In die BRD mit der DSB

Die dänische Erfolgsband Nephew veröffentlicht ihr Album USA DSB in Deutschland

Nephew: USA DSBAls ich vor zwei Jahren, ohne wesentliche Kenntnisse in der Landessprache zu besitzen, nach Dänemark zog, war mein erster Kontakt mit dänischer Musik das Lied En Sang om Kærlighed von Tue West. "Kærlighed" ist das dänische Wort für Liebe, was mich damals sehr überraschte, ein so klangloses Wort für etwas so Schönes. Das machte mich etwas misstrauisch gegenüber der Idee, Musik mit dänischen Texten zu hören. Wahrscheinlich kann man das, von außen gesehen, genauso über deutsche Lieder sagen, und natürlich ist es für jedes Land wichtig, die Kultur in der eigenen Sprache zu pflegen. Aber als ich hörte, dass die Band Nephew schon seit einiger Zeit Konzerte in Deutschland gibt und ihr zweites Album USA DSB jetzt auch in Deutschland verkauft, war ich doch skeptisch. Bei den Texten von Nephew handelt es sich um eine zusammengewürfelte Mischung aus Dänisch und Englisch. Das ist nicht gerade gewöhnlich und stößt auch bei Dänen auf gemischte Reaktionen, obwohl in Dänemark durchaus ein offeneres Verhältnis zur englischen Sprache besteht als in Deutschland. In einem kleinen Land kommt man schneller an die Grenzen des eigenen Sprachraums und muss sich so öfter der internationalen "Standardsprache" bedienen. Auch gibt es hier nicht den merkwürdigen Brauch, englische Filme zu synchronisieren. Wenn man sich die Texte von Nephew genauer anhört, hat man den Eindruck, dass sie weniger vom Inhalt motiviert sind, sondern mehr eine Spielerei mit Sprache und mit Worten darstellen. So können die Lieder auch funktionieren, wenn man sie einfach als Gelegenheit begreift, sich vom Klang einer fremden Sprache faszinieren zu lassen und diese als eigenes, charakteristisches Element der Musik betrachtet. Beim Hören fremdsprachiger Musik wird auch die Stimme zu einem Instrument, man achtet mehr auf die musikalischen und klanglichen Gesamteigenschaften der Lieder. Und da gibt es durchaus Hörenswertes. Aus sparsamen Schlagzeugrhythmen und Bassläufen, treibenden Gitarrenriffs, sporadisch eingesetzten Synthesizern und natürlich Simon Kvamms Stimme wird ein eigener Sound zusammengesetzt, der immer Energie rüberbringt, aber niemals überladen wirkt. Aufgelockert wird das Ganze durch Gastauftritte von Kvamms Bruder Stefan an der Geige, einem Bläserarrangement in "Ordenspoliti" und nicht zuletzt Henriette Sennenvaldt (der Sängerin der Band Under Byen) in "Blå & Black". USA DSB ist nicht mehr als ein schönes Rockalbum, aber doch frisch und ungehört. Eine leichte Kost für zwischendurch, bei der man immer wieder unwillkürlich mit dem Kopf nickt und den ein oder anderen Ohrwurm mitnimmt. Nephew - © Jan Friese / Universal MusicDie 1996 gegründete Band nahm im Jahr 2000 ihr erstes Studioalbum Swimming Time auf und machte sich nach und nach einen Namen. 2004 war dann das Jahr des Durchbruchs, die Lieder von USA DSB wurden viel im Radio gespielt und Nephew wurden mit Kritikerpreisen verwöhnt. Dennoch bezeichnen sie sich bescheiden als "Teilzeit-Rockstars". Das hilft sicher, einen unverkrampften Zugang zur Musik und Zusammenarbeit als Band zu bewahren, um auch weiterhin eine Alternative zu "industriell" produzierter Musik, von der wir ständig berieselt werden, bieten zu können. Andererseits darf man diese Bescheidenheit nicht überinterpretieren, denn der Sänger und Texter Simon Kvamm ist in seinem anderen Beruf Fernsehkomiker und zuletzt in der 2004 sehr erfolgreichen Serie Drengene fra Angora zu sehen gewesen. Und man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Simon Kvamm seinen Ruhm geniesst. Bezeichnenderweise tritt er als einziger der drei "Jungs aus Angora" in der Serie unter seinem eigenen Namen auf, und im Text des Liedes "Superliga", der eine Menge nationaler und internationaler Namen aufzählt, hat er auch ganz selbstverständlich seinen eigenen ergänzt. Das gehört zum Spiel und enthält eine Portion Selbstironie, ist aber natürlich auch Imagepflege. Kristian Riis (Gitarre), Kasper Toustrup (Bass) und Søren Anholt (Schlagzeug) treten eher in den Hintergrund und machen einfach das, wofür sie dabei sind, nämlich Musik. Für die internationale Ausgabe (die bisher nur in Deutschland erhältlich ist) wurde das Lied "En Wannabe Darth Vader" von Dänisch/Englisch in reines Englisch übersetzt (unter dem Titel "A Wannabe Darth Vader"). Wirklich begeistern kann der Text allerdings nicht, allzu deutlich trägt er seine Beliebigkeit zur Schau. Das merkt man spätestens daran, dass die Anspielung auf Anders Fogh (den dänischen Ministerpräsidenten) in der dänischen Fassung problemlos durch die Erwähnung von Jacques Chirac in der englischen ersetzt werden kann und auch sonst außer der Titelzeile nicht viel vom ursprünglichen Text übrig bleibt. "Wannabe Darth Vader" ist, wie es darin schon ganz treffend heisst, nicht mehr als "a fucked up song by a fucked up dane". Ansonsten keine Spur davon, dass es sich bei USA DSB um eine internationale Ausgabe handelt. Das Booklet ist exakt identisch mit der dänischen Version und enthält zu jedem Lied einen Textfetzen von zwei bis vier Zeilen. Das gehört natürlich zum Designkonzept, das eigentlich nicht schlecht ist, aber wenn schon Musik mit dänischer Sprache so bewusst exportiert wird, sollte man eigentlich komplette Textfassungen, wenn nicht gar Übersetzungen erwarten dürfen. Sogar die Credits sind auf Dänisch: Nicht ganz verständlich erscheint etwa die Bezeichnung “Tangenter”, die uns sagen soll, dass Simon Kvamm außer zu singen auch die (Keyboard-)Tasten bedient. Aber auch das trägt beinahe schon wieder zu der Kuriosität bei, die diese Veröffentlichung ohnehin bedeutet. Als Kuriosum ist die CD sicher hörenswert. Und wenn man das zugehörige Land kennenlernen will, kann man dazu die DSB benutzen. Das ist nämlich der Name der dänischen Bahn, die zwar nicht, wie im Nephew-Text beschrieben, in die USA fährt, aber kurz hinter Flensburg zu erreichen ist. Nephew: USA DSB. Universal Music, 2005. Ca. 49 min. Spielzeit. Ca. 18 Euro. (bei amazon.de bestellen) Nephew auf Dänisch und Englisch im Internet: www.nephew.dk

 

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