Ein Mensch zu sein

Betörend erreicht der Gesang der Meerjungfrauen das Publikum in den Bonner Kammerspielen und zieht es tief hinab auf den Grund des Meeres, um ihm die traurig-schöne Liebesgeschichte der kleinen Meerjungfrau zu erzählen. Die musikalische Märchenreise nach Hans Christian Andersen ist so farbenprächtig und schillernd inszeniert, dass die Besucher das Meer förmlich zu schmecken glauben.

Eindrucksvoll fängt das Bühnenbild von Franziska Rast die Stimmung unter dem Meer ein. Eine Videowand im Bühnenhintergrund, auf der Wale und Fische vorbeischwimmen, sorgt für Tiefe, und die abgeschrägte Bühne eröffnet den Darstellern ganz neue Bewegungsmöglichkeiten. Fischgleich gleiten die Schauspieler über die Bühne oder schweben – an Seilen befestigt – durch die Unterwasserwelt. Die magisch anmutenden Kostüme von Charlotte Sonja Willi machen die Illusion perfekt. Glitzernde Schuppenpanzer und wilde Anemonenfrisuren tummeln sich zwischen riesigen Muscheln und wiegendem Seegras.

Das Meerreich der kleinen MeerjungfrauDer dünne und ängstliche Zitteraal (Sebastian von Koch) sowie der dicke und tonangebende Kugelfisch (Stefan Preiss) bilden ein amüsantes Duo, das den Zuschauer mit witzigen Dialogen durch die zauberhafte Unterwasserwelt der Meerjungfrau führt.

Es ist der 15. Geburtstag der kleinen, liebenswerten Nixe (Sinead Kennedy) mit dem grünen Wuschelkopf und somit an der Zeit, dass sie an die Meeresoberfläche schwimmen und die Menschenwelt erkunden darf. Ein heiteres und beschwingtes Fest beginnt und von Krebs bis Flunder sind alle Meeresbewohner gekommen, um der kleinen Meerjungfrau zu gratulieren. Dass die Meerjungfrau bezeichnenderweise einen Schuh geschenkt bekommt, ist natürlich kein Zufall, denn sie wünscht sich nichts sehnlicher, als ein Mensch zu sein und auf zwei Beinen zu stehen.

Das Gegenstück zur Sehnsucht der Meerjungfrau nach der Wasseroberfläche, bildet die Sehnsucht nach dem Meer des jungen Prinzen (Volker Muthmann). Der charmante und willensstarke Prinz fühlt sich missverstanden und wünscht sich nichts mehr, als Matrose zu werden und zur See zu fahren. Ganz unkonventionell kommt der blonde Jüngling daher, in Jeans und Turnschuhen. Er nimmt sich selbst nicht so wichtig, wie es sein Diener gerne hätte und will weg von Zwang und Etikette und in Freiheit auf dem Meer leben. So kommt es, dass sich der unerfahrene Prinz einer wilden Bande Seefahrer anschließt und gegen jede Vernunft sein behütetes Zuhause, den Palast, verlässt.

Gekonnt verwandelt sich das Bühnenbild von prunkhafter Schlosswelt zur dusteren und verkommenen Matrosenwelt. Die Gestalten werden zerlumpter und ein Milieu zwischen Hamburger Hafenkneipe und Schatzinsel wird geschaffen.
Bald darauf erleidet der schöne Prinz Schiffbruch und sinkt in die blaue Tiefe des Ozeans direkt in die Arme der kleinen Meerjungfrau, die sofort von seiner Erscheinung fasziniert ist und ihm das Leben rettet. Doch wieder an Land, erkennt der Prinz seine Lebensretterin nicht und heiratet die Falsche.

Die kleine Meerjungfrau und ihr PrinzNun heißt es noch mal tief Wasser holen und das Abenteuer kann beginnen: Fest entschlossen, ein Mensch zu werden, um fortan bei ihrem Liebsten sein zu können, macht sich die Meerjungfrau auf, die einsame und böse Meerhexe Ursula die Krake (Nina Vodop‘yanova) mit den wild umher schlagenden Tentakeln zu suchen, um sich von ihr anstelle des Fischschwanzes Beine wachsen zu lassen.

Die Bühne verdunkelt sich und einzig die hallende und furchteinflößende Stimme der Meerhexe ist zu vernehmen. Umgeben von zwielichtigen Gestalten thront sie mitten auf einem riesigen LKW-Reifen und lässt ihre bedrohlichen Fangarme spielen.
Das Anliegen der kleinen Meerjungfrau gewährt ihr die Meerhexe natürlich nicht ohne Bezahlung und so kommt es, dass sie ihr ihre bezaubernde Stimme raubt und der Meerjungfrau droht, dass, sollte sich der Prinz nicht in sie verlieben, sie zu Meerschaum verwandelt wird. All das kann die Meerjungfrau nicht davon abhalten zu ihrem Prinzen an die Oberfläche zurückzukehren und so findet sie sich wenig später mit zwei Beinen am Strand wieder. Noch weiß sie nichts mit ihren neu gewonnenen Gliedmaßen anzufangen und tollpatschig süß bis traurig unbeholfen schliddert und rutscht sie über die Bühne, jeder Schritt schmerzt, doch ihr Entschluss steht fest. Nur mit ihrer Schönheit, ihrem schwebenden Gang und ihren sprechenden Augen macht sie sich auf ins Schloss des Prinzen und erlebt dort interessante und ihr unbekannte Dinge. Mit ihrer unkonventionellen und lebensfrohen Art, lässt sie den strengen Diener des Prinzen oft verzweifeln. Urkomisch wird das Dinner des Prinzen, indem sie kurzerhand Wasser über ihre schmerzenden Füße schüttet und sich eine wilde Wasserschlacht mit dem Prinzen liefert.

Damals wie heute begeistert die Geschichte der kleinen Meerjungfrau Kinder wie Erwachsene, ist die Faszination für die kleine Meerjungfrau und ihre Sehnsucht nach dem Unbekannten ungebrochen. Die Inszenierung von Christina Rast zaubert die märchenhafte Welt Andersens in aller Farbenpracht auf die Bonner Bühne und Sinead Kennedy gibt die kleine Meerjungfrau so liebevoll, dass die tragisch-schöne Liebesgeschichte auch nach weit mehr als hundert Jahren überzeugt. Es ist eine Liebesgeschichte und zugleich eine Geschichte vom Erwachsenwerden, die zeigt, dass Liebe auch schmerzhaft sein kann. Doch im Gegensatz zur Buchvorlage von Andersen, zeigt sich die Inszenierung am Schluss versöhnlich. Am Ende reichen sich alle die Flossen und im Fischumdrehen wird das finale Freudenfest eingeleitet.

Die kleine Meerjungfrau. Nach einem Märchen von Hans Christian Andersen. Bühnenfassung von Uli Jäckle und Thomas Klees. Inszenierung: Christina Rast. Bonn, Kammerspiele Bad Godesberg, Premiere: 3.11.2007.

 

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