Der Stachel im Herzen des Menschen

Zu Natsume Sōsekis 100. Todestag sind zwei Romane erschienen

Mit Natsume Sōseki ist ein Schriftsteller von Weltrang zu entdecken. Er ist für die japanische Literatur das, was Shakespeare für die englische ist: Er ist ihr großer Erneuerer im Übergang zur Moderne, ihr bester Komiker und Tragiker. Anlässlich seines 100. Todestages ist in der Japan-Edition des be-bra Verlags Der Bergmann erschienen und bei Manesse wurde der Roman Kokoro nach vierzig Jahren neu aufgelegt.

»Also mal ehrlich, etwas in sich klar Definiertes wie ein Charakter existiert schlichtweg nicht« (Der Bergmann)

Der Bergmann (jap. Kōfu) handelt von einem 19-jährigen Tōkyōter aus gutem Hause, der nach zwei unglücklichen Liebesgeschichten mit Selbstmordabsichten von Zuhause durchbrennt. Doch bereits am nächsten Morgen wird er von einem windigen Bauernfänger als Minenarbeiter angeworben, der auf dem eintägigen Marsch noch einen Hinterwäldler und ein verwildertes Kind aufgabelt. Im Kupferbergwerk angekommen, erweist sich seine Konstitution allerdings als zu schwach; stattdessen wird er für die nächsten fünf Monate Schatzmeister in einer der Arbeiterbaracken und geht dann zurück nach Tōkyō. Doch das ist nur die äußere Handlung. Der Bergmann ist ein Bewusstseinsroman: Ihn beschäftigen der Zusammenhang von Leib und Seele, Identität und Charakter, indem er skrupulös menschliche Denkvorgänge, Wahrnehmungen, Verhaltensweisen und Handlungen reflektiert.

Hierbei ist der Roman erzählerisch stark reduziert: Obwohl die erzählte Zeit fünf Monate umfasst, werden auf 213 von 215 Seiten nur etwas über 48 Stunden erzählt. Der Erzählraum ist die Hälfte des Buchs auf die stockdunkle Bergwerksmine begrenzt, in deren klaustrophobischer Enge die Erzählperspektive sich auf die Gedanken, Empfindungen und Wahrnehmungen des Ich-Erzählers beschränkt. Dieser schreibt seine Erlebnisse viel später in einer Art Rechenschaftsbericht auf, um sich einer bedingungslosen seelischen Selbstobduktion zu unterziehen. So vermischen sich wiederholt die Perspektiven und Erzählweisen: Mal dominieren Berichtform, Erinnerungen und Reflexionen des Schreibenden, der nicht mit Ironie und Spott spart; dann wieder Gedankenrede aus der Erlebnisperspektive des 19-jährigen, seitenlange Beschreibung von wenige Sekunden währenden Wahrnehmungen oder Handlungen, auf die wieder ganz unmittelbare Schilderungen folgen, in denen sich seine Ratlosigkeit und Bedrängnis angesichts seiner ausweglos erscheinenden Lage, einzelner euphorischer Momente oder seines Abstiegs in die »Hölle« der Minenschächte verdichten. Intensivierend kommt hinzu, dass das Buch fast durchgehend in historischem Präsens geschrieben ist, sodass die Zeit aufgehoben scheint.

Mit Hälfte des Buchs, als das Kupferbergwerk erreicht ist, wird der Erzählfluss ruhiger und narrativer und während das soziale und entmenschlichende Elend der Bergmänner geschildert wird, wird Der Bergmann fast zum Sozialroman. Bezeichnend ist die Geschichte eines älteren Arbeiters, dem, wegen anhaltender Krankheit verschuldet, »die Frau als Pfand weggenommen« wird. Mittendrin sind abstruse, mundartliche Dialoge und Slapstickeinlagen mit den emotional verrohten Minenarbeitern. Im Zentrum steht aber zweifellos die These des Schreibers, dass die menschliche Persönlichkeit zutiefst instabil, heterogen und widersprüchlich sei. Die These von der ›Charakterlosigkeit‹ des Menschen verbindet sich zusätzlich mit einer wiederholten Kritik am »Flachland des Gedruckten«, Romanen mit allzu schematischen Charakteren, unglaubwürdigen Menschenbildern und Handlungen:

Ich bin in letzter Zeit zur festen Überzeugung gekommen, dass es etwas wie  Charakter einfach nicht gibt. Oft prahlen Schriftsteller zwar damit, sie würden diesen oder jenen Charakter beschreiben und gestalten. […] Das, was da wirklich ist, das kann kein Schriftsteller niederschreiben, und wenn doch, kann man sich darauf verlassen, dass daraus kein Roman wird.

