Die Manipulation der Zeit

Der Kalender als preußisches Herrschaftsinstrument in der Provinz Posen um 1900

Nach Paul Ricœr ist die von jedem narrativen Werk entfaltete Welt immer eine zeitliche.1 Jedoch ist keine Textsorte so eindeutig der Zeit untergeordnet wie Kalender, deren Struktur und Inhalte gänzlich durch die Zeit bestimmt werden. Gemeint sind in diesem Fall Kalenderhefte, die mit ihren »ursprünglich zwölf, im späten 19. Jahrhundert bis zu 90 Seiten als weitere literarische Kleinform die Hauptmasse der billigen populären Lesestoffe«2 bildeten.

Gebraucht als Nachschlagewerk und Literaturquelle erfreuten sich Kalender nicht nur unter lesenden Bauern und Arbeitern großer Beliebtheit, sondern auch unter armen wie reichen Bürgern. Wie Rudolf Schenda expliziert, stellten sie »zwischen 1770 und 1810, neben Bibel und Gesangbuch den einzigen Lesestoff des ›Volkes‹ – der 80-90% ländlicher Bevölkerung« dar.3 Mit einem Bindfaden an einen Wandnagel gehängt und dergestalt für alle Hausbewohner stets griffbereit und verfügbar, bildeten Kalender oft den ersten Lesestoff für Kinder, die nicht selten die Rolle der Vorleser zu übernehmen hatten. Angesichts des Schulbuchmangels war es darüber hinaus im 18. und 19. Jahrhundert weithin üblich, Kalender als Schullektüre zu verwenden.4

Kalender als kulturelle Institutionen und zeitliche Landkarten
In diesem Artikel soll über die triviale Analyse von Kalendern hinausgeschaut und so eine neue Perspektive auf derartige Publikationen erschlossen werden, die im 19. und um die Wende zum 20. Jahrhundert in Posen, der Hauptstadt des damaligen preußischen Teilungsgebietes von Polen, der Provinz Posen,5 herausgegeben wurden und bisher unerforscht geblieben sind. In erster Linie handelt es sich in diesem Kontext um ausgewählte deutschsprachige Kalender und die in ihnen verzeichneten zeitgebundenen Texte. Angesichts der Tatsache, dass Kalender als kulturelle Institutionen »Funktionen übernehmen konnten, welche die sogenannte hohe Kultur nicht besetzen konnte«,6 wird der Versuch unternommen, folgende Fragen zu beantworten: Wie wird die Zeit in den einzelnen Kalenderteilen dargestellt? Wie wurde das Potenzial deutschsprachiger Kalender in Anspruch genommen, um den für die preußische Kultur spezifischen Zeitrhythmus unter polnischen Bewohnern der Provinz Posen zu konstruieren und einzuüben? Welche Ereignisse galten in dem zu untersuchenden Zeitraum als Korrelationspunkte für die »zeitlichen Landkarten«,7 die mit derartigen Druckerzeugnissen entworfen werden sollten?

»Über die Zeit anderer Menschen verfügen zu können, gehört zu den ursprünglichen Herrschaftsmitteln«,8 wie es Bernhard Schäfer formuliert. Diese These aufgreifend soll abschließend die Frage gestellt werden, inwieweit Kalender als Ressource für die Herausbildung und Etablierung von Herrschaftsbeziehungen in der Provinz Posen betrachtet werden können, auf jenem Territorium also, das von allen preußischen Ostprovinzen am längsten zur polnischen Adelsrepublik gehörte.

