Ein Okapi mischt den Westerwald auf

In ihrem neuen Roman erzählt Mariana Leky ein skurriles und beglückendes Märchen von der Schönheit des Lebens

Der Tod, der in Gestalt eines Okapis Einzug in die Träume einer alten Westerwälderin erhält? Klingt skurril und das ist es auch! In Was man von hier aus sehen kann diskutiert Mariana Leky große Themen wie Liebe und Tod, ohne düster oder kitschig zu wirken. Getragen wird der Roman von erfrischendem und treffendem Sprachwitz, der das Buch absolut lesenswert macht.

In einem Dörfchen im Westerwald ist ein Wunder längst zur Tatsache geworden: Wann immer die Dorfälteste Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand innerhalb der nächsten Stunden. Das löst eine Bandbreite von Reaktionen der Dorfbewohner aus, die von milder Beunruhigung und Entsetzen bis hin zum Geständnis lange verschwiegener Wahrheiten reichen. Die allwissende Ich-Erzählerin des Romans ist Selmas Enkelin Luise, aus deren Leben mit der skurrilen wie liebenswerten Dorfgemeinschaft berichtet wird. Der Roman begleitet das Leben der Erzählerin im Rahmen von drei Romanteilen als Zehnjährige, im Alter von 22 Jahren sowie mit Anfang 30. Dabei spielen existenzielle Themen wie Schmerz, Verlust und die Auseinandersetzung mit dem – oftmals auch in personifizierter Form auftretenden – Tod eine wichtige Rolle. Das Gegengewicht dazu bilden die Zuneigung und der bedingungslose Zusammenhalt der Dorfbewohner untereinander, die heimliche Liebe des Optikers zu Selma oder die ganz große Liebe zwischen Luise und Frederik. Es ist Mariana Leky gelungen, dass der Roman zwischen diesen beiden Polen weder düster noch kitschig wirkt.

Was man von hier aus sehen kann ist Mariana Lekys dritter Roman. Nach einer Buchhandelslehre studierte Leky Germanistik, Kulturjournalismus und Kreatives Schreiben. Bereits während ihrer Studienzeit gewann sie renommierte Auszeichnungen für ihre Kurzgeschichten und Erzählungen. Ihr 2001 erschienenes Debüt, der Erzählband Liebesperlen, und weitere Romane der in Köln und Berlin lebenden Autorin sind preisgekrönt. Ihr neustes Werk erzählt vom Alltag und vom Leben in all seinen Facetten. Das ist nichts Neues. Was den Roman absolut lesenswert macht, sind Lekys treffende und originelle Bilder mit denen es ihr gelingt von der Schönheit des Alltags und dem Glück des Normalen zu erzählen. So wird etwa die Beziehung zwischen Oma und Enkelin im gemeinsamen Verzehren von Pralinen gezeichnet: »Selma mochte an Mon Chéri besonders die Füllung. ›Die Füllung ist so entspannend‹, sagte sie. Sie biss das Mon Chéri für gewöhnlich an der Stirnseite auf, saugte die Kirsche und den Kirschlikör heraus und gab das Schokoladengehäuse mir.«

Alles hängt zusammen

Leky kreiert in Was man von hier aus sehen kann eine Welt, die sich zum einen Teil aus realistischen und zum anderen Teil aus fantastischen Elementen zusammensetzt, sodass der Roman oftmals an ein Märchen erinnert. Ebenso wundersam und märchenhaft sind die schrägen, liebenswerten Figuren wie die hellsichtige Großmutter Selma, die aussieht wie Rudi Carrell; Martin, dem besten Freund der Erzählerin, der davon träumt, Gewichtheber zu werden und dauernd jeden und alles hochstemmt, was nicht davonläuft oder festgewachsen ist oder die traurige Marlies, die stets in Norwegerpullover und Unterhose gekleidet Dosenerbsen verspeist. Mit ihrem Blick für die menschlichen Marotten und die Komik des Alltags vereint Leky in ihren Figuren Karikatur und Aufrichtigkeit, Witz und Tiefgang.

Auch Lekys Sprachkunst trägt dazu bei, dass eine ganz besondere Atmosphäre entstehen kann. Neben Metaphern, Vergleichen oder Personifizierungen greift Leky mittels Wiederholungen auf bereits Erzähltes zurück. Auf diese Weise entsteht der Eindruck einer märchenhaften inneren Verbundenheit der kleinen Welt im Westerwälder Dörfchen. Alles hängt zusammen. Geschickte Variationen der immer gleichen Situationen und überraschende Verknüpfungen von scheinbar völlig unvereinbaren Elementen zeugen vom enormen Sprachwitz der Autorin, der den Leser sowohl tief berührt als auch zum Schmunzeln bringt. Mit Was man von hier aus sehen kann kreiert Leky einen merkwürdigen Kosmos mit ganz eigenen Regeln. Es ist ein zauberhaftes, witziges und tiefsinniges Buch über das Leben und den Tod, die Liebe und die Hemmungen und Hindernisse, die es zu überwinden gilt, um sie zu erreichen.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Dumont: Köln, 2017. 320 Seiten. 20,00 Euro. ISBN 978-3-8321-9839-8. – Auch als E-Book erhältlich.

 

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