Der Herbst 1989 – eine Revolution?

Eine Antwort auf die Frage, wie eine Revolution ohne Gewalt einen Staat umstürzte

Nur wer mit wachsamen Augen durch Berlin geht, kann sie sehen. Eine in den Straßenboden eingelassene Doppelreihe Kopfsteinpflaster, die sich quer durch die Stadt zieht. Heute überwinden die Menschen sie ohne große Mühe; das wäre zwanzig Jahre zuvor noch undenkbar gewesen. Diese Kopfsteinpflaster zeichnen den Weg der Berliner Mauer nach, die in voller Größe heute nur noch an wenigen Plätzen wie an der Bernauer Straße und der East Side Gallery an der Spree zu sehen ist.

Quer durch Berlin verflegtes Kopfsteinpflaster erinnert heute an den Verlauf der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)
Quer durch Berlin verflegtes Kopfsteinpflaster erinnert heute an den Verlauf der Berliner Mauer (Foto: Benedikt Viertelhaus)

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer feiern unzählige Dokumentarfilme, Bücher und Feuilletons das Wunder der friedlichen Revolution, die den Deutschen die Wiedervereinigung beschert habe. Doch war der Umbruch 1989 wirklich eine Revolution? Zwar hat der Herbst 1989 tatsächlich tiefgreifende politische Veränderungen quasi über Nacht, vom 9. auf den 10. November, gebracht, aber ist das bereits als Revolution zu bezeichnen? Denkt man bei diesem Begriff nicht unweigerlich an Robespierre, jakobinische Schreckensherrschaft, an enthauptete Monarchen, also kurzum an die Gewalt, die alle klassischen Revolutionen bisher begleitete, von der Französischen (1789) über die März- (1848/49) bis zur Novemberrevolution (1918)? In der Erinnerungskultur der Berliner Republik hat sich neben der Rede von der friedlichen Revolution ein weiteres geflügeltes Wort für die Ereignisse im Jahr 1989 behauptet: Der Begriff der ›Wende‹1 hat sich im alltäglichen Sprachgebrauch vor allem in den neuen Bundesländern durchgesetzt. Jedoch erweist sich dieser Terminus für die gesellschaftspolitische Bedeutung des Herbstes 1989 als gänzlich ungeeignet. ›Wende‹ suggeriert eine Reformierung der DDR durch die alte, neue Staatsführung unter Egon Krenz, die aber keinesfalls stattfand. Gleichzeitig schmälert der Wende-Begriff die Rolle der sich ihrem Unmut Luft verschaffenden Demonstranten. Dass die Menschen auf die Straße gingen und elementarste Rechte von ihrer Obrigkeit einforderten, ist ohne den schleichenden Untergang des kommunistischen Herrschaftsapparates nicht denkbar. Und genau das ist die Besonderheit der massiven Umwälzungen, die im Herbst 1989 ihren Höhepunkt fanden und als Revolution zu bezeichnen sind, wenn man von einem gewaltkonnotierten Gebrauch dieses Begriffes absieht: Der Untergang des Staates war mehr dem Legitimationsverfall der SED geschuldet als der Aneignung der Macht durch Demonstranten und Dissidenten.2

