Das Schwierigste ist der Abgang

Es ist doch immer dasselbe: Politiker sind Schauspieler und nur auf den eigenen Applaus bedacht. Wenn sie reden, geben sie Wahlkampfversprechen ab, und am nächsten Tag interessiert sie ihr eigenes Geschwätz von gestern nicht mehr. Sie lügen und betrügen und machen einen glauben, man könne ihnen vertrauen. Verraten tun sie einen doch. Ist es nicht so?

1574 herrschen Machtkämpfe in Genua. Andrea Doria, der alte Patriarch der Stadt, ist ein Greis geworden. Er hat Genua damals von den Franzosen befreit und den Bürgern eine Republik gegeben. Doch nun missachtet sein Neffe Gianettino die Gesetze; es steht zu befürchten, dass er sich nach dem Tode Andreas zum Tyrannen aufschwingen wird. Die Bürger Genuas sind in Aufruhr, doch um die Republik zu verteidigen, fehlt ihnen etwas – besser jemand: ein Anführer.

Fiesco heißt der gesuchte Mann. Er ist ein Alphatier und mit dem notwendigen Charisma ausgestattet, um einen Aufstand anzuführen. Die Frauen verfallen seiner erotischen Ausstrahlung, die Männer bewundern ihn wegen seiner Tatkraft. Ein Mann, von dem man glauben möchte, dass man ihm vertrauen kann. Aber er hat keine Lust auf die Verschwörung. Politik interessiert ihn nicht. Und außerdem beginnt er gerade eine Affäre mit Gianettinos Schwester.

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, die am vergangenen Donnerstag in der Inszenierung von Paul Bäcker Premiere feierte, wird auf deutschen Bühnen selten gespielt. Schillers republikanisches Trauerspiel besitzt eine äußerst unglückliche Wirkungsgeschichte, an deren Anfang Schiller persönlich steht. Denn abgeschreckt von einer Lesung des Dichters urteilte 1782 der Direktor des Mannheimer Theaters, dies sei das Allerschlechteste, was er je gehört habe. Erst ein Blick in das Manuskript lässt ihn seine Meinung ändern. »Was deklamiert der Schiller denn so verwünscht schwäbisch hochtrabend!«, mokiert er sich. Das Stück sei großartig. Sehr erfreulich also, dass sich das Kleine Theater Bad Godesberg des Fiesco angenommen hat.

Der Fiesco behandelt Schillers ureigenes Thema: die stets aktuelle Frage, ob es einen freien Willen gibt oder ob der Mensch nur ein Rädchen in einer größeren Maschine sei. Den räumlichen Möglichkeiten des Kleinen Theaters angemessen, wandelt die Inszenierung Schillers Tragödie zu einem Kammerspiel um. Die Handlung wird entschlackt, das Personal reduziert sich auf zehn Charaktere. Das Bühnenbild ist schlicht: Gebogene Metallstangen ragen dicht gedrängt vor blauem Hintergrund in die Höhe, bilden (Irr-)Wege. Wer die Käfigstäbe auseinanderbiegt, kann höchstens seinen Kopf hindurchstecken, um zu schnuppern, wie die Luft auf der anderen Seite riecht. Kein prächtiges Historiendrama entfaltet sich hier, vielmehr wird ein intimer Einblick in die Mechanismen der Machtpolitik gegeben.

Maske und Macht

Zu Beginn des Fiesco treten alle Figuren mit Masken vor dem Gesicht auf. Und alle sind sie verstrickt in die Machtkämpfe um Genua. Jeder und jede verheimlicht etwas, und bis auf Fiesco, der mit seiner Maskerade spielt, fühlt sich niemand wohl in seiner Verkleidung. Immer wieder werden die Masken über die Stirn geschoben, abgenommen, dann wieder aufgesetzt. Es ist eine Zeit des Übergangs. Bald wird eine Entscheidung über die Zukunft fallen; dann wird einer seine Maskerade ablegen. Bis es soweit ist, wird intrigiert, wird versucht, bestehende Gegebenheiten zum eigenen Vorteil zu verändern. Sei es in Republik- oder in Herzensangelegenheiten.

