Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.

Die Entstehung der Zeit durch die Vermessung der Welt im 19. Jahrhundert

Dargestellte Zeit ist kein Phänomen, das auf Text und Literatur beschränkt ist. Auch in Karten und Landkarten hinterlässt sie ihre Spuren und prägt unsere Wahrnehmung des Abgebildeten. Isabella Ferron geht diesem Aspekt der Zeit nach und zeigt auf, wie die Grenzen von Darstellung, Realitätsanspruch und narrativer Kontruktion verwischen. Niemand geringeres als Naturforscher Alexander von Humboldt ist dazu das prominente Beispiel. Lesen Sie hier den zweiten Teil unseres Schwerpunktes zur aktuellen Kritischen-Ausgabe Zeit.

Die Zeit in Karten

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Erscheinungsbild der Karten grundlegend gewandelt. Ihre wesentlichen Merkmale aber bleiben Anschaulichkeit, die Markierung von Begrenzungen, die Totalität der Darstellung, sowie das Wechselspiel zwischen sukzedierender und simultanisierender Sicht. Karten stellen einen tastenden Versuch, eine konkrete Annährung an die Welt dar. 1 Das Phänomen der Zeit erscheint in Karten dabei vielfältig: Karten sind Augenzeugen, die nicht nur neue geographische Entdeckungen und Veränderung von politischen Realitäten beweisen, sondern sie zeigen auch die Ausdehnung von Kulturen und Zivilisationen als Raum-Zeitliche Informationen. Gleichzeitigkeit und Zeitüberlegenheit sind Karten beide zu eigen. Die Karte kann in scheinbarer Ruhe Bewegung und Aktion darstellen. Zeit ist dabei Kontinuum und Ordnungskonzept zugleich. Als Abstrakter Begriff wird sie durch das besondere Medium der Karte erst greifbar. Die kartographische Metapher »Kartenzeiten« fasst dieses Verhältnis. Sie meint die Verbindung von Geschichtszeit und kartographisch fassbarer und gefasster Zeit im Niederschlag in fassbaren Karten, deren Abbildungen als Repräsentation nicht immer »logisch« oder »folgerichtig« sind. Karten bilden nicht die Gegenwart ab, sondern schaffen durch Kompromisse, Verzögerungen der Herstellungszeit und Bewertungen politischer Verhältnisse eine eigene abgebildete Kartenzeit, die sich der Wirklichkeit und ihrer aktuellen Zeit größtmöglich annähert. Darüber hinaus existieren Karten in Generationen; sie werden nicht nur aktualisiert, sondern bilden sich neu mit ihrer Lebenszeit und verlöschen auch mit ihr. Das bezieht auch eine immer neue und modifizierbare Konzeption der Zeit mit ein.

Humboldts Landschaft der Anden

Als berühmtes Beispiel für diese Überlegungen kann eine ungewöhnliche Karte von Alexander von Humboldt dienen – »Die Landschaft der Anden« aus Humboldt Buch Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer (1807). Diese Karte, welche Humboldt selbst als Naturgemälde bezeichnete, verbindet Raum und Zeit auf eine eigentümliche Weise. In seinem Versuch, die verschiedenen Pflanzenarten kennenzulernen und zu kodieren, skizzierte Humboldt die Landschaft der Anden anhand zweier Berge der Anden. Zur Karte wird das Bild durch die eingetragenen Informationen des Forschers über jede  aufgefundene und gesammelte Pflanze seiner Expedition in diese Region. Der Name der Pflanzen steht auf der Höhe des Fundorts, ergänzt durch Temperatur, Luftdruck und dem magnetischen Feld der Umgebung. Die Karte zeigt dadurch nicht nur, wie das Klima das Leben auf verschiedenen Höhen beeinflusst, sondern zeichnet auch und vor allem ein präzises Bild der Region in einem besonderen historischen Moment. Durch solche empirischen Daten, konnte Humboldt zeigen, wie die Erde entstanden ist, wie sie in einem besonderen Moment aussieht und wie sie in Bezug auf den Klimawechsel und den menschlichen Fortschritt voraussichtlich sein wird. In Verbindung damit begriff Humboldt Zeit und Raum in der Karte nicht mehr als abstrakte und Apriori gegebene Kategorien, sondern als konkret wahrnehmbare, messbare und klassifizierbare Einheiten. Humboldt ging es dabei um eine Verzeitlichung und Historisierung der Natur wie auch ihrer Dynamisierung (Allgegenwärtigkeit der Lebensfülle). 2 Die Verzeitlichung der Natur war in seinen Augen notwendig, da eine allgemeine, zeitlos gedachte Natur zugleich auch den Menschen enthistorisiert. So vermitteln Humboldts Karten eine dynamische Sicht der Welt. Darüber hinaus fungieren sie als Zeugnisse und Tagebuch seiner Forschungsreisen.

