Der Alptraum vom Fliegen

Die Kammerspiele Bad Godesberg werden für Yesim Özesoy Gülans Letzte Welt zum Flugsimulator

Biennale Bonn 2008 (Logo)Das Stück Son Dünya (Letzte Welt) beginnt schon am Eingang des Theaters: Wer eintreten will, muss sich erst einmal den örtlichen Sicherheitskontrollen unterziehen. Warum? Weil das Theater nicht länger Theater, sondern ein Flugplatz ist. Die Sicherheitsschleusen sind passiert. Die Gefahr von Terroranschlägen ist gebannt. Bis auf die Gefahr eines Anschlages auf das Gemüt. Aber der geht allein auf das Konto der Autorin und Regisseurin Yesim Özesoy Gülan. Als die Zuschauer endlich durch Eingang – Pardon: Gateway A – eintreten dürfen, warten auf der Bühne schon die Protagonisten: ein Geschäftsmann (Ulgar Manzakolu), eine Frau (Perihan Kurtolu) und ein weiterer jüngerer Mann (Deniz Özmen). Sie sitzen in Flugzeugsesseln, kurz vor dem Start der Maschine. Sie lesen, schlafen, tun, was man eben so tut, damit die Zeit vergeht. Nichts verbindet sie. Vollkommene Anonymität. Ruhige Sphärenmusik wabert durch den Raum; man wiegt sich in Sicherheit. Kurz noch eine Tragi-Comedy-Einlage seitens des Piloten: Er fühlt sich einsam, seine Ehe ist gescheitert. Das wollte er nur gesagt haben.

Szenenfoto aus »Letzte Welt« (Son Dünya). Inszenierung der VeDST Theatre Group, Instanbul (Foto: © VeDST Theatre Group)
Szenenfoto aus Letzte Welt (Son Dünya)
Inszenierung der VeDST Theatre Group, Instanbul
(Foto: © VeDST Theatre Group)

Abflug. Die Sessel werden in die Höhe gezogen. Es dauert nicht lange und es kommt zu Turbulenzen. Das Bordpersonal gibt noch schnell in sportlich-tänzerischer Synchronformation die letzten Tipps, wie man möglichst kontrolliert abstürzt. Denn auch Sterben soll ja in geregelten Bahnen ablaufen. Und Absprung: Ab jetzt vergeht die Zeit wie im Flug. Präziser: Wie im freien Fall. Die drei Personen schweben über der Bühne, hängen an Seilen, die Dauer ihres Sturzes wird ins Beinahe-Unendliche gedehnt. Sie sind von Flugzeugsplittern umgeben. Ihre Gedanken rasen. Die Reflexion über das Leben setzt ein. Und doch: Jeder von ihnen ist in diesem Endlos-Moment allein: Es gibt nur Monologe. Die Anonymität bleibt bestehen.

Das Gedankenpendel der Stürzenden schlägt aus: Von existenzphilosophischen Betrachtungen schwingt es hinüber zu so banalen Fragen, wie die nach dem letzten Mittagessen. Dann schwingt es wieder zurück: Vanitas. Visionen. Angst. Ein Alptraum vom Fliegen. Ein Anschlag auf das Gemüt der Zuschauer. Am linken Bühnenrand ist derweil eine weitere Frau erschienen. Eine Wahrsagerin, die aus dem Kaffeesatz liest, kommentiert ab jetzt das Schicksalsroulette. Sie ist kein Scharlatan, denn sie weiß: »Natürlich will niemand gesagt bekommen, dass er sterben wird.« Plötzlich fühlt man sich selbst in die Tiefe stürzen …

Szenenfoto aus »Letzte Welt« (Son Dünya). Inszenierung der VeDST Theatre Group, Instanbul (Foto: © VeDST Theatre Group)
Szenenfoto aus Letzte Welt (Son Dünya)
Inszenierung der VeDST Theatre Group, Instanbul
(Foto: © VeDST Theatre Group)

Die Gedanken der Figuren sind absurd. Die Situation ist absurd. Sie geht über das hinaus, was ein Mensch psychisch ertragen kann. Das ist surreales Theater. Das ist grotesk, bizarr. Die Nerven vibrieren. Dennoch hat die Inszenierung in der Realität Anleihen gemacht: Sie spielt auch auf den 11. September 2001 an.

