp, ihr Duktus hart, selbst die wenigen Verse, die weicher fließen, verzichten auf alle »verdächtige Pracht«. Ilana Shmueli, geboren 1924 in Czernowitz, hat erst spät, lang nach dem Tode des nahen Freundes Paul Celan, begonnen, Gedichte zu schreiben. Mit der Entstehung der Gedichte, aus denen sie jetzt eine Auswahl der Öffentlichkeit preisgegeben hat, hat freilich der späte Zeitpunkt ihrer schriftlichen Fixierung nur bedingt etwas zu tun. In ihren Erinnerungen an die frühen Czernowitzer Jahre berichtet die Autorin von jenen schwersten Tagen, als eine Gruppe junger Menschen, auch Paul Antschel gehörte damals dazu, aus der bedrängenden Wirklichkeit der Deportationen sich in eine sehr intensiv erlebte »Gegenwelt« aus Dichtung und Musik geflüchtet und hineingesteigert hat.1 Aus solcherlei Übersteigerung wird man nicht entlassen. Es ist von daher zu verstehen, dass die Sphäre der Dichtung die Dichterin dauernd festgehalten hat, und dass ihre Gedichte »fast ein Leben lang« in ihr »gewartet haben, um schließlich zu Wort zu kommen«.2 So sind diese Gedichte beides: ein Anfang, der »trotz Unsicherheit, Zweifel und tiefer Scheu«3 gewagt werden musste, und zugleich die Summe eines langen Lebens, eines Lebens in einem doppelten Exil, das Ilana Shmueli als ein »Sprach-Exil, zwischen dem Deutschen und dem Hebräischen fremdend«,4 sich selbst begreiflich zu machen versucht: unbeheimatet in beiden Sprachen, derjenigen, die fremd geworden, und derjenigen, die fremd geblieben ist. In einem Interview sagte die Dichterin, die auch als Übersetzerin gearbeitet hat, einmal:

»Ich bin in keiner Sprache wirklich ganz zu Hause. Daher habe ich mich auch sehr schwer an die hebräische Sprache heran getraut. Als ich in Pension ging, habe ich beschlossen, mich mit dem Hebräischen nochmals ernsthaft zu beschäftigen. Ich begann hebräische Gedichte zu schreiben. Später kam ich wieder aufs Deutsche zurück.«5

Ortlosigkeit und Wortlosigkeit, die Erfahrung, unbeheimatet und sprachlos zu sein, ist eine der Wurzeln, aus denen die Dichtung Ilana Shmuelis hervorwächst: »meine Länder // meine Lieben // meine Lieder // ortlos« (21). Aus Czernowitz wurde die Dichterin vertrieben, diese Stadt ist unendlich fern. Dort gibt es noch die zu früh verlorenen »Toten«: sie »sprechen dir zu / kaum noch vernehmbar // weißt du noch?« (70). In Palästina, der neuen Heimat, beängstigend eng und aussichtslos, stellt die Dichterin nüchtern fest: »die erträumte Heimat / hat bankrottiert / blieb ein kleines Zuhaus / ohne Garten und Blick« (51). Handelt es sich um einen Ausdruck von Zorn oder Trauer, wenn sie schreibt: »Geh in die Wüste Hoseas // LO RUCHAMA / dir wird Erbarmen nicht // Nichtvolk«, und sie zugleich dagegen setzt: »kehre um in die Rede Hoseas / ohne Bogen und Schwert / wird Erbarmen / zuteil« (56)? Geschichtliche Erfahrung setzt sich so um in eine politische Wachsamkeit, die weit über den Raum des eigenen Hauses hinausgeht und mit wenigen Worten das Schicksal der Erde in den Blick nimmt: »Der Geigerzähler tickt / ein Halm nach dem andern / knickt im sauren Regen«. Und auch hier bleibt der Einspruch nicht aus: »Vergiss nicht vom moosigen Stein zu träumen / seit tausend Jahren liegt er im Bergbach« (59).

