Das Schweigen (und das Schreien) der Sirenen

Manfred Poser wagt sich weiter vor ins Unbekannte – in das Algerien von Assia Djebar und in ein andalusisches Bergdorf

Die algerische Autorin Assia Djebar, geboren 1936, ist eine herausragende Stimme. Im Jahr 2000 erhielt sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Ihr 1985 erschienenes Buch L’Amour, la fantasia (deutsch: Fantasia, 1993, Unionsverlag) ist eine Collage aus Kindheitserinnerungen, Episoden aus französischen Feldzügen in ihrem Heimatland und Geschichten um Frauen. Das zweite Kapitel heißt Die Schreie der Fantasia, das dritte Die begrabenen Stimmen, andere Überschriften einfach Stimmen.

Ein ewiges Gefängnis

»In unseren Städten«, schreibt sie, »ist die erste weibliche Realität (réalité-femme) die Stimme – ein Wurfspieß, der in den Raum davonfliegt, ein Pfeil, der vor dem Niedergehen ins Trudeln gerät; dann kommt die Schrift, deren lianenartige Lettern ein Geflecht der Liebe bilden.« Zu Beginn versuchte der Mensch, sich mit Lauten, begleitet von Gesten, verständlich zu machen. Viel später erst fing er zu schreiben an. Im Arabischen bedeutet »sie liest« auch »sie studiert«. Bei den Treffen der algerischen Frauen schweigen die meisten oder reden leise. Nur die Dame des Hauses oder die Alten dürfen ihre Stimme erheben; welche Frau sonst ihre Stimme über die Höfe hinausdringen ließ, wurde geächtet. Die verschleierten Körper hätten zwar das Recht gehabt, in der Stadt herumzugehen. »Doch in der Weigerung, die Stimme zu verschleiern, und anzufangen zu ›schreien‹, darin lag das Unerhörte, die Abweichung. Denn das Schweigen all der anderen verlor plötzlich seinen Charme und enthüllte eine Wahrheit: die eines ewigen Gefängnisses.«

 

(Foto: Manfred Poser)
Markt in Algerien mit verschleierter Frau. Gesehen 1978. (Foto: Manfred Poser)

 

Die Stimme. Sie moduliert und akzentuiert, ist Melodie und Rhythmus. Erst wenn wir einen Satz lesen oder nachsprechen, beginnt er zu schwingen. Manche Verse von Gedichten vergisst man nie, sie haben sich eingeprägt, weil sie wie Musik sind. Manchmal begleitet mich ein Lied tagelang, und ich werde es einfach nicht los. Kürzlich unterhielten sich vor einem Film in Freiburg zwei junge Russinnen in ihrer Muttersprache, sie saßen schräg hinter mir, und ich hätte ihnen stundenlang zuhören können, obwohl ich nicht verstand, was sie sagten. Wir dürfen das Melodische der Sprache nicht vergessen; wir sind zu sehr auf das Verschriftlichte fixiert.

 

Pélissier und die Uled Riah

Und doch: Geschriebenes legt Zeugnis ab, leiht den Opfern eine Stimme. Die begrabenen Stimmen werden hörbar: in dem Bericht von Oberst Pélissier über seine »Militäraktion« am 20. Juni 1845 gegen den Stamm Uled Riah, der 1500 Menschen zum Opfer fielen. Gequält von Gewissensbissen schickte der Oberst einen detaillierten Bericht nach Paris, der den Leiden seiner Opfer viel Raum gab. Die Autorin hatte den Bericht ausgegraben, sie widmet ihre Nacherzählung den Witwen und Nachkommen des Stammes und meint sogar, so sei sie zur Schriftstellerin geworden, fast eineinhalb Jahrhunderte nach dem Geschehen. Im Juni 1845 waren drei französische Armeen in Algerien unterwegs. Diejenige unter Führung von Oberst Pélissier trieb den Stamm Uled Riah in die Enge, forderte Lösegeld, doch die Angehörigen des Stammes flüchteten sich in unterirdische Kavernen. Marschall Bugeaud forderte: »Räuchert sie aus wie die Füchse!« Man zündete am Eingang der Höhlen große Feuer an, der Rauch drang ins Innere. Alle erstickten. Einige Tage später ging Pélissier hinein und sah die qualvoll umgekommenen Algerier: »Es war fürchterlich!« Sein Bericht löste Diskussionen im französischen Parlament aus.

