Die unerträgliche Einsamkeit des Seins

Das Tiyatro Oyunevi lässt in seiner Aufführung von Yalnizliklar (Einsamkeiten) lyrische Verse sprechen

Biennale Bonn 2008 (Logo)»Mir geht es darum, eine transzendente Erzählebene zu erschaffen, in der die Einzelteile des Textes ineinander übergehen und die alle Existenzformen gleichzeitig gewährt.« Mit diesen Worten versuchte der türkische Autor Hasan Ali Toptaș einmal, den Charakter seiner Werke zu beschreiben. Ob er dabei insbesondere an seine 1990 erschienenen, als Lexikoneinträge angelegten lyrischen Texte mit dem Titel Yalnizliklar (Einsamkeiten) gedacht hat, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall aber kann der Satz als Motto für die Bühnenfassung des Werkes dienen, die das Tiyatro Oyunevi aus Istanbul den Zuschauern auf der Werkstattbühne im Rahmen der Biennale Bonn präsentierte. Eine chronologische Handlung hat das Stück nämlich nicht. Der einzige Schauspieler Mahir Günșiray bewegt sich in einer Welt voller Erinnerungen, in der seine Figur umgetrieben wird von den mit ihnen verbundenen Empfindungen. Immer wieder zitiert der Mann seine Gedanken, mal ganz still und nachdenklich, dann wieder herausgeschrien bis in die letzte Reihe. Nur das Thema der Reflexionen bleibt immer dasselbe: die Einsamkeit. Um genau zu sein, sind es viele Einsamkeiten, in Form von unzähligen Papierknäueln über die gesamte Bühne verteilt. Nach und nach wird der Protagonist sie aufsammeln. Zusammen mit einigen Gegenständen wie einem roten Damenschuh oder einem schwarzen Regenschirm, die für besonders wichtige Bestandteile der Erinnerung des Protagonisten stehen, verbildlichen sie dessen Gedankenwelt. Darüber hinaus sorgen zwei surreal anmutende Frauen in weißen Gewändern (Kamucan Yalçin und Güneş Özgeç) mit Klarinette und Violine für eine musikalische Untermalung.

Szenenfoto aus »Yalnizliklar« (»Einsamkeiten«). Inszenierung des Tiyatro Oyunevi, Instanbul (Foto: © Can Günșiray)
Szenenfoto aus Yalnizliklar (Einsamkeiten)
Inszenierung des Tiyatro Oyunevi, Instanbul
(Foto: © Can Günșiray)

Im Leben des Protagonisten ändern sich zwar die Bilder für Einsamkeit unzählige Male, das Gefühl jedoch bleibt dabei stets dasselbe: In seiner Einsamkeit ist er, der exemplarisch für alle Menschen steht, immer noch der kleine Junge in Großmutters Küche. In der ersten Episode des Stücks erzählt er von dieser Kindheit, in der er den Begriff der Einsamkeit mit seiner Großmutter verband. Erinnerungen an den Krieg haben ihn geprägt, aus Angst vor Gewehrschüssen zuckte er zusammen, wenn in der heimischen Küche der Mais gebraten wurde. Die Einsamkeit, heißt es in einem Vers, verschmutzt die Kinder mit der Zeit. Als Zuschauer wird man an diesem frühen Punkt der Aufführung zum ersten Mal von der Intensität überrascht, mit der Günșiray seine Figur die Erinnerungen spüren lässt: Er läuft schnell über die Bühne, schaut mit wildem Blick über das Publikum hinweg, verleiht der metaphorisch bis zum Zerbersten überladenen Sprache Hasan Ali Toptaș' eine Gestalt. Den Takt geben dabei Klarinette und Violine vor, die die Szene in schrille und ekstatische Töne hüllen.

Doch die Einsamkeit hat bei Toptaș auch noch eine andere, ganz stille Seite. Auf die aufbrausenden Momente folgen stets Situationen, in denen die Zuschauer genau hinhören müssen: Auch den Vater verbindet der Protagonist mit Einsamkeit, und dieses Gefühl trägt er sein Leben lang in sich. Er hört niemals auf, Kind zu sein. Es gab auch einmal eine Frau, immer wieder sagt er diesen einen Satz: »Jedes Mal dachte ich, dass ohne dich zu sein, die Einsamkeit wäre. Damals war ich du, um nicht ohne dich zu sein.« In diesen Momenten wird es leise auf der Bühne, die Erfahrung des Verlustes ist greifbar. Den roten Damenschuh in der Hand, sinniert der Protagonist über die Unausweichlichkeit der Einsamkeit: Selbst in den schönsten Momenten der Intimität mit einer Frau, wenn die Einsamkeit unter gegenseitigen Küssen und Liebkosungen eigentlich verliert, gewinnt sie letztendlich doch. Denn was bleibt, ist die Gewissheit, dass der Moment nie wiederkommen kann. Auch das ist für ihn Einsamkeit.