Die Entstehung der Zeit in der Kartographie

Der Begriff Zeit wird in der Kartografie gewöhnlicher weise in eine Nebenrolle gedrängt und in einer restriktiven Bedeutung verwendet. Im Zuge der Moderne hat sich der Begriff »Zeit« aber grundlegend gewandelt, ohne dass es deswegen zu einem definitiven Begriff gekommen wäre. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Versuche über den Begriff zu reflektieren, neu zu fundieren, auf noch unbekannte Bereiche der Realität hin zu öffnen und bei aller Unterschiedenheit doch einen gemeinsamen Punkt finden zu wollen, hilft dabei, sich mit dem Thema in einer umgreifenden Weise zu befassen und neue oder bis jetzt kaum beobachtete Aspekte in Frage zu stellen. 3 Dabei sind beide Kategorien weiterhin grundlegende Begriffe der Wahrnehmung. Vergangene Begriffe von Raum und Zeit verschwinden aber nicht, sondern bleiben Zeuge in dieser Entwicklung des Zeitbegriffs. Der retrospektive Blick (etwa auf die Volkskulturen der Antike aber auch auf Bereiche der Naturwissenschaft wie bei Humboldt) verdeutlicht das. Karten sind ein Beispiel der bildgeschichtliche Mitbestimmung und besetzen eine Schnittstelle im Spannungsverhältnis zwischen Geschichts- und Kulturwissenschaft. Tatsächlich stellt sich das Terrain der Kartographie seit Beginn des 19. Jahrhunderts als ein Laboratorium dar, in dem die Voraussetzungen für eine neue Definition der Zeit, ihrer Elemente und Darstellungsregeln geschaffen wurden. 4 Die Abkehr vom Anspruch einer allgemeingültigen Menschen- und Weltkenntnis im 19. Jahrhundert begünstigte neue Ideen der Zeit, auch in der zu dieser Zeit entstehenden Wissenschaft der Kartographie, blieb aber gerade in dieser als Hintergrund des Diskurses erhalten. 5 Der Bewusstseinswandel führte in der Kartographie zu Entwürfen neuer Zeit- und Raumkonzepte: Das Zeitliche und Örtliche wurden zu Organisationsprinzipen des Darstellens. 6

Gerade in Anknüpfung mit dem Nachdenken über die Identität jeder europäischen Nation, mit dem Anspruch dieser Nationen auf die Eroberung der entdeckten Welt, wurden Karten im 19. Jahrhundert zum Ausdruck der Geschichtlichkeit (Gegenwart und Vergangenheit) und erhoben sich über die Zuschreibung als passives Abbild, Abdruck und Ausdruck dargestellter Zeiten. Zu dieser Zeit begannen sich in ihnen politische Projektionen in die Zukunft abzubilden, welche in der abgebildeten Zeitebene noch nicht im abgebildeten Maß realisiert waren. Damit wurden Karten zu Konstruktionen, welche etwas über Macht, Expansion und Aggression bestimmter politischer Elemente aussagten und uns heute noch vermitteln können. Diese subjektiven Zugänge zum dargestellten Zeit-Raum sind dabei oft erst lesbar, wenn die politischen Verhältnisse sich deutlich verschoben haben. Mit der subjektiven Perspektive verbunden sind die Reiseberichte des 19. Jahrhunderts, denen Karten der Zeit oft beilagen. Durch die literarische bzw. kartographische Darstellung des außereuropäischen Raumes stellte sich zu dieser Zeit die implizite Frage, ob die auf Karten dargestellte Zeit, eine veränderbare, bewegende oder kristallisierte sei, die mit der räumlichen Darstellbarkeit eng verbunden ist.

