Die Nazis und der Gral

Manfred Poser folgt noch einmal den Spuren des Grals – und trifft auf einen Irregeleiteten

Nach zwei Monaten möchte ich noch einmal das Thema des Grals aufgreifen. Sogar die Nazis hatten mit dem Heiligen Gral zu tun; sie ließen nichts aus. Ein junger Wissenschaftler namens Otto Rahn trieb sich um 1932 in den Bergen Südfrankreichs herum und meinte, Hinweise auf die echte Gralsburg gefunden zu haben – auf dem Berg von Montségur. Der Gral sei in den Sabarthès-Höhlen untergekommen. 1934 veröffentlichte er ein Buch darüber, Kreuzzug gegen den Gral. Der Titel verrät Rahns exoterische und soldatische Ausrichtung. Ja, so schrieb ich das. Doch dann fand ich auf der Rückseite eines Blattes eine Passage, die ich aus Rahns Buch abgeschrieben hatte:

»Was mag aus dem Gral, der romanischen Mani geworden sein? Eine Pyrenäenlegende will wissen, der Gral entferne sich um so weiter von dieser Welt, steige um so höher gen Himmel, als die Menschheit seiner unwürdig geworden sei. Vielleicht hüten Romaniens Reine den Gral auf einem der Sterne, die Montségur, Romaniens Golgotha, wie eine Gloriole umgeben. Der Gral symbolisierte den Wunsch nach dem Paradies, in dem der Mensch der Gottheit Bild, nicht Zerrbild war, und das man sehen darf, wenn man seinen Nächsten liebt wie sich selbst. Ritterliche Recken, betende Dichter, dichtende Priester, reine Frauen hüteten einst dieses Symbol.«

Das schrieb ein 31-jähriger, vom Gral begeisterter Deutscher, durfte es schreiben, doch der Titel musste wahrscheinlich so lauten, weil die Stimmung jenes Jahres, 1934, kriegerisch war. Zähneknirschend hat Rahn wohl den Verlag machen lassen. Durch das Buch wurde der Reichsführer SS Heinrich Himmler – gewissenloser Umsetzer von Führerbefehlen, der nebenbei ein Faible für alle möglichen abstrusen Lehren hatte – auf ihn aufmerksam. Dann wird es so tragisch, dass man sich denkt: Dieses Leben hätte jemand wie Jonathan Littell gestalten können; doch würde so eine Arbeit wohl nur als Versuch der Exkulpation der deutschen Täter gesehen und kritisiert werden. Denn Otto Rahn könnte stellvertretend für all die Gutwilligen, doch Irregeleiteten unter ihnen stehen.

Otto Rahn
Zeitgenössisches Porträt von Otto Rahn in einer italienischen Zeitschrift

Rahn trat in die SS ein, lehrte an einer Ordensburg und musste Dienst im Konzentrationslager Dachau versehen. Das muss man sich vorstellen: Jemand, der die oben genannten Sätze schreibt, patrouilliert mit schwarzer Uniform und Peitsche durch die Korridore eines Lagers, in dem der Mensch der Gottheit Zerrbild war. Er hielt das nicht lange aus. Rahn lässt sich von Himmler beurlauben, um im Schwarzwald an einem weiteren Buch zu arbeiten; er lässt sich, betrunken, zu einer Eskapade hinreißen, die wir nicht genau kennen, die aber mit seiner Homosexualität zu tun hat; und er bereitet sich auf seine Hochzeit vor, die diese wohl verschleiern und seinem Umfeld Sand in die Augen streuen soll.

