Der Untergang der Titan(ic)

Manfred Poser hat ein paar merkwürdige Details zum Untergang der ›Titanic‹ zu bieten

Am 15. April 1912 ging der englische Luxusdampfer RMS Titanic unter und riss mehr als tausendfünfhundert Menschen in den Tod. Es war die Schiffskatastrophe, die in den 100 Jahren seither die Menschheit am stärksten beschäftigte. Zu diesem Fall ist ja alles gesagt worden – wenngleich, nach einem Bonmot von Karl Valentin, noch nicht von allen –, und es wird alles auch schon immer früher gesagt, weit vor dem Jahrestag, weil man schneller sein will als die anderen. Am Jahrestag selbst steht man dann wie ein Zuspätgekommener da. Wissen wirklich schon alle alles? Oder lesen sie das Falsche?

Die Titan und die Titanic

Für ein Buch, das nie zustande kam, hatte ich den 16-seitigen Artikel Die paranormalen Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Untergang der ›Titanic‹ von Ian Stevenson übersetzt, der 1960 in der Zeitschrift der American Society for Psychical Research (ASPR) erschienen war. Daraus kann ich nun zitieren:

»Als Beleg für menschlichen Irrsinn, gekrönt durch Arroganz und Ignoranz, steht der Untergang der Titanic ziemlich einzigartig da. Ihre Erbauer hatten angekündigt, sie sei unsinkbar, und Wissenschaftler und die Öffentlichkeit glaubten ihnen. [...] Kapitän Smith erhielt am Tag der Kollision fünf Warnungen vor Eisbergen in der unmittelbaren Nähe des Schiffes. Diese verunsicherten ihn zwar, doch nicht so sehr, als dass er die Geschwindigkeit der Titanic verringert oder sie ganz zum Stehen gebracht hätte.«

Die Titanic verlässt Southampton am 10. April 1912 (Foto: F.G.O. Stuart, Quelle: Wikimedia Commons)

Gleich das erste von 12 Beispielen paranormaler Erfahrungen muss uns interessieren:

»Im Jahr 1898 schrieb ein Autor namens Morgan Robertson einen Roman mit dem Titel Futility [Vergeblichkeit], in dem er den Bau und eine frühe Reise eines großen Dampfschiffs beschrieb, das er Titan nannte. Auf dieser Fahrt im April sank das Schiff nach einer Kollision mit einem Eisberg. Die Titan wurde wegen ihrer wasserdichten Bauelemente für unsinkbar gehalten. Auch sie hatte zu wenige Rettungsboote, und daher kostete ihr Untergang eine erschreckend hohe Zahl von Menschen das Leben. Weitere Details der Titan und ihres Untergangs ähnelten denen der Titanic, wie folgt:

 

Titan

Titanic

Zahl der Personen an Bord

3000

2207

Zahl der Rettungsboote

24

20

Geschwindigkeit bei der Kollision

25 Knoten

23 Knoten

Verdrängungstonnage des Schiffs

75000

66000

Länge des Schiffs

800 Fuß

(245 m)

882,5 Fuß

(269 m)

Zahl der Schrauben

3

Andere Beispiele sind hellseherischer Natur:

»Am 20. April befanden sich Mr. und Mrs. Jack Marshall mit ihrer Familie auf dem Dach ihres Hauses, das eine Aussicht über den Solent gegenüber der Isle of Wight gestattet. Als sie die Titanic auf ihrer Jungfernfahrt vorbeifahren sahen, klammerte sich Mrs. Marshall an den Arm ihres Ehemanns und rief aus: ›Dieses Schiff wird sinken, bevor es Amerika erreicht haben wird.‹ – Wenige Stunden vor der Kollision mit dem Eisberg äußerte einer der Erste-Klasse-Passagiere, der Präsident der Grand Trunk Railroad, Charles M. Hays, dass bald die Zeit kommen würde ›für das größte und erschreckendste Unglück auf See‹. Später in jener Nacht, kurz nachdem das Schiff den Eisberg gerammt hatte, blieb Mr. Hays jedoch gelassen und soll gesagt haben: ›Dieses Schiff kann nicht sinken.‹«

