Die stufenweise Ankunft in der schwedischen Kultur

Eine ›deutsche‹ Buchmesse

Ein wunderbarer Moment tauchte unverhofft auf, als ich meine Reisepläne organisierte: Skandinaviens größte Buchmesse in meiner Nähe! In Göteborg, weniger als drei Zug-Stunden von Växjö aus, hieß es vom 22. bis 25. September »Välkommen till Bok & Bibliotek Bokmässan«. Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf, als ich den diesjährigen Schwerpunkt entdeckte: »Drei Länder Eine Sprache – Deutschland, Österreich, Schweiz«. Obwohl ich doch endlich mein Schwedisch vertiefen und so viel Schwedisch wie möglich sprechen, lesen und hören wollte, blieb meine Freude über die Messe ungetrübt. Am Samstag Morgen ging es also auf in Schwedens zweitgrößte Stadt. Während der Fahrt bietet die Sicht aus dem Zugfenster die typisch schwedischen Motive: Spiegelglatte Seen von der Sonne beschienen und Nadelwälder breiten sich aus soweit das Auge blicken kann. Und plötzlich, ganz unerwartet, erreicht man eine Stadt, betritt eine große Bahnhofshalle und steht inmitten schnell umherlaufender Menschen. Ich war in Göteborg angekommen. Ich stolperte beim Verlassen des Bahnhofsgebäudes auf volle Einkaufsstraßen, gar riesige Shoppingmalls und viele Menschen. Doch wenn man sich nur ein paar Straßen durch die Massen schlängelt, kommt man auf einen Platz von dem man in kleinere, gemütlichere Gassen einbiegen und so den Einkaufenden und den lauten Geschäften entkommen kann. Durch die Sträßchen schlendernd genoss  ich die behagliche Atmosphäre der Stadt. Obwohl Göteborg eine der drei größten Städte Schwedens ist, ähnelt sie in Teilen einer ruhigen und friedlichen Kleinstadt. Schon auf dem Weg zum Hostel kam ich am Svenska Mässa-Gelände vorüber und die Vorfreude auf den nächsten Tag stieg.

Foto: Lina Rieth

Sonntag, um Punkt 9 Uhr eroberte ich das Reich der schwedischen Buchmesse! Begrüßt von der deutschen Flagge, den Schweizer Buchverlagen und dem österreichischen Bücherreich fühlte ich mich so heimisch, als wäre ich auf der Leipziger Buchmesse eingetroffen. Deutsche Diskussionen umringten mich und die Autoren auf den Plakaten der Stände waren mir weitgehend bekannt. Hier und da entdeckte ich sogar vertraute Gesichter: die Schweizer Autorin Melinda Nadj Abonji, die im vergangenen Semester einen Vortrag in der Bonner Uni hielt und Felicitas Hoppe, die noch kürzlich die Kritische Ausgabe mit einer Lesung erfreute. Die Ähnlichkeit der ganzen Geschehnisse zum Treiben in Leipzig war nicht zu leugnen, also fühlte ich mich pudelwohl!

Je weiter ich mich in das Gewusel begab, desto schwedischer wurde es allerdings. Ich stieß auf die großen bekannten schwedischen Verlage und auf Gesellschaften mit dem Fokus auf die klassischen hohen schwedischen Literaten. Erstaunlicherweise fand ich auch so einige ungewöhnliche Stände, denn hier war wirklich jeder vertreten. Vom »Nordiska rådets litteraturpris«, dem größten skandinavischen Literaturpreis, über die schwedische Post, das Europaparlament bis hin zu Museen und Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen präsentierten sich in den vielen Hallen, die unauffällig ineinander übergingen, die unterschiedlichsten Institutionen. Verlaufen musste man sich jedoch nicht, da man beim Eintreten eine Übersichtskarte bekam und überall Tafeln zur Orientierung angebracht waren. Wie auf deutschen Buchmessen fanden überall Lesungen, Vorträge und Diskussionen statt. Kleine Cafés waren in einigen Ecken platziert, in denen kleine Bühnen eingerichtet waren und Musik dargeboten wurde.  Da ich bald genug deutschsprachiges Buchgut gesehen hatte, begab ich mich lieber wieder in die Ecke der schwedischen Klassiker. Genau hier stieß ich auf mein Projekt für die langen und dunklen Nächte, die mich bestimmt auch im Småland erwarten. Bei dem Stand der Wilhelm Moberg-Gesellschaft erwarb ich die ersten zwei Romane der Tetralogie Wilhelm Mobergs über die schwedischen Auswanderer und Einwanderer in die USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit den Büchern, einigen Kugelschreibern, Infoheften und Bonbons fuhr ich zufrieden zurück ins Småland. Begeistert von diesem ereignisreichen und erquickenden Wochenende war ich bereit für weitere schwedische Eigenheiten und erhielt neuen Schwung um mich der schwedischen Kultur anzunähern.

