Den Klassikern verpflichtet

Matías Martínez und Michael Scheffel versammeln in Klassiker der modernen Literaturtheorie die einflussreichsten ›Diskursbegründer‹ der modernen Literaturtheorie

Angesprochen auf eine vermeintlich teleologische Dynamik seiner vielfältigen theoretischen sowie literarischen Produktivität relativiert Roland Barthes in einem Interview mit Les Nouvelles littéraires die Vorstellung eines einheitlichen Subjekts in einer prägnanten Charakterisierung:

Ich mag dieses Bild, aber es würde die Vorstellung vermitteln, daß mein Arbeitsleben einen Sinn, eine Entwicklung, ein Ziel gehabt habe und daß es in diesem seine Wahrheit fände. Dieser Vorstellung eines einheitlichen Subjekts ziehe ich das Spiel des Kaleidoskops vor; man gibt ihm einen Stoß, und die Glasteilchen treten in eine andere Anordnung […].1

Der hier angedeuteten Tendenz, den Schaffensprozess eines Subjekts mit einem Sinn bzw. einer konstitutiven Entwicklungslinie zu unterlegen, setzt sich nun zwangsläufig jede wissenschaftliche Überblicksdarstellung aus – sei sie als entsprechende Epochen-, Genre- oder Methodeneinführung konzipiert –, die sich wesentlich an dem Wirken der jeweiligen Protagonisten orientiert. Aus dieser Perspektive heraus liegt es vor allem für das Forschungsfeld der Literaturtheorie nahe, einen seine Prämissen sowie Fluchtpunkte einführend darstellenden Band intersubjektiv zu arrangieren, etabliert sich die seit den 60er Jahren vermehrt sowie nachhaltig aufscheinende Problematisierung autor- bzw. subjektfokussierter Ansatzpunkte doch maßgeblich über literaturtheoretische Reflexionen. So weisen die in den letzten Jahrzehnten zahlreich erschienenen Grundlagen-Publikationen zumeist eine Gestaltung auf, die primär an den wesentlichen Methodentendenzen – in ihrer Differenzierung sowie Genese – ausgerichtet ist2, wobei daneben gleichwohl wiederholt Einzeldarstellungen zu den verschiedenen Theoretikern veröffentlicht wurden. 3 Matías Martínez und Michael Scheffel reflektieren allerdings in den einleitenden Bemerkungen zu dem von ihnen herausgegebenen Sammelband Klassiker der modernen Literaturtheorie nicht allein die Gefahr einer Verkürzung bzw. Verknappung individueller Produktivität. Sie treten darüber hinaus der Vorstellung entgegen, die methodischen Leitideen der Literaturtheorie ließen sich auf einer stringenten Entwicklungslinie im Sinne einer generellen Fortschrittsgeschichte abbilden: Wenn es überhaupt so etwas wie Fortschritt in der Literaturtheorie geben sollte, dann ließe er sich wohl nur als Prozess einer zunehmenden Klärung und Differenzierung innerhalb bestimmter Forschungstraditionen und theoretischer Paradigmata beschreiben. Sowohl die Revision als auch die Fortführung einer so verstandenen Fortschrittsgeschichte aber setzt die Kenntnis der jeweiligen Diskursbegründer voraus. Mit der »Kenntnis der jeweiligen Diskursbegründer« akzentuieren sie zudem das Kernanliegen des von ihnen konzipierten Einführungsbandes. Dieser intendiert, in seinen einzelnen Beiträgen jeweils einen zentralen Vertreter der Literaturtheorie des 20. Jahrhunderts in einer »kritischen Rekonstruktion der Grundideen dieser Persönlichkeiten, die zu ›Diskursbegründern‹ für dauerhaft einflussreiche Theorien der Literatur wurden«, zu charakterisieren, und steht darin in der Nachfolge der von Horst Turk 1979 ebenfalls im Verlag C. H. Beck herausgegebenen Klassiker der Literaturtheorie.4

