Der vergessene Araber

Kamel Daouds Debütroman Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung ist ein Dokument postkolonialer Selbstreflexion

70 Jahre ist es her, dass die Sonne Meursault das Hirn verbrannte und er vier Kugeln auf einen ihm völlig Unbekannten abfeuerte. Doch nachdem Albert Camus‘ Der Fremde (1942) jahrelang Prestige genoss, zieht Kamel Daoud in seinem Debütroman Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung den mörderischen Helden endlich zur Rechenschaft, denn Mord verjährt bekanntermaßen nicht – erst recht nicht in der Literatur.

Ein alter Mann sitzt in einer Bar in Oran und erzählt. Er ist der Bruder des anonymen Arabers, den Albert Camus‘ Held Meursault im Sommer 1942 beiläufig-sinnlos erschoss. In 15 Kapiteln erzählt Haroun dem Leser, einem anonymen Literaturwissenschaftler, die Geschichte seines Bruders Moussa, der an jenem heißen Tag am Strand einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein scheint. Doch Kamel Daouds Debütroman, der in 28 Sprachen übersetzt wurde, ist nur sekundär ein Kriminalroman. Primär ist Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung der literarische Versuch dem ermordeten Araber eine Identität zu geben, die vor dem Hintergrund der algerischen Freiheitsbewegung begriffen werden möchte. Wütend klagt Haroun an, dass sein Bruder Moussa bereits vor seiner Ermordung nicht mehr als eine leblose Hülle war: »Wenn er im Buch meinen Bruder den Araber nennt, dann macht er das, um ihn zu töten, so, wie man die Zeit totschlägt, wenn man sich ohne Sinn und Ziel herumtreibt.« Harouns Anklage ist berechtigt. Denn indem Albert Camus Moussa auf das Etikett des »Araber« reduziert, macht er ihn zur Zielscheibe einer kolonialen Stigmatisierung. Erst durch Harouns Erzählung gewinnt Moussa seinen Status als Person und etwas Würde zurück. Jene Würde, die dutzenden Algeriern während der französischen Kolonialherrschaft geraubt wurde. Auch wenn Haroun die Geschichte seines Bruders sehr persönlich erzählt, ist sein Anliegen durch und durch unpersönlich.

In Daouds Debütroman geht es nicht um einen tragischen Einzelfall, bei dem ein verblendeter Franzose versehentlich einen Araber tötet. Im Gegenteil: In seinem Roman fragt der Autor nach der kolonialen Vergangenheit seiner Heimat Algerien. Der Araber Moussa und der Franzose Meursault haben sich als Personen nie kennengelernt und doch demonstriert Daoud an ihnen die kulturelle Ambivalenz, die als notwendiges Produkt kolonialer Repression verstanden werden muss. Haroun stellt fest: »Der eine konnte so erzählen, dass seine Tat in Vergessenheit geraten ist, während der andere ein armer Analphabet war, den Gott offenbar nur geschaffen hatte, damit er eine Kugel abbekommt und wieder zu Staub wird.« Auch wenn die politische Souveränität Algeriens mittlerweile eine Selbstverständlichkeit ist, dauert der Kampf um eine kulturelle Autonomie an. Denn die Geschichte Algeriens ist in erster Linie die Geschichte der französischen Kolonialherren. Die Leichtigkeit des Strandes, die Schönheit der Palmen und der mediterrane Traum wurde stets von europäischen Literaturnobelpreisträgern, niemals aber von den Brüdern Haroun und Moussa dokumentiert.

Die Vereinbarkeit von islamischer und westlicher Kultur

Daouds Roman ist keine willkürliche Rache an Camus’ Protagonisten Meursault. Das wäre zu wenig. Vielmehr ist sein Werk ein Dokument postkolonialer Selbstreflexion. Denn erst indem der »Araber« zu Moussa wird und einen familiären, wie kulturellen Kontext erhält, kann eine gleichberechtigte Anklage an den europäischen Imperialismus und Kolonialismus gelingen. Die Aufarbeitung kolonialer Gräueltaten in den Maghreb-Staaten versucht Daoud literarisch zu beantworten. Und es gelingt ihm. Während das neurotische Pochen auf die Souveränität eines Nationalstaats nur oberflächlich das Ende kolonialer Fremdbestimmung betitelt, möchte die kulturelle Identität noch immer gefunden werden. Es ist das Recht auf eine eigene Geschichte, dass der Protagonist Haroun geltend macht. Eine Geschichte, die irrtümlicherweise viel zu lange französisch war und jetzt neu geschrieben werden möchte. Deswegen kann die kulturelle Emanzipation Algeriens nicht noch einmal im Pariser Café de Flore verhandelt werden. Denn selbstständig ist Moussas Geschichte nur, wenn sie am Tresen in Oran erzählt wird.

Daoud, der neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit, auch als Journalist für Le Monde arbeitet, gelingt in seinem ersten Roman eine Reflexion im doppelten Sinne: Zum einen sammelt er die Puzzleteile der Geschichte Algeriens, die nach über einem Jahrhundert französischer Kolonialherrschaft nur mühselig zusammengesetzt werden können. Doch zum anderen fordert Kamel Daoud auch jene Algerier, deren Identität in seinem Debütroman eine neue Gewichtung erfahren soll: Indem nämlich der Protagonist Haroun offen über sein gestörtes Verhältnis zu seiner Religion und seiner Familie spricht, hinterfragt Daoud die Vereinbarkeit von islamischer und westlicher Kultur. Der Vorwurf der Islamophobie, den französische Intellektuelle Kamel Daoud nach einem Artikel zu den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 durch maghrebinische Migranten machten, bestätigt sich in Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung nicht. Daoud ist ein mutiger Autor, dessen Texte die Frage nach kultureller Identität konkret formulieren, ohne die politische Brisanz dieser Frage dabei zu unterschätzen. Nicht grundlos wurde Daouds Werk bereits 2016 vom niederländischen Regisseur Johan Simon im Rahmen der Ruhrtriennale als Theaterstück in dessen Inszenierung Die Fremden aufgegriffen. Dass die Sprache in seinem Roman in ihrer Poetisierung gelegentlich etwas überzeichnet und unausgereift ist, verzeiht man ihm als Leser gerne.

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung. Roman. Aus dem Französischen von Claus Josten. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016. 208 Seiten. ISBN 9783462047981. 17,99 Euro.

 

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