Gruppenbindung durch internalisierte Zeitrhythmen
»Wer Calender machen will, muß vor allen Dingen wissen, was die Zeyt sey«,9 schrieb Hans Jacob Christoffel Grimmelshausen im Jahr 1670 in seinem Ewig-währendem Calender. Die Frage danach, ob es nur eine gültige Auffassung von Zeit gibt, ist und bleibt aktuell. So spricht der Soziologe Norbert Elias (1897–1990) von kollektiven Zeiten und versteht darunter die für bestimmte Menschengruppen spezifischen Zeitkonstruktionen, Gruppenzeiten, die durch das in Kalendern vermittelte Wissen konstruiert werden.10
Auf diese Zeitkonzeption beruft sich Thomas Schmidt, der auf die Bedeutung von Kalendern als Zeit-Weiser aufmerksam macht. Seiner Meinung nach weisen sie nicht eine, sondern verschiedene Zeiten auf. Mit Hilfe verschiedener Kalender, die ein Identitätswissen vermitteln, werden jeweils verschiedene kollektive Zeitkonstruktionen gebildet. Ausschlaggebend sind in diesem Fall, die in den Kalendern verzeichneten Korrelationspunkte (wie beispielsweise Feste, Gedenktage, Jahrestage), die die Zeitmessung ermöglichen und gleichzeitig die Zeiterfahrung bestimmen.11 Somit bleibt man durch die Benutzung eines im Laufe des Lebens internalisierten Zeitrhythmus an eine bestimmte Gruppe gebunden. Alles, was die Stabilität kollektiver Zeiten gefährdet, kann im Endeffekt zur Zerstörung von Kulturen führen, denn – nach Schmidt – »wenn Daten verschoben, Initialereignisse ausgetauscht, Semantisierungscodes geändert oder Begehungen verboten werden, dann zielt das auf die Zerstörung oder Vereinheitlichung von Gruppenkulturen«.12

Kalender als Wissensverwalter
Für die kalenderfeste Gesellschaft des 21. Jahrhunderts könnte es überraschend wirken, dass man in Europa bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ein »Kaleidoskop von Kalendern« beobachten konnte.13 Während Kalender aus gegenwärtiger Perspektive als etwas Absolutes und Universelles angesehen werden,14 gibt es viele Beispiele, die diese Behauptung widerlegen. Selbst die übliche Unterteilung des Jahres in Monate, Wochen und Tage ist eine reine Konvention, die den jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten unterliegt. Auch die Festlegung der Daten für öffentlich begangene Feste, Feier- und Gedenktage ist willkürlich. Irreführend ist auch die Überzeugung, dass sich die Zeitmessung grundsätzlich an astronomischen Beobachtungen orientiert, denn die Erstellung eines Kalenders kann rein religiöse oder politische Gründe haben.15
Die oben erwähnten Beispiele weisen auf die oft bagatellisierte Macht von Kalendern hin, »Unterscheidungen zwischen Gemeinschaften zu schaffen und aufrechtzuerhalten«.16 Zu erklären sind sie mit der Tatsache, dass der Kalender das Wissen verwaltet. So obliegt ihm die Entscheidungshoheit, welches Wissen den Lesern einerseits vermittelt wird und zu welchen Wissensbereichen ihnen andererseits der Zugang verwehrt wird.
Diese nicht zu unterschätzende wissenvermittelnde Eigenschaft des Kalenders lässt sich bereits anhand der Etymologie des Wortes erkennen.17 Von Anfang an dienten Kalender als wichtige Mittel der Popularisierung von Ideen und Vorstellungen.18 Eine große Rolle spielten dabei die erzählenden Textformen, die schon seit dem 16. Jahrhundert in Kalendern vorhanden waren und mit der Zeit an Umfang und Bedeutung gewannen. Die für Kalender spezifische Mischung von unterschiedlichsten Textsorten und die Verbindung von Text und Illustration, die immer prägender wurde, sorgten für die massenhafte Verbreitung von Kalendern im 19. Jahrhundert.

