Das tut ja weh!

Ein beschaulicher Theaterabend? Nicht mit Antonio Latella! Der Regisseur lässt das Publikum in Die Verwandlung und andere Erzählungen spüren, was Kafka fühlte.

Es ist nicht Antonio Latellas Ziel an diesem Abend im Kölner Schauspielhaus, den Zuschauern eine Geschichte zu erzählen. Der Regisseur hat sich intensiv mit dem Schriftsteller Franz Kafka beschäftigt, mit dessen Texten. Nun glaubt er, Kafka zu kennen. Das Stück Die Verwandlung und andere Erzählungen hat Latella geschrieben, um den Leuten zu zeigen, wie Kafka dachte, wie er fühlte. Er möchte die enorme Wucht von Verzweiflung und Angst erfahrbar machen, der dieser Autor ausgeliefert war und die er nur an guten Tagen auf Papier bannen konnte. Dabei unterscheidet Latella nicht mehr zwischen den Figuren, die Kafka in seinen Werken ersinnt, und dem Autor selbst. Die Uraufführung des Stückes in Köln beginnt damit, dass die fünf Männer auf der Bühne nacheinander ebensoviele dunkle Steinblöcke umdrehen. Zuerst steht auf diesen Blöcken in Kreideschrift der Name »Kafka«, wenig später dann »Samsa« – Gregor Samsa, der Protagonist aus Kafkas Erzählung Die Verwandlung, mit der auch Latella sein Stück beginnen lässt. Um genau zu sein: Auf der Bühne bricht ein Inferno aus. Die fünf Männer, alle in schwarzen Anzügen und Krawatte, rennen und springen zu schrillen Tönen und Geräuschen wie Maschinengewehrschüsse über die Bretter, während sich vor ihnen eine Wand schließt. Die Vorderbühne wird vom Rest der Spielfläche abgetrennt, die Aussage ist klar: Hier ist jemand gefangen, die Schotten sind dicht, Flucht unmöglich. Dann Stille. Fünf verausgabte Männer zitieren gemeinsam eine Passage aus der Verwandlung, während sie teils noch um Luft ringen. Der Beginn der Inszenierung ist bezeichnend für das, was folgt. Die wüste Tollerei der Schauspieler auf der Bühne kommt bei Kafka so nicht mal entfernt vor, aber das ist Latella herzlich egal. Wenn vom Laufen und Springen überanstrengte Männer panisch gegen eine riesige dunkle Wand schlagen, die sich hinter ihnen schließt, wird erfahrbar, was Autor und Protagonist der Verwandlung gefühlt haben könnten: Angst, Unterdrückung, der Wille zur Flucht. Während kaum erträgliche, schrille Töne die Ohren traktieren, schafft es der Regisseur auf diese Weise, die Zuschauer an einigen Stellen sehr nah an Franz Kafka heranzubringen, ihn zu fühlen. Doch zunächst einmal schockt er damit. Die Zuschauer sind überfordert, Kopfschütteln allenthalben. Schon vor der ersten Pause verlassen Einzelne das Parkett. Denn Latella meint es ernst: Sein Stück dauert sage und schreibe zweieinhalb Stunden inklusive zweier Pausen. Für Kafka-unkundige Zuschauer ist es darüber hinaus kaum möglich, die Handlungen der miteinander verwobenen Geschichten des Autors zu entwirren – zu Beginn gibt es eine Szene aus der Verwandlung zu sehen, die direkt in In der Strafkolonie übergeht. Ohne Frage weiß Latella genau, was er tut, die Brüche machen inhaltlich Sinn. So passt es zum Beispiel sehr gut, die Figur des Gregor Samsa, die wie gelähmt ist von der Angst vor der Bestrafung des Chefs für sein Verschlafen, als Delinquenten auf die Folter-Maschine des Offiziers aus der Strafkolonie zu spannen. Aber der Regisseur verlangt viel von seinem Publikum. Im Verlauf des Stückes wird jeder der fünf Schauspieler einmal die Figur Franz Kafka verkörpern. Ob der Betrachter dabei auf der Strecke bleibt, scheint egal. Der Wert dieser ausartenden Inszenierung liegt in einzelnen Momenten, in denen man Kafka in dem Wirrwarr aus einzelnen Geschichts-Strängen vielleicht nicht versteht, aber dafür erlebt. Für die Schauspieler ist es eine Mammutaufgabe, die extremen Emotionen dieses Mannes darzustellen. Unterstützung kommt dabei vor allem von der Musik. So sieht man in einer Szene Roberto Tedesco, wie er als Kafka beziehungsweise Gregor Samsa seine eigene Folterbank Stein für Stein abbaut, die meiste Zeit mit gesenktem Kopf und gebogenem Rücken, untermalt von Bahngeräuschen als Synonym für die schwere Arbeit. Doch von einem Moment auf den anderen erwacht der gepeinigte Knecht aus seiner Lethargie: Er springt umher, mit den Steinblöcken ahmt er nun plötzlich Flügel nach und schwebt gleichsam schwerelos zu verträumter Kindermusik über die Bühne. In Tedescos Gesicht ist dabei die entrückt naive Lust am Spiel zu sehen, wie man sie von kleinen Kindern kennt. Dank starker schauspielerischer Leistungen wie dieser geben viele Szenen die Person Franz Kafka auf eine Weise wider, wie sie der Realität nahe kommt: Kafka war nicht verbittert, konnte träumen, gab sich Frauen hin, hatte Humor. Die Gleichzeitigkeit von Leichtigkeit und Schwermut in seinem Kopf waren charakteristisch für ihn. Daneben aber gibt es auch die Szenen, in denen von all dem nichts spürbar wird und in denen sich die Inszenierung in Chaos und Klamauk verliert. Trotzdem: Latellas Stück wirkt. Die Tortur, die er dem Zuschauer zumutet, ist keine Selbst-Inszenierung und hat einen Sinn. Er vermittelt uns Kafka als Essenz, er zerkocht dessen Geschichten und präsentiert auf der Bühne das Destillat. Es soll allerdings ja auch noch Leute geben, die an einem Freitagabend ins Theater gehen, um sich schlicht und einfach eine dieser Geschichten erzählen zu lassen. Von Anfang bis Ende. Und ohne Maschinengewehrschüsse aus den Lautsprechern. Die Verwandlung und andere Erzählungen. Nach Franz Kafka. Urauffühung. Inszenierung: Antonio Latella. Premiere: 30. Oktober 2009. Schauspiel Köln.

 

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