Erosion in der Partei und im Staat

Der Machtverlust der SED zeichnete sich bereits im Jahr 1985 ab, als die Staatspartei in zwei gegensätzliche Lager zerfiel: Zum einen in das der Gorbatschow-Anhänger, die sich vom sowjetischen Staats- und Parteichef Impulse für die DDR und außerdem ein baldiges Ende der gerontokratischen3 Führungsspitze um Erich Honecker erhofften. Zum anderen in das Lager der konservativen Honecker-Treuen, die den Sozialismus durch den neuen Kurs Moskaus bedroht sahen – selbst in der KPdSU waren Glasnost und Perestroika nicht unumstritten; ein Staatsstreich nicht ausgeschlossen4 – und immer mehr an Realitätsverlust litten. So wurde dann auch die innere Erosion der Partei im September 1989 durch eine Erhebung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) über die Befindlichkeiten der Parteigenossen ganz offenbar.5 Das Ergebnis des von Stasi-Chef Erich Mielke delegierten Stimmungsberichtes war symptomatisch für diese Zeit und machte deutlich, dass sich selbst höhere SED-Funktionäre in ihrer Haltung nicht mehr wesentlich von der restlichen Bevölkerung unterschieden: Unzufriedenheit über die Versorgungslage, Perspektivlosigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen und politischen Leben in der DDR, schwindende Motivation sowie eine reduzierte Leistungsbereitschaft war die bedrückende Bestandsaufnahme.6 Kurzum: der Trend gestiegener Ausreisebestrebungen und die allgemeine Apathie der Bevölkerung gegenüber ihrer aussichtslosen Lage schlugen auch in der Partei mit Austritten und Austrittsdrohungen mächtig zu Buche.7 Das Vertrauen in die Partei(-führung), ihre Politik und ihre zentralistische Organisation war bei den Mitgliedern erschüttert. Das Vertrauen der Bevölkerung in den ökonomisch abgewirtschafteten, ökologisch daniederliegenden und politisch endgültig desavouierten Staat war es schon lange. In dieses Klima der deprimierten Hoffnungslosigkeit fiel der 40. Jahrestag der DDR, der dann zugleich auch ihr letzter gewesen sein sollte. An diesem Tag hatte Erich Honecker noch verkündet:

Unsere Republik gehört zu den zehn leistungsfähigsten Industriestaaten der Welt, zu den knapp zwei Dutzend Ländern mit dem höchsten Lebensstandard. […] Heute ist die DDR ein Vorposten des Friedens und des Sozialismus in Europa.8

Angesichts des faktisch staatlichen Bankrotts waren das mutige Worte, die sich fast schon als Durchhalteparole lesen lassen. Die DDR war mit 49 Milliarden Valuta-Mark im sogenannten nichtsozialistischen Ausland verschuldet, der Arbeiter- und Bauernstaat stand kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.9 Allein 1990 hätte der Lebensstandard nach internen Angaben um 25 bis 30 Prozent gesenkt werden müssen, um die Verschuldung zu stoppen, was aber unmöglich war.10 Aber auch in politischer Hinsicht muteten die selbstherrlichen Feiern rund um den 7. Oktober geradezu grotesk an. Es war ein letztes Aufbäumen gegen die Zeichen der Zeit und gegen die eigene Bevölkerung, mit militärischem Pomp und anachronistischem Fackelzug der Freien Deutschen Jugend über den Boulevard Unter den Linden. Denn zur selben Zeit hatten die Menschen bereits massenhaft die Flucht über Ungarn, das seine Grenze zu Österreich geöffnet hatte, angetreten. Die Besetzung der Botschaft der Bundesrepublik in Prag sowie die Ausreise jener Flüchtlinge über DDR-Territorium, begleitet von massiven Auseinandersetzungen in Dresden und andernorts, als dort die Züge erwartet wurden, waren ebenso wie die sich an die Montagsgebete in der Leipziger Nikolaikirche anschließenden Demonstrationen weitere Höhepunkte des Unmuts, dessen Anlass die gefälschten Kommunalwahlen vom Mai 1989 waren.