Der Trug sei vielmehr unseren relativ festen Körpern geschuldet:

Beim Menschen ist das einzig Konsistente der Körper. Aber nur weil der Körper konsistent ist, gehen viele davon aus, dass auch das Herz gleichermaßen gut geordnet ist, das heißt, auch wenn sie heute das genaue Gegenteil von gestern tun, gehen sie ungerührt davon aus, trotzdem immer noch der Gleiche wie zuvor zu sein.

Gerade dieser Widerspruch ist ihm der Beweis, »dass es nichts Unzuverlässigeres als eben den Menschen« gebe. Sicherlich ist die augenscheinlich ›undisziplinierte‹ Form des Buchs ein Versuch, die relative Formlosigkeit des menschlichen Bewusstseins abzubilden. Mehrfach wird darauf hingewiesen, dass der Text jede Erwartung auf irgendeine Handlungsentwicklung im Keim ersticke und einfach keine ›runde‹ Form annehmen wolle.

Nun sind solche Romanexperimente heutzutage ausgetretene Pfade; doch muss man bedenken, dass Sōseki den Bergmann 1908 schrieb und sich somit als japanischer Schriftsteller, weit fernab der weltliterarischen Zentren, den Mechanismen des seelischen Innenlebens, des Bewusstseins, der Entstehung von Handlungsantrieben und dem Funktionszusammenhang von Körper und Geist noch vor Hamsun und Rilke, vor Proust, Joyce, Faulkner oder Woolf widmete – und das ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Sōseki trieb die Erzählexperimente seines Antiromans nicht weiter, sondern ging wieder zu ›traditionellen‹ Erzählverfahren mit konkreten Handlungen und literarischem Personal über. Nichtsdestotrotz wird man Sōsekis Bergmann – neben vielleicht nur noch Ryūnosuke Akutagawas Yabu no naka (dt. »Im Dickicht«, 1921) – zurecht als außergewöhnlichsten und wichtigsten Beitrag der japanischen zur modernen Literatur, ja, als Markstein des weltliterarischen Modernismus, ansehen dürfen.

»Den Mund mit Steinen ausspülen und den Kopf auf Wasser betten«

Der Name Natsume Sōseki steht für zwei Autoren: Den Satiriker, der die menschlichen Eitelkeiten und Selbsttäuschungen mit beißendem Spott ins Hintertreffen führt und den Tragiker, der die Psychologie zerstörerischen Verhaltens und gesellschaftlicher Zwänge analysiert, um den modernen Menschen in Entfremdung und Schuld verstrickt zu porträtieren. Schon sein Künstlername ist Ausdruck dieser Doppeltheit und scheint treffend gewählt zu sein: ›Sōseki‹ ist der erste Teil einer stehenden Wendung aus dem Chinesischen, die für sture Beharrlichkeit steht und auf eine Anekdote aus dem Geschichtswerk Jin Shu zurückgeht. Darin zitiert ein junger Gelehrter den Vers »Chinseki sōryū« (»den Kopf auf Steinen betten und den Mund mit Wasser ausspülen«) verkehrt als »Sōseki chinryū«, also als »den Kopf auf Wasser betten und den Mund mit Steinen ausspülen«; darauf hingewiesen, will er partout nicht eingestehen, falsch zitiert zu haben.

Sōseki muss eine faszinierende, widersprüchliche Persönlichkeit gewesen sein: 1867, im letzten Jahr des alten Reichs mit seiner 200jährigen Geschichte der Selbstisolation, als Natsume Kinnosuke geboren, entstammte er einer ehemals betuchten Bürgerfamilie, die in der Administration des Schwertadels diente und mit der Zwangsöffnung des Landes durch die Westmächte ihre Stellung verlor. Seine Eltern waren bereits an die Fünfzig und schämten sich, einen Nachzügler zur neunköpfigen Familie gezeugt zu haben. Sie gaben ihn weg, doch nach der Scheidung der Adoptiveltern kam er neunjährig zurück. Das Kindermädchen offenbarte ihm im Geheimen, dass seine Großeltern tatsächlich Mutter und Vater seien. Seiner Herkunft entsprechend, erhielt Sōseki noch eine klassische, chinesische Bildung. Um für die Zukunft gewappnet zu sein, studierte er Anglistik an der Kaiserlichen Universität Tōkyō, damals die einzige Universität des Landes. Er schloss das Studium 1893 ab und wurde Englischlehrer, zunächst in der Hauptstadt, dann in der Provinz. Hier machte er ausreichend Bekanntschaft mit den Schulbeamten, die als hinterwäldlerische Intriganten in seinen zweiten Roman Botchan (»Junger Herr«, dt. u.d.T. Der Tor aus Tokio. Übersetzt von Jürgen Berndt Berlin: Aufbau 1965 u.ö.) eingingen.

