Das Mäandern der Prosa

Manfred Poser liest gern Sebald und Saramago, die verbindet, dass sie Sätze zu endlosen Fäden verbinden

Vor Ostern imitierte Harald Schmidt in seiner Late-Night-Show auf Sat.1 einmal Christian Streich, den Trainer des SC Freiburg. Anscheinend genießen dessen Ein- und Auslassungen in Fachkreisen bereits »Kultstatus«. Ich hörte und sah mir also einen Monolog des Trainers an. Da kommt einer neu und überraschend in ein relativ hohes Amt und versucht, den Erfordernissen der Mediengesellschaft gerecht zu werden. Alles ist wichtig, alles ist ganz wunderbar, alles wird gut.

Christian Streich

In der Rede, die ich mitbekam, sprach Streich, als wäre er der Freiburger Bischof Zollitsch, der übrigens Chef der Deutschen Bischofskonferenz ist. Es ging um etwas, das »gut« war, dann reihte er einige Anekdoten daran, schweifte ab, irrte rhetorisch umher, alles in alemannisch gefärbtem Hochdeutsch, gemütvoll machte er das, und dann mochte er sich auf den Anfang mit dem Guten besonnen haben und stieß zu etwas vor, das besser war, aber damit ließ er es nicht bewenden, denn nach weiteren Schleifen und Pirouetten schloss er sein Monolögchen mit etwas ab, das dann doch am besten sei. Das alles klang improvisiert und nach Tanz auf dem Drahtseil, aber man folgte dem Fluss nicht ungern und das Finale war doch gelungen.

Manchmal hat man den Eindruck, in der Literatur werde ähnlich gearbeitet. Wo früher logisch stichhaltig und syntaktisch exakt geschrieben wurde (man sollte Heinrich Heines Artikel aus Paris oder Robert Musils Prosa dazu konsultieren), begnügt man sich heute immer öfter damit, seine Gedanken aneinanderzureihen. Selber ertappe ich mich auch dabei, dass ich – aus Faulheit – schnell etwas mit Komma anhänge, was eigentlich zwischen Gedankenstriche gehörte oder überhaupt nicht hierhin, und dann ungerührt fortfahre.

Das Mäandern einer Bergstraße. (Foto: Manfred Poser)

Klar, es wird schneller und achtloser geschrieben. Was früher Standard war, wirkt heute extravagant und ist verpönt. Ein jüngerer Verleger sagte mir einmal deutlich, dass er das Semikolon für überflüssig hielte; er wollte es nicht sehen in den Texten, die man ihm gab. Der Doppelpunkt wird auch immer seltener verwendet. Das Komma oder der Beistrich ist so richtig der innocent bystander, wie der Engländer sagen würde: der harmlose Zuschauer, den man gut brauchen kann, weil er alles offen lässt und nichts entscheidet. (Helmut Krämer hat in seinem Blog futura9 im Februar schön über den Beistrich geschrieben.)

José Saramago

Spät habe ich mitbekommen, dass 2010 José Saramago gestorben ist, mit 88 Jahren. Als er seinen Nobelpreis für Literatur bekam, 1998, ging er auf der Frankfurter Buchmesse einmal ganz nah an mir vorbei, der einzige Würdenträger, den ich je in meiner Nähe hatte – neben Grass, der in Rom mir einmal eine Widmung in ein Buch schrieb und bemerkte, »wir Pfeifenraucher« seien eine aussterbende Spezies.

Saramago war natürlich immer ein viel besserer Autor als Grass, finde ich. Alle Namen gehört zu meinen ganz großen Favoriten. Und wie Rockgruppen ihren Sound haben, erkennt man auch den Stil der großen Schreiber sofort. Sie kultivieren ihre Marotten, die dann zu ihren Markenzeichen werden. Saramago, der Mann aus dem Alentejo, reihte bei Dialogen Hin- und Widerrede stets mit Kommas aneinander, und im Deutschen fingen diese dann mit Großbuchstaben an, was immerhin eine Erleichterung war, die portugiesische Leser vermutlich nicht genossen.

