Der Stephen King-Roman in der Hegel-Gesamtausgabe, Band drei

Eine Betrachtung Bonner Bücherregale

Dass mit dem Besitz von Büchern ein Distinktionsgewinn verbunden ist, weiß jeder – zumindest jeder, der Bücher hat. Wenn man sich gerade durch einen Gedichtband von Celan oder den neuen Danielewski hindurchgequält hat, dann hat es etwas überaus Befriedigendes, sich von anderen gebildeten Mitmenschen die eigene Leseerfahrung gewissermaßen zertifizieren zu lassen, indem man beiläufig das gelesene Buch aus der Umhängetasche herausschimmern oder es noch eine Weile auf dem Küchentisch oder anderswo liegen lässt, wo seine Existenz früher oder später auffällt. Die physische Präsenz des Buchs spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Eine gewisse Zerlesenheit, ein leicht durchgebogener Buchrücken, leicht geknickte Seiten, ein feiner Abrieb am Einband erhöhen die Authentizität des Artefakts und damit auch die des eigenen Leseerlebnisses. Es versteht sich natürlich von selbst, dass nicht alle Bücher sich dafür gleich gut eignen: Einen gerade durchschmökerten Roman von Diana Gabaldon lässt man vielleicht weniger offensichtlich herumliegen (zumindest wenn man gerade unter Geisteswissenschaftlern ist).

Gehört die oben beschriebene Präsentierlust zu den kleinen Eitelkeiten, derer sich vielleicht jeder schon einmal schuldig gemacht hat, der je aus freiem Willen ein Buch las, so meinen es jedoch viele Bücherbesitzer in der Bundesstadt Bonn mit der Bedeutsamkeit des bereits Gelesenen wesentlich ernster. Dies wird jedem klar, der, am besten abends, durch die Straßen der Bonner Südstadt streift. Vielfach sind diese bedeutungsschwanger nach Dichtern und Denkern benannt: Namen wie Goethestraße, Heinrich-von-Kleist-Straße oder Lessingstraße legen es Wohnungssuchenden ja bereits nahe, dass man sich hier lieber nur ansiedeln möge, wenn man des Lesens mächtig ist – und zwar nicht, um etwa Disneys Bunte Taschenbücher zu lesen.

Wer nun hier in der Dunkelheit den Kopf hebt, dessen Blick wird unweigerlich auf die hohen Fenster der prächtigen Altbauwohnungen gelenkt: Mit einiger Raffinesse sind die Zimmer angenehm ausgeleuchtet. Mal hängen schwere uralte Lüster von der Decke, in denen sich das Licht in unzähligen Bleikristallen verspielt bricht, mal verbreiten avantgardistische Deckenfluter ein, je nach Geschmack, romantisch gedimmtes oder aufklärerisch-gleißendes Licht. Die Bewohner, all jene Doktoranden, Privatdozenten, Professoren und sonstigen Akademiker zum einen, die die Nähe zur Universität schätzen, und zum anderen Referenten der Ministerien und Verbände oder Mitarbeiter internationaler Organisationen, die es von hier aus auch nicht weit zur Arbeit haben, die Bewohner all dieser Schaukästen also bleiben unsichtbar; nur hin und wieder stellt man sich in heiterer Runde, Wein trinkend mit Freunden oder auch zu später nächtlicher Stunde noch am PC arbeitend, ein wenig selbst aus.

Das eigentliche Ziel der Blicklenkung in diese Wohnwelten jedoch ist etwas ganz anderes: die Präsentation der Bücherregale. Hoch ragen sie auf, oft fast bis unter die Decke, so dass wohl eine Bücherleiter notwendig sein wird, um die oberen Reihen zu erreichen. Oft füllen sie einen ganzen Raum aus. Selbstverständlich haben wir es hier nicht mit Billys oder anderen schwedischen Fast Food-Möbeln zu tun: Wenn sie überhaupt in einem Katalog zu finden sind, dann im Manufactum-Katalog. Viel wahrscheinlicher aber ist jedes dieser Regale ein individuelles zimmermännisches Produkt, das extra gemäß den ganz speziellen Bedürfnissen der Bücher und ihres Besitzers gerfertigt wurde. Dunkles Holz überwiegt dabei, auch wenn in den Räumen mit dem helleren Licht interessanterweise oft auch hellere Hölzer oder gar weiße Lackierungen anzutreffen sind (hier hängen neben den Regalen manchmal auch moderne abstrakte Gemälde an der Wand, deren Motiv ebenfalls schon von der Straße aus sehr gut erkennbar ist).

