Der Geist von Turin

Ein Interview mit der Journalistin Maike Albath über ihr Buch, das die wechselvolle Geschichte des Turiner Verlags Einaudi erzählt

»Der Geist von Turin erzählt von der Stadt, den Gründern des Verlages und ihren wechselhaften Biographien. Es handelte sich um Freunde mit einem gemeinsamen Projekt. Dazu gehörte auch, sich zu streiten, sich zu versöhnen, sich zu verlieben und sich zu trennen.« Mit diesen Worten beginnt Maike Albath ihr Buch über den berühmten Turiner Verlag Einaudi. Die ausgewiesene Kennerin der italienischen Gegenwartskultur beschreibt aber nicht nur die wechselvolle Geschichte des Verlages, sondern auch ein spannendes Stück Geistesgeschichte. Die heute in Berlin lebende Romanistin will in ihrem Buch an ein anderes Italien erinnern, an das Italien der Intellektuellen, wie das Italien von Cesare Pavese (1908–1950), der mit seinen Romanen eine ganze Generation beeinflusste, oder das Italien von Italo Calvino (1923–1985), einem der bedeutendsten italienischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Journalist und Lektor bei Einaudi. Als der Verlag im Jahr 1934 ins Leben gerufen wurde, kämpfte sein Gründer, Giulio Einaudi, im bewaffneten Widerstand gegen die Faschisten und formte den Verlag nach seinen kommunistischen Idealen. Auch seine Mitarbeiter teilten seine damals gefährliche politische Stellungsnahme und engagierten sich für eine geistliche Wiedergeburt Italiens. Über diesen Geist von Turin sprach Maike Albath mit Elisabetta Terigi anlässlich der Präsentation des Buches im Italienischen Kulturinstitut in Köln.

Kritische Ausgabe (K.A.): Frau Albath, wie sind Sie auf die Idee gekommen, über den Turiner Verlag Einaudi zu schreiben?

Maike Albath (M.A.): Ich kam mit 18 Jahren zum ersten Mal nach Turin. Mich hat die Stadt sofort fasziniert. Sie wirkte eher französisch als italienisch. Später habe ich begriffen, womit das zusammen hing. Hier lag vieles in der Luft: der Verlag Einaudi wurde in Turin gegründet, es ist der Ort, an dem Pavese den Freitod wählte, außerdem ist es die Stadt der italienischen Einigung und des Risorgimento. Die Arbeiterbewegung war sehr stark, und es gab eine antifaschistische Bewegung. All das hat Spuren hinterlassen. Als ich 1985 nach Turin umzog, las ich alle Bücher von Pavese. Einaudi war schon in der Krise, aber der Verlag war immer noch sehr präsent. Das Verlagshaus ist in Deutschland leider eher unbekannt. Man sehnt sich bei uns nach einem anderen Italien, dem intellektuellen Italien, das nichts mit Berlusconi oder der Mafia zu tun hat. In meinem Buch wollte ich den deutschen Lesern auch von einem anderen Italien erzählen, das heute so sehr in den Hintergrund gerückt ist.

K.A.: Neben historischen Dokumenten, Briefwechseln zwischen Giulio Einaudi und seinen Mitarbeitern, sind Sie mit berühmten Persönlichkeiten in Kontakt getreten. Wie kam es dazu?

M.A.: Das Material hatte ich zum Teil schon in den letzten Jahren gesammelt. Den Germanisten Cesare Cases, lange Zeit Gutachter bei Einaudi und ein Freund des Verlegers, die Übersetzerin Magda Olivetti, Roberto Cerati, der seit 1945 bei Einaudi arbeitet und als Senior immer noch eine leitende Funktion inne hat, und die Übersetzerin und Freundin Paveses Fernanda Pivano habe ich zum ersten Mal 2001 getroffen. Der Anlass war eine Recherche für eine Radiosendung über Turin. Damals wusste ich nicht, dass ein Buch daraus werden würde. Als ich dann an Der Geist von Turin schrieb, bin ich mehrfach nach Italien gefahren, habe Cerati, Carlo Ginzburg, den Sohn des Verlagsgründers Leone und der Schriftstellerin Natalia, befragt und Renata Aldrovandi Einaudi besucht, die Witwe des Verlegers. In Italien ist eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten über den Einaudi Verlag erschienen, die auch Briefe Giulio Einaudis enthalten. Außerdem gibt es Editionen der Briefe Paveses. Das waren wichtige Informationsquellen für mich, aus denen ich auch zitiere.

