Ein »kultur- und wissenschaftsgeschichtliches Gipfeltreffen« ohne jede Zurückhaltung

Einen „niemand geringeres als“ kürt die Konrad-Adenauer-Stiftung zu ihrem Literaturpreisträger 2006. Denn wie die Stiftung am Donnerstag mitteilte, wird niemand geringeres als der neue Stern am Himmel der deutschen Gegenwartsliteratur in diesem Jahr den Preis entgegennehmen: Daniel Kehlmann. Die Stiftung zeichnet damit seine epischen Werke aus, die sich „ebenso spielerisch wie humorvoll in naturwissenschaftlichen und philosophischen Wissensgebieten bewegen“, so die Urteilsbegründung, die sich wie folgt weiterliest:

Das gilt in besonderer Weise für den Roman Die Vermessung der Welt (2005). Er nimmt in dem kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen „Gipfeltreffen“ zwischen dem Mathematiker Carl Friedrich Gauß und dem Naturforscher Alexander von Humboldt die Frage nach Freiheit und Verantwortung des Menschen in der modernen Wissensgesellschaft vorweg.

Der Roman, erschienen im vergangenen Herbst bei Rowohlt, verkaufte sich 400.000 Mal, ist schon bereits jetzt einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Romane aller Zeiten und hat selbst Harry Potter von Rang 1 der Spiegel-Bestsellerliste verdrängt. Außerdem erfreut sich Kehlmann auch einer für deutsche Gegenwartsschriftsteller eher ungewöhnlichen Beliebtheit im Ausland: Bereits 20 Lizenzen hat der Verlag ins Ausland verkaufen können, darunter in die USA.

Als hätten sie es geahnt, versuchten auch die Feuilletons von FAZ und Süddeutscher Zeitung just in ihren Donnerstagsausgaben dem Erfolg des gerade mal 30-Jährigen nachzuspüren: Während Felicitas von Lovenberg Kehlmann für die FAZ gleich persönlich befragte, versuchte Ijoma Mangold in der Süddeutschen auf eigene Faust, Kehlmanns Begabungen zu ergründen (leider kostenpflichtig).

Mangold rechnet vor, welchen Erfolg der Deutsch-Österreicher, der „bereits sieben sehr kluge Bücher“ geschrieben habe, mit den 400.000 verkauften Exemplaren seiner Weltvermessung dem Rowohlt-Verlag eingebracht habe: Denn unter „sehr gut verkaufen“ verstehe man „in der Welt der deutschen Gegenwartsliteratur“, so Mangold, üblicherweise „so was wie 20.000 Exemplare“. Kehlmann selbst kommentiert den Erfolg so: „Zunächst ist es wie ein Lottogewinn, da fragt man auch nicht, warum.“ Und: „Nein, ich will mich über den Erfolg nicht beschweren.“

Auch Lovenberg findet im Interview zunächst nur heraus, dass der Autor selbst offenbar völlig ratlos ist:

„Ich habe überhaupt keine Erklärung für diesen Erfolg des Buches, ich stehe erstaunt und fassungslos vor diesem Phänomen. [...] Halb im Scherz könnte ich sagen, Ich und Kaminski war eine recht aggressive Satire über die Medienwelt und den Journalismus, und ich habe festgestellt, dass Journalisten und Medienleute das Buch geliebt haben. Die Vermessung der Welt ist eine recht aggressive Satire über das Deutschsein, und ich stelle fest, dass ganz Deutschland es liebt. Es scheint wirklich sehr schwer zu sein, sich unbeliebt zu machen.“

(Der Perlentaucher kommentierte ebendiesen Auszug übrigens mit der Anregung: „Wie wär's mit einer kleinen Satire über den Koran?“) :shock:

Mangold zitiert in seinem Artikel aber auch noch diesen etwas aufschlussreicheren Satz von Kehlmann, der ein wenig von dessen Sicht auf die gegenwärtige Befindlichkeit der deutschen Literatur freilegt:

„Das Befreiende am Schreiben der Vermessung hatte etwas damit zu tun, dass ich gar nicht weiter weg sein konnte von der deutschen Gegenwartsliteratur, von dem, was auf diesen leisen, vorsichtigen Mittelton gestimmt ist, den auch meine früheren Bücher anschlugen.“

Und auch Lovenberg entlockt Kehlmann zwei ganz greifbare Erklärungsansätze für den Erfolg. So berichtet Kehlmann von seinen Lesereise-Erfahrungen:

Mir scheint, beim Gros der Leser handelt es sich eher um Leute, die sich sonst nicht für Neuerscheinungen interessieren. Also nicht um Menschen, die nicht lesen, sondern im Grunde um die klassischen Taschenbuchkäufer, die ihre eigenen Interessen haben und nicht nach Neuerscheinungen oder Moden Ausschau halten.

Außerdem finde der Roman offenbar ungewöhnlich großen Anklang bei männlichen Lesern, wie Lovenberg aus Kehlmann herauskitzelt: Er erlebe, ...

[...] daß der Roman ganz erstaunlichen Anklang findet bei der Gruppe derer, die ein naturwissenschaftliches Studium absolviert haben, auch bei Ingenieuren, Vermessungstechnikern. Die haben offenbar das Gefühl, daß hier ihre Welt endlich einmal betrachtet und eingefangen wurde. [...] Der Männeranteil ist tatsächlich größer, weil Wissenschaft ein männliches Thema ist. Und es geht ja auch um Abenteuer, um Reisen, um das Bergsteigen, und ein bißchen ist das wohl ein Thema für große Jungs.

Etwas weniger Zurückhaltung als die Kollegen also und – frei nach berühmter Redaktionskonferenzen-Diktion – an die männlichen Leser denken: So könnte der Erfolg des Daniel Kehlmann vielleicht zusammengefasst werden.

Der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ist übrigens mit 15.000 Euro dotiert und wird seit 1993 einmal jährlich verliehen. Die bisherigen Preisträger sind: Sarah Kirsch (1993), Walter Kempowski (1994), Hilde Domin (1995), Günter de Bruyn (1996), Thomas Hürlimann (1997), Hartmut Lange (1998), Burkhard Spinnen (1999), Louis Begley (2000), Norbert Gstrein (2001), Adam Zagajewski (2002), Patrick Roth (2003), Herta Müller (2004) und Wulf Kirsten (2005). Kehlmann wird den Preis am 18. Juni 2006 in Weimar entgegennehmen.

 

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