Ein Pizzabäcker schreibt einen Bestseller

In seinem neuen Roman Das geheime Leben des Monsieur Pick widmet sich David Foenkinos den abgelehnten Manuskripten des Literaturbetriebs

David Foenkinos neuster Roman Das geheime Leben des Monsieur Pick überzeugt mit einer originellen Idee, weist jedoch auch zahlreiche Schwachstellen auf. Es eröffnen sich zahlreiche Handlungsstränge, es gibt eine aufwändige Verschachtelung der Begebenheiten und die abwegigsten Figuren haben hier ihren Auftritt. Das sorgt für einige absurde Momente, macht aus Foenkinos neuem Roman aber auch ein Stück kurzweiliger Unterhaltungsliteratur.

Im bretonischen Örtchen Crozon entdeckt die junge Lektorin Delphine Despero eine besondere Bibliothek: Eine ›Bibliothek der abgelehnten Manuskripte‹, in der sich ein breites Spektrum jener Texte finden lässt, die kein Verlag veröffentlichen wollte. Von obskuren Abhandlungen mit Titeln wie Wie man bei Kerzenschein in Hotelzimmern Blumen züchtet bis hin zu gesammelten Einkaufslisten ist alles mit dabei. Zwischen diesen Manuskripten stößt die Lektorin auf ein literarisches Meisterwerk, den Roman des völlig unbekannten und kürzlich verstorbenen Pizzabäckers Henri Pick. Sowohl der Roman, als auch das Mysterium um die Biografie des Verfassers begeistern den Literaturbetrieb und die Leserschaft: Ein Pizzabäcker, der nicht einmal die Tageskarte seiner Pizzeria selbst angeschrieben hat, soll der heimliche Verfasser eines Megasellers sein? Nach Erscheinen des Romans stellt Henri Picks geheimes Leben gleichermaßen das Städtchen Crozon wie den Pariser Literaturbetrieb auf den Kopf.

Die Idee einer Bibliothek der abgelehnten Manuskripte stammt ursprünglich aus einem Roman des amerikanischen Schriftstellers Richard Brautigan, die in den 90er-Jahren als Hommage an eben diesen in Vancouver in die Realität umgesetzt wurde. In der Brautigan Library sind heute über 300 unveröffentlichte Manuskripte zu finden. In seinem neuen Roman Das geheime Leben des Monsieur Pick greift der französische Schriftsteller David Foenkinos diese Idee auf und macht sie zum Startpunkt seiner Geschichte.

Mixtur aus Stilen und Themen

Leider ist bei der Vielzahl an Handlungssträngen und Figuren der rote Faden in der Handlung manchmal nur zu erahnen. Auch die Charaktere erscheinen teilweise unscharf und oberflächlich, ihre Handlungen unmotiviert und funktional. So beschleicht den Leser beispielsweise bei den Recherchen des Literaturkritikers Jean-Michel Rouche das Gefühl, dass einige Charaktere nur in die Handlung eingeführt werden, um dem Kritiker einen Tipp bei seinen Nachforschungen zu Henri Pick zu geben. Nach der Erfüllung ihrer Funktion im Text verschwinden diese Figuren sang- und klanglos. Ihre Hilfsbereitschaft scheint dabei dem Zufall geschuldet zu sein.

Foenkinos, der für sein bisheriges Werk schon mit dem ein oder anderen Preis geehrt wurde, versucht seinem lockeren und humorvollen Stil treu zu bleiben, indem er auch in diesem Roman allerhand Textsorten wie zum Beispiel Liedtexte, Biografien und Fußnoten vermengt und reale Elemente in seine fiktive Welt einbaut.  So haben auch der Moderator der Literatursendung La Grande Librairie François Busnel, der Schriftsteller Frédéric Beigbeder, sowie der Politiker Jack Lang einen Auftritt im Roman. Dabei will sich jedoch die Leichtigkeit früherer Romane nicht so recht entfalten. Stattdessen wird der Leser oftmals mit Floskeln und Klischees abgespeist: So handelt Foenkinos die Karriere der Junglektorin mit einer banalen Erklärung ab: »Dass eine so junge Frau eine solche Position bekleidete, war alles andere als alltäglich, aber wer im richtigen Augenblick zur Stelle ist, hat meist auch Erfolg.«

Trotz aller Kritik liefert Foenkinos ein überraschendes und originelles Ende, wenn zum Schluss alle Handlungsstränge zusammenlaufen. Doch auch wenn Das geheime Leben des Monsieur Pick einige Schwachstellen und Nachlässigkeiten im Hinblick auf Details aufweist, vermögen es die dem Text zugrundeliegende Idee der ›Bibliothek der abgelehnten Manuskripte‹, die charmante Lösung des Rätsels um das geheime Leben des Monsieur Pick, sowie die gelungene Kritik am Literaturbetrieb das Buch aufzufangen. So ist es durchaus mit einem Augenzwinkern zu verstehen, wenn Scharen an Lesern und Journalisten zum Grab Henri Picks pilgern, oder die abgebrühte Witwe Picks in einer Literatursendung auftritt, ohne tatsächlich über Literatur zu sprechen. Foenkinos‘ neuer Roman ist wahrlich kein Fall für die ›Bibliothek der abgelehnten Manuskripte‹, sondern ein kurzweiliger Unterhaltungsroman.

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick. Deutsche Verlags-Anstalt: München, 2017. 336 Seiten. ISBN 978-3-421-04760-1. 19,99 Euro.

 

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