Ein gezähmtes Monster

Die kanadische Band Wintersleep lässt auf ihrem Konzert in Köln die Schwarzmalerei hinter sich und nutzt ungeahnte Möglichkeiten

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie Musik in ihren Bann ziehen kann und man die Welt um sich herum vergisst. Jüngstes Beispiel ist das Konzert der Indiepopgruppe Wintersleep vom 6. September in Köln. Die Band aus Halifax, Nova Scotia in Kanada besteht aus fünf Mitgliedern. Am Schlagzeug: Loel Campbell, E-Bass: Mike Bigelow, Gitarre und Gesang: Paul Murphy, Keyboard und Gitarre: Jon Samuel (seit 2006) und Tim D’Eon. Ihre Musik ist ein Mix verschiedener Elemente von Bands wie den Editors, Joy Divsion, und auch ein wenig von Arcade Fire oder der amerikanischen Folkrock-Band Blitzen Trapper. Während sie vor vier Jahren bei ihrer ersten Europatour noch als Geheimtipp galten, konnten sie sich durch ihre beiden neuen Alben Welcome to the Night Sky (2007) und New Inheritors (2010) ein breiteres Publikum gewinnen und begeisterten das Luxor in Köln. Dabei hat die Band in den letzten Jahren eine hörbare Entwicklung durchgemacht.

Keine Soundexperimente mehr

Die Songs der ersten beiden Wintersleep-Alben Wintersleep, 2003 und Untitled, 2005, zeichneten sich noch durch lange, melancholische Instrumentalstücke aus. Sie waren noch durch die leicht flehende und schmerzverzerrten Stimme von Frontmann Paul Murphy unterlegt, so dass dem Hörer dieser Stücke der Weltuntergang nicht mehr weit entfernt erscheint. »Motion« von ihrem Debüt ist mit knapp acht Minuten Länge und einem recht spartanischen Text ein gutes Beispiel für ihre erste Schaffensphase:

a quiet nice life, yeah that sounds quite alright, the years rapping, life goes, binding and comfortable, does it feel the life, watching them all go by, in stop animation, moving in slow motion.

Die vierminütige Hymne an den Orca-Killerwal demonstriert deutlich, wo die akkustisch-experimentellen Wurzeln der Band liegen. Bei dieser wurde das Heranwachsen und Verhalten des Tieres durch eine anfänglich genutzte Akkustikgitarre zu beschreiben versucht, die sich aber im Verlauf durch das Einsetzen von Schlagzeug, Bass und E-Gitarre und der an den Text angepassten Stimme von Murphy immer weiter ins Tragische und Bedrohliche steigerte:

i'll be a tidal wave when i grow up, crashing on harbours, i'll be a tempermental element a raging water, i'll be a perfect storm swallowing over, i'll be a killer whale when i grow up, i'll be a monster.

Dieser Stil ändert sich jedoch bereits mit dem dritten Album Welcome to the Night Sky (2007) für das die Band 2008 mit dem Juno Award als beste neue Band ausgezeichnet wurde. Die Melodien sind eingängiger und in ihrer Erscheinung kompakter geworden. Ein Paradebeispielist der Song »Archaeologists«, bei dem es keine langen Instrumentalphasen mehr gibt und die Musik einfach losströmt, ohne wirkliche Entwicklungen zu zeigen, wie es noch auf den ersten Alben der Fall war. Der Text ist kurz gehalten und die letzte Zeile wird am Ende des Liedes mehrfach wiederholt: »The archaeologists found, some winged boy's remains, stained by the fire and clouds, in the belly of a whale, the day the lightning came, the belly of a whale.« Ähnliches findet sich auf dem neuen Album, das während ihrer knapp zwei Jahre andauernden letzten Tour entstand, festzustellen: poppige Melodien mit eingängigeren Texten. So zum Beispiel bei »Black Camera«, das melodisch dem gleichen Schema folgt wie schon »Archaeologists«, nur dass es einen längeren Text hat.

So ›indie‹ kann zahmer Pop sein!
Die Indiepopgruppe »Wintersleep« (Foto: © Dustin Rabin)
Die Indiepopgruppe Wintersleep
(Foto: © Dustin Rabin)

Während des Konzertes in Köln waren die neueren Lieder Hauptbestandteil des Programms. Gegen 22 Uhr betraten Wintersleep die Bühne und starteten fulminant mit »Echolocation«, und» Black Camera« von ihrem neuesten Album. Die ersten Zuschauer des nicht ausverkauften Luxor tanzten fröhlich mit, ohne sich bei ihrem wilden Springen und Anrempeln besonders an den Menschen um sich herum zu stören. Als nächstes trugen Wintersleep ein Best Of ihrer letzten beiden Alben vor und gingen dabei auch auf die Wünsche des Publikums ein, was möglich war, da die Technik immer wieder aussetzte oder Paul Murphy seine Gitarre während der Peformance so sehr verstimmte, dass es zwischen den Liedern zu erheblichen Pausen kam. Diese Intermezzi taten der Stimmung aber keinen Abbruch, da der Sänger die Zeit nutzte, mit den Besuchern zu sprechen oder sie für ihre Ruhe mehrfach zu loben. Nach dem offiziellen Konzert boten die Kanadier noch eine knappe 20-minütige Zugabe, bei der sie nun auch ein Lied von ihrem zweiten Album zum besten gaben: »nerves normal, breath normal«. Dieses wurde in einer extended Version von knapp acht Minuten gespielt und beendete das Konzert. Anschließend gab es noch die Möglichkeit mit der Band zu sprechen, als sie sich ihr Feierabendbier an der Bar bestellten.

Insgesamt lieferten die Kanadier eine wunderbare und gemütliche Vorstellung, die auch durch die Interaktion mit dem Publikum ihren Charme gewann. Schade allein, dass sie nur einen ihrer älteren Songs spielten, obwohl diese nicht besser oder schlechter, aber eben anders, sind und der Band – wenn sie denn weiterhin auf das Nichtspielen dieser besteht – ein gutes Stück Persönlichkeit und Authentizität nimmt. Ecken und Kanten machen halt auch in gezähmter Popmusik den Charakter aus.

 

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