Zum 40. Jahrestag der DDR der Kollaps des Systems

Seit einem Jahr bereitete die Partei sich auf das Jubiläum vor, aber nicht nur in friedlicher und feierlicher Absicht. Die nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 eingerichteten Bezirks- und Kriseneinsatzleitungen arbeiteten seit Beginn des Jubiläumsjahres akribisch genau mit Hinblick auf den 7. Oktober, um zusammen mit den staatlichen Stellen auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.11 Auch die »Kampfgruppen der Arbeiterklasse«12 wurden verstärkt, damit gegen unerlaubte und somit auch unerwünschte Aktivitäten der Opposition vorgegangen werden konnte. Bereits im November 1988 erteilte der Erste Sekretär der Bezirksleitung von Ost-Berlin, Zentralkomitee- und Politbüromitglied Günter Schabowski, die unmissverständliche Weisung:

Die Volkspolizei Berlin hat zu gewährleisten, daß durch die Kampfgruppen der Arbeiterklasse die Aufgaben im Interesse der jederzeitigen Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit, insbesondere gegen subversive und konterrevolutionäre Machenschaften des Gegners sowie im Rahmen der Landesverteidigung zuverlässig erfüllt werden können.13

Ein Ort der Erinnerung: Die Gedenkstätte Bernauer Straße (Foto: © Benedikt Viertelhaus)
Ein Ort der Erinnerung: Die Gedenkstätte Bernauer Straße (Foto: Benedikt Viertelhaus)

Auch Michail Gorbatschow, der große Bruder aus Moskau, der schon sehr frühzeitig eine sowjetische Intervention ausschloss und somit die Breschnew-Doktrin14 aufgab, war zugegen, als sich unzählige Demonstranten mit »Gorbi«- und »Keine Gewalt«-Rufen gegenüber des Palasts der Republik, in dem das abendliche Staatsbankett mit Gästen aus aller Welt (u.a. Jassir Arafat) stattfand, Gehör verschaffen wollten. Nachdem der dann teils ungeliebte Kreml-Herrscher am selben Abend das Flugzeug bestieg, kam es unter dem viel zitierten Mielke-Motto »Jetzt ist Schluß mit dem Humanismus«15 zum letzten gewalttätigen Aufbegehren gegen die Demonstranten. Dass es keine – wie von Egon Krenz in Bezug auf das wenige Monate zuvor stattgefundene Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking noch gelobte – »chinesische Lösung«16 geben würde, war keinesfalls gewiss. Ganz im Gegenteil: Mit großer Wahrscheinlichkeit ist davon auszugehen, dass der Sicherheitsapparat eine Situation provozieren wollte, die durch einen gewaltsamen Schlag hätte gelöst werden können, um die innere Ordnung wiederherzustellen.17 So waren beispielsweise Verbände der Nationalen Volksarmee rund um Leipzig zusammengezogen worden. Nachdem diese Lösung aber in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober in Leipzig durch Weisung der Parteispitze ausblieb, war das Ende der DDR, wie sie zumindest bis dato existierte, absehbar. »Der Untergang des SED-Staates folgte weniger aus der Niederlage gegen einen erstarkten Gegner, sondern besiegelte vor allem eine innere Auflösung aus eigener Schwäche«, so der Historiker Martin Sabrow.18

Umsturz durch die friedliche Revolution

Sieht man vom alljährlichen Pathos und der geschichtspolitischen Vereinnahmung ab, so kann man der Kette von Ereignissen, die sich von den Kommunalwahlen im Mai 1989 bis zur ersten und letzten freien, gleichen und geheimen Wahl der Volkskammer im März 1990 erstreckt, attestieren, dass es sich in der Tat um eine Revolution handelte. »Ich war bereit, der DDR den Prozess zu machen wegen Korruption, Willkür, Schlamperei, Zensur, all der Dinge, die mich in den späten Achtzigern gestört, empört hatten. Das sollte aufgeklärt werden, damit es nicht wieder geschah« , schreibt Jens Bisky19 – und vermutlich ging es vielen Menschen in der DDR so. Sie hatten beharrlich an ihren Zielen der Demokratisierung festgehalten, waren friedlich und zugleich revolutionär. Und dennoch

präsentiert der Herbst 1989 sich erinnerungsgeschichtlich als ein Staatsbankrott, und seine im Gedächtnis unserer Zeit haftenden Bildikonen sind die hilflosen Sprecher der Macht wie Schabowski und mit ihnen die freudetrunkenen Massen bei der Maueröffnung, aber eben keine Helden des Umsturzes und Bannerträger des Neuen.20

