Die Fliegerin und der Tod – Wenn Engel abstürzen

Uwe Timms Roman Halbschatten vermittelt, schockiert und verliert trotz sprechender Toter den Bezug zur Realität nicht

Was bringt eine 25-jährige, unabhängige Frau dazu, sich in einem Flugbunker in Syrien zwei Kugeln in den Kopf zu schießen? Wie kann ein Mann, der Tausende auf dem Gewissen hat, so schön Violine spielen, dass es zu Tränen rührt? Diese Fragen stellt Halbschatten, der neue Roman von Uwe Timm. Er ist zugleich der dritte Band von Timms Berlin-Trilogie, die angefangen mit Johannisnacht und Rot nun ihren Abschluss findet. Ein namenloser Autor wird von einem Mann, den er »den Grauen« nennt, über den Berliner Invalidenfriedhof geführt. Die Toten beginnen zu sprechen. Zum Teil sind es Figuren, die tatsächlich gelebt haben, wie der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich. Zum Teil fügt Timm fiktive Gräber hinzu, wie das des Zauberers und Komikers Miller, der durch seine Späße die Soldaten an der Front erfreuen soll, verdeckt jedoch immer wieder das Naziregime und »den Führer« verspottet. Der Graue führt den Autor, und mit ihm den Leser, über diesen trostlosen Ort, ergänzt, wo die Toten schweigen oder wo Personen genannt werden, die nicht auf dem Friedhof liegen.

An diesem Ort […] liegt die deutsche, liegt die preußische Geschichte begraben, jedenfalls die militärische. Scharnhorst liegt hier und andere Generäle, Admiräle, Obristen, Majore.