Über die Befüllung der Bücherregale kann man aus der Entfernung naturgemäß kaum etwas sagen. Es ist aber doch auffällig, dass sehr viele einander ähnliche Buchrücken zu sehen sind, was
auf eine hohe Dichte von Werkausgaben schließen lässt. Und gerade diese scheinen oft lederne Einbände zu haben, oft mit goldenen Prägungen (geschickt zum Erstrahlen gebracht durch Leuchten, die am oberen Teil der Regale angebracht sind), was den Schluß nahelegt, dass dies entweder sündhaft teure antike Ausgaben sind – oder aber sündhaft teure Faksimiles. Kaum überrascht es noch, dass diese schon von der Straße aus erkennbaren Zeugnisse humanistischer Bildung vor allem in den Wohnungen mit Kronleuchtern und dunklerem Holz zu sehen sind; in den Zimmern mit der besonders hellen Beleuchtung und den weißen Regalen dagegen meint man des öfteren auch Reihungen von Büchern mit moderneren Einbänden zu erkennen, aus Hochglanzpapier oder gar aus Kunststoff. Gerade letztere lassen vermuten, dass sie vielleicht eher naturwissenschaftliche oder juristische Textsammlungen enthalten.

Vielfältige Einblicke

Natürlich gibt es auch noch ganz andere Wohnungen, in denen Bücherregale zu sehen sind: Bonn ist schließlich eine Studentenstadt, und so kann man auch in vielen Wohnungen, die nicht ganz so schön sind oder nicht ganz so hohe Decken haben Bücherregale erspähen. Dies sind dann tatsächlich meistens Billys. Die freien Wandflächen daneben sind meist eher von Filmplakaten bedeckt. Ein klassisches Motiv ist zum Beispiel ein Szenenfoto aus Pulp Fiction in Schwarzweiß, auf dem John Travolta und Samuel L. Jackson ihre Pistolen gezückt haben. Das monatliche Einkommen mag zwar noch nicht ausreichen, um in größeren Mengen Bücher mit Ledereinbänden zu kaufen, Werkausgaben sind gleichwohl auch hier schon sehr beliebt, auch wenn es in vielen Fällen eher noch die gesammelten Werke von Joanne K. Rowling sind.

Was alle Bücherregale gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie hervorragend von außen sichtbar sind. Die Akkumulation von Wissen, das ist ganz klar, ist prestigeträchtig, unabhängig davon, ob es sich um internalisiertes Wissen handelt oder um noch zu internalisierendes (letzteres wird ja gerne, mit zunehmend aus dem Ruder geratender Work-Life-Balance, ins eigene Rentenalter projiziert).

Wenn ich in einer der schönen Gründerzeitwohnungen wohnen würde, ich würde sicherlich auch nicht zögern, mir ein exklusives Regal in einen der gut einsehbaren straßenseitigen Räume zimmern zu lassen. Die prachtvollen Reihen mit den Lederbänden bieten außerdem noch einen ganz anderen Vorteil: Bonn, vielleicht nicht allzu vielen bekannt, ist auch Medienstadt. Vor allem ist hier Phoenix ansässig, der wahrscheinlich langweiligste Fernsehsender Deutschlands, der dennoch natürlich unverzichtbar ist zur Weiterentwicklung der Mediendemokratie. Ein solcher Informationskanal nun, der rund um die Uhr Sendungen zu Politik, Wirtschaft und Wissenschaft anbietet, braucht zum Ausfüllen seiner Formate natürlich immer wieder jene menschliche Ressource, die sowohl kostengünstig wie auch – in einer Stadt wie Bonn – in inflationärem Maße vorhanden ist: Experten. Gerne werden diese von einem kleinen Kamerateam zu Hause besucht und interviewt; und wenn die Aufnahmeleitung dann überlegt, was sich denn am besten als Bildhintergrund für die monologisierende Koryphäe eignen könnte, ist die Lösung meist schnell gefunden: die Bücherwand der heimischen Bibliothek – dadurch erscheint schließlich auch dem zuschauenden Laien das Expertentum des Befragten direkt offensichtlich.

