Der türkische Antichrist

Wenn Männer Männer und Frauen Frauen lieben – und dabei Türken sind

»Alter, seh‘ ich aus wie ‘ne Schwuchtel oder was?!« Nein, natürlich nicht. Eine Schwuchtel hat eine bestimmte Körperhaltung, einen charakteristischen Haarschnitt und eine einprägende Stimmlage. Du hingegen hast volles, dunkles Haar, einen männlichen Körper und ständig umherwandernde Augen, die zu deiner aggressiven Körpersprache passen – du bist definitiv keine Schwuchtel.

Man will es vielleicht nicht glauben, aber gerade in türkischen Kulturkreisen ist das Thema Homosexualität mit einem gesellschaftlichen Tabu verbunden. Das liegt nicht zuletzt an der fehlenden Aufklärung; deshalb wird aus einem aus der Luft gegriffenen Stereotypen schnell eine Beleidigung kreiert. Fragen Sie doch mal einen Mitbürger mit türkischem Migrationshintergrund, was genau eigentlich eine Schwuchtel ist. Sie werden erstaunt sein über die Definition, die man Ihnen liefert.

Doch eine wichtige Frage, die mit dem Feststellen dieses Faktums einhergeht, ist folgende: Wie sieht es eigentlich mit dem Anteil an türkischen Homosexuellen in Deutschland aus?

Der steinige Weg der Andersartigkeit

Um diese Leitfrage zu beantworten, müssen wir einige Jahre in der Geschichte zurückgehen: Während in den 1960er und 1970er Jahren in den USA eine große Bewegung ihren Lauf nahm, um Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung als der heterosexuellen zu »befreien«, kam hier in Deutschland nicht sehr viel davon an. Erst einige Jahre später verbreitete sich die Bewegung auch auf das westliche Europa und andere Kontinente. In der Türkei existieren erst seit Anfang der 90er Jahre Organisationen und Vereine, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transvestiten und –sexuellen einsetzen (kurz auch LGBTT für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Transsexual); die zwei bedeutendsten von ihnen sind der Lambda, der 1993 in Istanbul gegründet wurde, und der Kaos GL, der seit 1994 in Ankara aktiv ist. Sowohl die Gesetzesgrundlage als auch die Gesellschaftsmentalität in der Türkei erschwerten lange Zeit die Arbeit jeglicher Vereine, die eine Verbesserung der Gesamtsituation anstrebten. Nichtsdestotrotz wurden Lambda und Kaos GL zu Pionieren, an denen sich viele Andere ein Beispiel nahmen. Leider sind und bleiben diese Bemühungen Fremdkörper einer Gesellschaft (ob türkisch oder nicht, spielt hier tatsächlich keine Rolle), die geprägt ist vom »Drei-Affen-Prinzip«. Daher ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass Homo-, Bi- oder Transsexuelle oftmals nicht nur mit Argwohn, sondern auch Gewalt behandelt werden.

Homosexuelle Türken in Deutschland

Wenn es also in der Türkei so zuging, wie gestaltete sich das Ganze dann wohl für die Türken in Deutschland? Leider ist die Realität frustrierender, als man denkt: Wenn man so weit weg ist von der Heimat und ihren Werten, hält man umso stärker an ihnen fest. Gastfamilien, die ihre Kinder hier in Deutschland zur Welt brachten und sie ihren eigenen Wertvorstellungen entsprechend aufzuziehen versuchten, gaben ihr Nicht-Wissen an die nächste Generation weiter. Aufgrund von mangelnder Aufklärung und einem stark polarisierten Freundeskreis blieben diese verankerten Vorstellungen von Sexualität bestehen und stellen auch heute noch ein zentrales Problem dar, besonders bei türkischen Jugendlichen. Nicht nur in der Türkei, die in Sachen Sexualität und Freizügigkeit vielleicht nicht an westlichere Länder heranreichen mag, sondern auch in Deutschland, wo Aufklärung und Toleranz ganz oben auf der To-Do-Liste stehen. Dabei existieren viele Anlaufstellen, von denen Viele nur nichts wissen.

Bekanntlich bestätigen Ausnahmen ja die Regel: Es gibt in der Tat viel mehr homosexuelle Deutsch-Türken, als man zunächst denkt. Dies ist nicht überraschend, zumal sich jene vor familiären Konfrontationen und eventuellen Problemen, die sich daraus ergeben, schützen wollen. Meistens wird das Ganze verschwiegen und von den betroffenen Personen als »eine Phase« abgestempelt. Gerade bei männlichen Homosexuellen ist der Druck aus dem Familien- und Freundeskreis sehr groß; die Befürchtung, seine Männlichkeit aufgegeben zu haben, hindert die meisten daran, offen mit ihrer sexuellen Orientierung umzugehen. Und nicht selten passiert es, dass gerade diejenigen, die Hassparolen und abwertende Witze über Schwuchtel aussprechen, selber schwul oder lesbisch sind.
Doch genau an dieser Stelle operiert GLADT in Deutschland: Gays & Lesbians aus der Türkei ist ein unabhängiger Verein, der seit 2003 offiziell aktiv ist. Er ist auch der einzige Verein, der sich anfangs explizit mit türkischstämmigen Homosexuellen in Deutschland beschäftigte; in den letzten Jahren sind allerdings weitere Nationalitäten dazugestoßen, die den Verein für sich entdeckt haben. GLADT ist nicht nur eine Anlaufstelle für Menschen, die ihre Sexualität neu definiert haben, sondern auch eine Stütze für diejenigen, die sich seit Langem zu einem »Coming-Out« überwinden möchten. Dass es Menschen gibt, die die Integration der sexuellen Andersartigkeit verbessern wollen, dürfte nicht nur für die Betroffenen motivierend sein.

Der erste Schritt zum richtigen Bewusstsein

Was aber sagt diese Sachlage eigentlich aus? Sie belegt, dass wir ein großes Problem haben, das viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird. Es wird immer noch viel zu selten über das Thema Homosexualität gesprochen – und wenn es mal passiert, dann meistens falsch. Aussagen wie »Schwule Pärchen finde ich voll süß!« sind genauso diskreditierend wie zu behaupten, Homosexualität sei eine Krankheit (jenes Statement habe ich übrigens auch viel zu oft von deutschen Mitbürgern gehört). Stattdessen sollte die Bemühung, diesen Teil der Bevölkerung als gleichwertig anzusehen, überragen. Es geht nicht darum, Homosexuellen besondere Aufmerksamkeit zu schenken oder sie zu analysieren, sondern vielmehr um eine stille Akzeptanz ihnen gegenüber. Bezogen auf Türken in Deutschland erfordert es selbstverständlich eine andere Handhabung, da es schwierig ist, vom Kindesalter an vermittelte und tief verankerte Vorstellungen zu ändern. Die von mir bereits erwähnten Anlaufstellen kommen leider erst dann zum Einsatz, wenn die Probleme vor der Tür stehen.

Allerdings kann man vorbeugen: Gezielte Aufklärung an Schulen und in der Familie, die Zusammenarbeit mit entsprechenden Vereinen und nicht zuletzt das Motivieren zum Erkennen der eigenen Sexualität sind hier die Schlagworte. Denn letzten Endes geht es nur darum, dass auch türkische Männer Männer und türkische Frauen Frauen lieben können – und keine Antichristen sind.

 

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