»Der Geist von Turin ist für die Leute gedacht, die neugierig auf Italien sind und mehr über das Land wissen wollen.«

K.A: In Ihrem Buch verwenden Sie einen journalistischen, einfachen und schönen Stil und lassen Ihre Zeitzeugen selbst von der Entstehung des Verlages erzählen. Ist diese Annäherung an das Thema das Ergebnis langer Überlegungen oder eine spontane Entscheidung gewesen?

M.A.: Der Aufbau des Buches ist beim Schreiben entstanden. Ich bin jetzt seit siebzehn Jahren Journalistin und verwende natürlich auch in meinem Buch einen Stil, wie ich ihn sonst auch benutze. Ich wollte keine wissenschaftliche Arbeit über Einaudi schreiben, sondern eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte über Italien, über ganz bestimmte Menschen, Schriftsteller, Intellektuelle und Übersetzer, die etwas Außergewöhnliches auf die Beine gestellt haben. Es sollte ein zugängliches Buch werden. Der Geist von Turin ist für die Leute gedacht, die neugierig auf Italien sind und mehr über das Land wissen wollen. Die Geschichte des Verlags ist hochinteressant und stark mit der Geschichte Italiens verwoben. Aus den Schilderungen der Verbannung Paveses und Leone Ginzburgs kann man einen Eindruck vom italienischen Faschismus gewinnen. Über die Figuren jener Zeit, die Bücher, die sie verlegt haben, ihre Freundschaften und Liebesbeziehungen, konnte ich die Stimmung dieser Epoche wiedergeben. Wenn ich mich auf die Fakten beschränkt hätte, wäre es vollkommen abstrakt geblieben.

K.A.: Sie haben den Einaudi Verlag als »Nukleus des italienischen Geisteslebens« bis in die 1970er Jahre hinein definiert. Hat dieser Geist die Jahrtausendwende überlebt? Ist er noch in Turin verwurzelt?

M.A.: Spuren dieses Geistes gibt es noch, aber er ist nicht mehr mit Einaudi verbunden. Ein bisschen davon setzt sich in den kleinen, unabhängigen Verlagen fort, die sich in Rom gegründet haben. Zum Beispiel bei Donzelli – der Verleger war Lektor bei Einaudi –, oder bei Minimum Fax, Nottetempo, E/O. Heute gehört Einaudi zum Mondadori-Konzern und damit zum Medienimperium Berlusconis. Einaudi ist immer noch ein bedeutender internationaler Verlag mit einer eindrucksvollen Backlist, aber mit der Utopie seiner Gründer hat er nichts mehr gemein. Der Niedergang Einaudis ist übrigens auch eine Chiffre für den Niedergang der italienischen Linken. Bei mir entstand der Eindruck, dass man heute in Italien auch die historische Phase Einaudis oft kritisch sieht und von der ’Hegemonie der Linken' spricht. Der Verlag hatte ein klares politisches Profil. Das hat sicher auch Einschränkungen mit sich gebracht, aber dennoch sollte man stolz darauf sein. Denn immerhin gab es eine eindeutige Orientierung, es wurden bestimmte Inhalte geboten, mit denen man sich auseinander setzen konnte. Einaudi hat ungeheure verlegerische Leistungen vollbracht. Zum Beispiel die Storia d’Italia, ein umfangreiches Geschichtslexikon, in dem Italien und seine Regionen aus historischer, soziologischer und kultureller Perspektive in den Blick genommen werden. Es gibt nichts Vergleichbares in Deutschland.

