Der Kuss der Tosca

Manfred Poser liebt natürlich auch die Oper, und manchmal steckt ihr ganzer Geist in fünf Minuten

Italien pflegt noch seine großen abendlichen Fernsehshows und Galas. Da wird dann ausgiebig gesungen und man hört oft die ›Gassenhauer‹ des Opern-Repertoires. Ich mag Oper, bin aber ein konventioneller Konsument wie die Rai-Zuschauer auch: Tosca und Carmen also.

Da gibt es die berühmte Szene in Giacomo Puccinis Oper Tosca (uraufgeführt am 14. Januar 1900), als am Ende des zweiten Aktes die Sängerin Floria Tosca den Tyrannen von Rom, Scarpia, ersticht. Meine Lieblingsszene! Kürzlich habe ich Stunden damit verbracht, auf YouTube viele verschiedene Interpretationen der fünf Minuten langen Szene aus fünf Jahrzehnten anzuschauen. Drei Minuten dauert es, bis das Messer trifft; dann dauert es noch weitere drei, bis der Tyrann sein Leben aushaucht.

 

Schauplatz von Oper und Konzert in Rom: das neue Auditorium (Foto: Manfred Poser)

Die Früchte dieses Studiums möchte ich hier ausbreiten. Man lernt dabei. Musik und Text sind in der Oper ja festgelegt; doch dem Regisseur und seinen Interpreten bleibt genügend Freiraum, etwas Eigenes zu schaffen. Der Vorteil an der Mordszene ist, dass sie überschaubar ist. Scarpia und Tosca wechseln wenige Sätze. Überdies spielt ein Teil am Schreibtisch, denn Scarpia muss mit der Feder Toscas Schutzbrief ausfertigen. Das ist gewissermaßen der literarische Bestandteil.

Text und Musik

Scarpia: Io tenni la promessa. (Ich habe mein Versprechen gehalten.)
Tosca: Non ancora. Voglio un salvacondotto onde fuggir dallo Stato con lui. (Noch nicht. Ich will einen Schutzbrief und mit ihm das Land verlassen.)
Scarpia: Partir dunque volete? (Ihr wollt also abreisen?)
Tosca: Sí, per sempre! (Ja, für immer!)
Scarpia: Si adempia il voler vostro. (Ihr Wunsch wird erfüllt.) – E qual via scegliete? (Und welchen Weg wollt Ihr nehmen?)
Tosca: La più breve! (Den kürzesten.)
Scarpia: Civitavecchia?
Tosca: Sí.
Scarpia: Tosca, finalmente mia! … (Tosca, endlich bist du mein!)

Doch dann trifft ihn das Messer Toscas. Verfluchte! schreit er, sie antwortet mit Das ist der Kuss Toscas!, er röchelt minutenlang, stöhnt Verfluchte! und Ich sterbe! Zu Hilfe! Sie schleudert ihm Stirb endlich, Verdammter! entgegen, und der zweite Akt endet mit dem Satz Toscas: Und vor diesem Mann zitterte ganz Rom.

Mittlerweile kenne ich die Musik genau und singe auch mit, was, wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß, früher italienische Väter in der Badewanne taten. Lucevan le Stelle sangen sie dann, die berühmteste Arie aus der Oper, gesungen von Toscas Liebhaber, dem Maler Cavaradossi. Den lässt Scarpia foltern, dann gibt er einem Lakaien den Auftrag, eine Hinrichtung zu simulieren. Danach: Scarpia und Tosca alleine. Io tenni la promessa.

Dazu nur ganz sparsamer Hintergrund. Als Tosca dann antwortet, geht sie bei lui mit der Stimme in die Höhe, und nun betten sich die Streicher darunter; Scarpia darf sehr lyrisch seine beiden Sätze singen, stark akzentuiert: »Partir dunque volete ... Si adempia il voler vostro.« Und dann kommt das Orchester mit einem wunderschönen Motiv, darin schon das Unheil anklingt. Ungeheure Spannung, Tosca entdeckt den Dolch, Scarpia schreibt und ahnt von nichts, und dann wird die Musik plötzlich leicht, fast verspielt – und als Scarpia ruft finalmente mia!, bricht alle Wucht hervor; das Schicksal hat sich vollzogen.

Die Interpretationen

Erst wenn man sich die verschiedenen Interpretationen anschaut und sie vergleicht, merkt man, wie sich Intonation, Singtempo und die Stimmen unterscheiden. Ich stelle die Ausschnitte kurz vor, aber natürlich ist es unwichtig und äußerlich, ob einer schreibt, geht oder stehen bleibt; es muss im Kontext stimmig sein. Wer inszeniert, muss die Geschichte und die Musik durch die Darsteller illustrieren und motivieren; innerhalb des unnatürlichen Settings muss alles so ablaufen, als müsse das so sein, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.

Es gibt mindestens zehn Versionen der Mordszene aus fünfzig Jahren, auf YouTube zu finden unter Scarpia’s murder scene. Mein Lieblingsclip:

Rajna Kabaiwanska und Sherrill Milnes (1976). Sie stehen einander dicht gegenüber, Milnes singt sehr klar, berührt schüchtern ihre Hand und geht augenblicklich zum Schreibtisch und schenkt ihr ein Lächeln (0:45; kinda nice, kommentiert eine Seherin). Das ist schön aus Toscas Perspektive gefilmt. Er ist der einzige, der richtig konzentriert schreibt, während Tosca etwas übertrieben durch den Raum torkelt, und als sie Civitavecchia bestätigt, nickt er zufrieden, ein guter Bürokrat, versunken in sein Schreiben; das gefällt mir.

Dann liegt da das Messer, sie dreht sich unheilvoll zu ihm um, der sorgfältig das Schreiben schließt, und er geht auf sie zu, gerade als die Musik leicht wird: Das ist perfekt.

Dann hätten wir noch Magda Olivero und Giulio Fioravanti (1960), Renata Tebaldi und Giangiacomo Guelfi (Tokio 1961) und auch die Callas mit Tito Gobbi als Scarpia (London 1964): Hier geht er beim lyrischen Stück brav an den Schreibtisch, sie steht vor ihm, schaut ihm zu. Er kitzelt schelmisch mit der Feder ihre Hand, dann geht sie weg, trinkt, leidet, und er löscht exakt dann die Kerzen, als die Musik sich ändert: kein schlechter Einfall. Wild sticht sie zu, die Callas!

Interessant ist die Paarung Kiri Te Kanawa und Ingvar Wixell (Paris 1984): Man sieht geradezu, wie sie überlegt, als sie das Messer findet. Sie wirkt cool: Sie wird es tun. Kommentar eines Zuschauers: Sie schreit nicht so wie die anderen. Stimmt, sie ist die einzige kaltblütige Tosca. In der Szene mit Kristine Opolais und Stephen Kechulius (Athen 2007) ist bemerkenswert, wie Tosca kurzentschlossen das Messer nimmt und ihn trifft, wie sie ihm am Schreibtisch die Waffe nochmal in den Rücken rammt: sehr gewalttätig.

Das Ende Scarpias führt allerdings nicht zu einem glücklichen Ende. Oper ist tragisch. Toscas geliebter Maler stirbt, und sie springt aus einem Fenster der Engelsburg. Mammamia!


 

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