1900 schickte das Kultusministerium Sōseki gegen seinen Willen als Staatsstipendiaten für zwei Jahre nach England. Über seine Londoner Zeit schrieb er, er sei sich wie ein Straßenhund unter Wölfen vorgekommen. Er musste Frau und Kind unversorgt zurücklassen, während das Stipendium gerade so reichte, über die Runden zu kommen. Sōseki pflegte fast keine Kontakte und verstieg sich ins Bücherstudium; zu Hause gingen Gerüchte um, er sei wahnsinnig geworden. Erschöpft zurückgekehrt, wurde er kurz darauf Nachfolger des beliebten Lafcadio Hearn (1850–1904) an der Kaiserlichen Universität. Er stieß auf wenig Gegenliebe. Die Lehre machte ihm viel Arbeit, wenig Freude und brachte noch weniger ein. Er begann zu schreiben, da war er knapp 40. 1905 erschien sein erster Roman Wagahai wa neko de aru (dt. »Ich der Kater«. Übersetzung Otto Putz. Frankfurt/M.: Insel 1996). Der Roman ist eine sarkastische Satire auf die relativ neue gesellschaftliche Schicht des japanischen Bürgertums der Meiji-Ära und all seiner Eitelkeiten, aus der Perspektive eines hochtrabend daherredenden Hauskaters, der den Leser mit seiner ›katzenpfotigen‹ Philosophie zu beehren vermeint. Das Buch war ein Sensationserfolg und machte Sōseki öffentlich bekannt. 1906 folgten der erwähnte Botchan und der Künstlerroman Kusamakura (dt. Das Graskissenbuch. Übersetzt von Christoph Lange. Berlin: edition q 1996) – beide große Erfolge bei Kritik und Publikum.

Vom Erfolg ermutigt, brüskierte Sōseki im Folgejahr Universität und Kultusministerium und löste einen öffentlichen Skandal aus, als er seine prestigeträchtige Stelle kündigte, um bei der landesweit erscheinende Zeitung Asahi Vertragsschriftsteller zu werden. In den letzten neun Jahren seines Lebens bis zu seinem frühen Tod 1916 an einem geplatzten Magengeschwür verfasste der Spätblüher Sōseki noch acht weitere Romane, diverse Vorträge und kleinere Arbeiten, welche bis heute seinen Ruhm begründen. Zwischen 1908 und 1910 erschien die lose Trilogie Sanshirō (dt. Sanshiro. Übersetzt von Christoph Langemann. Zürich: Theseus 1992 u.ö.) Sore kara (Danach, 1909, nicht übersetzt) und Mon (Das Tor, 1910, unübersetzt). Im Zentrum stehen je Protagonisten zwischen 20 und Anfang 30, die mit fortschreitendem Alter vom Leben zunehmend desillusioniert werden. 1912 folgte der experimentelle Roman Higan sugi made (dt. Bis nach der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche, unübersetzt) und darauf die nächste Trilogie, die aufgrund ihrer ›dunklen‹ Themen wie der Entwurzelung, Ortlosigkeit und Vereinsamung des Menschen in der Moderne und ihrer pessimistischen Weltsicht als Sōsekis tragisches Werk gilt: 1912 Kōjin (dt. Der Wanderer, unübersetzt), 1914 Kokoro und 1915 der autobiographische Roman Michikusa (dt. Gras am Wegesrand bzw. Zeitverschwendung, unübersetzt). Sōseki starb, bevor der den Roman Meian (dt. Hell-Dunkel, unübersetzt) beenden konnte.

»Ich spürte […] die tiefe Sündhaftigkeit des Menschen«

War Der Bergmann darum bemüht, den Beweis von der unberechenbaren Wandelbarkeit des menschlichen Charakters und Handelns zu führen, so wird dieses Menschenbild in Kokoro zum moralischen Problem: Wenn der Mensch ›charakterlos‹ sei, wenn man sich auf andere nicht verlassen kann, dann schürt das Misstrauen und macht zwischenmenschliche Beziehungen nahezu unmöglich. Der Bergmann nimmt auf diese Weise eine Schanierstelle zwischen dem satirischen Frühwerk und dem tragischen Spätwerk ein: Der Antiroman statte Sōseki in Bezug auf die menschliche Psychologie mit Erkenntnissen und Erzählweisen aus, die ihn bis zuletzt umtrieben und sich in Kokoro ins Zerstörerische wenden.

