Der Wahnsinn Theater in Theorie und Praxis

Sandra Heinrici beantwortet den Fragebogen für »Germanisten, die es geschafft haben«

Biennale Bonn 2008 (Logo)Den traditionellen Magister-Studiengängen wird gerne einmal ein mangelnder Praxisbezug vorgeworfen. Doch es geht auch anders. Denn wenn sich aus der Mitarbeit in einem Projektseminar zu einem großen Theaterfestival nach dem Studienabschluss ein Jobangebot als Organisationsassistentin bei eben diesem Festival ergibt, dann muß man einfach zugreifen – auch wenn man eigentlich vorhatte, sich sofort in die Promotion zu stürzen.

Und so beschäftigt sich Sandra Heinrici jetzt nicht mehr nur theoretisch mit dem Wahnsinn des Theaters, sondern erlebt diesen jetzt jeden Tag bei der Biennale Bonn: Bosporus 2008 hautnah. Als Assistentin im Team der Festivalorganisation kann sie sowohl an die theoretische Beschäftigung mit ihrer liebsten Gattung des Dramas, als auch an ihre praktischen Erfahrungen aus verschiedenen Hospitanzen am Theater Bonn anknüpfen. Mit Sandra Heinrici beantwortet übrigens zum ersten Mal keine Germanistin (im engeren Sinne), sondern eine Komparatistin unseren Fragebogen. Doch ihre »Leidenschaft zur Literatur« teilt sie wohl mit allen Germanisten, genau wie sich Germanisten und Komparatisten an der Bonner Uni Institut und Bibliothek teilen.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Sandra Heinrici:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? Begonnen habe ich mein Studium im WS 2001/2002 an der Universität Saarbrücken. Im darauffolgenden SS habe ich schon an die Bonner Uni gewechselt und dort im SS 2007 das Magisterexamen absolviert. Germanistik war weder mein Haupt- noch mein Nebenfach – im Hauptfach habe ich Vergleichende Literaturwissenschaft, im Nebenfach französische Philologie und Medienwissenschaft studiert.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? Zum Studium der Komparatistik hat mich vor allem die Tatsache bewogen, dass dieses Fach es erlaubte, meine Leidenschaft für Fremdsprachen mit derjenigen für Literatur zu kombinieren.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? »Darstellungsformen des Wahnsinns im europäischen Theater des 20. Jahrhunderts«
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? Zunächst habe ich das Verhältnis des Wahnsinns zur Gesellschaft, zum Theater und zur Literatur über die verschiedenen Jahrhunderte hinweg betrachtet um hiernach zu untersuchen, wie so bedeutende Dramatiker wie Luigi Pirandello, Thomas Bernhard, Friedrich Dürrenmatt und Samuel Beckett das komplexe Phänomen des Wahnsinns in unterschiedlichen Phasen des 20. Jahrhunderts eingesetzt haben. Nach einer Betrachtung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Darstellungsformen und Funktionen bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass der Wahnsinn gerade im 20. Jahrhundert noch einen weit gefächerten Bedeutungsreichtum besitzt, der auch vor Paradoxien keinen Halt macht und daher nicht nur eine Vielzahl von ambivalenten Darstellungs- und Deutungsmöglichkeiten eröffnet, sondern vielleicht sogar als eine der intensivsten theatralischen Gestaltungsmöglichkeiten der Auseinandersetzung mit der Grundbefindlichkeit und Problematik des modernen Subjekts gelten kann.
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? Es gab einige, bei denen ich gerne studiert habe. Zum Beispiel bei Professor Oehler, der auch meine Magisterarbeit betreut hat. Geschätzt habe ich die Vielfalt der Themen, die er anbot und besonders die Tatsache, dass man in seinen Seminaren und Vorlesungen besonders als Frankophile/r auf seine Kosten kam.
  6. Was war / ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Das ist schwer, da gab und gibt es zumindest bei den Büchern und Autoren unglaublich viele. Müsste ich mich für ein Buch entscheiden, wäre es Thomas Manns Buddenbrooks; Autoren müsste ich unbedingt zwei nennen: Shakespeare und Beckett. Ich mochte immer gerne die Aufklärung, den Realismus und die Moderne/Postmoderne. Meine Lieblingsgattung war und ist das Drama, dicht gefolgt von der Prosa, innerhalb dieser liegt bei mir der Roman weit abgeschlagen auf Platz eins.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? Während des Studiums habe ich viele Praktika absolviert – u. a. mehrere Hospitanzen am THEATER BONN, ein Praktikum im Tropen Verlag, im Kulturreferat der deutschen UNESCO-Kommission, in der Kulturabteilung der DEUTSCHEN WELLE – um für mich selbst herauszufinden, wo es denn später einmal beruflich hingehen könnte. Außerdem habe ich nach der Zwischenprüfung einige Zeit als studentische Hilfskraft in der Abteilung für Komparatistik gearbeitet.
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? Der Job bei der diesjährigen BIENNALE BONN hat sich mir durch meine Praktika bei den vergangenen beiden Festivals eröffnet. Ich hatte diesen nicht von vorneherein angestrebt, wollte vielmehr eigentlich ins Verlagswesen oder sofort im Anschluss an den Magister mit der Promotion beginnen, habe mich aber sehr gefreut, als das Angebot kam und sofort »zugegriffen«.
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? In den alltäglichen Stresssituationen ist das im Studium erworbenen Wissen natürlich nicht immer konkret nützlich. Viele praktische Arbeitsabläufe lernt man selbstverständlich nicht durch das Besuchen von Seminaren und Vorlesungen, durch das Schreiben von Hausarbeiten und Klausuren. Aber gerade im Bereich der Kultur bietet einem das erlangte Wissen eine sehr guten theoretischen Hintergrund für die praktische Arbeit. Das Sprachgefühl und der präzise Umgang mit Texten, die man sich in jedem literaturwissenschaftlichen Studium aneignet, helfen mir zum Beispiel sehr konkret bei der Literaturrecherche für Preview-Veranstaltungen und Lesungen oder beim Verfassen von Presse- und Katalogtexten.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? Für eine Komparatistikstudium würde ich mich jeder Zeit wieder entschließen, da es mir durchweg großen Spaß gemacht hat und auch in einem gewissen Umfang auf den beruflichen Weg gebracht hat, den ich momentan einschlage.
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? Am Theater arbeiten sowohl im Bereich der Festivalorganisation, als auch in den Bereichen der Dramaturgie oder Regie viele Geisteswissenschaftler. Die freien Stellen sind allerdings ebenso schwer zu finden wie in allen anderen Bereichen der Kultur auch. Am THEATER BONN wird aufgrund der geforderten Einssparungen in der kommenden Spielzeit zudem extrem Personal abgebaut werden.
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Da ich selber noch nicht vor allzu langer Zeit mein Examen gemacht habe, habe ich keine Fragen, die ich mir nicht auch selbst stellen müsste … Meine Ratschläge sind die üblichen, aber tatsächlich nützlichen – zumindest haben sie sich bei mir erwährt: geht während des Studiums ins Ausland; das bringt nicht nur eine gute Zusatzqualifikation für den Lebenslauf, sondern ist meistens auch einfach die schönste Zeit des gesamten Studiums. Und vor allen Dingen: macht Praktika schon während des Studiums, nicht erst danach. Probiert aus, welche Bereiche/Jobs euch Spaß machen würden, dann habt ihr nach dem Studium viel bessere Einstiegsmöglichkeiten.

