Der Latin Lover und das schöne Tier

Manfred Poser ruft Ava Gardner seine Verehrung nach und teilt ihr Marcello Mastroianni als Partner zu

Hereinspaziert ins Reich der Schatten! Der Film kann ein geisterhaftes Medium sein. Schauspieler leben nicht mehr, sprechen aber zu uns; wir sehen irreale Szenen und Szenerien aus der Vergangenheit, und die Bilder sind körperlos. Der Kritiker Mark Sanderson schrieb einmal: »Und was sind Filmstars – von denen man sagt, sie hätten ›Präsenz‹ – anderes als professionelle Geister?« Der Film »Die barfüßige Gräfin« (1954) beginnt mit einem Begräbnis. Groß im Bild die Marmorstatue einer schönen Frau. Humphrey Bogart steht abseits im regenfeuchten braunen Trenchcoat. Seine Stimme aus dem Off – dann ein Rückblick. Vier Leute aus Hollywood begutachten in einem Madrider Vorort eine junge Tänzerin, die sie engagieren wollen. Regisseur Joseph L. Mankiewicz (1909–1993) zeigt uns zu den Klängen des Flamenco nur die rasenden Zuschauer. Die Tänzerin bleibt verborgen.

Ava Gardner zur Zeit der »barfüßigen Gräfin« (© Ava Gardner Museum)
Ava Gardner zur Zeit der »barfüßigen Gräfin« (mit freundlicher Genehmigung des Ava Gardner Museums, Smithfield, North Carolina)

Sie tritt aber dann doch auf. Maria Vargas wird gespielt von Ava Gardner. Als ich bemerkte, dass sie, die von mir vergötterte amerikanische Schauspielerin, am 25. Januar vor 20 Jahren gestorben ist, mit 68 Jahren in London, wollte ich unbedingt über sie schreiben. Dann drängte sich Anton Tschechow hinein, dessen 150. Geburtstag am 29. Januar begangen wird. Ava hätte wunderbar die Nina gespielt, die Hauptfigur des Dramas »Die Möwe«. Nina meint, das Wichtigste beim Schauspielern sei »weder Ruhm, noch Glanz, das nicht, und nicht das, wovon wir träumten, aber: leiden können« (»не слава, не ьлеск, не то, о чём я мечтала, а уменње терпетъ«).

Dann schaute ich mir auf Video »Mi ricordo, sì, io mi ricordo« von Anna Maria Tatò (1996) an, in dem der große Mime Marcello Mastroianni auf sein Leben zurückblickt, schon krank wirkend; er starb bald danach, am 19. Dezember 1996 in Paris, 72 Jahre alt. Da sitzt er im weißen Anzug und mit einem weißen Hut auf dem Kopf in einem Garten in Portugal, spricht einen Monolog aus Tschechows »Onkel Wanja« und sagt: »Vielleicht liebe ich Tschechow so besonders, weil seine Personen, seine Erzählungen, dem Leben ähneln ... diese kleine Welt mit Menschen, die Verlierer sind, voller Enthusiasmus und Illusionen – ›nach Moskau, nach Moskau!‹; doch dahin schaffen sie es nie ... all ihre Bösartigkeiten, ihre Eifersucht, ihre Lächerlichkeit! Tschechow hat seinen Schauspielern immer eingeschärft: ›Vergesst nicht, es sind Komödien!‹« Marcello Mastroianni und Ava Gardner passen perfekt zusammen, auch wenn sie sich vermutlich nie getroffen haben. Ava Lavinia Gardner kam aus kleinen Verhältnissen (wie Marcello auch), dann wurde sie entdeckt, und mit 24 Jahren war sie ein kleiner Star und hatte schon zwei Ehen hinter sich. Unsterblich wurde sie von 1952 bis 1954 durch drei Filme: »Schnee am Kilimandscharo« mit Gregory Peck als Partner, »Mogambo« mit Clark Gable und »Die barfüßige Gräfin« mit Bogart. Mastroianni ging von der Universität ans Theater und spielte zehn Jahre Tschechow und Shakespeare, bis ihn Federico Fellini 1960 für den Film »La dolce vita« haben wollte.

Marcello Mastroianni, Anfang der 1970er Jahre
Marcello Mastroianni, Anfang der 1970er Jahre

Mastroianni erinnerte sich: Er habe vor Fellini den Profi mimen wollen. Ob er, Signor Fellini, ihm nicht das Drehbuch zeigen wolle? »Zeigt ihm das Drehbuch!« sagt Fellini. Mastroianni bekommt eine Kladde in die Hand, in der ein Bild steckt: eine obszöne Zeichnung. Ein Mann schwimmt im Meer, und sein Schwanz reicht hinunter bis an den Meeresgrund. Das war Fellini: kein Drehbuch. Marcello kam morgens ans Set, war überraschter Zuschauer: Was soll ich denn sagen? Ach, sag einfach dies und das, und dann gehst du da hinüber, lass dir was einfallen. Fünf große Filme (darunter »Achteinhalb« und »Amarcord«) haben die beiden gedreht, und es war eine Beziehung, schildert Mastroianni, »geprägt von totalem beiderseitigem Misstrauen«.