Um für meine persönliche 15-minütige Berühmtheit gewappnet zu sein – das Phoenix-Team könnte doch jederzeit klingeln, auch bei mir, dem Experten für B-Filme der 80er Jahre – werde also auch ich mir sobald wie möglich mindestens eine wirklich repräsentative Bücherwand anschaffen. Kopfzerbrechen macht mir dabei nur das Befüllen der Regale: Ihr jetziger Inhalt ist alles andere als prestigeträchtig. Zwar habe ich auch das eine oder andere als wichtig geltende Buch gelesen, die Mehrheit bildet aber eine krude Melange aus J. R. R. Tolkien, Stephen King und verschiedenen Werken, die man der Popliteratur zurechnen mag – nichts, was man im Bildhintergrund haben möchte, wenn man gerade auf seinem Brillenbügel herumkaut und der jungen Journalistin die Welt erklärt. Was also ist zu tun? Man könnte in ein Antiquariat gehen und einen Großeinkauf machen: »Einmal die Manns, Goethe, Heidegger und Hegel komplett, bitte, mit Briefen und Tagebüchern. In Leder und mit Goldschnitt, wenn's geht.« Etwas aber stört mich an dieser Vorstellung, und das ist zugegebenermaßen der Preis.

Die Attrappe

Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. Wenn ich (mit zumeist weiblicher Begleitung) in einem Ikea-Einrichtungshaus einkaufen gehe, wissen mich die dort arrangierten Wohnwelten immer nur für begrenzte Zeit zu begeistern. Ich streife dann irgendwann meist ziellos zwischen den künstlichen Zimmern umher, und früher oder später bleibt mein Blick an Bücherregalen hängen: Darin stehen Bücher, die gar keine Bücher sind; die gar keine Seiten enthalten; die eigentlich nur Papphüllen sind, aber bedruckt mit Verfassernamen und Titeln – und die bisweilen täuschend echt wirken, solange man sie nicht aus dem Regal holt. Das eine oder andere Mal bin ich schon darauf hereingefallen und habe eins der Bücher herausgenommen, in kindlicher Weise unendlich enttäuscht über die Leere des blöden Kästchens. Aber vielleicht wären diese Potemkinschen Bücherfassaden für meine Zwecke genau das Richtige? Wie schnell ließen sich gleich mehrere Bücherwände mit dieser aufgeplusterten Zellulose vollstopfen!

Leider tragen diese Pseudobücher meistens vollkommen nichtssagende Titel, ja, in den meisten Fällen scheinen es gar keine real existierenden Titel oder Autoren zu sein (was mich zu dem interessanten Gedanken führt, wie es wäre über diese nicht existenten Bücher Rezensionen zu schreiben, worin es Jorge Luis Borges ja zu wahrer Meisterschaft gebracht hat, aber das würde an dieser Stelle wohl zu weit führen). Ob wohl in der Pseudobuchdruckerei von Ikea schon einmal jemand auf die Idee gekommen ist, en gros repräsentativ wirkende Buchhüllen mit Werken der Weltliteratur und der Geisteswissenschaften zu produzieren? Ich bin mir sicher, der Markt dafür ist vorhanden. Meine ganze Wohnung würde ich mir damit vollstellen. Wenn diese Hüllen groß genug wären, könnte ich außerdem die Bücher, die ich tatsächlich besitze (und zu einem respektablen Teil auch gelesen habe) geschickt darin platzieren – ansonsten müsste ich sie ja im Keller lagern, zumindest während das Fernsehteam zu Gast ist. In diesem Fall müsste ich natürlich alle Pseudobücher mit einem Signatursystem versehen, um nicht den Überblick zu verlieren und stets zu wissen, dass der Stephen King-Roman in der Hegel-Gesamtausgabe, Band drei steckt, der Herr der Ringe im Zauberberg, und so weiter und so fort. Wie selbstsicher säße ich in meinem Lehnsessel vor der Kamera und dozierte über die Fortschrittskritik in Angriff der Killerbienen! Und wie genösse ich es, abends durchs Fenster die Menschen auf der Straße zu sehen, die zu mir emporblicken und denken würden »Mann, hat der viele Bücher! Ob der die alle gelesen hat?«


 

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