Hasan Ali Toptaș (Foto: © Koray Teközkay)
Hasan Ali Toptaș
(Foto: © Koray Teközkay)

So bewegt Günșiray seine manisch-depressive Figur über die Bühne, von Erinnerung zu Erinnerung, von Einsamkeit zu Einsamkeit, durch das Wechselbad von tiefer Melancholie und dann plötzlich wieder verzweifelter Gelöstheit. So zeigt ihn das Ende des Stücks, wie er in Raserei auf der Bühne mit einem Besen alle Papierknäuel zusammenfegen will. Natürlich gelingt es nicht, kann es nicht gelingen. Dieses Bild drückt den Kern des Stücks besser aus als jedes andere: Aus dem Kreislauf, dem Gefängnis der Einsamkeit, kann der Mensch nicht ausbrechen. Diese Ernüchterung und Tragik war die ganze Zeit auf der Bühne allgegenwärtig, zum Ende hin spricht der Protagonist sie selbst aus: Die Wärme des Telefonbuchs ist nichts als eine Täuschung. Alles, was die Melancholie des Alltags kurzzeitig vertreibt – nur eine Täuschung. Dabei steht er im faden Licht der Bühnenbeleuchtung und wirkt auf unglaubliche Art gefasst. Die Einsamkeit, das hat dieses Stück gezeigt, sie ist für ihn immer da, in einer ihrer unzähligen Formen. Einen Ausweg gibt es nicht. Aber der Mensch verliert in der Lyrik von Toptaș in der Einsamkeit eben nicht seine Würde, hat er doch die Chance, seinen Umgang mit dieser Einsamkeit selbst zu bestimmen. In der Sprache des Autors klingt das dann so: Der Mensch kann in die Einsamkeit fallen oder sich bewusst zu ihr emporhieven, als erwünschter Zustand sei sie ein Genuss. Doch auf den Genuss muss auch immer wieder der Fall folgen, auf die Gelöstheit die Taubheit des Schmerzes.

Szenenfoto aus »Yalnizliklar« (»Einsamkeiten«). Inszenierung des Tiyatro Oyunevi, Instanbul (Foto: © Can Günșiray)
Szenenfoto aus Yalnizliklar (Einsamkeiten)
Inszenierung des Tiyatro Oyunevi, Instanbul
(Foto: © Can Günșiray)

Diese Ambivalenz vermittelt das Stück dem Zuschauer nachhaltig. Es gibt wohl keine geeignetere literarische Form, um die Hilflosigkeit der einsamen Menschen darzustellen und gleichzeitig die Losgelöstheit, die sich daraus entwickeln kann, als die ineinander-wabernden lyrischen Verse von Toptaș auf ihrer »transzendenten Erzählebene«. Auch die Adaption für die Bühne ist vor allem dank der intensiven Emotionen, mit denen Günșiray das menschliche Dilemma ausdrückt, gelungen. Die Bühne und das Licht unterstreichen die Stimmungen des Protagonisten, diesen Zweck erfüllt auch die sporadisch einsetzende Musik sehr gut. Dem Team um Regisseur Celil Toksöz ist es ohne Frage gelungen, die literarische Vorlage für die Bühne zu adaptieren. Ihr Ziel ist es dabei ganz offensichtlich, die Wirkung der Lyrik mit theatralischen Mitteln zu unterstreichen, im Vordergrund stehen stets die Verse selbst in ihrer unchronologischen Form.

Allerdings macht es die Inszenierung dem Zuschauer durch den fehlenden Handlungsstrang und die metaphorische Sprache, die in enormem Tempo von dem Darsteller und somit auch von dem Übersetzer vorgetragen wird, insgesamt nicht leicht. Die Simultanübersetzung geht teilweise sogar selbst bei hoher Lautstärke unter der Musik und den Worten Günșirays unter, die Aufführung fordert die Zuschauer also auf allen Ebenen und mit all ihren Sinnen. Doch die Sprache von Toptaș ist es wert, sie malt Bilder, die man nicht vergisst. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es gar nicht so sehr darum geht, jeden Vers zu verstehen, sondern darum, einige der vielen Bilder und Gefühle von Einsamkeit mitzunehmen. So steht am Ende nur noch ein kleiner Kinderkreisel auf der Bühne, der langsam seine Bahnen zieht. Günșiray ist längst gegangen. Wenn es noch eines Bildes für die Traurigkeit der Einsamkeit bedurft hätte, dann wäre es dieser Kreisel. Nach ein paar Minuten bleibt er stehen. In diesen Stimmungen und Bildern, die durch die Verse und ihre Einbettung in die Bühnenwelt entstehen, liegt die Stärke der Aufführung. Der Regisseur hält sich zurück und lässt Toptaș' Lyrik sprechen. Eine richtige Entscheidung. Yalnizliklar (Einsamkeiten). Schauspiel nach dem gleichnamigen lyrischen Werk Hasan Ali Toptaș'. Tiyatro Oyunevi, Istanbul. Theater Bonn – Werkstatt im Opernhaus. Inszenierung: Celil Toksöz.

Fotos: © Can Günșiray [2]; Koray Teközkay [1]

 

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