Fokussierung auf die Entwicklungslinien seit 1900

Im Vergleich zum Vorgängerband, der mit einem Text Jürgen von Stackelbergs zu Nicolas Boileau-Despréaux einsetzt und bei den Ausführungen Gerhard Neumanns zu Roland Barthes abschließt, zeigt sich der Beobachtungsrahmen der Klassiker der modernen Literaturtheorie in seiner Fokussierung der spezifischen Entwicklungslinien seit etwa 19005 historisch verengt. Er beginnt dergestalt mit Joachim Pfeiffers Studie zu Sigmund Freud, um sich daneben über u.a. folgende Beiträge in einer gelungenen, repräsentativen Auswahl chronologisch fortzusetzen: Georg Lukács (Linda Simonis), Michail Bachtin (Matthias Aumüller), Hans-Georg Gadamer (Friederike Rese), Roland Barthes (Frauke Schmidt), Niklas Luhmann (Oliver Jahraus), Jacques Derrida (Peter V. Zima), Judith Butler (Andreas Blödorn). Auch wenn sich umgehend das Ausklammern so wesentlicher Theoretiker wie u.a. Gilles Deleuze, Paul de Man oder Tzvetan Todorov reklamieren ließe, erfasst der Band von Martínez und Scheffel in der nun einmal zwangsläufig zu treffenden Auswahl die grundlegenden Einflussfaktoren gegenwärtiger Theoriediskussionen. Darüber hinaus leistet bereits der durchgängig einheitliche formale Aufbau der einzelnen Aufsätze in seiner Aufgliederung in die Abschnitte »Leben«, »Werk«, »Wirkung« und »Literatur« (mit einem Verzeichnis der einschlägigen Primär- sowie Sekundärliteratur) eine vielfältige Anbindung an fernere Kontexte, Perspektiven, methoden- bzw. personenbezogene Intertexte sowie Rezeptions- und Wirkungslinien. Der entscheidende Vorzug eines an den elementaren Theoretikern des 20. Jahrhunderts orientierten Beitragsarrangements ist – wie dies auch Martínez und Scheffel andeuten – in der Möglichkeit einer detaillierten Auseinandersetzung mit den jeweiligen, häufig polymorphen bzw. sich quer zu den kanonisierten Methodenkategorien darstellenden Grundunterscheidungen, Begrifflichkeiten sowie Theorieentwürfen zu sehen. Wie Linda Simonis in ihren Ausführungen zu Georg Lukács eindrucksvoll zeigt, verlieren sich die einzelnen Betrachtungen in dieser Hinsicht keinesfalls in den auf eine jeweilige Entwicklungslinie ausgerichteten Fragmenten einer Biographie-Orientierung. Die aufgerufenen Forschungsmomente werden vielmehr grundlegend mit den spezifisch verzweigten Kontextgeflechten verbunden – elementar in der oben erwähnten Artikelgliederung einer historischen, text- sowie diskursanalytischen Einordnung. Dem Beitrag von Simonis gelingt es auf diese Weise, das wesentlich an Georg Simmel, Max Weber, Heinrich Rickert, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, marxistischen Theoremen sowie am zeitgenössischen Kommunismus ausgerichtete Lukács’sche Schreiben in seinen literatur- und gesellschaftskritischen sowie eigentümlichen Begrifflichkeiten zu veranschaulichen, indem sie sein Werk in vier Perioden gliedert: ein lebensphilosophisch-hermeneutisch, neukantianisch und hegelianisch beeinflusstes Frühwerk; eine marxistisch orientierte »zweite Phase der Theoriebildung«; eine Periode vertiefender Konzeptionalisierung aus einer etablierten akademischen Stellung heraus; ein in der Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Regime geprägtes Spätwerk. Davon ausgehend legt Simonis in einer chronologischen Nachzeichnung der entscheidenden Schriften Lukács‘, die sich im Kern stets an kulturphilosophischen sowie literaturtheoretischen Ansatzpunkten im Spannungsverhältnis von Literatur und Geschichte ausrichten, die spezifischen Argumentationslinien dar. Abschließend umreißt sie prägnant die zahlreichen Wirkungsmomente seiner Texte u.a. bei Lucien Goldmann, in den Ansätzen einer sozialphilosophischen Modernetheorie sowie in einer kritisch-polemischen Rezeption von Bertolt Brecht und Theodor W. Adorno. Gerade in der Verknüpfung der detaillierten Analyse zentraler Theoreme mit dem Aufzeigen der jeweiligen Wirkungslinien im Rahmen paralleler bzw. nachfolgender Theorieperspektiven zeigt sich der wesentliche Vorzug der von Martínez und Scheffel angelegten Bandkonzeption, auch wenn die Ausführungen im Hinblick auf die kanonisierte sowie fortlaufende Rezeption der einzelnen Theoretiker oftmals in pointierten Zusammenfassungen verbleiben. In Matthias Aumüllers Beitrag zu Michail Bachtin erscheint diese produktive Ausgestaltung besonders evident, indem die konturierte Terminologie Bachtins wiederholt mit ihrem weitreichenden Einfluss auf zahlreiche Theoriekonstruktionen verbunden wird. So rekonstruiert Aumüller zum einen die entscheidenden Aspekte der Arbeiten Bachtins, die er vor allem in der Perspektivierung des Kunstwerks als »Gesamtheit von ›Text und Kontext‹«, der (vielgestaltigen) Theorie der Dialogizität und dem Konzept der Karnevalisierung nachzeichnet. Damit verbunden sieht er in einem zweiten Analyseschritt die Aktualität der akzentuierten Theoreme u.a. in der Bedeutung ihrer Implikationen für ein wissenschaftskritisches Denken sowie in ihrer »Vagheit und Vorläufigkeit« resultierend in einer »fast universalen Adaptierbarkeit seiner Überlegungen« begründet.