Der Roman Kokoro (jap. für ›Herz‹, aber auch ›Seele‹ und ›Wesen‹) von 1914 gilt gemeinhin als Höhepunkt in Sōsekis Spätwerk. In Kokoro geht es um die freundschaftliche Bekanntschaft eines jungen Studenten mit einem älteren Mann, den er nicht anders als ehrerbietig ›Sensei‹ nennen kann. (Sensei heißt wörtlich ›der/die früher Geborene‹, bedeutet ›Lehrer‹ oder ›Meister‹ und ist eine höflich-achtungsvolle Anrede für Autoritäts- und Respektspersonen wie Ärzte, Professoren, Politiker, Künstler usw.). Als der Ich-Erzähler die Geschichte ihrer Bekanntschaft aus Zeit seines Studienanfangs aufschreibt, ist der Sensei bereits verstorben. Der Roman besteht aus drei Teilen: Die ersten beiden Teile erzählen aus der Sicht des Studenten, wie er und der Sensei sich zufällig kennenlernen und ihre Bekanntschaft sich zaghaft zu einem Verhältnis freundschaftlichen Respekts vertieft. Der Sensei und der Student sind zwei einsame Menschen und man merkt, dass hier der gleiche Menschentyp in unterschiedlichen Altersstufen aufeinandertrifft. Obwohl ihre gegenseitige Sympathie offenkundig ist, bleibt in ihrer Beziehung immer eine gewisse Distanziertheit – und die scheint mit Senseis Vergangenheit zusammenzuhängen. Sehr schnell wird klar, dass der Sensei ein dunkles Geheimnis mit sich trägt, dass es etwas mit seiner schönen Frau und dem Grab eines Freundes zu tun haben muss, das er monatlich aufsucht, und dass das schwere Schuldgefühl ihn zwingt, zurückgezogen, ohne Tätigkeit zu leben. Aber für den Studenten lüftet sich der Schleier des Geheimnisses nicht.

Der zweite Teil setzt damit ein, dass der Student sein Diplom erhalten hat und zu seinem sterbenskranken Vater in die Provinz reist. Doch auch hier dominiert der Sensei das Geschehen aus dem Hintergrund, weil die Familie des Ich-Erzählers ihn dazu nötigt, ihn um Vermittlung bei einer Anstellung zu bitten. Während sein Vater in der Todesagonie liegt, kommt tatsächlich ein langer Brief vom Sensei an. Er kündigt seinen Freitod an. Panisch reist der Erzähler, ohne das Hinscheiden seines Vaters abzuwarten, zurück nach Tōkyō, unwissend, ob er den Sensei noch lebend antreffe. Dies leitet den dritten Teil Das Vermächtnis des Sensei ein und liefert den Briefinhalt. In diesem Brief lüftet sich das schuldverstrickte Geheimnis des Senseis, der seine Vergangenheit erzählt.

Als junger Student wird der Sensei von seinem Onkel um das beachtliche Erbe seiner früh verstorbenen Eltern betrogen und verliert daraufhin sein Urvertrauen in seine Mitmenschen. Nachdem er die Heimat für immer verlässt, lebt er in Tōkyō zur Untermiete bei einer Witwe und ihrer jungen Tochter, in die er sich verliebt. Durch den Onkel einmal misstrauisch geworden, argwöhnt er Hintergedanken im Wohlwollen der beiden und ist unfähig, seine Liebe zu gestehen. Dieser Stillstand währt so lange, bis er seinen Freund K. dazu überredet, auch bei ihm und den beiden Frauen einzuziehen. K., der seine Eltern glauben ließ, er studiere Medizin, um das Studiengeld betrog und verstoßen wird, ist überfromm und verachtet alles Weltliche und Körperliche. Doch auch K. verliebt sich in die Tochter und gerät in eine tiefe Sinnkrise. Als er seinem Freund nichtsahnend seine Liebe gesteht, hintergeht der junge Sensei, von Eifersucht und Panik getrieben, ihn und hält um die Hand der Tochter an. K. begeht Selbstmord. Der junge Sensei glaubt sich für K.s Selbstmord verantwortlich. Bestürzt erkennt er den Onkel in sich:

»Als mich damals mein Onkel betrog, hatte ich aufs Schmerzlichste erfahren, dass ich mich nicht auf andere verlassen konnte, und ich vertraute mir selbst umso mehr, als ich andere verurteilte. So schlecht die Welt auch sein mochte, ich war überzeugt, dass ich ein vortrefflicher Mensch sei. Doch diese Überzeugung war durch K.s Tod völlig zerstört worden. Als mir bewusst wurde, dass ich nicht viel anders war als mein Onkel […], ekelte es mich nun vor mir selbst, und ich konnte mich nicht mehr frei bewegen«.