 

Hinweis: In unserer Serie Germanisten im Beruf haben seit 2006 bereits zwei Dutzend ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten Auskunft über ihren Werdegang und den Nutzen ihres Studiums gegeben; der Reihe nach: Martin Sonneborn (Titanic-Redakteur) – Jan Sting (freiberuflicher Journalist) – Axel Joerss (Journalist und Fotograf) – Christine Henschel (Wissenschaftslektorin) – Nikola Richter (Schriftstellerin und Journalistin) – Burkhard Spinnen (Schriftsteller) – Kathrin Passig (Autorin und Geschäftsführerin der »Zentralen Intelligenz Agentur«) – Adam Soboczynski (ZEIT-Redakteur) – Cornelia Schu (wiss. Referentin beim Wissenschaftsrat) – David Eisermann (Kulturjournalist und WDR-Radiomoderator) – Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und – seit Frühjahr 2007 – Professorin an der FH Düsseldorf) – Carla Christiany (Deutschlektorin an der Università di Bologna) – Christoph Wenzel (Mitbegründer und -herausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) – Christian Eichner (promovierter Rechtsanwalt und Germanistik-Habilitand) – Olaf Kutzmutz (Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel) – Andreas Wilink (Mitbegründer, -herausgeber und leitender Redakteur des Magazins K.WEST – das Feuilleton für NRW) – Tilman Krause (Literaturkritiker und leitender Literatur-Redakteur bei der Welt) – Andrea Vetsch (TV-Moderatorin im Schweizer Fernsehen) – Axel von Ernst (Schriftsteller und Verleger) – Bernd Draser (freiberuflicher Dozent) – Yvonne Büdenhölzer (Dramaturgin) – Reiner-Ernst Ohle (Theaterreferent mit »Bayer-Spirit«) – Antje Schnadwinkel (Lektorin) – Maxim Hofmann (Kabarettist).– Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

Sandra Heinrici (Foto: privat)Sandra Heinrici, geboren 1981 in Bonn, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Französische Philologie und Medienwissenschaft an der Universität Bonn sowie an der Université Aix-Marseille I. Seit 2007 arbeitet sie für die Biennale Bonn, ein internationales Kunst- und Kulturfestival des Theaters Bonn. Als Organisationsassistentin kümmert sie sich im Rahmen des Festivals besonders um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und die Bereiche Bildende Kunst und Literatur. Publikation: Maskenwahnsinn. Darstellungsformen des Wahnsinns im europäischen Theater des 20. Jahrhunderts, Bouvier: Bonn, 2008 (= Junges Forum Literatur; Bd.2).

Foto: privat.

 

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!