Sie alle sind Teil eines Stimmengewirrs, das beim ersten Lesen ein wenig irritiert. Tote aus unterschiedlichen Jahrhunderten reden durcheinander. Um Krieg, Gewalt und Folter geht es in Halbschatten scheinbar nur nebensächlich. Vordergründig handelt der Roman vom Fliegen. Von besonderem Interesse ist die Stimme einer Frau, die man deutlich zwischen den vielen Männern auf dem Friedhof heraushört. Sie liegt unter einem Granitbrocken begraben. »Der Flug ist das Leben wert« ist darauf eingraviert. Es handelt sich um Marga von Etzdorf, eine junge Fliegerin, die sich im Mai 1933 in Aleppo, Syrien, nach einer Bruchlandung erschossen hat. Auch sie gehört zu den Figuren, die tatsächlich gelebt haben und tatsächlich auf dem In-validenfriedhof in Berlin begraben liegt. Der Roman erzählt eine Geschichte über sie, über ihre Liebe zum Fliegen und ihre Liebe zu dem jungen Diplomaten Christian von Dahlem. Marga ist vom Unglück verfolgt. Sie prägt sich als »Bruchmarie« in das Gedächtnis der Menschen ein, denn auf zwei Langstreckenflügen stürzt sie zweimal ab. Keiner will ihr mehr ein Flugzeug geben, keiner sie unterstützen. Sie verliert ihre Reputation als Fliegerin und sieht sich in ihrer Not am Ende gezwungen, sich auf ein Waffen- und Spionagegeschäft mit den Nazis einzulassen. Auf diesem letzten Flug stürzt sie erneut ab. Dann nimmt sie sich das Leben. Die trostlose Friedhofidylle, in der auch Marga ihre letzte Ruhe fand, ist trügerisch. Geschrei, Pferdewiehern, Marschgeräusche. Die deutsche Geschichte von den Napoleonischen Befreiungskriegen bis hin zum zweiten Weltkrieg wird aus den Gräbern gespuckt. Eine Art Thriller-Szenerie á la Michael Jackson eröffnet sich dem ahnungslosen Leser. Schockierend und einzigartig: Die Toten scheinen fast lebendig, indem sie ihre Geschichten erzählen, oder der Graue das Stöhnen oder Röcheln aus einem der Gräber erklärt. Als Dante sich auf seine Reise in die Hölle begab, tat er dies freiwillig. Hier werden Leser und Erzähler förmlich hinab gezogen. Sie haben gar keine Chance, den Geräuschen aus den Gräbern zu entgehen. Ob Täter oder Opfer – im Chor der Toten ist eine klare Unterscheidung kaum noch möglich. Timms Tote polarisieren, so wie im Krieg polarisiert wird. Und leider findet sich auch in der Literatur über den Krieg und Nationalsozialismus ein rigoroser Trend zur Schwarz-Weiß-Malerei. Halbschatten ist ein Buch, welches erfrischend anders mit diesem dunkelsten aller Kapitel unserer Geschichte umgeht. Interessant ist es, einmal nicht nur über moralisierende Kategorisierungen von Richtig und Falsch zu lesen, sondern über die feine Ebene, die dazwischen liegt. Eine Ebene, mit der wir täglich, jeder von uns, konfrontiert werden. Timm schafft keine weiteren Differenzen, er differenziert. Selbst Figuren, die eigentlich »zur guten Seite« gehören, wie Marga, können durch ihr Abkommen mit den Nazis schuldig werden. Der »Todesengel« Heydrich ist, wenn er Violine spielt, nicht mehr nur ein Monster, er kann mit seiner Musik Menschen zu Tränen rühren. Das ist grotesk. Das ist die Perversion der Realität. Timm hat sie erkannt und es ist eine Art Befreiung von altbekannten Klischees, die dieses Buch so hervorstechen lassen und das, obwohl Timm hier ein Thema gewählt hat, das fast schon selbst zum Klischee geworden ist. Auf eine besondere Art ironisch ist, dass Timm den durch die Trennung Deutschlands schwer beschädigten Invalidenfriedhof als Schauplatz für seinen mehr differenzierenden als separierenden Roman gewählt hat. Denn durch den Invalidenfriedhof verlief die Berliner Mauer, durch die zahlreiche Gräber zerstört wurden. Schon der Titel Halbschatten birgt den Hauptaspekt des Romans in sich, es geht um die Mitte zwischen zwei Extremen. Ob nun die Mitte von Gut und Böse, Himmel und Erde, die Mitte zwischen Schwarz und Weiß oder eben zwischen Licht und Schatten. Die Dialektik zeigt sich nicht zuletzt in den Hauptfiguren selbst, die teil-weise als Mittlerfiguren fungieren. So ist der Graue Mittler zwischen den Toten und den Lebenden. Grau, das ist die Mitte zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Hell und Dunkel. In der Stilisierung Margas zu einem Engel, die in Halbschatten des Öfteren vorgenommen wird, zeigt sich, dass auch sie eine dieser Mittlerfiguren ist. Denn Engel sind die Boten des Wort Gottes und die Vermittler zwischen Himmel und Erde. Und auch Marga selbst ist eine Mittlerin zwischen Oben und Unten, eine Himmelsbotin, die mit ihrem Flugzeug Geschichten durch die Welt fliegen und erzählen kann. »Sie kam wie ein lärmender Engel vom Himmel. Von ihr ging eine erstaunliche Anziehung aus und gleichermaßen etwas unbeschwertes, Leichtes.« Was sich zuerst wie ein leicht zusammenhangloser Episodenroman liest, der durch die vielen unterschiedlichen Stimmen etwas auseinandergesprengt scheint, stellt sich im Verlauf der Lektüre als Buch heraus, dessen Dichte und Komplexität zwar zuerst leicht überfordert, dann jedoch anregen und zuletzt überzeugen kann. Es gibt keinen durchgängigen Tonfall, der das Buch bestimmt. Tatsächlich hat man das Gefühl eine Variante von Jacksons »Thriller« zu erleben, in der Zombies real werden und anfangen zu singen. Zwar wird hier nicht gesungen, trotzdem bildet sich eine Klangvielfalt, indem die Toten jeder Szene ihren eigenen Tonfall beifügen. Heraus kommt ein Sprechorchester, dirigiert von dem Grauen und von einem beeindruckten Leser vernommen. Oft sprechen die Toten durcheinander, oft brechen sie mitten im Satz ab. So wie der namenlose Autor ist auch der Leser selbst auf das Hinweisen und Deuten des Grauen angewiesen. Obwohl dieses Durcheinander an manchen Stellen verwirrt, wirkt es doch authentisch, denn Tote richten sich nicht nach den Lebenden. Sie reden, wie sie es wollen und müssen sich längst nicht mehr um das kümmern, was über ihren Gräbern vor sich geht. Die Toten in Halbschatten müssen erzählen und ihre eigene Geschichte ständig wiederholen. So sind sie dazu verdammt, wie Sisyphos immer das Gleiche zu tun, weil man Geschichte nicht korrigieren kann. Eine Hölle, aus der die Toten nicht entkommen können. Das ist letztlich nichts Neues und doch stellt Timm es in einen so neuen Kontext, dass es wieder überrascht. Halbschatten ist ein Obduktionsbericht über den Krieg. Mit einer sachlichen Abgeklärtheit schlitzt Timm den Bauch Deutschlands auf und lässt seine Stimmen herausquellen. Schonungslos. Rabiat. Treffsicher. Das wird noch durch zahlreiche Originaldokumente verstärkt, die Timm beispielsweise über den Tod Margas einfügt.  »Halbschatten« (Cover)Was also bringt die 25-jährige, unabhängige Frau dazu, sich in einem Flugbunker in Syrien zwei Kugeln in den Kopf zu schießen? Wie kann der Mann, der Tausende auf dem Gewissen hat, so schön Violine spielen, dass es zu Tränen rührt? Halbschatten wirft diese Fragen zwar auf, die Antworten werden jedoch dem Leser überlassen. Unbeantwortet bleibt, ob sich Marga nun aus Scham umbrachte, wohl wissend, dass sie auf ewig »die Bruchmarie« bleiben würde, oder aus Schuldgefühlen über das Spionagegeschäft, aus Liebeskummer oder Existenzangst. Auch was den Todesengel und seine Violine angeht, ahnt der Leser, dass es nicht wichtig ist, die Antwort zu finden. Es geht schließlich um eben die Momente und Eigenschaften, die uns menschlich machen, die einen Engel auf den Boden zurück und ein Monster in den Geigenhimmel bringen. Und so ist der Leser selbst abwechselnd in der Hölle und im Himmel. Eine dantische Reise im neuen Format. Uwe Timm: Halbschatten. Roman. Kiepenheuer & Witsch: Köln, 2008. 272 Seiten. 18,95 Euro. ISBN 978-3-462-04043-2 Diese Rezension entstand im Wintersemester 2009/2010 am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn im Rahmen der Übung »Kritik und kritische Öffentlichkeit. Am Beispiel der Literaturkritik«.


 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!