›Was ist Literatur?‹

In einer vergleichbaren Kohärenz gelingt es Frauke Schmidt, die polymorphen Schriften Roland Barthes' in ihrem komplexen Schreibarrangement sowie vielfältigen Gegenstandsbereich »als eine Folge von Antworten auf die Frage ›Was ist Literatur?‹« zu fokussieren, »die von der theoretischen Darstellung bis zur praktischen Vorführung reichen«. Die methodische Vielfalt, die sich im Rahmen dieser »Folge von Antworten« komplex aufspannt, umfasst ausgehend von einer strukturalen Ideologiekritik (orientiert an Jean-Paul Sartre) bzw. einer an Ferdinand de Saussure angelehnten Semiotik die Auseinandersetzungen um eine ›neue Literaturkritik‹, die Ansätze einer strukturalen Erzähltheorie, die Problematisierung des Autorbegriffs (einhergehend mit der Inszenierung eigener Autorschaft) sowie die Dynamik eines poststrukturalistischen Schreibens. Um nun nicht den Eindruck einer fortlaufenden, ungebrochenen Entwicklungslinie des Schreibers Roland Barthes zu evozieren, zeichnet Schmidt signifikante Wechselbezüge und entsprechend angepasste Wiederaufnahmen zentraler Begriffe innerhalb der in chronologischer Abfolge betrachteten Arbeiten nach. Gleichwohl ist ihr an der Identifizierung eines roten Fadens des Barthes’schen Schreibens gelegen, den sie wie folgt akzentuiert:

Die Auseinandersetzung mit einer Wirklichkeit, deren vermeintliche Positivität letztlich nur auf Zeichen und Zeichensystemen beruht – und innerhalb dieser die Betonung des Signifikanten.

Allerdings übersetzt Schmidt diese wiederkehrende Charakteristik in den Texten Barthes' nicht in ein starr-fortlaufendes, jeweils stringent zu rekonstruierendes Paradigma. Vielmehr erkennt sie darin das prägende Motiv eines Theoriebemühens, das »das Schreiben als dynamische Praxis« in seinen Prämissen sowie Konstituenten im Rahmen verschiedener Ansatzpunkte wiederholt reflektiert und darin zugleich inszeniert.6 Matías Martínez/Michael Scheffel (Hrsg.): »Klassiker der modernen Literaturtheorie« (Cover)Somit entziehen sich die im Kontext einer einführenden Darstellung literaturtheoretischer Entwicklungslinien zwangsläufig zu treffenden Sinnzuweisungen bzw. Deutungsannahmen auch an dieser Stelle einer monovalenten Überformung der vorgestellten Theoreme. Den nachgezeichneten Theorieansätzen wird in den einzelnen Beiträgen dementsprechend generell ihre produktive Dynamik einer immer wieder neu ansetzenden Reflexion in Bezug auf den konstitutiven Fragekomplex ›Was ist Literatur?‹ belassen. Die Klassiker der modernen Literaturtheorie entfalten dergestalt in ihrer Einführung in die zentralen Literaturtheoretiker des 20. Jahrhunderts eine überaus lesbare Überblicksdarstellung, der es in ihren kenntnisreichen und das literaturtheoretische Feld grundlegend umreißenden Einzeluntersuchungen lediglich an einem die Benutzung weiter vereinfachenden Sachregister mangelt, während der Band speziell für ungeübte Theorieleser eine lohnende Einstiegslektüre bildet.