 

Die Muttersprache

In L’Amour, la fantasia schreibt Assia Djebar auch über ihre Sprache. Sie schreibt auf Französisch, einer ihr intim bekannten Sprache, die jedoch nicht ihre Muttersprache ist, zudem die Sprache der Unterdrücker und Invasoren. Wenn wir unsere Autobiografie auf Englisch schreiben müssten! Wir könnten alles gut schildern, aber es stünde immer etwas wie eine dünne Wand zwischen uns und dem Erlebten. Würde ein Algerier aus ihrer Heimat sich ihr nähern wollen, schreibt Frau Djebar, und täte er dies auf Französisch, so verwandelten sich seine Worte in eine Maske, die der Bewerber notgedrungen sich aufsetzte. Er wäre es also, der sich verschleierte.

 

(Foto: Manfred Poser)
Algerischer Markt, 1978. (Foto: Manfred Poser)

 

Würden die beiden jedoch zu ihrer heimatlichen Sprache finden, so könnte eine Stimme auf die andere verweisen, und ein Körper könnte sich dem anderen nähern. Die geheimnisvollen Stimmen! Da gibt es einen Satz aus einem Tagebuch von Peter Handke, den ich nie vergessen habe. Er heißt: »Flüstern in stehenden Zügen.« Wunderbar. Bei Assia Djebar gibt es eine gleichfalls wunderbare Passage dazu, die sie einem 1961 erschienenen Bericht entnahm. Der Fallschirmjäger Bernard kriecht in einen Saal, in dem eine Menge alte Frauen schweigend kauern. Er will schlafen, es ist halb zwei Uhr nachts. »Plötzlich legen sich zwei schwächliche Arme um seinen Hals, und eine keuchende Stimme stösst kehlige Laute hervor, unbekannte, aber zärtliche Worte, geflüsterte Worte. Sie dringen in seine Ohren ein, diese Worte, auf Arabisch oder Berberisch, von unbekannter Hitzigkeit. ›Sie küsste mich innig auf den Mund, wie ein junges Mädchen. Stell dir das vor!‹« So erzählte es später der Soldat.

 

Die Sirenen

Im selben Jahr, in dem L’Amour, la fantasia erschien, 1985, wurde in Spanien Il silencio de las sirenas von Adelaida García Morales veröffentlicht (deutsch: Das Schweigen der Sirenen, 1991, Suhrkamp), das ich durch Zufall in einem Landsberger Antiquariat entdeckte. Aus dem Klappentext: »Im mysteriösen Ambiente eines abgelegenen Dorfes von Las Alpujarras, in dem noch die Magie der alten islamischen Beherrscher zu wirken scheint, erlebt eine junge Fremde eine seltsame, übertriebene und hoffnungslose Liebe zu einem Mann, der im weit entfernten Barcelona lebt.« Elsa, so heißt die Frau, meint, mit Agustìn Valdez, dem Mann, in einem früheren Leben verbunden gewesen zu sein.

(Foto: Manfred Poser)
Die Autorin von Silencio de las Sirenas, Adelaida García Morales.

Marìa, die Erzählerin, spielt lange mit, doch dann sucht sie, um das vermeintliche Leiden ihrer Freundin zu lindern und sie mit der Realität zu konfrontieren, den Kontakt zu Agustín, der jedoch von Elsa nichts wissen will. Elsa liebt und schweigt; am Ende verschwindet sie und wird von Maria tot, erstarrt, in einem Schneefeld aufgefunden. Ihre Hinterlassenschaft besteht aus wenigen Habseligkeiten und einem Verweis auf eine Parabel von Franz Kafka, Das Schweigen der Sirenen.

Hier wird es interessant. Odysseus lässt sich bei Homer am Mast festbinden, und er und seine Gefährten stopfen sich Wachs in die Ohren. »Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als ihren Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, dass sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen aber gewiss nicht«, heißt es bei Kafka. Die Sirenen sangen also nicht, entweder, weil sie meinten, diesem Gegner könne man nur durch Schweigen beikommen, oder durch die Glückseligkeit auf dem Gesicht des Odysseus. Was hat das mit dem kleinen Roman der glutäugigen Alicia García Morales zu tun? Nun, die Liebesgeschichte im Reich der Fantasie ohne Bezug zur Realität ist eine, die nach außen nicht »spricht«, aber für die Erlebende intensiver und gefährlicher wirkt als eine »echte« Affäre. Es ist eine Hinwendung zu sich selbst und wie ein Kunstwerk, in dem einfach alles stimmt. Eine verführerische Parallelwelt. Kafka verwirrt uns noch weiter: Odysseus wusste vielleicht, dass die Sirenen schwiegen, und er tat nur so, als schütze er sich vor ihrem Gesang, »und hat ihnen und den Göttern den obigen Scheinvorgang nur gewissermaßen als Schild entgegengehalten«. Oder als Schleier. Elsa wusste, dass Agustín nur ein Fantasiepartner war, aber dann entzog sie sich – hinter die Schleier.

 

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