Die Ergebnisse aber, die die Massenbewegung erzielte, können nicht in die Waagschale des geflossenen Blutes als Gradmesser eines normativen Revolutionsbegriffs gelegt werden. Sie müssen gemessen werden an der Unumkehrbarkeit der geschaffenen Fakten, eine gleichermaßen Überwachungs-, Konsens- und Versorgungsdiktatur komplett aus ihren Angeln gehoben und die gesellschaftlichen und politischen Herrschaftsverhältnisse gänzlich umgewälzt zu haben.

 

  • 1. Der Begriff stammt von Egon Krenz, den er in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung am Abend des 18. Oktober verwendete. Nachmittags hatte er diese Rede bereits vor dem Zentralkomitee vorgetragen: »Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen.« – Zitiert nach Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. München 2009. S. 427.
  • 2. Vgl. Sabrow, Martin: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? Vortrag, gehalten auf dem Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Münster, am 11.10.2008 [MS-WORD-Dukument]. S. 3.
  • 3. Der Begriff der Gerontokratie für die Führungsspitze der DDR stammt vom Historiker Manfred Görtemaker, der diesen u.a. in Vorträgen und Vorlesungen verwendet.
  • 4. Dieser folgte dann am 19. August 1991 und markierte trotz seiner Erfolglosigkeit das Ende der Sowjetunion. – Vgl. Hildermeier, Manfred: Die Sowjetunion 1917–1991. München 22007.
  • 5. Vgl. Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989. Bonn 1999. S. 316.
  • 6. Vgl. ebd.
  • 7. Vgl. ebd.
  • 8. Zitiert nach: Hertle, Hans-Hermann/Wolle, Stefan: Damals in der DDR. Der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat. München 2004. S. 287.
  • 9. Bereits 1984 hatte die Bundesrepublik diese Entwicklung durch einen knapp 1,5 Milliarden DM hohen Kredit samt Bürgschaft gestoppt und somit die internationale Liquidität der DDR wiederhergestellt und garantiert.
  • 10. Vgl. Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur [wie Anm. 5]. S. 202.
  • 11. Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel [wie Anm. 1]. S. 388 f.
  • 12. Paramilitärische Formation von gut 200.000 Angehörigen, die zur Bekämpfung ‚staatsfeindlicher’ Aktivitäten, aber auch für den Zivilschutz vorgesehen war.
  • 13. Zitiert nach: Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel [wie Anm. 1]. S. 389.
  • 14. Zur Sicherung des Sozialismus in den Staaten des Warschauer Paktes behielt sich die östliche Führungsmacht ab 1968 ausdrücklich militärische Interventionen vor (nachdem sie dies bereits in den Jahren 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und wenige Monate zuvor im ›Prager Frühling‹ praktiziert hatte) und beschnitt somit zusätzlich die ohnehin geringe Souveränität ihrer Satellitenstaaten.
  • 15. Vgl. Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur [wie Anm. 5]. S. 322.
  • 16. Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel [wie Anm. 1]. S. 401.
  • 17. Vgl. Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur [wie Anm. 5]. S. 323.
  • 18. Vgl. Sabrow, Martin: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? [wie Anm. 2]. S. 10.
  • 19. Bisky, Jens: Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich. Berlin 22004. S. 210.
  • 20. Vgl. Sabrow, Martin: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? [wie Anm. 2]. S. 12.

Ich halte Frau Gollwitzers

Ich halte Frau Gollwitzers Recherche und Veröffentlichung von Tolstoi's Zitaten für enorm wichtig und danke dafür. Tolstoi ist ein scheinbar vergessener Geist von einer ungeheuren Bewusstheit, Klarheit und Wahrhaftigkeit.