Preußen und die Provinz Posen
1793 fiel einer der wichtigsten historischen Teile Polens an Preußen, dessen Bedeutung bereits durch seinen Namen – Großpolen – zum Ausdruck kommt. Obwohl Friedrich Wilhelm III. nach dem Wiener Kongress 1815 dem polnischen Volk die Achtung ihrer Religion sowie die Gleichstellung der polnischen und deutschen Sprache in der Verwaltung zusicherte, wurde das Großherzogtum Posen de facto als eine preußische Provinz betrachtet. Diese Situation bestand über die nächsten hundert Jahre bis 1918.
Da die preußische Großmachtstellung im hohen Maße auf die Eroberungen im Osten zurückzuführen war, waren die Bemühungen, diese Gebiete möglichst schnell in das Königreich der Hohenzollern zu integrieren und den eigenen Zuständen anzupassen, besonders deutlich.19 Zu diesem Zweck wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts die notwendigen Maßnahmen getroffen: Eine der wichtigsten und erfolgreichsten war eine konsequente Besiedlung der Provinz Posen mit Deutschen.
Die nationalen Verhältnisse spiegeln sich auch in der Kalenderproduktion der Provinz Posen wider. Publiziert und auf den Markt gebracht gab es zu dieser Zeit sowohl polnische als auch deutschsprachige Kalender, katholische und evangelische, für Landwirte und für Lehrer. Unter den deutschsprachigen Kalendern gab es im großpolnischen Raum Kalender, die 1. entweder hauptsächlich für die Bewohner der Provinzhauptstadt bestimmt waren, wie der Posener Haus-Kalender für Stadt und Land und Posener Jugendkalender oder 2. einen überregionalen Charakter hatten, wie Der Bote für die Provinz Posen. Ein Volkskalender für alle Stände und Preussischer Haus- und Volkskalender für das Gesetzgebungthum Posen  und die angrenzenden Provinzen . Besonderer Aufmerksamkeit bedarf der Evangelische Volkskalender, der rund 80 Jahre lang (1861–1941) in der Provinzhauptstadt Posen erschienen ist. Zu den überregionalen Kalendern, die sich wegen der universellen Inhalte großer Popularität erfreuten, zählten unter anderem der Ostland-Kalender, der Königsberger Kalender für Ost-, Westpreussen, Posen und Pommern  und schließlich der Neue Universal-Kalender für Familie und Haus für die Provinzen Pommern, Ost- u. Westpreußen, Brandenburg, Posen, Schlesien.

Die weißen Flecken sollen verschwinden
Allen diesen Kalendern war die Aufteilung in das Kalendarium und den literarischen Anhang gemeinsam. Der erste Teil stellte dem Leser ein Verzeichnis von Daten zur Verfügung, das durch land- und hauswirtschaftliche Ratschläge, Informationen über die Jahreszeiten und Sonnen- und Mondfinsternisse ergänzt wurde. Seine Funktion war es, den Leser in dem Lauf der Zeit zu verankern, denn wie es Rohner treffend formuliert: »Dem Menschen graut vor dem Leeren. Er will die Gewissheit, dass die Zeit nach der Ordnung ablaufe, wiederkehre. Die Gesetze stehen in den Sternen. Der Kalendersteller besorgte für die verfließende Zeit was der Landkartenzeichner für das Weltbild: die weißen Flecken sollen verschwinden.«20
Das Vorhaben, dem Leser ein Sicherheitsgefühl gegenüber der Zeit zu verleihen, wird in den deutschsprachigen Posener Kalendern auf unterschiedliche Weise realisiert. Schon auf der ersten Seite des Kalendariums finden sich die so genannten Jahreszählungen, die außer dem Inkarnationsjahr mehrere bedeutsam erscheinende historische, biblische und kulturgeschichtliche Daten aufführen und die Zahl der Jahre zeigen, die seitdem bis zum Erscheinen des Kalenders vergangen sind. In dem Evangelischen Volkskalender auf das Jahr 1900 heißt es beispielsweise:

»Das Jahr 1900 ist seit

Christi Geburt nach Dionysius das 1899ste Luthers Reformation das 383ste
Christi Tode das 1867ste Erfindung d. Dampfmaschinen das 202ste
Zerstörung Jerusalems das 1830ste Erhebung des Königreichs  Preußen 

das 199ste

Einführung des Julianischen Kalenders  das 1945ste der französischen Revolution das 111ste
Einführung des Gregorianischen   Kalenders   das 318ste Wilhelms II., Königs von  Preußen, Geburt

das 41ste

Einführung des verbesserten Kalenders das 200ste Antritt seiner Regierung

das 12te

Erfindung der Buchdruckerkunst

das 460ste

Neuerrichtung des Deutschen  Reiches

das 29ste.«21

Eine zentrale Rolle für die zeitliche Orientierung spielte auch die in jedem der deutschsprachigen Posener Kalender des 19. Jahrhunderts vorhandene Genealogie der europäischen Fürstenhäuser. Man fand hier die Aufzählung von Mitgliedern der königlichen Familien, eingeteilt in Deutsches Reich, Preußen, das fürstliche Haus Hohenzollern und die übrigen regierenden Häuser. Das dynastische Interpretieren von Zeit veranschaulicht ein Zitat aus dem Evangelischen Volkskalender, in dem Superintendent Münnich mit Hilfe von Abbildungen dreier preußische Könige dem Leser die zeitlichen Orientierungspunkte deutlich zu machen versucht. In dem den Bildern beigefügten Kommentar schreibt er: »Auf dem ersten Bilde der Mann der Vergangenheit [d.i. Friedrich I.; M.S.], dessen du dankbar gedenken sollst; auf dem zweiten der Mann der Gegenwart [d.i. Wilhelm II.; M.S.], dem du mit Lust und Liebe dienst; auf dem dritten der Mann der Zukunft [d.i. Friedrich Wilhelm; M.S.], auf den deine Hoffnungen sich richten, wenn du das Jubelfest begehst am 18. Januar 1901!« (EVK 1901, S.34) Der Anlass für die Publikation des Artikels war das zweihundertjährige Jubiläum des Königreichs Preußen (18. Januar 1701–1901).

Monatsverse und Geschichtsunterricht
Eher praktischer Natur, aber für die zeitliche Orientierung und die Strukturierung des Jahres genauso maßgebend, waren die Angaben zu Messen und Jahrmärkten für das gegebene Jahr in einzelnen Regierungsbezirken Preußens. Wichtige Informationen für die Landwirtschaft und den Haushalt vermittelten auch die Monatsverse (Sprüche, Lebensweisheiten und Stimmungsbilder zum jeweiligen Monat) und Lostage (mit den Heiligentagen verkoppelte Wetterregeln), wie zum Beispiel: »Wenn’s an Lichtmeß (2. Februar) stürmt und schneit, ist der Sommer nicht mehr weit.«, »St. Vit (15. Juni) bringt die Fliegen mit.« oder »Auf St. Gall (16. Oktober) treib’ die Kuh in’n Stall!« (EVK 1899, S.9ff)
Einen festen Platz in dem literarischen Anhang des Evangelischen Volkskalenders nahmen Texte ein, die Beweise für die lange Tradition der evangelischen Kirche auf dem großpolnischen Gebiet liefern sollten. Dazu gehören unter anderem Kirchenchroniken und Berichte aus den evangelischen Gemeinden in der Provinz Posen. Genauso wichtig erscheinen auch die ausführlichen Beschreibungen, sowohl der in der letzten Zeit begangenen Kirchenweihfeste, oft mit Bildern illustriert, als auch der neu gegründeten evangelischen Stiftungen. Sehr oft wurden Lebensbilder von Persönlichkeiten thematisiert, die sich um die evangelische Kirche und den preußischen Staat verdient gemacht hatten.
Auch der Geschichte Preußens wurde in den Posener Kalendern viel Platz eingeräumt. Mit großer Vorliebe hat man bei dieser Gelegenheit auf die Jahrestage, Jubiläen und Gedenktage zurückgegriffen, die als Anlass für Kalenderartikel gedient haben. Dabei kommt unter anderem die lange und gut gepflegte Tradition der Reformationsgedenktage zum Ausdruck.

