Ein Menschenversuch

Szenenfoto aus WOYZECK © Thilo Beu„Der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit“, belehrt Frau Doktor den Soldaten Franz Woyzeck. Doch ist der Mensch wirklich frei oder wird er getrieben von seiner Umwelt?

Stefan Otteni versucht dieser Frage in seiner Woyzeck-Inszenierung durch eine Versuchsanordnung auf den Grund zu gehen: ein Menschenversuch. Eingesperrt in eine Box lässt er den Soldaten Franz Woyzeck und sieben weitere Figuren aus Georg Büchners Dramenfragment aufeinander los. Sie sind zusammengepfercht in einen grellen, trostlosen und fensterlosen Kasten, der außer einer Bank zum Schlafen nichts zu bieten hat. Alle tragen nachts die gleiche blütenweiße Unterwäsche und legen sich auf derselben harten, weißen Bank schlafen, egal ob Hauptmann oder armer Soldat. Die Klassenschranken scheinen durchbrochen worden zu sein und jede Individualität verloren. Keiner weiß, wie lange sie schon dort sind, wie lange sie noch bleiben werden. Ihr angsterfülltes, verzweifeltes Handeln ist bestimmt durch die Bedingungen des Versuchs.

Geplagt von Zwangsvorstellungen und Verfolgungswahn ist Woyzeck (Raphael Rubino) dem Menschenversuch zum Opfer gefallen. Er wird durch die gesellschaftliche Unterdrückung und die tägliche Arbeitshetze geopfert, er wird geplagt durch die Untreue seiner Geliebten Marie (Patrycia Ziolkowska). Gehetzt, unverstanden und erniedrigt von allen. Er muss den Hauptmann (Günter Alt) rasieren, dem Doktor, der bei Otteni von einer Frau (Verena Bukal) abgelöst wird, als Versuchsobjekt regelmäßig Urinproben abgeben und unüberhörbar Erbsen essen. Die Frau Doktor zeigt sich erbarmungslos und entzückt über Woyzecks schlechten Zustand, sie beobachtet anfangs noch kaltblütig begeistert den Versuchsverlauf. Langsam hört man Woyzecks Wahnsinn aufsteigen: ein lautes Surren, das permanente Ächzen aus dem Untergrund, Ausdruck seiner Verzweiflung. Auch nachts wird er gequält durch eintöniges Stöhnen aus den Lautsprechern. Die Angst und Aggressivität in der Versuchsbox dröhnt in die Zuschauerränge. Die unerbittlich triste und kühle Kulisse tut ihr Übriges, um die Beklemmung und die Angst bis in die letzte Reihe spürbar zu transportieren.

Szenenfoto aus WOYZECK © Thilo Beu„Jeder Mensch ist ein Abgrund“, kommentiert die Ausruferin (Susanne Bredehöft) kühl das Geschehen.Denn noch während Woyzeck zu Fall gebracht wird, stellt sich schon die Frage nach dem nächsten Opfer. Kaltblütig prophezeit Frau Doktor dem tränenüberströmten Hauptmann seinen baldigen Tod und auch aus dem nahenden Ende der Ausruferin macht sie kein Geheimnis. Doch auch sie, als Versuchsleiterin, ist selbst ein Teil des Versuchs und läuft somit Gefahr geopfert zu werden. Für kurze Momente gelingt es den „Versuchstieren“ einen Blick über den Rand ihrer Versuchsbox zu erhaschen. Wilde Tiere kommen auf einer Leinwand zum Vorschein, ein Gepard erlegt eine Gazelle. Man hält den Versuchspersonen einen Spiegel vor, denn sie sind es, die sich tierisch verhalten. Sie feuern den Geparden lautstark bei der Jagd nach seiner Beute an. Sie selbst sind ihrem tierischen Verhalten ausgeliefert. Woyzeck ist die Gazelle. Und der Tambourmajor (Jonas Gruber) und Marie geben sich, wie wilde Kreaturen, ihren körperlichen Begierden hin.

„Wenn er sich eilt und um die Eck geht, so kann er vielleicht noch auf ein Paar Lippen eins finden, ein Paar Lippen“, wirft der Hauptmann Woyzeck bei der täglichen Rasur wahnwitzig entgegen. Dieser bösartige Hinweis auf Maries Untreue treibt Woyzeck über die Grenze des für ihn Erträglichen. Während das Ensemble zu deutschem Schlager zuckt, steigert er sich abseits ins Unausweichliche hinein und nach dem Kauf eines Messers wird der Versuch zum Selbstläufer. Ausgebrochen in eine paradiesische Scheinwelt, werden die übrigen Versuchsobjekte zu Beobachtern und Woyzeck führt in Freiheit das aus, wozu er in der Box getrieben wurde. In einem Wasserbassin ist es dann soweit: „ein guter Mord, ein ächter Mord, ein schön Mord“ – laut, verzweifelt und blutig, mit einem Rasiermesser. Ein relativ langer Mord für das eineinhalbstündige Stück.

Aus allen Entstehungsstufen suchte Otteni seinen Text zusammen, fokussierte das Stück damit auf den Menschenversuch und klammerte das gehetzte Soldatendasein Woyzecks fast völlig aus. Nur durch die Existenz des Hauptmanns und des Tambourmajors wird die Militärhierarchie angeschnitten. Doch auch ohne Waffenpolieren und straffes Marschieren ist der Druck, dem Woyzeck ausgesetzt ist, für den Zuschauer offensichtlich. Es ist faszinierend mitzuverfolgen, wie aus den einzelnen Fragmenten des Woyzeck ein Versuchsaufbau entstehen kann. Die Freiheit, die das Dramenfragment bei der Anordnung seiner Teile lässt, wurde voll ausgenutzt und so entstand ein Woyzeck à la Das Experiment.

Einzig störend wirkt teilweise die Musik von Jörg Ritzenhoff, weil sie so gar nicht zur „alten“ Sprache des Stückes passt und das Publikum allzu leicht aus der beklemmenden Szenerie herausreißt. So lässt beispielsweise eine Technoeinlage, zu der Marie und der Tambourmajor vollkommen in Trance versunken tanzen, die Situation fast lächerlich erscheinen.

Szenenfoto aus WOYZECK © Thilo BeuDie ursprünglich 27 Figuren des Stücks dampft die Regie auf acht Versuchsteilnehmer ein und erschafft durch die Zusammenlegung verschiedener Rollen teilweise ganz neue Charaktere. So schmelzen etwa Großmutter und Ausruferin zur kommentierenden Instanz des Versuchs zusammen. Kühl führt dieses Mischwesen den übrigen Figuren ihr tierisches Dasein vor Augen und unterstreicht mit einem „Anti-Märchen“ die ausweglose Situation. Doch nicht immer ist die Verschmelzung so gut gelungen. Die Überführung der Rollen des Soldaten Andres (Roland Riebeling) und des Sohnes von Woyzeck in eine führt bei Textunkenntnis zur Verwirrung: Warum drückt sich plötzlich der Kamerad Woyzecks weinend an dessen Geliebte Marie?

Gefangen von der drückenden Atmosphäre und der aggressiven, beängstigenden Grundstimmung des Stücks hört man den Applaus am Ende verhallen. Otteni hat es mit seiner Inszenierung geschafft, das Publikum in seinen Menschenversuch hineinzuziehen.

Woyzeck. Fragment von Georg Büchner. Kammerspiele Bad Godesberg.
Wiederaufnahme: 03.09.2005. Regie: Stefan Otteni.
Weitere Aufführungstermine unter www.theater-bonn.de.

(Fotos: Thilo Beu)

 

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