Der dunkelste Monat in Schweden

Ein November ohne Kerzen

16 Uhr Växjö, es wird dunkel. Bereits zehn Minuten später hat sich vollkommene Dunkelheit über den Campus gelegt. Alles ist ruhig. Es fällt mir sehr schwer noch nicht den Abend einzuläuten. Wenn ich gegen 18 oder 19 Uhr joggen gehe, fühlt es sich an, als würde ich zur Mitternachtsstunde eine Runde um die Seen drehen. Doch der sanfte gelbliche Schein der Laternen weist mir den Weg am Rande des Campus durch ein kleines Stückchen Wald. Nur ein kleiner Wind weht. Die Bäume, der See, alles ist in natürliche Stille eingetaucht. Der Blick entlang des Ufers ist gefesselt an das Lichtspiel ausgehend von den umliegenden Häusern, dem Mond und der silbrig glänzenden Oberfläche des Sees. Es herrscht eine wunderbar friedliche Stimmung.

Foto: Manuela Pittl

Wenn es schon so früh dunkel wird, muss man die Stunden der Helligkeit ausnutzen – oder sich der Stimmung hingeben und es sich nach schwedischer Tradition drinnen gemütlich machen, gesellig beieinandersitzen, zusammen kochen, backen und viele Kerzen anzünden. Denn der November ist der dunkelste Monat in Schweden, lernte ich in meinem Schwedisch-Kurs. Verwundert darüber, erklärte man mir, dass der im November einfallenden Dunkelheit erst im Dezember mit tausenden Kerzen entgegengewirkt wird. Ich möchte und kann so lang nicht warten, aber freue mich schon in allen Häusern und überall in der Stadt, in allen Läden den Kerzenschein flackern zu sehen. Richtig bitter kalt ist es allerdings noch nicht. Letztes Jahr zu dieser Zeit lag bereits meterhoch Schnee. Auf den ersten Schnee dieses Jahres muss ich wohl noch etwas warten, wenn ich ihn überhaupt miterlebe, da ich mich jetzt nach Ende der meisten Kurse auf die Reise mache.

Das Semesterende

Die Organisation der Kurse, das System in Schweden, unterscheidet sich stark von der Art und Weise an deutschen Unis. Das Semester begann ja bereits Ende August und ist erst am 15. Januar zu Ende. Direkt im Anschluss, also am nächsten Tag, beginnt das »spring«-Semester, d.h. dazwischen gibt es keine vorlesungsfreie Zeit. Erst mit dem Ende des Frühlingssemsters Anfang Juni hat ein schwedischer Student keine Vorlesungen mehr (bis zum folgenden „autumn“-Semester Ende August). Jedoch verläuft das Semester an sich ebenfalls anders. Die Kurse (mit 7,5 Credit Points) dauern nur vier bis fünf Wochen und die Prüfung folgt direkt nach Ende des Kurses. Entweder starten diese Kurse zu Semesterbeginn oder erst im Oktober oder November. Nur intensivere Kurse (mit 15/30 CP) erstrecken sich über das ganze Semester. Demnach hat ein schwedischer Student mehr oder weniger die Möglichkeit selbst zu planen, wie er sich das Lernen und die Ferien einteilt. Da meine Kurse alle direkt zu Semesterbeginn einsetzten, sind sie nun beinahe alle abgeschlossen – nur mein Schwedisch-Kurs findet bis Mitte Dezember statt, ein Kurs für den es 15 CP gibt. Die Klausuren und Hausarbeiten werden normalerweise mit VG (väl godkänt = gut) oder G (entspricht ungefähr befriedigend) beurteilt, solange man bestanden hat. So liegen weniger Noten vor, sondern es zählt vielmehr, ob man bestanden hat oder nicht. Für uns Austauschstudenten wird jedoch anders verfahren, damit unsere Heimatuniversitäten unsere Leistungen anerkennen können. Da wir Noten von A bis F bekommen, fühle ich mich – da ich dies nur aus Hollywoodstreifen kenne – wie in einem amerikanischen College. Und die Ergebnisse können sich sehen lassen, mit meinen Noten kann ich ohne Probleme Schwedens berühmteste Pop-Gruppe ABBA buchstabieren. Jetzt ist die letzte Prüfung geschrieben und ich bin gespannt auf das Resultat. Zum Abschluss der Kurse veranstalteten die Dozenten eine »Fika« für uns, aus meiner Sicht eine der besten Eigenheiten der schwedischen Kultur. »Fika« – als Verb und Substantiv zu gebrauchen – bezeichnet einen Kaffee, Tee oder »sockervatten« (=Zuckerwasser) mit verschiedensten Geschmacksrichtungen zu trinken und dazu vielerlei schwedische Süßigkeiten, Kekse und Kuchen zu naschen. Eine der vielen schwedischen Traditionen, die mir sehr zusagt.

Prüfungen, fertig, los

Mit  der Beendigung meiner letzten Prüfung ist die Reisezeit gekommen – es stehen Besuche von nordischen Hauptstädten an. Zuerst galt es Tallinn zu erkunden. Das Universitätswerk für internationale Studenten organisierte einen Trip für drei Tage: vom Hafen Stockholms nach Tallinn und zurück – zwei Nächte auf einer Fähre quer über die Ostsee und den finnischen Meerbusen. Neben zwei feuchtfröhlichen Abenden auf der »Baltic Queen« der Tallink Silja Line, auch bekannt als Party-Boot, war ich vor allem gespannt wie es so weit östlich in der estnischen Hauptstadt zugeht. Meine freudigen Erwartungen wurden übertroffen. Mit all den alten Häusern, der russisch-orthodoxen Kirche und dem rosafarbenen Parlament wirkt Tallinn wie eine aus dem Märchen entsprungene Stadt. Der mittelalterliche Charme entsteht speziell aus der Atmosphäre des großen Marktplatzes, auf dem ein Paar in traditionellen Kleidern aus einem mittelalterlichen Wagen Köstlichkeiten verkauft. Davon abgehend schlängeln sich viele enge Gässchen zwischen den großen imposanten Steinhäusern mit hohen Eingängen und schweren Holztüren. Morgens legten wir in diesem urigen Städtchen an, das von ca. 600.000 Esten (von nicht ganz der Hälfte der insgesamt 1,4 Millionen Einwohnern) bewohnt wird, wie uns eine aufgeweckte Frau, unser Tourguide für jenen mittelalterlichen Stadtkern, informierte. Da wir leider am Nachmittag wieder ablegten, blieb keine Zeit das estnische Literaturmuseum unter die Lupe zu nehmen oder einen Blick in die Nationalopern zu werfen. Dennoch hatten wir vom Dachcafé eines namenhaften Hotels eine großartige Aussicht über Tallinns schöne Dächer bei Sonnenuntergang.

Müde, glücklich und zufrieden traf ich nach diesem märchenhaften Ausflug wieder in Växjö ein. Kurz darauf nahm ich die Planung für die nächste Reise auf, deren Ziel unweit von der estnischen Hauptstadt liegt. Nächster Stopp: Helsinki.


 

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