 

Matías Martínez/Michael Scheffel (Hrsg.): Klassiker der modernen Literaturtheorie. Von Sigmund Freud bis Judith Butler. München: Verlag C.H. Beck, 2010 (= Beck'sche Reihe;1822). 416 Seiten. ISBN 978-3-406-60829-2. 16,95 Euro.

  • 1. Barthes, Roland: Das Spiel des Kaleidoskops. In: Ders.: Die Körnung der Stimme. Interviews 1962–1980. Frankfurt am Main 2002. S. 218-224; hier: S. 224.
  • 2. Vgl. in dieser Hinsicht u.a. Klawitter, Arne/Ostheimer, Michael: Literaturtheorie. Ansätze und Anwendungen. Göttingen 2008; Oliver Jahraus: Literaturtheorie. Theoretische und methodische Grundlagen der Literaturwissenschaft. Tübingen 2004; Eagelton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie. Stuttgart 1997; sowie in einem grundlegend methoden-, gleichwohl aber auch subjektfokussierten Arrangement Literaturtheorien des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Ulrich Schmid. Stuttgart 2010.
  • 3. Siehe u.a. Sasse, Sylvia: Michail Bachtin zur Einführung. Hamburg 2010; Villa, Paula-Irene: Judith Butler. Frankfurt a.M. 2003.
  • 4. Vgl. Klassiker der Literaturtheorie. Von Boileau bis Barthes. Hrsg. v. Horst Turk. München 1979.
  • 5. Horst Turk erkennt bereits in seinen einleitenden Bemerkungen des von ihm angelegten Bandes in den Übergängen vom 19. ins 20. Jahrhundert eine entscheidende Zäsur im Rahmen literaturtheoretischer Ansatzpunkte: »Die geschichtlichen Formen durch welche die Literatur etwas bedeutet, ausdrückt oder zu verstehen gibt, wurden in der Literaturtheorie des 20. Jahrhunderts einer radikalen Kritik unterzogen. […] Erst die neueren Ansätze rekurrieren auf die konstitutive Bedeutung der Sprache und der Schrift. Dies hat zur Folge, daß das Verhältnis von Poetik, Ästhetik und Rhetorik nicht mehr allein von der Grundlage der philosophischen Ästhetik aus, sondern auf der Grundlage der Linguistik und der Semiotik bestimmt wird.« (Horst Turk: Einleitung. In: Klassiker der Literaturtheorie [wie Anm. 4], S. 7–9; hier: S. 8. Mit Blick auf ein literaturtheoretisches Feld, das sich äußerst heterogen darstellt und seit den 1960er Jahren einen publizistischen Höhepunkt erfuhr, um gegenwärtig »eher eine gewisse Theoriemüdigkeit« erkennen zu lassen, findet die Einengung der Forschungsperspektive auf das 20. Jahrhundert auf diese Weise eine grundlegende Rechtfertigung.
  • 6. Allein ein Verweis auf die prägenden Schreibverfahren Barthes', über die sich seine theoretischen Ansatzpunkte fortlaufend entfalten, wäre zu ergänzen. Vgl. in dieser Hinsicht exemplarisch Ette, Ottmar: Der Schriftsteller als Sprachendieb. Versuch über Roland Barthes und die Philosophie. In: Textualität der Philosophie. Hrsg. v. Ludwig Nagl u. Hugh J. Silverman. Wien 1994 (= Wiener Reihe, Themen der Philosophie; 7). S. 161–189; Langer, Daniela: Wie man wird, was man schreibt. Sprache, Subjekt und Autobiographie bei Nietzsche und Barthes. München 2005. S. 205 und 223 f.
 

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