Hätte Europa seine Schriften ernsthaft beachtet wäre es nicht einmal zu Kriegen gekommen. Doch das Volk möchte noch immer seichte Literatur - die letztendlich nur Aufmerksamkeit sinnlos bindet und daher verdummt.

Tolstoi ist m.E. der Buddha des Westens - nichts Geringeres !

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Zufällig habe ich eben im 2.

Zufällig habe ich eben im 2. Tagebuch von Max Frisch ein paar Tolstoj Zitate gefunden, die hier von Interesse sind. Ich tippe sie mal ab - die Texte sind immerhin über 100 Jahre alt.
"Jede Revolution beginnt in einem Augenblick, wo die Gesellschaft der Weltanschauung entwachsen ist, auf die sich die bestehenden Formen des gesellschaftlichen Lebens gründen, wo der Widerspruch zwischen dem Leben, wie es ist, und dem Leben, wie es sein sollte und könnte, der Mehrzahl der Menschen so klar wird, dass es ihnen unmöglich erscheint, ihr Leben unter den bisherigen Bedingungen fortzusetzen.
(...) Das Wesen des Irrtums, aller möglichen politischen Lehren (der konservativen wie der fortgeschrittenen), welche die Menschen in diese elende Lage gebracht haben, ist stets dasselbe - es besteht darin, dass die Menschen dieser Welt es für möglich híelten und noch halten, die Menschen so durch Gewalt zu vereinigen, dass sie sich ohne Widerspruch einer und derselben Lebensordnung und den aus denselben Gesetzen Gesetzen der Lebensführung fügen. (...)

Eine nicht nur scheinbare, sondern wirkliche Freiheit wird nicht durch Barrikaden erreicht, nicht durch Mord, nicht durch was für immer mit Gewalt eingeführte Einrichtungen, sondern nur dadurch, dass man aufhört, irgendeiner menschlichen Gewalt, möge sie heißen, wie sie wolle, Gehorsam zu leisten."

Also, so gesehen kann man doch irgendwie hoffen.

Ingeborg Gollwitzer

Ihr Kommentar ist großartig

Ihr Kommentar ist großartig und ich werde ihn fleißig verschicken. Was nun noch fehlt, sind Gedanken darüber (ich weiß allerdings nicht, ob sich Literatur dazu finden lässt), dass es sich - obwohl kein Blut geflossen ist - trotzdem um eine Revolution gehandelt hat, die viele Wunden geschlagen hat. Weder die BRD noch die "DDR" sind geblieben was sie waren. Die aus "dem Osten" sind zunächst etwas wie heimatlos geworden, aber auch die aus "dem Westen" merken nach und nach, dass der "Aufbau Ost" sich im Westen durch vielerlei Versäumnisse bemerkbar macht, die immer fühlbarer werden. Wenn z.B. in nun nicht mehr durch eine Grenze getrennten benachbarten Orten sich plötzlich herausstellt, dass eine plötzlich benötigte Spezialklinik nun nur im benachbarten "Osten" zu finden ist, nach allerneusten Möglichkeiten ausgestattet. Ach, da gibt es zu meinem Erstaunen ziemlich viele, die sich die Fernsehübertragung der Feiern und Reden zur "Wiedervereinigung" absichtlich nicht angesehen haben ... Ich fürchte, es wird noch viel Zeit vergehen, bis das alles in normale Bahnen kommt: So, wie es bisher keinem Schwierigkeiten bereitete, dass z.B. Bayern und Ostfriesen absolut nicht vergleichbar sind. Und bis auch die wirtschaftlichen Verhältnisse zu keinen Ressentiments mehr führen. Derzeit kommt es mir oft vor, als hätten wir sozugagen psychiatrische Verhältnisse, denen es mit Fingerspitzengefühl zu begegnen gilt.
Ingeborg Gollwitzer

 

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