Die gerechte Revolution?

Szenenfoto aus »Die schmutzigen Hände« (Foto: Klaus Lefebre)»Am ersten Tag der Revolution ist er einfach unbezahlbar, doch am nächsten Tag muss man ihn erschießen.« Louis Marc Caussidières Erkenntnis über Michail Bakunin ist sicher nicht ganz die neueste, aber wohl wahr: Politik ist ein schmutziges Geschäft. Trotz allem müssen sich Revolutionäre keine Sorgen machen, gibt es doch immer junge Menschen, die sich begeistert, bereits an allen Enden brennend, doch noch vor irgendeinen Karren spannen lassen und sich die Hände schmutzig machen.

Sartres Hugo in Die schmutzigen Hände ist so ein Kandidat. Dem Großbürgersohn und Intellektuellen wird der Gürtel des eigenen privaten Lebens zu eng. Politisch ist er ein nervös mit den Knien Zuckender, der endlich seine Chance haben will. Pamphlete verfassen ist was für Schreiberlinge, ihm dürstet nach Tat, nach großer Tat. Er will dem giftigen Gefühl des wirkungslos-Seins entgehen, will was tun und sich und seinen kommunistischen Parteigenossen beweisen, dass er benötigt wird. Die Genossen lenken ein, denn Parteisekretär Hoederer hat gegen die Parteimehrheit beschlossen, mit den konservativen Kräften des (fiktiven osteuropäischen) Landes zu kollaborieren. Grund genug, ihn umzubringen. Hugo wird mitsamt seiner ebenso lebenslustigen wie ironischen Ehefrau Jessica als Privatsekretär bei Hoederer eingeschleust, um den Alten zu ermorden. Doch so einfach ist das nicht: Hugo und Hoederer kommen sich näher, die Tat steht auf der Kippe, bis schließlich eine (vermeintliche?) Eifersuchtsszene den Ausschlag gibt. Hugo erschießt Hoederer.

Das Geschehen erfährt der Zuschauer in einer Rückblende; Anfang und Ende zeigen Hugo, frisch aus dem Gefängnis entlassen, bei seiner alten Parteikameradin Olga. Die Partei hat in der Zwischenzeit natürlich doch kollaboriert, Hugo erkennt den Lauf der Dinge, die Parteisoldaten sind im Anmarsch, Hugo nun selbst »nicht verwendungsfähig« und muss erschossen werden. Vorhang.

In einem wandlosen Raum vor der Bühne schlägt der Boden rote Wellen. Albrecht Hirche eröffnet und schließt seine Inszenierung am Schauspiel Köln in diesem engen Raum. Olga (Dagmar Sachse) und Hugo (Markus Scheumann) halten sich an der niedrigen Decke fest. Sie ducken sich. In der Ferne rumst es: Krieg – signalfarben kommt die Bedrohung daher, aus der man sich nur beherzt herauswagen kann. Die Konstruktion wird im Boden versenkt und von hier aus macht sich Hugo auf, seine Tat zu vollstrecken. Die Hauptbühne, die nun zum Vorschein kommt, erscheint recht gewöhnlich: ein paar nette Standardwände, Bett, Koffer, Lampen, alles hübsch alpinesk und mittendrin als Accessoire die quirlige Jessica (Bettina Lamprecht).

Das Stück dreht langsam auf die unaufschiebbare Tat zu, Hoederer und Hugo beschnuppern sich, umkreisen sich und die Saat der Angst vor dem Mord ist gepflanzt. Hugo hat im übertragenen Sinne Ladehemmungen. Während Jessica ihn neckend ironisch-belächelnd umquirlt und im Zimmer herumräumt, leistet sich Hugo Anflüge kindlicher Zweifel, Wichtigtuerei und Verklemmtheit: »Fass bitte nichts an« – der Mann übt noch Verbrecher.

Szenenfoto aus »Die schmutzigen Hände« (Foto: Klaus Lefebre)Die Wände schieben sich, das Private und das Politische werden dennoch durchlässig verhandelt: Gibt eine solch politische Tat endgültige Beruhigung des privaten Sinndefizits, der Ich-Schwäche? Wie lässt sich Hoederer festnageln: »Meinst Du, man kann unschuldig herrschen?« Zynisch oder ehrlich?