Damit ist eine Grundstruktur der Dichtung Ilana Shmuelis benannt. Sie ist Zwischenruf, Einspruch, »Widerwort« (16), »Aufschrei« (23). Die Gedichte geben sich niemals zufrieden, sie gehen immer wieder »dem nach / was nicht ruhn lässt« (51). Sie schreiben sich von Verwundungen her, die nimmer heilen. »Wunde wird Wort / Wort wird Gebärde / Gebärde Gedicht // mein Ja im Nein« (20). Ilana Shmueli hat sich in ihren Erinnerungen als einen jungen Menschen voller Widerspruchsgeist beschrieben, »ein eher ›unangepasstes‹ Kind, – mein Blick war kritisch, und ich neigte schon im frühen Alter zur Ironie«.6 Sie hat diesen kritischen Blick bis in ihre Gedichte hinein bewahrt, und auch die bittere Ironie klingt immer wieder durch: »Viel – viel Vergangenheit / kaum etwas Zukunft / der kleine Rest Gegenwart – // schnapp dir den Happen – / eine Weile darfst du dran nagen« (33). Man muss die Gedichte Ilana Shmuelis in dem Widerspruch lesen, in dem sie sich fortwährend bewegen. Nur in dieser widersprechenden Bewegung erschließen sie sich dem Leser ganz.

 

Ahnung unsichtbarer Referenzen

Das gilt im Besonderen für die Beziehungen der Gedichte Ilana Shmuelis zum lyrischen Werk des berühmten Freundes Paul Celan, des jüdischen Dichters, der, trotz allem Ruhm, auch »nicht davongekommen« (47) ist. In der kurzen Einführung zu ihrem Gedichtband spricht Ilana Shmueli präzise von einem »Dialog mit Celans Dichtung«, in dem »sein Einfluss, oft klar und bewusst, zum Ausdruck« komme, »manchmal aber« klinge »seine Stimme wie von ungefähr, ganz unbewusst« mit (5). Doch dieser Einfluss, dieses Mitschwingen äußert sich nicht in einem epigonalen Weiterdichten. Er wird nur fassbar als ein Hören der Stimme des Freundes, ein genaues, auch liebevolles Hinhören, aber kein Hinnehmen. Es wird wohl überhaupt keine anderen Dichtungen geben, die sich so umfassend auf das Werk Paul Celans beziehen und sich ihm zugleich so stark widersetzen. Diese kunstvolle Kontrapunktik, die sich durch den ganzen Band zieht, kann hier nur durch wenige Beispiele angedeutet werden. Sie bedürfte einer eigenen, umfänglichen Untersuchung, die auch den Briefwechsel mit dem Freund7 und vor allem die Erinnerungen an die späten Begegnungen8 einbeziehen müsste. Denn im punctum contra punctum kommt zum konzentriertesten Ausdruck, was Ilana Shmueli, als eine Überlebende der Katastrophe des europäischen Judentums, erfahren, und welche Folgerungen sie daraus gezogen hat. Wie alle, die einmal, die mehrmals gerade noch entkommen sind,9 kennt sie das unentrinnbare Schuldgefühl, das mit dem Entrinnen verbunden ist, und sie weiß, dass diese Schuld ihr etwas abfordert: »ich muss eine Schuld begleichen« (83). Sie kennt auch den Sog, der die Überlebenden in den Tod zieht: »wenn / das zu Gedenkende – / das zu Vergessende – / täglich neu auf dich zukommt // du scheust zurück // du wolltest springen« (38). Aber sie setzt dem vernichtenden Sog etwas entgegen – sich selbst, als eine »Zauderin« zwar, die sich so schwach »nicht gewollt hat«, aber dennoch atmend, lebend: »hinter beschlagenem Glas« (39). »Ich hab Leben gewählt«, sagt sie, versucht es zu behaupten, sagt es, »und es versagt ihr die Stimme« (77): »der Faden von längst – zieht / zieht sich mit – zieht zurück – / zieht – übers Niemandsland / oben am Grat / umfass ich / ein Armbreit Leben« (22). Und mit unmittelbarem Bezug auf die Poesie und Poetik des aus dem Leben geschiedenen Freundes schreibt sie eines ihrer bewegendsten Gedichte: »Sie stapft durch den Zeitstaub / mühselig // rät die Pfade / die sie nicht kennt // der Tote schreitet voran // leicht geht er / und aufrecht // sie hinkt hinterher / der Wahnscherben scheppert // ›Es lebe der König‹« (45). Unter dieser Prämisse ruft sie dem Freund zu: »denke: / es geht / um das fiebrige / Vielleichtdoch« (18). Und unter dieser Prämisse will sie jetzt »sprechen«, jedoch nicht »als Letzter« (Paul Celan), nicht einsam das Ende vorwegnehmend, sondern eingebettet in die Generationsfolge der Lebenden, mit ihnen kommunizierend: »die Erste werd ich nicht sein / und nicht die Letzte« (17). Wo der Freund ihr geschrieben: »Was zu dir stand an / jedem der Ufer / es tritt gemäht in ein anderes Bild«, antwortet sie mit aller möglichen Deutlichkeit: »beim Eukalyptus / am Jordan / steh ich / steh ich im Bild – / ungemäht // von hier fließ ich mit / fließ mit dem Pruth / fließ mit der Oka / fließ mit der Seine« (46). Leben ist Gratwanderung, von hier aus wendet sich der Blick der Dichterin zurück, aber er richtet sich auch in weite Ferne, dem entgegen, was kommt.