Aus Alle Namen: »Ich möchte gerne mit Sr. José sprechen, Sr. José ist nicht im Dienst, er ist in Urlaub gegangen, Ach wie schade, ich habe eine wichtige Information über die Person, die er sucht, Was für eine Information, welche Person ...« Und so weiter.

Man kann sich dran gewöhnen, an diese Aneinanderreihung, denn sie gibt gut das Tempo und die Atemlosigkeit mancher Dialoge wieder. Wie schreibt man Dialoge? »Ich habe es oft mit Anführungszeichen getan.« »Finde ich nicht so genial.«
– In manchen Büchern trennt man sie mit Gedankenstrichen ab.
– Ist das besser?
– Na ja, wirkt schon irgendwie cooler.

Aber ich wollte Saramago nicht nur deshalb erwähnt haben. Er hat wunderbare Geschichten, und José, ein kleiner Kafka im Personenstandsregister zu Lissabon, forscht einer Frau hinterher, die vielleicht noch lebt, vielleicht gestorben ist, und das wird zu einer metaphysischen Odyssee, absolut glanzvoll.

W. G. Sebald

Vom »Sebald-Sound« hat man vielleicht schon gehört. Der 1944 im Allgäu geborene Autor, der zumeist in Ostengland lebte und Literatur lehrte, war ein großer Stilist. 2001 ist er bereits gestorben, kurz nachdem sein Roman Austerlitz veröffentlicht worden war, eines der besten Werke in deutscher Sprache, wie ich finde. Vor einer Reise nach Belgien und England im Mai und Juni hatte ich das Buch nochmals gelesen. Und als ich zwei Drittel bewältigt hatte, schien mir, ich sei auf eine Sensation gestoßen: Da gibt es eine Passage, die in der gebundenen Ausgabe von Seite 335 bis 345 reicht und in der man keinen Punkt wahrnimmt. Man liest einen neunseitigen Satz!

Sebald liest man andächtig, das mäandert so schön dahin wie ein Fluss, und ich möchte bemerken, dass das Buch von Hanser eines der schönsten ist, das ich kenne: großer Abstand zwischen den Zeilen, schöne Schrift, exakte Verarbeitung (kann mich an keinen Druckfehler erinnern, nur an einen winzigen Grammatik-Irrtum, was aber in diesem gigantischen Gewebe vorkommen kann), viel Raum.

Auf Seite 335 fängt Sebald an, über den »extraterritorialen Ort« Theresienstadt zu schreiben, jenes Arbeitslager der Nazis in Tschechien, und wenn ich es richtig beobachtet habe, gelangt er nach neun Seiten ohne einen einzigen Punkt zum Ende des Kriegs und dem Objekt, das Anlass zu einer Detektivarbeit wird, dem »Film«, der, »wie Adler berichtet, sagte Austerlitz, noch im März 1945, als ein großer Teil der in ihm Mitwirkenden schon nicht mehr am Leben war, mit einer jüdischen Volksmusik unterlegt wurde, und von dem sich nach Kriegsende in der britisch besetzten Zone eine Kopie gefunden haben soll, die er, Adler selber, sagte Austerlitz, allerdings nie zu Gesicht bekam und die jetzt offenbar verschollen ist.«

Alle Geschichten, alle Namen: Lager Buchenwald. (Bild: Manfred Poser)

Mit höchstem Sprachvermögen und langem Atem zeigt Sebald uns das Verwobensein von allem mit allem, ein fundamentales Aufeinander-bezogen-Sein, das auszubreiten jedoch Sprachvertrauens und eines glückhaften Sterns bedarf, wovon Austerlitz’ zwischenzeitige Krisen und Verstummungsphasen, die Sebalds eigene gewesen sein dürften, Zeugnis ablegen. Mehr noch verblüffen mich W. G. Sebalds Vokabular und Beschreibungskraft. Er zeigt uns in fast manischer Weise, was man benennen und vors Auge zaubern kann. Wir lernen, dass die Worte uns sehen lernen können.


 

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