Auch für Fiesco wird aus Spiel Ernst. Gianettino Doria fürchtet ihn und beauftragt den Mohren Muley Hassan, Fiesco umzubringen. Von allen Personen, die die Bühne bevölkern, ist Hassan der Hellsichtigste. Aus den Ränkespielen zieht er konsequent seinen eigenen Vorteil: Er ist dort zu finden, wo es das meiste Geld gibt. Der Mordversuch indes scheitert. Statt den Komplott jedoch öffentlich bekannt zu machen, findet Fiesco Gefallen an dem gewitzten Attentäter und erkauft sich dessen Dienste.

Fiesco wird zum Anführer der Verschwörung, auch wenn ihn der ehrliche Zorn seiner Mitverschwörer weiterhin irritiert. Insbesondere der Idealismus des alten Republikaners Verrina bleibt ihm suspekt. Denn Politik ist für Fiesco Inszenierung. Was sprechen die Leute da draußen über mich, fragt er Hassan, und so, wie er dies fragt, könnte er sich genauso gut erkundigen: Was schreibt die Bild-Zeitung über den Schlag?

Tatsächlich erfüllt Fiesco die ihm zugedachte Rolle des Anführers. Er sorgt für die notwendige militärische Unterstützung und nimmt die Öffentlichkeit für sich ein, indem er den Mordversuch jetzt doch vor Gericht bringt. Es ist ein Schauprozess, den er da aufführen lässt: »Sie werden dich foltern«, sagt er zu Hassan. »Beim ersten Drehen der Schrauben leugnest du noch, beim zweiten bekenne.« Politik geht, wenn nötig, auch über Leichen.

Macht-Verfall

Bei Schiller stellt sich nicht die Frage, ob die Verschwörung des Fiesco zu Genua gelingt. Die entscheidende Frage ist: Wie endet sie? »Wenn Genua frei ist, stirbt Fiesco«, prophezeit der alte Verrina, glaubt er doch, dass Fiesco nach dem Sturz Gianettinos versuchen wird, sich zum Alleinherrscher zu erheben. Denn wer einmal oben ist, der will sich mit niemanden mehr vergleichen müssen.

Um ein Naturgesetz handelt es sich dabei freilich nicht. Neidgefühle gegen die Großen, die sich über die Gesetze stellen, werden im Fiesco nicht bedient. Dafür sorgt Schiller, der sich während der Entstehung des Dramas nicht entscheiden kann, wie er es enden lassen soll. Wird Fiesco nach der Verschwörung das Gesicht eines Fürsten oder das eines Republikaners zeigen? Beide Möglichkeiten bleiben lange offen. Lorenz Schirren stellt die Widersprüche im Charakter des Fiesco großartig dar und präsentiert einen Mann, der bis kurz vor Ende nicht weiß, wie er handeln will.

In der Bad Godesberger Inszenierung, die getragen wird von einem sehr überzeugenden Schauspielerensemble, hängt sich Fiesco in letzter Konsequenz den purpurnen Fürstenmantel um. Mit diesem Willkürakt gerät er ins Räderwerk der größeren Maschine. Er verliert die Anerkennung seiner Mitstreiter und damit die Legitimation zum Regieren. Sein Sturz ist gewaltig: Verrina tötet ihn.

Menschen, die einfach nicht von der Macht lassen können: Dieses Schauspiel ist allgegenwärtig. In einer unblutigen Variante wurde es letzten Herbst in Deutschland aufgeführt, momentan nimmt es in Italien seinen Lauf. Bis zum 9. April 2006 ist es nahezu täglich um 20 Uhr im Kleinen Theater Bad Godesberg zu bewundern.

 

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua. Trauerspiel von Friedrich von Schiller. Kleines Theater Bad Godesberg.
Premiere: 09.03.2006. Inszenierung: Paul Bäcker.
Weitere Aufführungstermine unter www.kleinestheater-badgodesberg.de.

 

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