Doch wenige Tage davor, am 11. März 1939, wird er tot in den österreichischen Alpen gefunden: erfroren, wie Elsa aus dem im Januar erwähnten spanischen Buch über das Schweigen der Sirenen. Sein abenteuerliches Leben hat nur 35 Jahre gedauert. Eineinhalb Jahre nach Rahns Tod, am 23. Oktober 1940, taucht Rahns ehemaliger Chef Heinrich Himmler in Barcelona auf. Er besucht das in der Nähe gelegene Kloster Montserrat, standesgemäß begleitet von einer 30-köpfigen SS-Abordnung aus blonden, blauäugigen, groß gewachsenen Soldaten, und der Edeltourist lässt sich von Pater Andrés Ripoll alles zeigen. Himmlers Forderung, alle Dokumente der Bibliothek über Parsifal und den Heiligen Gral sehen zu wollen, beweist seine Naivität ebenso wie der Satz, alle in Deutschland wüssten, dass Montserrat der Berg des Heiligen Gral sei. Doch es gab keine Dokumente, da in den Napoleonischen Kriegen alles verlorengegangen war. Der Reichsführer SS soll dann noch geäußert haben, Jesus sei Arier und nicht Jude gewesen. Himmler selbst hielt sich ja angeblich für den reinkarnierten Heinrich II., schuf den okkulten Verband Ahnenerbe, die Ordensburgen und hatte seine SS nach dem Vorbild der Societas Jesu, der Jesuiten, gestaltet: alle in Schwarz, Krieger des Herrn, und H. Himmler als Ignatius von Loyola (Hitler nannte ihn auch seinen Ignatius). Solche gefährlichen Wirrköpfe hatten sich Deutschlands bemächtigt. Sie hatten die alte asiatische Swastika umgedreht und rechtsläufig gemacht (wie die Satanisten das Kreuz umdrehen), und das dunkle Gebräu aus halbverdauten Bruchstücken der Religionsgeschichte musste einige Nachkriegsautoren zu dem Schluss führen, da sei der Antichrist am Werk gewesen. Ich hatte von 1995 bis 1997 am Freiburger Psi-Institut über Nazi-Okkultismus gearbeitet; das Material landete in zwei Ordnern, und das war’s. Allerdings erschienen um die Zeit einige Arbeiten über das Thema, und erst jetzt merke ich, dass in der ersten Hälfte der 1990er Jahre der Okkultismus eine gute Konjunktur hatte. Im Sommer 1995 etwa, wie ich einem Artikel des wunderbaren Giornale dei Misteri (schöner Name: Journal der Geheimnisse) aus Florenz entnehme, trat ein gewisser Graham Phillips mit dem Buch The Search for the Graal auf den Plan und präsentierte einen unauffälligen Kelch, den er genauso gut aus dem Schrank seiner Großmutter genommen haben konnte. In jenem Jahr erschien übersetzt auch ein 580-Seiten-Buch von Graham Hancock, The Sign and the Seal.

 

Burgruine vor Tarent am Meer (Foto: Manfred Poser)
Burgruine vor Tarent am Meer (Foto: Manfred Poser)

Der Gral hat immer Konjunktur. Indiana Jones ging 1981 als Jäger des verlorenen Schatzes auf die Suche nach der Bundeslade, besuchte 1984 den Tempel des Todes und fand in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug 1989 den Gral. Otto Rahn soll das Vorbild für den Nazi-Graljäger abgegeben haben. Ein Jahr davor hatte Umberto Eco seinen großen Roman Das Foucaultsche Pendel veröffentlicht (deutsch 1989), diesen furiosen und schwindlig machenden Galopp durch die Geheimnisse von Jahrhunderten:

»›Okay‹, sagte Belbo. ›Also immer sechsunddreißig pro Jahrhundert, rüsten die Templer sich Schritt für Schritt, um den Stein zu entdecken. Aber worum handelt es sich bei diesem Stein?‹ ›Wohlan, es handelt sich selbstredend um den Gral.‹«

In Kapitel 20 geht es weiter:

»›Sie meinen, da spielt auch der Gral mit rein?‹, erkundigte sich Belbo. ›Natürlich. Und das meine nicht nur ich. Über die Sage vom Gral brauche ich mich hier nicht zu verbreiten, ich spreche mit gebildeten Leuten.‹«

Aber weil man nicht davon ausgehen kann, dass alle Leser gebildete Leute sind, tut es der Erzähler dann doch. Nun wiederhole ich mich, aber ich tue es gern: Wer noch einmal die Gralsgeschichte haben will, möge in der gebundenen Hanser-Ausgabe von 1989 die Seiten 169 bis 175 nachlesen, bis zu der Stelle, an der Belbo »O basta là« sagt, piemontesisch für »Das reicht«.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!