Dem Mythos auf der Spur

Ein Gespräch mit der Kuratorin Susanne Kleine zur Rolle Anselm Kiefers in der deutschen Gegenwartskunst

Anlässlich von Ausstellungen wie »Nur Hier« in der Bonner Bundeskunsthalle, die bundesweite Ankäufe deutscher Gegenwartskunst zeigte, rücken Themen und Bildsprache der gegenwärtigen Kunstszene gebündelt in den Vordergrund. Dabei ist wiederholt der Bezug auf die Nationalgeschichte auffällig. Die Nazis, die DDR, die Mauer. Ein Künstler, dessen Werk eine intensive Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit darstellt, ist Anselm Kiefer. Nicht als Geschichtslehrer, sondern als Spurensucher arbeitet er sich am Mythos ab und bezieht sich dabei immer wieder auch auf literarische Texte.

In einem Gespräch mit Susanne Kleine, Kuratorin der Bundeskunsthalle, versuchen wir ihn, seine Themen und sein Werk, dem sich die Bonner Ausstellung »Am Anfang« als alternatives Angebot der Aufarbeitung deutscher Geschichte widmete, besser zu verstehen und seine Position innerhalb der Tendenzen deutscher Bildender Kunst zu beschreiben.

Kritische Ausgabe (K.A.): Frau Kleine, Sie sind eine der Ausstellungsleiterinnen und Kuratorinnen der Bundeskunsthalle Bonn. Die Ausstellung »Nur Hier«, die von Ihnen mitkuratiert wurde, beschäftigte sich Ende letzten Jahres mit den Ankäufen deutscher Gegenwartskunst von 2007 bis 2011. Was sind denn gerade die Themen deutscher Gegenwartskunst?

Kleine: Das ist eine Frage, die sich so pauschal schlecht beantworten lässt, da eine große künstlerische Vielfalt besteht. Die Ausstellung öffnet jedoch ein Fenster und zeigt, dass viele Künstler beispielhaft reflektieren und sich mit Geschichte und historischen Fakten auseinandersetzen, sich aber auch mit der subjektiven Interpretation dieser Fakten beschäftigen. Für den Betrachter ist dies ein großartiges Angebot. Die Beschäftigung mit Geschichte ist der rote Faden dieser Ausstellung und der zeitgenössischen Kunstproduktion insgesamt. Auch ist offensichtlich, wie die Künstler unserer Ausstellung sich mit Wertvorstellungen und Wertigkeiten auseinandersetzen. Fragen wie »Ist alles, was glänzt, wertvoll?«, »Was liegt hinter den Dingen?« und »Ist der erste Eindruck wertvoller als der zweite Blick?« werden da aufgeworfen. Und dann ist da immer das Forschen nach der Relevanz und der Notwendigkeit von Kunst.

K.A.: Diese wiederkehrende Frage »Was kann Kunst leisten?«

Kleine: Natürlich. »Was kann Kunst leisten?«, »Was macht Kunst aus, betrifft sie uns wirklich?« Es geht um Partizipation: Wie wird der Betrachter einbezogen, wie ist der Umgang mit Referenzen? Man spürt, welch enorme Kraft in zeitgenössischer Kunst steckt.

Anselm Kiefer in der Gegenwartskunst

K.A.: In dieser Ausstellung ist es ein Arbeiten am Material, das die Gegenwart bietet. Ein Abrufen des Jetzt-Zustandes. Im letzten Sommer haben Sie mit »Am Anfang« einen Künstler gezeigt, der stark mit dem Aufarbeiten von Vergangenem beschäftigt ist und dessen Materialien das sind, was die Geschichte liefert. Wie integriert man sowas in die Vermittlung von Gegenwartskunst?