»Es war Kaiserwetter, Kaiser-Wilhelm-Wetter.«
Aus Anlass des besonders festlich begangenen vierhundertjährigen Geburtstags Martin Luthers wurde in dem Evangelischen Volkskalender aus dem Jahr 1883 der Artikel Zum 10. November 1883 abgedruckt, der »in manchem Deutschen das Bild Luthers wachrufen« (EVK 1883, S.26) sollte. Es gehörte zur Tradition der Geburtstagsfeiern von Luther, dass bei dieser Gelegenheit die Persönlichkeit des Reformators gepriesen wurde.22 Dieser Text macht dabei keine Ausnahme und konzentriert sich auf drei Aspekte aus Luthers Leben: seine Kindheit und Erziehung, seine Ausbildung und das Familienleben. In den im Text geschilderten Alltagssituationen wird Luther als Vorbild dargestellt, dem man nacheifern sollte. Sogar auf dem beigefügten Bild wird er als Hausvater dargestellt.
In einem anderen Artikel wird der Schlacht von Fehrbellin gedacht, »welche die Zukunft des preußischen Staates begründete« (EVK 1875, S.33). Der Autor des aus dem Anlass des zweihundertjährigen Gedenktages im Evangelischen Volkskalender publizierten Artikels spricht zuerst den Leser an: »Versetzen wir uns, um dies in seiner vollen Bedeutung zu fühlen, in jene Zeiten.« (EVK 1875, S.33) Danach beschreibt er bildlich und suggestiv die geschichtlichen Ereignisse: »Am Rhein streckte Ludwig der Vierzehnte habgierig seine Hände nach schönen Deutschen Landen aus …« (EVK 1875, S.33)
Einer der wichtigsten Feiertage des 19. Jahrhunderts stellte der am 2. September begangene Sedantag dar. Im Jahre 1873 wurde er besonders pompös gefeiert, als in Berlin die Siegessäule enthüllt wurde. In dem Artikel Das Siegesdenkmal zu Berlin können wir im Jahre 1875 nachlesen: »Ueber das deutsche, speziell das preußische Volk sind in den letzten Jahren gewaltige Kriege hereingebrochen. Zuerst 1864 der Krieg mit Dänemark, dann 1866 der mit Oesterreich, zuletzt 1870 und 71 das schwere und harte Ringen mit den Franzosen. In allen Kämpfen hat unser Volk gesiegt. Als Andenken dieser drei Siege ist die Siegessäule erbaut.« (EVK 1875, S.52) Neben der Beschreibung der Platzierung und des Denkmals selbst stellt der Autor fest: »So war es auch eine tiefbewegende Feier […] Der große freie Platz war festlich geschmückt, ganz Berlin prangte im Fahnenschmuck, und es war Kaiserwetter, Kaiser-Wilhelm-Wetter.« (EVK 1875, S.59). Nicht zu übersehen sind auch die Erinnerungen an die Hohenzollern-Jahrestage, wie zum Beispiel der Geburtstag der Königin Luise (EVK 1877: Zum hundertjährigen Geburtstage der Königin Luise (Eine wahre Geschichte)) oder die goldene Hochzeit des Kaiserpaars (EVK 1880: An das deutsche Volk. Zur Erinnerung an den 11. Juni 1879).
Wenn es um kirchliche Feste in den deutschsprachigen Posener Kalendern geht, ist die führende Rolle des Weihnachtsfestes eindeutig, ihm widmete man viel Aufmerksamkeit in Form von u.a. Weihnachtsliedern (auch mit Noten), Gedichten, Erzählungen, Plaudereien, Weihnachtsbildern und Weihnachtsgeschichten. »Welche Missbräuche sich in Posen an die Christnachtsfeier angeschlossen hatten« (EVK 1907, S.42) und im Endeffekt zu ihrem Verbot geführt haben, erfahren wir aus dem Artikel Die Christnachtsfeier in den evangelischen Gemeinden der Provinz Posen. In dem in Posen 1831 von dem Superintendenten von Birnbaum abgefassten Bericht wird die Feier als »ein unwürdiger Gottesdienst«, »ein Kinderfest« und eine »Spielerei« bezeichnet, die zwar für eine große Menge in die Kirche ziehender Menschen sorgt, jedoch nichts mit dem eigentlichen Ziel der religiösen Erbauung und der Vorbereitung auf das Fest zu tun hat (EVK 1907, S.42).