»Einaudi konnte nur in Turin gegründet werden. Die Stadt hat eine große geistesgeschichtliche und kulturgeschichtliche Tradition.«

K.A.: Turin war eine faszinierende Stadt, von der man offenkundig gar nicht so leicht loskam. Giulio Einaudi, Natalia Ginzburg, Cesare Pavese verbrachten dort ihre Jugend und blieben der piemontesischen Hauptstadt immer verbunden. Wie würden Sie diese Beziehung mit einem Ort definieren

M.A.: Einaudi konnte nur in Turin gegründet werden. Die Stadt hat eine große geistesgeschichtliche und kulturgeschichtliche Tradition. Denken Sie an das Risorgimento. Übrigens erlitt Nietzsche in Turin seinen psychischen Zusammenbruch. Das Werk vieler Autoren ist ohne Turin nicht denkbar. Pavese und Turin sind untrennbar miteinander verbunden. Er war so melancholisch wie die Stadt. In seinen Erzählungen und Romanen spürt man die besondere Stimmung des Piemonts. Er hat sich immer gegen einen Umzug des Verlages gewehrt, auch weil er Angst hatte, dass sein Kollege, der sizilianische Schriftsteller Vittorini, der in Mailand war, an Einfluss gewinnen könnte.

K.A.: Im Geist von Turin wird nicht nur die Gründung des Verlages erzählt, sondern auch der historische Hintergrund beleuchtet wie etwa die politische Lage in den 1930er Jahren. Interessanterweise waren viele italienische Juden Faschisten. Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Turin missbilligten die antifaschistischen Aktivitäten der jüdischen Intellektuellen wie Carlo Levi, Vittorio Foa und Leone Ginzburg. Können Sie diesen Aspekt erklären?

M.A.: Die jüdische Gemeinde hat sich von der antifaschistischen Widerstandsbewegung Giustizia e libertà distanziert und die Aktivitäten von Leone Ginzburg und Luciano Foa, die beide 1935 verhaftet wurden, kritisiert. Viele Juden waren Italiener der ersten Stunde und eng mit dem Staat Italien verbunden – wie das genau aussah, kann man zum Beispiel in Giorgio Bassanis Roman Die Gärten der Finzi-Contini nachlesen. Sie haben die Situation vollkommen verkannt und Mussolini falsch eingeschätzt. Selbst nach der Erlassung der Rassengesetzte 1938 haben viele die Dramatik der Lage nicht begriffen.

»Man wollte nicht nur literarische Werke herausgeben, sondern alles, was für die Erziehung des Menschen wichtig sein konnte.«

K.A.: In den 1930er Jahren veröffentlichte der Verlag einige wissenschaftliche Reihen mit Werken von Max Planck, Pawlow, Louis de Broglie, außerdem erschienen zahlreiche Romane ausländischer Schriftsteller. Wie kam es zu dieser originellen Zusammenstellung?

M.A.: Man wollte nicht nur literarische Werke herausgeben, sondern alles, was für die Erziehung eines Menschen wichtig sein konnte. Standardwerke aller Disziplinen sollten zugänglich gemacht werden. Es mangelte an derartigen Ausgaben. Es gab einen aufklärerischen Gedanken dahinter, es ging auch um Erziehung und die Herausbildung einer neuen Elite. Man wollte Schüler und Studenten erreichen. Die ›Einaudianer‹ interessierten sich aber auch für alle Bereiche. Sie gingen von einem universellen Bildungsideal aus.

K.A.: Wie konnten so unterschiedliche Persönlichkeiten und Temperamente wie Pavese und Vittotini eigentlich im Verlag zusammenarbeiten?

M.A.: Es gab viel Streit, aber eine Lösung wurde immer gefunden, wie es in den besten Familien passiert. Die Mitarbeiter des Verlags waren unabhängig, neugierig und hatten bestimmte Vorlieben. Verschieden zu sein, war sehr gut für den Verlag, der für alles offen war. Jeder hatte seine Leidenschaft und versuchte sie im Verlag zu entwickeln: Mila die Musikwissenschaft, Pavese die Religionsphilosophie. Es gab einen produktiven Dissens.

K.A.: Der heutige Verlagschef Roberto Cerati hat im Gespräch mit Ihnen den Begriff der ’Familie’ für die Kultur seines Verlages gewählt. Bei Einaudi war familiärer Geist und Idealismus offenbar wichtiger als unternehmerisches Kalkül. Wie war das damals möglich?