Kleine: Kunst ist vor allem eine Frage der Vermittlung. Besonders bei zeitgenössischer Kunst kann man sich ja nicht auf verlässliche Quellen beziehen. Unser Auftrag mit den Werken von Anselm Kiefer war zu betonen, dass er nicht nur »dieser Künstler ist, der große Sachen macht«. Wir wollten zeigen, wie er in die Tiefe taucht, um Geschichte hinter der Geschichte offenzulegen. Bei ihm ist die Größe eine Notwendigkeit, die bei genauer Betrachtung dem Thema entspricht.

K.A.: Kunst als alternativer Blick auf Geschichte?

Kleine: Kunst ist ein Angebot. Bei Anselm habe ich das besonders stark empfunden. Anhand seiner Werke kann man zurückgehen und sich Geschichte ganz anders bewusstmachen. Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte, wie dem Holocaust, ist für ihn ein großes Thema; aber es geht viel eher um philosophische und religiöse Fragen.

K.A.: Museen sind die Kirchen der Moderne, wie man so schön sagt.

Kleine: Vielleicht. Aber Kiefer macht keine Arbeiten, die angebetet werden sollen. Er sieht sich als Stellvertreter: stellvertretend für uns durchdenkt er Phänomene und Ideen. Er führt heutige Fragestellungen an ihre Ursprünge zurück.

K.A.: Wenn Sie von einem Angebot reden, dann wird das vor allem in den Formaten seiner Bilder dringlich. Man fühlt sich angesichts der Größe minimiert wie in einer Kathedrale. Nutzt Kiefer dadurch nicht optimal den religiösen Raum des Museums?

Kleine: Der Raumbezug ist für Kiefer exorbitant wichtig. Der Raum, aus dem die Dinge kommen und der Raum, in den er sie zurückführt, ist sein Dreh- und Angelpunkt. Nur gewisse Größen und Raumformate erlauben ja auch die Behandlung des Themas.

K.A.: Aber auch inhaltlich greift Kiefer Thema auf. Der häufige Bezug auf Religion und Mythologien ist auffällig. Ist das ein Suchen nach Identität?

Kleine: Das ist natürlich ein Suchen nach nationaler und kultureller Identität durch Religion und Philosophie. Erist einer der belesensten Künstler, die ich kennengelernt habe. Für ihn ist die Welt, der Kosmos eine Spiegelung der Welt, der Personen und umgekehrt.

K.A.: Der Makro- und der Mikrokosmos …

Kleine: … absolut, das große Thema bei ihm! Das führt zu Bildern, die einen hoch angesetzten Horizont haben. Das ist eine bewusste Strategie, um den Betrachter in den Bildkosmos einzubeziehen auf den Platz verweisen, den wir haben. Über Kiefers Bilder kann man die Verbindung wirklich eingehen; nicht im religiösen, sondern im offenen und toleranten Sinne.

Das Wort als künstlerischer Ursprung

K.A.: Wie empfanden Sie diesbezüglich das Zusammenspiel von Text und Bild? Er greift oft andere Denker auf und benutzt Text als Grundlage für seine Bilder. In »Schwarze Flocken« kommen Paul Celans Worte aus einem Buch heraus und strömen in die Landschaft. Dann die Arbeiten zu den Bleibüchern: Ist das Wort Ursprung von Anselm Kiefers Bild?

Kleine: Sprache ist für ihn ein Mittel und Vermittler; Sprache ist gleichwertig mit Material und Medium. Als großer Verehrer von Paul Celan und Ingeborg Bachmann nutzt er ihre sprachlichen Bilder, um sich inspirieren zu lassen.

K.A.: Die Texte zu den Bildern haben in Ihrer Ausstellung stark das Thema der Bilder ins Zentrum gestellt. Würden Sie sagen, dass Anselm Kiefer eher von der abstrakten Idee her arbeitet als vom Material? ist bei Anselm Kiefer sehr stark mit dem Thema der deutschen Geschichte verknüpft. Sieht sich da in einem Vermittlungsauftrag?