W. T. Stead

William Thomas Stead, der 1849 geborene englische Journalist und Herausgeber sowie Spiritualist, ging mit der Titanic unter. Stevenson blickte zurück:

W. T. Stead
W. T. Stead (Quelle: George Grantham Bain Collection, U.S. Library of Congress, ohne Datum)

»In den 1880-er Jahren publizierte Stead in der Pall Mall Gazette, deren Herausgeber er war, einen literarischen Artikel, in dem er den Überlebenden einer großen Schiffskatastrophe erzählen ließ. [...] Stead hängte an den Artikel eine editorische Notiz an, die sich so liest: ›Dies ist genau, was geschehen könnte und was geschehen wird, wenn Passagierschiffe mit zu wenig Rettungsbooten in See stechen.‹ 1892 veröffentlichte Stead einen weiteren Artikel in der Review of Reviews, in dem er den Untergang eines Dampfers durch die Kollision mit einem Eisberg beschreibt sowie die Rettung seines einzigen überlebenden Passagiers durch die Majestic, ein Schiff der White Star Line. Die echte Majestic wurde damals von Kapitän Smith befehligt, der in der Folge Kapitän der Titanic wurde und beim Untergang starb. [...] 1909 hielt Stead eine Rede vor dem Cosmos Club, in der er sich selbst als Schiffbrüchigen porträtierte, der um Hilfe ruft.«

Das mit der Schiffskatastrophe kann freilich in der Luft gelegen haben, man musste nicht Hellseher sein. – Ein Besatzungsmitglied der Titanic will Stead lesend im Raucherzimmer des Schiffes gesehen haben, als der Ozeandampfer unterging: very British. 1922 erschien das Buch The Blue Island von Estelle Stead, seiner Tochter. Sie schrieb: »Zwei Wochen nach der Katastrophe sah ich das Gesicht meines Vaters und hörte ihn so klar und deutlich wie damals, als er sich von mir verabschiedete und die Titanic betrat. Das war bei einer Sitzung mit Etta Wriedt, dem bekannten amerikanischen Direktstimmenmedium. Bei dieser Sitzung sprach ich zwanzig Minuten mit meinem Vater.« In dem Buch stehen Durchgaben von Stead von drüben, worüber ich schon an anderer Stelle geschrieben habe.

Das Vorwort stammt von Sir Arthur Conan Doyle, der Stead gut gekannt hatte. »Als Literaturkritiker möchte ich sagen, dass der klare Ausdruck und die äußerst humorvolle Sprechweise ziemlich charakteristisch für Ihren Vater waren«, ließ sich der Meister im September 1922 aus Sussex vernehmen, eine gewisse Skepsis nicht unterdrückend, aber gleichwohl dem Büchlein Glück wünschend.

Auch Spiritualisten sind manchmal leichtfertig, weil sie nicht als leichtgläubig gelten wollen. Stead ließ sich von mehreren Medien beraten, darunter Mr. W. de Kerlor. Im September 1911 – auch dies aus Stevensons Artikel – sagte ihm dieser beim ersten Gespräch voraus, Stead werde nach Amerika reisen, obwohl dieser zu der Zeit keine solchen Pläne hatte.

Bald darauf hatte das Medium einen Traum, der sich auf Stead bezog: »Ich träumte, dass ich mitten in einer Schiffskatastrophe war; eine Menge Menschen (mehr als tausend) kämpfte im Wasser ums Überleben, und ich war einer davon. Ich konnte ihre Hilfeschreie hören.« Mr. de Kerlor erzählte Stead diesen Traum und wiederholte seine Warnung, dass das schwarze Schiff, das er schon vorher gesehen hatte, ›Beschränkungen, Schwierigkeiten und den Tod‹ bedeute. Diese Ankündigungen beeindruckten Stead wenig. Er antwortete: »Oha; nun ja, Sie sind wohl ein sehr düsterer Prophet.« Hinterher ist man immer schlauer.


 

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