M.A: Einaudi konnte nur in einer ganz bestimmten historischen Phase und unter ganz bestimmten Bedingungen entstehen. Die jungen Turiner haben sich um den Markt nicht gekümmert und stattdessen auf Inhalte und ihre Überzeugungen gesetzt. Heute wäre das so nicht mehr möglich. Einaudi hätte niemals Krimis verlegt. Damals war das Buch das wichtigste intellektuelle Medium; wer etwas werden wollte, musste viel lesen. Es war ein Medium der Zukunft. Heute ist das Buch durch Fernsehen, Filme und Internet ersetzt worden. Die Linke hat damals auf Bücher und Kultur gesetzt. Im Gegensatz dazu haben die Christdemokraten schon damals auf das Fernsehen gesetzt.

K.A.: Hat diese besondere Verlagskultur den Niedergang beeinflusst?

M.A.: Sicherlich. Als der Niedergang begann, waren viele Leute schon weg. Giulio Einaudi wurde alt und hatte keinen direkten Nachfolger. Es hatte Streit mit Giulio Bollati, dem so genannten Giulio II, der für die Programmgestaltung sehr wichtig war, gegeben. Der neue ökonomische Druck beschleunigte den Niedergang; der Verlag hatte wenige Rücklagen, viele Bücher wurden als Subskriptionen verkauft; die Zinsen stiegen. Calvino ist einer der letzten Lektoren aus den ersten Jahren gewesen, aber er zog sich schon Ende der sechziger Jahre nach Frankreich zurück, was kein Zufall war.

K.A.: Nicht nur der Verlag, sondern auch Giulio Einaudi hatte sich verändert. Auf einmal hatte er Spaß an der mondänen Zerstreuung. War auch das ein Grund für den Niedergang des Verlages?

M.A.: Die wahre Ursache des Scheiterns war, wie gesagt, die ökonomische Krise, die mit inneren Spannungen verbunden war. Der Verlag hatte sich verändert. Viele Leute, die mit Giulio Einaudi den Verlag gegründet hatten, waren nicht mehr da, und der Idealismus der ersten Jahre war verschwunden. Aber Verlage haben oft Zyklen.

»Die Nachkriegszeit war in Italien literarisch sehr reich. In Deutschland gab es kaum etwas, erst Ende der fünfziger erschien dann Die Blechtrommel von Günter Grass.«

K.A.: Sehen Sie Parallelen zu einem Verlag aus Deutschland?

M.A.: Es gibt Suhrkamp und die Suhrkamp-Kultur. Aber das ist etwas ganz anderes. Suhrkamp wurde in den 1960er Jahren wichtig, also viel später als Einaudi, und der Verlag hat nicht annährend so großen Einfluss gehabt wie Einaudi. Die Nachkriegszeit war in Italien literarisch sehr reich. In Deutschland gab es kaum etwas, erst Ende der fünfziger erschien dann Die Blechtrommel von Günter Grass. Das Land war mit den Folgen des Krieges beschäftigt, Emigranten wie Thomas Mann oder Bertolt Brecht wollte man nicht haben.

K.A.: In Deutschland war der Umzug des Suhrkamp Verlages von Frankfurt nach Berlin heftig umstritten. Sehen Sie die Entscheidung Einaudis, in Turin zu bleiben und nicht nach Mailand umzuziehen, als taktischen und wirtschaftlichen Fehler? Immerhin haben in Mailand viele Unternehmen und Verlage ihren Hauptsitz.

M.A.: Nein. Turin hatte seine Vorteile, es war ein lebendiges, kulturelles Zentrum, man hatte viele Freiräume. Leute wie Bobbio und Mila unterrichteten an der Universität und gehörten zum Verlag. Außerdem gab es Niederlassungen von Einaudi in Mailand und Rom.

K.A.: Cesare Cases, einer der wichtigsten Germanisten Italiens, war ebenfalls Mitarbeiter bei Einaudi. Ein Universitätsprofessor, der sich auch mit den neuen Veröffentlichungen eines Verlags beschäftigt. Wie war das möglich? Gab es zwischen der Verlagswelt und der Universität keinen Gegensatz, so wie man das heute oft beobachtet?

