Der Tod kommt aus dem Äther

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Alle Jahre wieder berichten die hiesigen Nachrichten von der Fahrt eines mit gelben Blumengirlanden seltsam feierlich geschmückten Busses über die indisch-paktistanische Grenze. Zu dieser Zeremonie scheinen notwendigerweise die lächelnden Gesichter und die Beschwörungen der führenden Politiker beider Länder zu gehören, dass diese Zeichen der Entspannung eine jeweils neue Ära der Friedlichkeit bereiten werden. Erst in solchen Momenten wird hier im Schoße der Europa ausschnittartig der Konflikt bloßgelegt, der beide Länder, Indien und Pakistan, seit ihrer Gründung vor nunmehr über fünfzig Jahren trennt oder vielmehr in eigentümlicher Hassliebe verbindet. Der auch symbolische Zankapfel beider Staaten ist jene Provinz Kaschmir, die hier als Wolllieferant bekannt, dort eher als Trennmasse die Sehnsüchte religiöser, nationalistischer und machtpolitischer Kreise befördert. © Sangram GuhaVor diesem Hintergrund recherchierte, inszeniert und spielt Sangram Guha mitsamt seines unter anderem von ihm 1990 gegründeten Volksaktionstheaters »Spandan« (Kalkutta) das Doku-Drama »16 Millimeter«. Guha, Mitglied der Kommunistischen Partei Indiens, griff dabei als Stoff auf den 2001 erfolgten terroristischen Angriff einer Gruppe radikal-islamischer Kaschmiri auf das indische Parlament in Neu-Delhi zurück, um die Instabilität, die Illusionismen, die Betrügereien, ja die selbst quasi-terroristische Praxis der indischen Innenpolitik in der »größten Demokratie der Welt« fokussiert zu decouvrieren und anzuklagen. Seziert werden von der zum größten Teil aus Laiendarstellern bestehenden Agitprop-Gruppe die Machinationen, die Syed Abdul Rehman Gillani, ein Professor an einem College in Delhi, in einen Zusammenhang mit den Terroristen gerückt haben sollen. Das corpus delicti, das mutmaßlich zum Verhängnis des Professors vor Gericht werden könnte, ist sein Mobiltelefon, das von zweien der Terroristen während der Attacke angerufen wurde und auf deren Telefonen wiederum diese Nummer unter dem Codenamen »16 mm« firmierte. Der Professor freilich streitet ab, in diesen Fall verstrickt zu sein. Seine Rettung ist der Besitzer des Geschäftes, in dem er wenige Tage vor dem Anschlag jenes Telefon erwarb und wo sein Kauf und seine Nummer auf seinen Namen registriert sind. Niemand, so argumentiert seine Rechtsanwältin, der an einer solchen Tat beteiligt sei, lasse sich doch zuvor registrieren. Sollte es sich also um ein Komplott gegen Gillani handeln, wäre womöglich auch der Telefonverkäufer als Zeuge in Lebensgefahr. »16 Millimeter« ist ein geradezu klassisches verschwörungstheoretisches Stück. Mit kraftvollem Ehrgeiz werden hier einfach, jedoch sehr plastisch Facetten eines Landes abgebildet, die so gar nicht mit unserem Klischeebild des bunten, spirituellen und romantischen Vielvölkerstaates übereinstimmen wollen. Tatsächlich mag sich die Motivation Guhas und seiner Truppe aus einem, vorsichtig formuliert, oppositionellen Verständnis der politischen Wirklichkeit ableiten lassen, denn allzu ideologisch bedingt wirkt die Frontstellung, die mit »16 Millimeter« konstruiert wird. Trotz des bekundeten Willens zur Dokumentation werden kaum ernsthaft Fragen gestellt, sondern vielmehr Antworten suggeriert. Allerdings mag gerade dieses Theater der radikalen Verweigerung vor dem Gegebenen am besten auf dem Boden einer Gesellschaft gedeihen, in der neben den traditionellen Kasten auch die faktische Trennung der Klassen dominiert. Was bedeuten dem gegenüber schon die Gesten grinsender Verständigung zwischen Politikern, wenn zumindest die Wahrscheinlichkeit besteht, dass dies alles nur ein Spiel ist, für dessen Erhalt selbst die widersprüchlichsten Mittel recht sind. Dies durchaus auch grell zu beleuchten, wie es Spandan mit »16 Millimeter« gelingt, ist nicht nur legitim, es ist auch notwendig.

 

16 Millimeter. Schauspiel von Sangram Guha (in Bengali mit Simultanübersetzung). Werkstattbühne Bonn. Inszenierung: Sangram Guha. Produktion: Spandan (Kalkutta/Indien). Europa-Premiere: 19. Mai 2006.

Ich wollte nur mal anmerken,

Ich wollte nur mal anmerken, dass ich die Inszenierung unglaublich schwach fand. Darf natürlich jeder so sehen, wie er will, aber für mich war das der absolute qualitative Tiefpunkt der Biennale!

Politisch ambitioniertes Theater ist ja an sich eine gute Sache, aber ich fand das Stück von künsterischer Seite her sehr enttäuschend und ehrlich gesagt sterbenslangweilig! Den Schaupielern will man ja schon gar keinen Vorwurf machen - wie du schon richtigt sagst, sind das ja tatsächlich vorwiegend Laien, aber meiner Meinung nach war dem Stück eine Regie überhaupt nicht anzumerken. Undramatischer, als in einem hell beleuteten Raum zwei Leute dasitzen und einfach nur reden zu lassen, gehts ja schon kaum mehr. Dann noch die Telefongespräche, die wohl Dramatik erzeugen sollten - ich fand das waren alles sehr plumpe Einfälle der Regie, wenn man sie überhaupt als "Einfälle" bezeichnen will...
Das ganze wird dann nur noch getoppt vom patriotisch-pathetischen Ende...

Das wollte ich an dieser Stelle mal loswerden, weil mich die Inszenierung so geärgert hat!

 

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