Manipulative Durchdringung mit preußischem Geist
Das Einübungspotenzial von Kalendern, mit denen bestimmte Zeitstrukturen erlernt werden sollten, kommt in jedem der Kalenderteile auf spezifische Art und Weise zum Ausdruck. Mit den im Kalendarium verzeichneten Angaben wie Daten, Jahreszählungen, Monatsverse, Verzeichnis der Jahrmärkte etc. wurden dem Leser bestimmte Koordinaten zur Verfügung gestellt, die ihn in der Zeit selbst verankern und eine temporale Orientierung ermöglichen sollten.
Mit den zeitgebundenen Texten im literarischen Anhang wird der Leser an eine bestimmte Menschengruppe gebunden, was unter anderem anhand der hier besprochenen Jahrestage sichtbar wird. Auf ihre besondere Rolle weist Thomas Schmidt hin: »Die Jahrestage fungieren dabei – je nach Bedeutung – als unterschiedlich starke Schreibinstrumente, die Stück um Stück oder eben Jahr um Jahr an der gleichen Stelle ihre Spur hinterlassen, diese nachschreiben, vertiefen und schärfer konturieren, bis die entstehende Zeitkarte stabil und nicht mehr zu löschen oder nur schwer zu überschreiben ist.«23
In den Gebieten, in denen die preußischen Behörden ihre Integrationsbemühungen durchzuführen versuchten, fiel den deutschsprachigen Kalendern eine entscheidende Rolle zu. Es ging unter anderem um die manipulative Durchdringung der Bewohner des Großherzogtums mit preußischem Geist und preußisch-deutscher Bildung. Diese Bemühungen traten besonders deutlich in den literarischen Anhängen der Kalender hervor, in denen sowohl mit Hilfe von Sachtexten und historischen Abhandlungen als auch kleinen Formen wie Anekdoten oder Skizzen das intendierte Zeitverständnis vermittelt werden sollte, das dem Individuum die Integration in soziale Systeme ermöglichte.

Magdalena Skalska, geb. 1982. Magisterstudium Germanistik an der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań und Magisterstudium Tourismus und Rekreation an der Eugeniusz-Piasecki-Sporthochschule Poznań. Seit 2008 Doktorandin am Institut für germanische Philologie an der Universität Poznań. Forschungsstipendien: Okt.-Nov. 2009 Universität Bielefeld; Okt. 2010 - Jul. 2011 Humboldt-Universität Berlin.

 