The Swedish Way to Party

Partys mit Schweden sind interessant und erlebenswert. Zugegebenermaßen spricht man beim Tanzen nicht wesentlich viel Schwedisch, geschweige denn lernt man die Schweden wirklich kennen. Doch es ist es allemal spannend zu erleben, dass sich die sonst sehr ruhigen, zurückhaltenden Schweden abends zu einem heiteren Volk wandeln und offen und gesprächig auf einen zukommen. Mit viel Alkohol und sehr viel Spaß zeigen sie eine ganz andere Seite ihres Gemüts und so habe ich mich letztendlich tatsächlich ein wenig auf Schwedisch unterhalten. Da ich jedoch die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, auch einmal mit nüchternen Schweden im alltäglichen Umfeld eine Konversation auf Schwedisch zu führen, ergriff ich die Möglichkeit, mich in einer »Nation« zu engagieren. Die Studentengruppen mit Namen schwedischer Regionen gehen auf das 17. Jahrhundert zurück,  als es in Schweden nur wenige Universitäten gab, in denen folglich Menschen aus dem ganzen Land zusammenkamen. Die Studenten schlossen sich ihrer Herkunft nach zu Gruppen zusammen, in denen sie sich austauschen und einander um Rat fragen konnten. Die Gruppen als solche blieben, sind sie jedoch heute einander sehr ähnlich. Meine Wahl fiel auf »Smålands«, da sie sich vor allem durch ihre Liebe zur Musik hervorhebt. So erwies sich meine Wahl als vorzüglich, insofern dass ich mich als Mitglied an einem oder mehreren ›utskott‹ (deutsch: Ausschüssen) beteiligen und so Veranstaltungen, Ausflüge und Konzerte mit planen kann. Bei einem Kaffee traf ich drei Schweden des ›bandmöteutskotts‹, wir planten Konzerte und organisierten das Drumherum, wobei ich zum größten Teil zuhörte, doch ab und an mein Schwedisch ein wenig erproben konnte. Bis zum Semesterende stehen einige Abende im Pub mit Live-Musik an, ein paar kleine Konzerte mit Bands aus der Umgebung und somit weitere Planungstreffen. Mein Schwedisch sollte da schon zum Einsatz kommen dürfen.

Ein schwedischer Tag, natürlich mit Zimtschnecken

Um auch mal ein bisschen mehr zu sehen vom schönen Småland, beschloss ich Västervik aufzusuchen, ein nettes, typisch schwedisches Örtchen direkt am Meer. Dort beherbergte mich eine Schwedin, die mich offen und herzlich empfing. Von der Ankunft bis zur Abfahrt sprach ich kein Wort Englisch, kein Deutsch, bara svenska (nur Schwedisch). Ab und zu verlief die Kommunikation etwas holperig oder ich zeigte ratlos auf einen Gegenstand, dessen schwedischer Name mir unbekannt war. Auf diese Weise war die Verständigung dennoch erfolgreich, mein Kopf vermochte den Wechsel von Englisch zu Schwedisch zu vollziehen und es war ein großer Spaß. Ich sah das Meer und viele bunte Häuschen und erlebte einen schwedischen Alltag. Zum krönenden Abschluss buken wir Kanelbullar (zu Deutsch: Zimtschnecken). Mit dem Gebäck im Gepäck begab ich mich zurück nach Växjö, wobei ich auf der Busreise durchs Småland so einige vom Namen her bekannte Orte durchquerte, zum Beispiel Mariannelund und Vimmerby, nur Lönneberga lag nicht auf direktem Wege. Nach diesem Ausflug ins schwedische Leben fühlte ich mich gut vorbereitet auf meine erste Schwedisch-Prüfung am Tag darauf: eine Grammatikklausur. Sie bezeichnete den Anfang der nun kommenden Examen und Hausarbeiten in den nächsten Wochen, womit die Kurse bereits abgeschlossen seien werden. Auch wenn ich von der Uni ein wenig mehr erwartet habe, betrachte ich die Situation aus der Sicht des Reiselustigen, da mir somit genug Zeit verbleibt das schöne Schweden zu bereisen.

Nun heißt es erst einmal Halbzeit; zwei Monate sind ins Land gezogen. Die zu beobachtende stetige Entwicklung meiner Annäherung an und in die schwedische Welt lässt doch hoffen, dass es bis zum Ende wirklich immer schwedischer und schwedischer für mich wird.

 

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