Die neue Zeit in Karten des 19. Jahrhunderts

Karten sind Repräsentationen der Welt zu bestimmten Zeitpunkten und subjektiven Einflüssen. Sie sind gebunden an Zeit und Ort als ein historisches Produkt, das über die Möglichkeitsbedingungen ihrer Tätigkeit, ihre Reichweite und Wirkungen Rechenschaft abzulegen hat. Deswegen können Karten nicht zeitlos, überhistorisch sein, sondern sind historisch determinierbar. Jede Karte hat ihre Zeit, ihren Ort und ihren subjektiven Blickwinkel, ihre Perspektive und Konstitutionsgeschichte. Insbesondere Humboldts Werk, welches sich der Karten für seine Reisen und Entdeckungen grundlegend bediente, gewährt Zugang zum wandelnden Raum-Zeit Begriff in Karten des 19. Jahrhunderts. Die sich entwickelnde Idee von Zeit, gebunden an Messungen und Daten, entspricht nicht mehr der Idee eines Apriori, sondern steht in Einklang mit empirisch fundierter Weltkenntnis. Die sich bildende Zeit ist die »empirische Zeit« und findet als bewegliches Zeitkonzept den konkretesten Niederschlag in Karten. Die in den Karten des 19. Jahrhunderts überlieferte empirische Annäherung an die tatsächliche Welt erlaubte die methodische Neubegründung und materielle Entfaltung des überlieferten Paradigmas. Die empirische Methode war dabei grundlegend für die moderne Pluralisierung des Zeitdiskurses. Der Bewusstseinswandel markiert das Ende eines geschlossenen Weltbildes zugunsten eines offenen, moderneren. Zeit wird nicht nur als Maß für historischen Wandel begriffen, sondern auch als eine ontologische Bestimmung des menschlichen Wesens und Temporalisierung im Sinne einer historischen, eigentümlichen temporalen Diversität. 7 In den Karten des 19. Jahrhunderts ist also ein neuer Zeitbegriff fassbar, der eng mit der Darstellung des erfundenen Raums verbunden ist und mit der Entwicklung und Selbstbehauptung der Kartographie als eigenständige Disziplin einhergeht und auf das moderne Zeitverständnis vorausweist: dass Zeit und Raum nicht ohne einander denkbar sind (egal ob parallel, komplementär oder gegenläufig) und ihre Veränderung von der Bewegung und der Geschwindigkeit abhängt, mit denen sich die Ereignisse auf der Welt entwickeln.

 

Isabella Ferron, geb.1977. Grund-und Hauptstudium Germanistik und Anglistik an der Ca' Foscari Universität zu Venedig und ander Eberhard Karls Universität Tübingen. Promotion an der Ludwig-Maximilianas-Universität München in Philosophie und Germanistik. Lehrbeauftragte (deutsche Sprache) und wiss. Mitarbeiterin an der Ca' Foscari Universität zu Venedig und ab März 2012 Lehrbeautragte an der Universität Padua. Forschungsstipendien: Nov. 2011-Feb. 2012: DAAD-Stipendium Universität Berlin.
  • 1. Zögner, Lothar (Hg.): Von Ptolemaus bis Humboldt. Kartenschätze der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Ausstellung zum 125jährigen Jubiläum der Kartenabteilung. Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Ausstellungskataloge, Neue Folge 33, Berlin 1999.
  • 2. Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Hg. und mit einem Nachw. versehen von Ottmar Ette und Oliver Lubrich. Erscheint im Schuber mit: Physikalischer Atlas, Heinrich Berghaus. Frankfurt a.M.: Eichborn Verlag AG, 2004.
  • 3. Diesbezüglich scheint interessant, hier die Definition der Zeit aus dem Zedlers Lexikon zu erwähnen: Die Zeit wird als »gewisse und determinierte Verweilung der Gestirne in ihrem Lauffe, wornach das Seyn und Dauern anderer Dinge gemessen; oder die Zeit ist das Maas der Währung der Dinge: oder, wie die Alten beschrieben, die Zeit ist eine Zahl oder Abmessung der vergangenen und zukünftigen Bewegung«. In: J.H. Zedler: Grosses vollständiges Universal Lexikon aller Wissenschaften und Künste. Bd. 61, Zat-Zeit, Leipzig, Halle, S. 725−779, hier 725.
  • 4. Vgl. dazu: Harvey, D.: Between Space and Time. In: Annals of the Association of AmericaGeographers, 80 (1990), S. 418-434.
  • 5. Siegel, S.; Weigel, P. (Hg.)zit.; Hake, G.; Grünreich, D.; Meng, L.: Kartographie, 2002.
  • 6. Harvey, David: Between Space and Time: Reflections on the Geographical Imagination. In: Annals of the Association of America Geographers, 80 (1990), S. 418-434.
  • 7. Vgl. dazu auch J.G. Herder: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. Hg. von Dietrich Irmischer. Stuttgart: Reclam, 1997.

 

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