Regie und Ensemble geben sich Mühe, die komplexe Anordnung nicht auf wenige Konflikte zu reduzieren: Hoederers Leibwächter Georges (Christian Beermann) und Slick (Markus Heinicke) schnüffeln clownesk-hysterisch in der Gegend herum; Masken, Dolche, Hawaiihemden – die Goofy-Truppe steht in starkem Kontrast zu Michael Altmanns Hoederer, der chargierend versucht, aus dem Parteisekretär ein wenig Lear'sche Würde herauszuspielen. Ihnen stehen Scheumann und Lamprecht als Jessica und Hugo sehr engagiert, mit vollem Körpereinsatz und Charme als verunsichertes Ehepaar gegenüber – doch verpasst sich die Truppe oft und Reibung findet selten statt.

An einer Stelle steht einer der beiden Leibwächter Hoederers mit einer Heckenschere im Raum – schnipp schnipp – und genau so ein Gerät bräuchte man eigentlich auch, um dieser Inszenierung beizukommen: Man müsste eine Schere zur Hand nehmen, um dem Stück aufs Gerippe zu rücken, überall guckt hier was raus, da was raus; jede Menge Einfälle auf braver Bühne, aber viele Ideen machen noch keine gute Inszenierung. Auch ein Allgemeinplatz, aber wahr.

Dabei hat sich Hirche schon was einfallen lassen: Die Schauspieler dürfen an endlosen Lampenschnüren ziehen und wickeln sich in metaphernhaft aufgerollte Banner. Die Parolen jedoch kriegen sie nicht vom Laken gekratzt und der Zuschauer erfährt nicht, was es mit ihnen auf sich hat. Alles spielt so vor sich hin, engagiert, emphatisch, laut und bemüht, aber Gefühl verpufft, sobald es im Raume steht. Geschichte, fang an! denkt man genervt, all das schöne Getrickse macht noch keine Revolution. Zumindest das hätte man von den historischen Vorbildern doch lernen können!

Wenn dann allerdings mal die (Rock-) Musik so richtig aufgedreht wird und alle wild tanzen, dann fängt es langsam an, Sinn zu machen: Das war laut, das war gut. Aber an den übrigen Lichtblicken dieser Inszenierung, so bespielsweise Sartres zum Teil sehr spritzig-schlaue Dialoge, hat die Regie leider nicht so viel Anteil. Gegen Ende wird ein Motiv wieder aufgenommen, welches sich schon die ganze Zeit durch das Stück gestohlen hat: Theater als Spiel – die Illusion auf der Bühne. Hugo wird nach dem finalen Schuss (der wunderbarerweise zumindest akustisch nicht fällt) vor Ort umfrisiert und steigt zurück in seine rote Wellenkonstruktion. Dieses Teil hat man schmerzlich vermisst, dieses starke, bedrückende Bild kondensiert den Text und konzentriert die Schauspieler räumlich so einleuchtend, dass das banale Allerlei vom Rest des Stückes fast vergessen wird. Hugo steigt schlussendlich durch die Zuschauerreihen hinaus, wieder ein kleiner Bruch, und irgendwie wird es einem fast noch echt pathetisch ums Herz.

Irgendwie. Man weiß es nicht. Die Aufführung ist nach 3 Stunden vorbei, soviel ist klar, doch ansonsten verlässt man das Schauspielhaus leider nur mit einem Gefühl des „Nicht so dollen" und der Erkenntnis, dass Parolen an die Wand schmeißen leicht von der Hand geht – aber wenn diese nicht sofort wieder, wie diese Spielzeug-Gummifiguren, die auf der Hohestraße mitunter feilgeboten werden, langsam, aber sicher abfallen sollen, dann lohnt es sich, präziser zuzugreifen.

Die schmutzigen Hände. Schauspiel nach Jean Paul Sartre. Schauspielhaus Köln.
Regie: Albrecht Hirche. Premiere: 14.01.2006.
Weitere Aufführungen unter www.buehnenkoeln.de

(Fotos: Klaus Lefebre)

 

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