Von seinem schlechtem Gewissen gemartert, jedoch unfähig seinen Vertrauensbruch zu beichten, beschließt er, fortan »so zu leben, als wäre ich bereits gestorben«. Zurück in der Gegenwart, werden die Nachrichten vom Tod des Kaisers Meiji, kurz darauf der Treuetod des Generals Nogi Maresuke bekannt. Der Sensei beschließt den Freitod, angeblich aus einem Solidaritätsgefühl mit dem Geist der Epoche, die zu Ende gegangen ist.

Kokoro wirft einen extrem pessimistischen Blick auf das menschliche Dasein. Der Sensei schafft es bis zum Schluss nicht, ehrlich mit sich, seiner nichts ahnenden Frau oder seiner Tat zu sein. Auch K.s Freitod ist nicht so selbstlos, als er ihn darstellt: Begeht er nicht die ultimative Rache, indem er dem Freund jede Chance auf Wiedergutmachung verwehrt? Am Ende bleiben alle vereinsamt zurück: Der Sensei, der auch im Tode nicht den Mut aufbringt, den er im Leben nicht hatte, seine Frau, die er völlig allein zurücklässt, der Student, dessen Familie ihm sicherlich nicht verzeihen wird, vom Sterbebett des Vaters geflüchtet zu sein. Schon früh im Roman hatte der Sensei dieses Schicksal vorweggenommen, wenn er sagte: »Wir Menschen heute, in einer Zeit der Freiheit, der Unabhängigkeit und individuellen Entfaltung, müssen für diese Güter eben den Preis dieser Einsamkeit entrichten«.

Es ist wahr, dass das der Preis der Moderne ist. Aber es ist inakzeptabel aus dem Mund des Sensei. Ihm glauben, hieße seinen Fatalismus teilen. Aber genau hierin liegt Sosekis psychologische Raffinesse und Erzählbegabung. Er lässt die intellektuelle Speerspitze seines Romans zugleich die Figur mit den größten charakterlichen Makeln sein. Denn der Sensei ist überhaupt kein ›Sensei‹: Obwohl er die reflektierteste Figur des Buchs ist, lässt er jede Fähigkeit zur ehrlichen Selbstreflexion vermissen. Dass er seinen Selbstmord zugleich zum Treuetod gegenüber dem Geist der Meiji-Ära (1868–1912) stilisiert, also der Epoche der veloziferischen Modernisierung Japans, die eine mittelalterlich geprägte Feudal- und Agrargesellschaft innerhalb von nur einem halben Jahrhundert zu einem modernen, industrialisierten Nationalstaat nach westlichem Vorbild transformierte, ist zugleich der unbeschönigte Abgesang auf eine ganze Kultur, die die Zerreißprobe einer globalisierten, kosmopolitischen, letztlich aber westlich dominierten Moderne um den Preis eines intellektuellen und moralischen Wertevakuum billigend in Kauf nahm. Was der Sensei als »die tiefe Sündhaftigkeit des Menschen« spürt, sind die ›Erbsünden‹ des Meiji-Ära, die sie mit ihrer Erfolgsgeschichte an die folgenden Generationen und Jahrzehnte weitergab, die im antimodernen, nationalistischen und militaristischen Faschismus der 1930er und 1940er Jahre kulminierten. Es ist beinahe überflüssig darauf hinzuweisen, dass das ein Problem ist, das das für 21. Jahrhundert ebenso virulent ist. In Europa begann die Moderne immerhin. Doch es gibt keinen anderen Weg aus der Moderne als mitten durch die Moderne. Alles andere endet in Barbarei. Sōseki erzählt den Widerspruch der Moderne, des Menschen in der Moderne, fordert zum Widerspruch auf und zwingt uns, ihn auszuhalten. Das ist der Grund, weshalb man Sōsekis an seinem 100. Todestag gedenkt, aber nicht an ihn erinnern muss.

Natsume Sōseki: Der Bergmann. Roman. Aus dem Japanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Franz Hintereder-Emde. Berlin: be.bra Verlag 2016. 239 S., 26 Euro. ISBN: 978-3-86124-920-7.

Natsume Sōseki: Kokoro. Roman. Aus dem Japanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Oscar Benl. Kommentierte Neuausgabe. Zürich: Manesse 2016. 384 S., 24 Euro. ISBN: 978-3- 7175-2418-2. - auch als E-Book erhältlich.


 

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