  • 1. Ricœr, Paul: Zeit und Erzählung. Zeit und historische Erzählung. München 1988. S. 13.
  • 2. Brunold-Bigler, Ursula: Kalender, Kalendergeschichte. In: Enzyklopädie des Märchens. Hrsg. v. Rolf Wilhelm Brednich. Bd. 7. Berlin u.a. 1993. S. 861-878; hier: S. 863.
  • 3. Schenda, Rudolf: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910. München 1977. S. 281.
  • 4. Vgl. Messerli, Alfred: Volkskalender als Lesestoff von Kindern und Jugendlichen: Eine Schweizer Fallstudie aus der Zeit zwischen Aufklärung und früher Moderne. In: Der Kalender als Fibel des Alltagswissens. Hrsg. v. Mix York-Gothart. Tübingen 2005. S. 189-212.
  • 5. Andere für das großpolnische Gebiet benutzte Begriffe: Großherzogtum Posen, Land Posen, Ostmark. Vgl. Wojtczak, Maria: Literatur der Ostmark. Posener Heimatliteratur (1890-1918). Poznań 1998. S. 10.
  • 6. Gelléri-Lázár, Márta: Das «Historische» in den ungarischen Kalendern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Colportage et lecture populaire. Imprimés de large circulation en Europe XVIe-XIXe siècles. Hrsg. v. Roger Chartier / Hans-Jürgen Lüsebrink. S. 253-268; hier: S. 257.
  • 7. Rinderspacher, Jürgen P.: Wochenruhetage im interkulturellen Vergleich. In: Universitas 10 /1995. S. 960-973; hier: S. 961.
  • 8. Schäfers, Bernhard: Zeit in soziologischer Perspektive. In: Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne. Hrsg. v. Trude Ehlert. Paderborn u.a. 1997. S. 141-154; hier: S. 148f.
  • 9. Zit. nach: Rohner, Ludwig: Kalendergeschichte und Kalender. Wiesbaden 1978. S. 69.
  • 10. Vgl. Elias, Norbert: Über die Zeit. Frankfurt am Main 1988. S. 43.
  • 11. Vgl. Schmidt, Thomas: Kalender und Gedächtnis. Erinnern im Rhythmus der Zeit. Göttingen 2000. S. 59ff.
  • 12. Ebd., S. 63.
  • 13. Vgl. Fraser, Julius T.: Die Zeit: vertraut und fremd. Basel/Boston/Berlin 1988. S. 110.
  • 14. Auf die Fragwürdigkeit unserer scheinbar klaren Zeitvorstellungen macht der folgende Artikel aufmerksam: Weis, Kurt: Zeitbild und Menschenbild. Der Mensch als Schöpfer und Opfer seiner Vorstellungen von Zeit. In: Was ist Zeit? Zeit und Verantwortung in Wissenschaft, Technik und Religion. Hrsg. v. Ders. München 1995. S. 23-52.
  • 15. Das beste Beispiel der politischen Intervention in die Zeitrechnung stellt der in Frankreich kurzfristig eingeführte Republikanische Kalender dar, der symbolisch am Tag der Verkündigung der Republik (22. September 1792) beginnen sollte.
  • 16. Vgl. Fraser, 1988, S. 106.
  • 17. Kalenden (lat. calendae) bezeichneten den ersten Tag des altrömischen Monats, an dem sich das Volk auf dem Kapitol versammelte, um zu erfahren, auf welche Tage des angebrochenen Monats die Nonen oder die Iden fallen. Immer am Monatsersten rief (lat. calare – auf- und ausrufen) dieses der Pontifex minor feierlich aus. Vgl. DUDEN. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. Band 5. Mannheim u.a. 1999. S .2031f.
  • 18. Schon der älteste erhaltene, mit beweglichen Lettern gedruckte buchförmige Türkenkalender auf das Jahr 1455 wurde als ein Propagandainstrument verwendet. Es handelt sich hier um einen gereimten Kampfaufruf, dessen Text auf zwölf Monate verteilt wurde. In jedem Abschnitt wurde zum Kampf gegen die Türken aufgerufen, die 1453 Konstantinopel erobert hatten und nach Europa vordrangen.
  • 19. Vgl. Broszat, Martin: Zweihundert Jahre deutschen Polenpolitik. Frankfurt am Main 1972. S. 68.
  • 20. Rohner, 1978, S. 72.
  • 21. Evangelischer Volkskalender 1900, S. 3. (weiter im Text als EVK zitiert)
  • 22. Burkhardt, Johannes: Reformations- und Lutherfeiern. Die Verbürgerlichung der reformatorischen Jubiläumskultur. In: Öffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Hrsg. v. Dieter Düding / Peter Friedemann / Paul Münch. Hamburg 1988. S. 212-236; hier: S. 227.
  • 23. Schmidt, 2000, S. 60.

 

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