Die Magie der Straße ist nicht einzufangen

Felix Meyers CDs Von Engeln und Schweinen und erste Liebe / letzter Tanz

»Wir sind Felix Meyer«, so stellte Felix Meyer sich und seine Band auf einem Straßenkonzert in Stralsund vorletzten Sommer auf einer Fußgängerzonenkreuzung vor. Schnell war die Gruppe von Zuhörern umringt - ein Phänomen, das ich vergangenes Jahr in Köln erneut beobachten konnte, wo sie am Abend noch ein Saalkonzert spielten.
Man merkt ihnen schnell an, daß sie schon viel zusammen gespielt haben. 15 Jahre seien sie bereits gemeinsam unterwegs, verrät ihre Homepage. Kein Wunder also, daß sich die Band einen eigenen Stil erspielt hat, wie man spätestens jetzt, da mit erste Liebe / letzter Tanz ihre zweite CD erschienen ist, bemerken kann.

Kein schlechter Zeitpunkt, mag man meinen, wo doch gerade deutschsprachige Rock- und Popmusik mal wieder etwas in Mode gekommen ist.

Man täte Felix Meyer aber unrecht, von irgendeinem Zug zu sprechen, auf den sie aufgesprungen wären. Eine Band, der Unterwegssein derart zur Lebensart geworden ist, daß auch die musikalischen Einflüsse weit stärker europäisch als amerikanisch geprägt sind, als das bei vielen anderen der Fall ist, kennt entsprechend nicht nur einen Zug, den sie nehmen könnte.
Die Bilder, mit denen Felix Meyer in seinen Texten fast verschwenderisch um sich wirft, zeigen, daß ihm die einfachen Sorgen nicht verborgen bleiben:

     Auf dem Weg, um diese Stadt zu vergessen
     fliegt sie ihr den ganzen Tag lang um die Ohren
     und dann sieht sie diesen Zirkus gleich noch mal an
     mit allen Hunden, allen Herren und Geschiss
     (»Früher mal gelebt«)

Wie auch in diesem Song sind es immer wieder Einsamkeit und melancholische Gedanken an die Vergangenheit, die die Figuren in Felix Meyers Texten beschäftigen:

Ja sie belügt sich gern bis tief in ihre Träume
und kann dann selber nicht mal glauben, wenn sie liebt,
verzweifelt regelmäßig an ihrer Verzweiflung
und kann‘s nicht fassen, wenn’s was zu gewinnen gibt
(»Noch früher mal«)

Europäische Geschichten

letzte liebeDiese Band ist in Europa zu Hause. Die Texte, die fast alle von Felix Meyer geschrieben sind, reflektieren neben Seelenzuständen mit ihren vielen Bildern Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Sehnsüchte von der Nordsee bis zum Mittelmeer. Untermalt werden sie von der Musik seiner fünf Mitmusiker an akustischen Instrumenten, die auf dem neuen Album alle das ein oder andere Mal an den Kompositionen beteiligt waren. Prägend sind hier vor allem Töne, die emotional zwischen Hamburg und Spanien anzusiedeln sind, was nicht nur am allgegenwärtigen Akkordeon liegt. Der Sound der Akustikgitarre schlägt mit den deutschen Texten einen gefühlten Bogen durch Europa.
Wie die beste Zusammenfassung beider Alben wirkt interessanterweise »Die Corrida« von Francis Cabrel, das Felix Meyer aus dem Französischen übertragen hat. Hier ist eine Coverversion im Zusammenspiel von Baß, Schlagwerk, Akkordeon und Gesang wie zu einem eigenen Song verschmolzen, ohne das Original zu leugnen.

Weniger ist oft mehr

Wer die Band jedoch einmal live gesehen hat, wird schnell merken, daß gerade in ihren Auftritten ein besonderer Reiz liegt. Felix Meyer wissen sehr genau, was sie machen und das machen sie verdammt gut. Ihre Stücke in den Liveversionen auf Platte zu bannen, sollte sich nach heutiger Technik als kein großes Problem darstellen. In Stralsund ging von Engeln und Schweinen weg wie warme Semmeln und vermutlich war die Enttäuschung eher gering, daß die Lieder hier nicht die gleiche Lebendigkeit hatten, wie auf der Straße. Wenig später aber wurde die gleiche Platte nachproduziert auf den globalen Markt geworfen. Als Produzent zeichnet Franz Plasa verantwortlich, der schon mit Größen wie Falco oder Heinz Rudolf Kunze zusammengearbeitet hat. Gerade bei Falco kann man sich gut vorstellen, daß es besonders im Studio viele Möglichkeiten auszuloten galt, die damals recht neu und modisch waren, auch Kunze mag im Studio einiges anders machen als auf der Bühne.
von engeln und schweinenAn dem Willen, mehr als das Liverepertoire einzufangen, krankt allerdings die zweite Version des Albums Von Engeln und Schweinen. Streicher gehören zu offensichtlich nicht zum Stil der Band. Das zeigt sich besonders bei der schon genannten Coverversion »Die Corrida«, die in der zweiten Version katastrophal verkitscht mit Streicherwirbeln und Glockenspielgedöns seinen Beispielcharakter einbüßt.

Dieser Fehler wiederholt sich bei erste Liebe / letzter Tanz. Schon der Text von »Einverstanden« ist deutlich über die Kitschgrenze hinausgeschossen, mit dem Streicherarrangement aber fällt der Song in die Schlagerecke. Felix Meyer hätte bei solchen Stücken gut daran getan, bei einer ganz schlichten Produktion zu bleiben. Was Songs wie »Liebe Dreck & Gewalt« noch transportieren können, eben jene Rauheit der Straße, wird bei »Einverstanden« hoffnungslos übertüncht. Trägt hierzu auch das Klavier bei, rettet bei »Bilder wie Gefühle« das rumpelnde Schlagzeug einiges. Doch gerade bei diesen Kleinigkeiten wird deutlich, daß die Musik auch dieser Stücke nicht zwangsläufig in Richtung Schlager produziert werden muß. Auch ruhigere Stücke wie »Das hohe Ross« können wunderbar funktionieren, solange sie eben die richtige Schlichtheit haben. Hier wird es gegen Ende etwas zuviel, doch die Dynamik, die bei dem Song durch die verschieden exzessive Instrumentierung gewonnen wird, gleicht das wieder aus.  

Felix Meyer: Von Engeln und Schweinen. Vögelsen: HoPla 2009. 42 Min. Ca. 17 Euro.

Felix Meyer: Erste Liebe/letzter Tanz. Hamburg: 105 Music GmbH 2012. 42 Min. Ca. 17 Euro

 

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