Kleine: Anselm Kiefer ist kein Geschichtslehrer. Er steht nicht mit erhobenem Zeigefinger da, darum geht es ihm nicht. Es ist sein persönlicher Ansatz. Man muss ihn als Suchenden sehen; sein Verstehen-Wollen ist Ursprung seiner Aktivität und Kreativität. Die deutsche Vergangenheit und Kriegsvergangenheit betrifft uns, weil Geschichte uns alle betrifft. Der Begriff des Stellvertreters ist hier noch einmal wichtig. Stellvertretend für uns will er die Dinge erkennen, nachvollziehen und verstehen.

Arbeit an der Vergangenheit

K.A.: Von ihm kam auch der Ausspruch »Meine Biographie ist die Biographie Deutschlands«. Als 1945 Geborener versteht er sich als einer, der mit der deutschen Nachkriegsgeschichte mitgegangen ist.

Kleine: Das ist ja auch das, womit viele Menschen Schwierigkeiten haben: Man fühlt sich gemahnt, an Unangenehmes erinnert und empfindet Lücken in der eigenen Bildung. Erinnerungsarbeit zu leisten ist für viele eine Herausforderung; ich sehe es eher als ein Angebot.

K.A.: Was ist denn mit der Debatte vom engagierten Künstler? Halten Sie Anselm Kiefer für einen engagierten Künstler – im Politischen?

Kleine: Ja, aber nicht im klassischen Verständnis von Parteiarbeit. Er ist engagiert, wie jeder Bürger engagiert sein sollte, indem er kritisch beobachtet und handelt, ohne sich vereinnahmen zu lassen.

K.A.: Sehen Sie als konsequente Weiterführung davon auch seinen Ankauf eines AKW, in dem er eine Art Performance Museum errichten will? Einige Künstler, mit denen ich über Anselm Kiefer gesprochen habe, sehen ihn aus diesem Grund sehr ambivalent. Große Gesten wie der Ankauf des AKW oder des Kölner Domdaches befremden viele. Glauben Sie, dass Anselm Kiefer in Person und Kunst einen Bogen durch die deutsche Ideengeschichte spannen will?

Kleine: Auf jeden Fall bildet er viele Linien. Er produziert keine Arbeiten, in denen er ganz konkret aktuelle politische Themen bespricht, sondern arbeitet philosophische Ansätze und geschichtliche Fakten als Spiegelung heutiger Zustände durch.

Arbeit in der Gegenwart

K.A.: Aber spannt er nicht den Bogen durch das stark energetisch und historisch aufgeladene Material wie Sonnenblumen, Erde und Haare? Indem er diese Dinge benutzt, begreift er doch mit vergänglichen Mitteln seiner jetzigen Welt diese historischen Ideengebäude.

Kleine: Es ist keine zeitgenössische Materialauswahl, aber sie impliziert , Vergänglichkeit, Zerstörung und dadurch auch Historie. Seine Auswahl ist ja schon vorbestimmt, auf seine thematische Reflexhin gewählt. Also eine Verstärkung, Doppellung seiner Aussage durch das Thema und das Material.

K.A.: Er benutzt dabei eine Bild-Sprache, die den Mythos weiterspinnt. Ich finde, dass er Kategorien eher bedient, anstatt sie zu hinterfragen. Seine Auseinandersetzung mit dem Thema der Weiblichkeit ist sehr mythologisierend. Erschwert das generell den Zugang?

Kleine: Das mag sein, vielleicht hat man dadurch eher Probleme, den Zugang zu finden. Sicher »festigt« diese Haltung einen Mythos, eine Geschichte, eine Tradition, aber am Ende erfordert dieses Verweisen darauf eine Reflex, führt zu Hinweisen in die heutige Zeit.

K.A.: Mir schien auch dort der Reibungspunkt mit der zeitgenössischen Kunst zu liegen, da er eine große Tendenz hat, die Sphären, die in der Gegenwartskunst getrennt werden, im Mythos wieder zusammenzuführen.

Kleine: Hier wird vielleicht deutlich, dass er in dem Sinne kein moderner, aber, für mich, ein zeitloser Künstler ist.

K.A.: Frau Kleine, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch.


 

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