M.A.: Damals war es normal, an der Universität und im Verlag gleichzeitig zu arbeiten. Es gab keine Konkurrenz, im Gegenteil, die Sphären befruchteten sich gegenseitig. Einaudi war so etwas wie eine Universität für jedermann. Als Verleger hatte Giulio Einaudi die Absicht, erzieherisch zu wirken. Mitarbeiter wie Cesare Cases waren vollkommen unabhängig, wovon der Verlag auch profitierte. Er arbeitete als Professor an der Universität und kam zu den Mittwochssitzungen.

K.A.: Kommen wir zu Cesare Pavese: Der Schriftsteller, Dichter und Übersetzer spielte eine wesentliche Rolle in der Entstehungsphase von Einaudi und beim Aufstieg des Hauses. Sein Selbstmord 1950 war der erste Einschnitt für den Verlag, weil er so viele Kontakte hatte. Wie waren die Reaktionen?

M.A.: Es war ein Schock. Alle wussten von seinen depressiven Neigungen, aber niemand ahnte, dass er diesen Schritt tatsächlich tun würde. Anschließend sind die Übriggebliebenen zusammengerückt. Plötzlich schien das Zentrum zu fehlen, aber die Folge war eine innere Kohäsion. Auch die tragischen Tode von Leone Ginzburg und Giame Pintor hatte Einaudi als einen moralischen Auftrag empfunden. Jetzt musste man erst recht weiter machen.

»Pavese war für den Einaudi Verlag so wichtig, dass man natürlich auch über seinen Tod sprechen musste. Sein Tod ist einer der Erzählfäden, die durch das Buch hindurch gehen.«

K.A.: Der Selbstmord von Pavese wird in Ihrem Buch aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt: Gleich am Anfang beschreiben Sie das Hotelzimmer, in dem Pavese gefunden wurde, später berichten Roberto Cerati und Fernanda Pivano, wie sie den Verlust erlebt haben, und schließlich kommt die Witwe von Giulio Einaudi, Renata, zu Wort. Bei jedem Gespräch kommt ein neues Element hinzu. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie immer wieder auf den Tod Paveses gestoßen sind?

M.A.: Pavese war für den Einaudi Verlag so wichtig, dass man natürlich auch über seinen Tod sprechen musste. Es war ganz normal, bei jedem Gespräch drauf zu kommen. Sein Tod ist einer der Erzählfäden, die durch das Buch hindurch gehen, das stimmt. Aber sein Tod hat eben auch diese paradoxe Wirkung gehabt: Seine Freunde, zu denen auch Calvino und Natalia Ginzburg gehörten, wollten weitermachen. Maike Albath: »Der Geist von Turin« (Cover)

K.A.: Zum Schluss möchte ich Sie noch zu der Rolle der Frauen im Einaudi Verlag befragen. Ich denke an so wichtige Persönlichkeiten wie Natalia Ginzburg, Elsa Morante, Fernanda Pivano, die sowohl als Lektorinnen als auch als Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen gearbeitet haben. Für diese Zeit war die Beschäftigung von Frauen eher untypisch. Wie war es möglich für sie damals in einem Verlag zu arbeiten?

M.A.: Einaudi war in den ersten Jahrzehnten nach seiner Gründung eine männliche Welt. Die Entscheidungen wurden von Männern getroffen. Natalia Ginzburg war in der frühen Phase, um die sich mein Buch dreht, die einzige Frau, die mehrere Jahre lang auch als Lektorin im Verlag arbeitete. Sie war sehr direkt und offen und sagte immer, was sie dachte. Einaudi nahm sie sehr ernst. Dass Frauen eher eine Nebenrolle spielten, entsprach aber auch der gesellschaftlichen Situation insgesamt. Sie hatten damals einfach noch keine Schlüsselpositionen inne. Frauen waren Zulieferinnen wie Fernand Pivano, die übersetzte, aber nie ständig für den Verlag gearbeitet hat.

 

Maike Albath: Der Geist von Turin. Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943. Berlin: Berenberg Verlag, 2010. 189 Seiten. 19,– Euro. ISBN 978-3-937834-37-5.


 

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