Das spärliche Bühnenbild zeigt die Personen in ihrer Ausgeliefertheit. Sie sind auf sich selbst zurückgeworfen. Die Produktion Letzte Welt ist ein Aus-Flug aus dem Leben in den Schwebezustand zwischen Noch-Sein und Nicht-Mehr-Sein. Dieser Schwebezustand in der Luft stellt für die Schauspieler eine enorme Herausforderung dar. Ihre Bewegungen wirken fast wie Tanztheater. Da spielen die Körper mit, wenn sie von transzendenten Visionen heimgesucht werden, wenn der Wunsch nach Sex auftaucht, wenn sie sich nur in einem Traum wähnen. Die VeDST Theatre Group Istanbul schafft es, ihr Publikum auf besondere Weise zu involvieren. Nicht nur durch die »Sicherheitskontrollen« am Eingang, sondern auch durch die musikalische Untermalung in Form von Apokalypseklängen, die das Stück zu einem Flugsimulator der besonderen Art machen. Gülans akrobatische Sprache, mit der sie die Figuren an den Seilen tanzen lässt, strotz vor poetischer Kraft: Gedanken können in einer solchen Situation nur noch assoziativ aneinandergereiht werden. Alles ist »Wie Loch. Wie Leere. Wie Opium.« Dennoch: Derart philosophische Gedanken, die im poetisch-luftigen Seidenmantel daherkommen, wirken zu abgehoben. Das Ende? Das Schicksalsrad dreht weiter. Mit einem Mal befinden sich die drei Schauspieler wieder auf dem Boden. Es ist der Boden der Tat-Sachen. Erst jetzt wird gehandelt. Beziehungsstreit. Eifersuchtsdrama. Die Frau erschießt den Geschäftsmann unerwartet und plötzlich. Der dritte Mann steht zwischen ihnen. Keine Zeit mehr für langwierige philosophische Gedankenspielchen. Der Tod ist banal. Ironie. Und weiter: Verwirrung. Denn wie die Anonymität zwischen den Personen durchbrochen wurde, bleibt ungeklärt. Orakelte die Wahrsagerin eingangs noch, dass der junge Mann in dieser Geschichte »das Fragezeichen« sei, muss man ihr unbestritten Recht geben. Nur: Er ist nicht das einzige. Glücklicherweise gibt es im Anschluss an das Stück noch eine Fragerunde mit der Autor-Regisseurin. Erst in dieser wird klar, dass sich hinter dem Mikrokosmos der Einzelschicksale der drei Figuren noch ein Makrokosmos verbirgt. Die Frau will Yesim Özesoy Gülan als eher mystisch dargestellte Repräsentantin des Ostens verstanden wissen, den Geschäftsmann als eher bewegungslos-rationalen Repräsentanten des Westens. Und der dritte Mann, unser Fragezeichen? Er verkörpert die Türkei, die irgendwo zwischen Ost und West steht. Interessante Ansätze also. Nur leider werden die innerhalb des Stückes nicht deutlich. Eine weitere Schwierigkeit: Im rasanten Tempo des assoziativen Dauerstaccatos, dem die Simultanübersetzung nur noch hinterherhecheln kann, müssen Anspielungen auf bedeutende Werke der östlichen und westlichen Weltliteratur für den Zuschauer unbemerkt bleiben. Nichts kann unbefriedigender sein als Theater, das erst erklärt werden muss. Son Dünya (Letzte Welt). Schauspiel von Yeşim Özsoy Gülan (in türkischer Sprache mit Simultanübersetzung). VeDST Theatre Group. Theater Bonn – Kammerspiele Bad Godesberg. Inszenierung: Yeşim Özsoy Gülan. Deutschland-Premiere.

Fotos: © VeDST Theatre Group

 

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