Der Bibliotheken-Engel

Manfred Poser wurde schon Hilfe vom Engel zuteil, aber verlassen sollte man sich nicht auf ihn – sein Auftauchen ist eine Gnade

Engel und der Turm von Babel (Foto: Manfred Poser)In Bibliotheken ist es meist still, aber hört man nicht manchmal ein fernes Rauschen, ein leises Flügelschlagen? Das könnte der Bibliotheken-Engel sein. Wir stehen vor Büchern, vor vielen Büchern, einem Meer aus Büchern, in dem wir zuweilen verloren sind; sie kehren uns den Rücken zu, doch Welten stecken in diesen Körpern – nur welchen wählen? Es gibt ein Zitat von John Mitchell von 1978, und zu diesem Namen sagt LibraryThing: »John Mitchell is composed of at least 9 distinct authors.« Welchen wählen? Nach Konsultation der 57 Titel im Angebot der Universitätsbibliothek Freiburg blieben John D., John J. und John V. in der engeren Auswahl, und ich vermute, es war John V. Mitchell, der 1981 Ghosts of an Ancient City geschrieben hat. Das passt am ehesten zu seiner folgenden Aussage ...

Engel und der Turm von Babel (Foto: Manfred Poser)
Engel und der Turm von Babel (Foto: Manfred Poser)

 

Studiere ein Thema, lass es zu, dass es dich beherrscht, stell ihm Fragen, und wenn du das nächste Mal eine Bibliothek, eine Buchhandlung oder einen Freund aufsuchst, könntest du dort gerade das eine Buch herauspicken, das dir die Antwort gibt, nach der du gesucht hast. Koinzidenzen können provoziert werden. Ich habe viele Autoren dazu befragt, und fast alle konnten treffende persönliche Geschichten darüber erzählen, wie hilfreich dieser Aspekt eines Rückkopplungseffekts sein kann, den Arthur Koestler Bibliotheken-Engeln zuschrieb.

Arthur Koestler (1905–1983) war ein österreichischer Schriftsteller, dessen Buch Sonnenfinsternis, eine Abrechnung mit dem Kommunismus, zum Welterfolg wurde. Er hatte oft paranormale Erlebnisse und interessierte sich für die Theorie (Die Wurzeln des Zufalls, 1972). Er vermachte sein Geld der Universität Edinburgh, die dafür 1985 einen Lehrstuhl für Parapsychologie einrichtete. Ihn hatte der sympathische Robert (Bob) Morris fast 20 Jahre lang bis zu seinem Tod inne. Einige Begriffe müssen wir zunächst noch erläutern. Koinzidenzen sind zwei Geschehnisse, die auf verblüffende Weise zusammenfallen; ein profaner Ausdruck dafür wäre Zufall. Synchronizität ist ein Begriff des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung (1875–1961) und bezieht sich darauf, dass die eigene Innenwelt plötzlich in der Außenwelt auftaucht: Gerade denkt man ein Wort, und der Nachbar im Bus spricht es aus; man hat es mit einem Thema zu tun und steht vor einem Plakat, das zu einem zu sprechen scheint; man hat ein Problem, und die Lösung steht auf einem schmutzigen Zettel, der auf dem Boden liegt.

 

Das Gedicht
Dunkel und rätselhaft: ein Geist in der Universitätsbibliothek im Film »Ghostbusters« (1984) (Quelle: www.ecto-web.org)

 

Dazu gibt es so viele wunderbare Geschichten, dass ich fast fürchte, der Engel der Bibliotheken wird eine Fortsetzung haben müssen. Keine Frage, den Anfang müssen zwei »Meta-Geschichten« machen, denn was ist schöner als eine Synchronizität, wenn jemand Synchronizitäten, eine Koinzidenz, wenn jemand Koinzidenzen sucht? Brian Inglis schreibt in seinem Buch Coincidence (1990):

Bill Haines saß ungefähr im Jahr 1984 in einem Klub in Lagos, Nigeria, und las in einer der englischen Zeitungen die Rezension eines neuen Buchs über Jung; darin waren kurz Synchronizitäten beschrieben, was er für interessant hielt. »Nachdem ich meinen Stuhl verlassen hatte, ging ich in die Bibliothek, die in jenem Klub hauptsächlich aus Whodunits und anderen Taschenbüchern der übelsten Sorte bestand. Ich stand zufällig vor der Sektion mit ›J‹. Direkt vor mir stand eine Reihe von Taschenbüchern mit Schriften Jungs. Ich öffnete ein Buch in der Mitte und las genau den Abschnitt über Synchronizität.«

Aus einem Artikel von Geoff Olson (Oktober 2004), den ich Marcel Diel verdanke:

In seinen »Notes From a Small Island« berichtet der Reiseschriftsteller Bill Bryson über sein persönliches Zusammentreffen mit dem Bibliotheken-Engel, nachdem er einer Reisezeitschrift einen Artikel vor allem über außergewöhnliche Koinzidenzen angekündigt hatte. »Als ich den Artikel schreiben wollte«, erzählte Bryson, »erkannte ich, dass ich, obwohl ich eine Menge Informationen aus wissenschaftlichen Studien über die Wahrscheinlichkeit von Koinzidenzen hatte, mir Beispiele von bemerkenswerten Koinzidenzen fehlten ...« Als er der Zeitschrift geschrieben hatte, dass er nicht in der Lage wäre zu liefern, schreibt Bryson, er habe »auf der Schreibmaschine einen Brief liegen lassen«, den er am nächsten Tag hatte abschicken wollen. Dann fuhr er zur Arbeit, zur Times in London. Dort sah er an der Tür eines Aufzugs eine Nachricht, die die Mitarbeiter zum jährlichen Verkauf von Büchern einlud, die zu Rezensionszwecken an die Zeitung geschickt worden waren. »Der Raum war voller Leute. Ich drang in die Menge ein, und das erste Buch, auf das mein Blick fiel, hieß ›Bemerkenswerte wahre Koinzidenzen‹ [Remarkable True Coincidences]. War das nicht ein hübsches Beispiel für eine bemerkenswerte wahre Koinzidenz? Aber jetzt kommt das Unheimliche: Ich öffnete das Buch und sah, dass die erste Koinzidenz einen Mann namens Bryson betraf.«

Seltsam: In dem Olsen-Artikel wird auf die Bryson-Koinzidenz zweiter Ordnung (die von Bryson aufgestöberte Bryson-Geschichte) nicht eingegangen, die aber bekannt ist; zumindest steht sie in meinen anderen beiden Quellen, dem Buch von Brian Inglis und den Seiten von Koestler in dem Band The Challenge of Chance (1973), wo allerdings Olsens Bill-Bryson-Story vermisst wird. Wir führen die beiden Geschichten also zusammen – und das muss so sein. Der amerikanische Mathematiker Warren Weaver, ein Experte für Wahrscheinlichkeit, schrieb an Arthur Koestler:

Mein Nachbar von nebenan, George D. Bryson, begab sich vor einigen Jahren auf eine Geschäftsreise, die ihn von St. Louis nach New York führen sollte. Da er am Wochenende reiste und keine Eile hatte, [...] bat er den Schaffner des Zuges, ihn doch in Louisville aussteigen zu lassen. [...] Er mietete sich im Brown Hotel ein. Und dann, nur so zum Spaß, ging er zum Postschalter und fragte, ob es Post für ihn gebe. Das Mädchen reichte ihm ruhig einen Brief, der an »Mr George D. Bryson, Room 307« adressiert war, genau das Zimmer, das er soeben bezogen hatte. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dem vorherigen Bewohner von Zimmer 307 um einen anderen George D. Bryson gehandelt hatte, der für eine Versicherungsgesellschaft in Montreal arbeitete, aber aus North Carolina stammte. Viel später trafen sich die beiden Brysons und konnten sich ›kneifen‹, um alles für wahr zu halten.

Noch eine nette Geschichte. Der Schauspieler Anthony Hopkins hatte das Angebot, in dem Stück The Girl from Petrovka mitzuspielen, aber der Roman von George Feifer, der als Vorlage diente, war in keiner Londoner Buchhandlung zu finden. Als er am Bahnhof Leicester Square auf die U-Bahn wartete, fiel ihm ein Buch auf, das auf einem Sitz liegen geblieben war. Es handelte sich um ein Exemplar des gewünschten Romans und war sogar mit Anmerkungen am Rand versehen. Später, als Hopkins den Autor traf, erfuhr er, dass einer seiner Freunde das Buch mit den Anmerkungen verloren hatte. Es war genau Feifers Exemplar, das Hopkins gefunden hatte. Wenn der Bibliotheken-Engel herbeigleitet oder die gute Fee der Bücher ihren Zauberstab schwingt, reißt kurzzeitig der Himmel auf, und es läuft einem kalt den Rücken hinunter. Das gibt es also; ein numinoses Gefühl ist das, eine Mikro-Erleuchtung. (Übrigens schreibe ich auch manchmal im Traum oder es wird mir etwas eingegeben, eine Passage, die einfach perfekt ist und alles aussagt; ich meine zu wissen, ich müsste es nur niederschreiben, aber natürlich schlafe ich weiter und – es ist weg.) Wenn man weiß, dass es den Bibliotheken-Engel gibt, trifft man ihn auch.

 

PS Ich wollte auch etwas erleben, und nachdem ich das geschrieben hatte (schon eine Weile her), fuhr ich am nächsten Mittag, 10. Februar, nach Freiburg, hielt bei einem Antiquar in Nähe des Rathauses an und ließ die Blicke schweifen. Es dauerte 30 Sekunden, und ich sah Psi ich liebe dich. Wie richtig! Ich schaute näher hin und merkte, wie genial gebrochen das war: Denn (siehe Bild) der Titel lautete exakt PS I Love you, ein Kitschroman über eine englische Trümmerfrau.

 

Das Gedicht
»PS I Love You« – die Trouvaille in einem Freiburger Antiquariat. (Foto: Manfred Poser)

 

Da sieht man wieder die unheimliche Kreativität des Bibliotheken-Engels. Thank you! You’re an angel!

 

 

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