Ava Gardner hatte als Regisseure Joseph Mankiewicz, bei »Mogambo« John Ford und bei »Bhowani Junction« George Cukor, der über sie einmal sagte (was ihr sehr gefiel): »Ava ist eigentlich ein Herr.« Regisseure und Schauspieler, eine enge Beziehung. Im Film »Die Ballade von Tan Lin« (1972) sollte Ava ein Dutzend Musiker (die sie gern mochte) aus ihrem Haus werfen, und sie sagte: »Ich kann das nicht.« Regisseur Roddy McDowall flehte: »Ava, stell dir einfach vor, es ist fünf Uhr morgens in Madrid, und du willst sie einfach raushaben.« McDowall: »Ava kam – und super! Sie machte es. Sie wollte gut geführt werden. So fand sie den Kontakt, und so gab sie sich.« Marcello sollte für Fellini Signor Mastorna verkörpern. Man sieht einen Ausschnitt der Dreharbeiten. Der Schauspieler sägt genervt auf einem Cello herum. »Marcello spürte mein Unbehagen«, hört man Fellini sagen, »aber Mastorna war nicht da. Er versteckte sich beharrlich.« Mastroianni macht Pause. Sagt: »Senti un pò, Federì« (»Hör mal, Federì«), und dann, in die Kamera: »Ich spüre dein Vertrauen nicht. Es ist, als hättest du Angst. Wenn du dich überzeugen ließest, dass ich Mastorna bin, hättest du keine Zweifel mehr: Und ich werde Mastorna.« Der Film wurde nie gedreht. Wie Marcello Mastroianni hatte auch Ava keinerlei Allüren; sie war, wie sie war. Ihre Schönheit verwirrte die Männer und schüchterte auch Frauen ein, ihre Präsenz war unglaublich, aber sie bildete sich nichts darauf ein. Man muss nur sehen, wie provozierend sie auftritt, wie sie sich hinstellt, etwa in »Mogambo« vor die schüchterne Grace Kelly! Die französische Presse nannte Ava »la belle bête«, das schöne Tier, aber ihr bedeutete es nichts. Marcello Mastroianni lachte auch über das Etikett »Latin Lover«, das er nie loswurde. Er hielt nichts von Nachtklubs, hatte wenig Affären und liebte die Städte Paris und Rom (wo seine Wurzeln lagen).

Tschechows »Die Möwe«, 1898 im Moskauer Künstlertheater
Tschechows »Die Möwe«, 1898 im Moskauer Künstlertheater. Den Dramatiker Trigorin spielt der große Konstantin Sergejewitsch Stanislawski (1863–1938)

Mastroianni fuhr mit der blauen Trambahn vom Bahnhof Roma Termini nach Cinecittà und ging seiner Arbeit nach. Ava Gardner war ins Imperium von Metro Goldwyn Mayer eingebunden, wo Louis B. Mayer wie ein Potentat herrschte. Die Stars wurden mit der Limousine sogar zur Toilette gefahren, aber es war, wie Ava bemerkte, eigentlich ein Gefängnis, eine Galeere. Ava Lavinia Gardner war eine unabhängige und freie Frau, die es sogar verabscheute, Schuhe zu tragen. Sie lebte nach ihren ersten Erfolgen länger in Madrid, umworben von einem Stierkämpfer.

Marcello erinnert sich wie einer, der Abschied nimmt, sitzt in Autos und am Hafen, spricht mit leiser Melancholie und Wärme in der Stimme. Man könnte ihm stundenlang zuhören! Rauchend steht er in einem Boot und sagt: »Fünfzig Zigaretten fünfzig Jahre lang, das macht eine Million Zigaretten! Ungesund.« Nimmt einen tiefen Zug. »Sehr ungesund!« Lacht. Auch Ava rauchte viel und trank ordentlich, gerne Martinis und Gin. 1964, als Marcello auch schon berühmt war, drehte sie »Die Nacht des Leguans« mit Richard Burton unter der Regie von John Huston. Nach ihren ersten beiden Ehen kamen noch: Artie Shaw, Mickey Rooney und Frank Sinatra, die Liebe ihres Lebens. Doch beide waren höllisch aufeinander eifersüchtig, es war eine explosive und unmögliche Beziehung. Ava suchte einen Mann, der ihre »inneren Werte« lieben würde, auch eher eine Vaterfigur, aber ganz glücklich wurde sie nie. Theodor W. Adorno hat einmal geschrieben: »Frauen von besonderer Schönheit sind zum Unglück verurteilt.« Ava war das Unglück nicht anzumerken. Sie drehte, bis sie 60 Jahre alt war, und dann zog sie nach London, wo sie mit ihren Perserkatzen und ihrer Schwester lebte. Ava Gardner und Marcello Mastroianni wirkten in mehr als 50 Filmen mit, und beide wussten, dass ein großer Teil davon Schrott war. Marcello bekämpfte das Latin-Lover-Etikett: Spielte etwa einen impotenten Ehemann (den »Bel’Antonio«), einen Homosexuellen und oft Rollen, in denen er älter wirken musste. Er bekräftigte: »Ich mag die Menschen, ich liebe das Leben!« (»Mi piace la gente, io amo la vita!«) Und Ava Gardner schließt ihre Memoiren mit den Worten: »Denn die Wahrheit ist, dass ich ein glückliches Leben geführt habe. Und dass ich mich recht gut amüsiert habe.«

 

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