 

»Ein Kinderspruch gilt noch«

Es ist die stets gefährdete, stets neu zu ergreifende, weil schlicht als absurd empfundene Entscheidung für das Leben, die in Ilana Shmuelis Gedichten trotz allem zur Sprache kommt, und schwer genug ins Wort sich fügt, nämlich als ein nackter »Aufschrei: / Schriftkeil aus der Verstörung // gegen die Sprachwand« (23). Wer wollte da erwarten, dass »schöne«, prächtig geschmückte Verse entstehen? Wäre das möglich? »Der Pfeil des Schönen / ... / hat mich gestreift / er reißt / am unsichtbaren / Wundmal« (63), »Schönheit wird / Last« (62): es geht »in spärlicher Wortlandschaft / sprachgestört / fahrig« um »das lästige Leid« (24), um das einfache Zeugnis »für deinen Tag«: es geht darum, das eigene Leben auszuleuchten, dem Zeugnis »Dauer« (36), und »Platz für die Träne« (30) zu schaffen. Es heißt, den »Finger aufs Wundmal« zu legen, es heißt, »ein Mal« den »Bann« zu brechen (35). Und so geht es am Ende darum, angesichts des kommenden Lebens, des Lebens der Enkel, wieder einzukehren in das aus der eigenen Kindheit Überlieferte, mit einem unmittelbar lebensbejahenden kindlichen Urvertrauen, in dem Leben noch etwas schlechthin Gegebenes ist, gewiss nicht ohne Konflikt, aber zugleich doch bar aller Absurdität: »Horch und schau / es ist möglich // das Licht leuchtet neu / die Melodie erklingt wieder / ein Kinderspruch gilt noch: / Müde bin ich geh zur Ruh / schließe meine Augen zu ... Vater – // ich rede dich an« (73).

 

Ilana Shmueli: Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt. Gedichte. Aachen/Wien: Rimbaud Verlag, 2007 (Texte aus der Bukowiner Literaturlandschaft, Bd. 36). 112 Seiten. ISBN 978-3-89086-562-1. 15,– Euro.

 

  • 1. Shmueli, Ilana: Ein Kind aus guter Familie. Aachen 2006, S. 73 f.
  • 2. Ebd., S. 78 f.
  • 3. Ebd., S. 82 f.
  • 4. Shmueli, Ilana: Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt. Gedichte. Aachen/Wien 2007 (Texte aus der Bukowiner Literaturlandschaft, Bd. 36.), S. 5. – Alle weiteren Angaben in Klammern beziehen sich auf diese Ausgabe.
  • 5. Wahl, Dorothee: Lyris. Deutschsprachige Dichterinnen und Dichter in Israel. Frankfurt a.M. 2004, S. 95.
  • 6. Shmueli: Ein Kind aus guter Familie, S. 10.
  • 7. Ilana Shmueli / Paul Celan: Briefwechsel. Hrsg. von Ilana Shmueli und Thomas Sparr. Frankfurt a.M. 2004.
  • 8. Shmueli, Ilana: Sag, daß Jerusalem ist. Über Paul Celan: Oktober 1969 – April 1970. Eggingen 2000.
  • 9. Vgl. Shmueli: Ein Kind aus guter Familie, S. 72, 86.
 

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