Ein Schatten geweckter Erwartungen

AaRON enttäuschen mit ihrem zweiten Album Birds in the Storm

»I'm just an empty bottle in the night« singen AaRON in der zweiten Strophe von »Ludlow L«, dem ersten Lied auf ihrem neuem Album Birds in the Storm. Bedauerlicherweise scheinen diese zitierten Worte genau das auszudrücken, was das neue Album der Band AaRON ausmacht. Aber beginnen wir mit dem Ursprung.Das französische Popduo AaRON wurde von Simon Buret und Olivier Coursier gegründet, die im Jahre 2007 der Welt ihr phänomenales Debüt Artificial Animals Riding on Neverland vorstellten. Bekannt wurden sie vor allem durch die Singleauskopplung »U-turn (Lili)«, Titelmelodie und musikalisches Hauptthema des Films Je vais bien, ne t’en fais pas. Über ein Jahr hielt sich das Album in den Charts, wurde zweimal mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet und so folgten Konzerte in Spanien, der Schweiz, Belgien, Österreich, Luxemburg und natürlich Frankreich, die meist ausverkauft waren. Kein Wunder, denn Artificial Animals Riding on Neverland ist an Perfektion kaum zu übertreffen: ein vom ersten Ton an fesselndes von der Instrumentierung her nicht überstrapaziertes, durchkomponiertes Gesamtkunstwerk mit anspruchsvollen Texten, die – bis auf »Le tunnel d’or« – in Englisch vorgetragen werden.

… you see it’s not the wings that make the angel just have to move the bat out of your head for every step in any walk any town of any thought I'll be your guide … (»U-Turn (Lili)«)

Das Zitat kann auch auf die Art der Albumgestaltung angewendet werden – AaRON führen den Zuhörer mit eben diesen zarten, zerbrechlichen, recht lakonisch klingenden Tönen durch ihr musikalisches Spektrum. Das Klavier gespielt von Olivier Coursier harmoniert in diesem mit der verbissenen, oft erzürnten, aber auch gleichzeitig verzweifelten Stimme von Simon Buret und lässt diese erst recht zu voller Blüte wachsen.

Maybe you don't wanna show, that tears have drawn your dreams, just dive in your mind and find all the treasures inside (»Blow«)

Die Zerrissenheit des menschlichen Geistes wird hier in dieser musikalischen Manier dargeboten, dass am Ende dieser Platte scheinbar nur noch die Katharsis zum ewigen Glück fehlt.

I still feel like a child, I still need you by my side, I still hear you late at night (»Last Night Thoughts«)

Der Nachfolger Birds in the storm schreckt schon ein wenig durch die Betrachtung des Titelbildes ab: Ein Mann mit Cowboyhut reitet, gekleidet in einen verwaschenen, braunen, langen Ledermantel, den Arm schützend vor dem Gesicht, durch ein loderndes Meer aus Flammen. Man denkt an das übertriebene, stark ins lächerlich gezogene Musikvideo »Knights of Cydonia« der Band Muse, keinesfalls aber an menschliche Abgründe und zerrüttete Seelen, wie es nach dem ersten Album zu erwarten gewesen wäre. Gut, das Duo scheint sich entweder in der Auswahl des Titelbildes vergriffen oder sich musikalisch verändert zu haben. So keimt Lied für Lied der Gedanke auf, dass womöglich das nächste besser wird, dass irgendwo auf dieser für knapp 20 € erworbenen CD eines dabei ist, welches die anderen aufwiegen könnte und das Album doch noch ein spannendes Werk ist. Doch die Hoffnung stirbt schnell. Die einst so vielversprechenden Musiker sind nur noch ein Schatten ihres einstigen Ruhmes. Die Melodien auf Birds in the storm folgen dem gleichen Schema wie die auf Artificial Animals Riding on Neverland, nur erreichen sie nicht mehr das vorgesehene Ziel – den zuhörenden Menschen. Synthetische Töne überlagern das Herz ihrer Stücke – das Klavier – gut zu hören bei dem vorletzten Titel »The lame souls«. Auch »Inner roads« klingt bemühter, als es ›gute‹ Musik nötig haben müsste. Auch hier sind Versuche zu vernehmen, das Lied einzigartig zu machen, es in die ›hörbaren Bahnen‹ zu lenken, doch es kommt über diese Versuche nicht hinaus. Die restlichen acht Lieder wirken ebenfalls eher wie ein angehender Krampf, der weder richtig entstanden ist noch das er sich wieder entspannt hat. Knappe 36 Minuten dauert das Album und ist in zehn Lieder eingeteilt. Die Monotonie der Melodien wirkt einschläfernd und zu gewollt lässig. Es scheint, als wurde der Synthesizer anfangs auf eine bestimmte Bassfrequenz eingestellt, die dann für alle Lieder mehr oder weniger übernommen wurde. So lässt auch das bluesige »Waiting for the wind to come« zu wünschen übrig. Der Song wirkt noch nicht einmal als Persiflage - manch musikalisches Genre sollte man doch besser jenen überlassen, die es wirklich können. AaRON: »Birds in the Storm« (Cover)Textlich überzeugt das Album ebenfalls kaum. Mögen kurze Textstellen auf mehr Hoffnung Aussicht geben, wie zum Beispiel »Freedom is lost, stuck on the ground« in »Birds in the Storm«, endet es doch in einem phantasielosen und plakativen Geplänkel, gesungen von einem gelangweilt wirkenden Simon Buret: »Did you know the sun was made out of our crie. Each tear we drop is gold and this is how it shines« (»Arm your eyes«). Vergeblich warteten nach Erscheinen des Albums vor vier Jahren die deutschen Fans auf einen Konzerttermin in der Republik. Entsprechend groß war daher die Freude, als bekannt wurde, dass AaRON mit ihrem neuen Album einen Auftritt im Rahmen des WDR-crossroad-Festivals in Bonn haben sollten. Sicherlich hätte man ihnen den musikalischen Fehlgriff des zweiten Albums verzeihen können, hätten sie live überzeugt. Doch auch dieser Traum platzte wie eine Seifenblase, als die Band ohne Angabe von Gründen ihr Konzert absagte. Man könnte über diese spekulieren, letztendlich wissen es die beiden nur selbst:

Erase your fears, forget the world, seek in my eyes, the love that burns we don't believe, in anything that hasn't started, with a dream. (»A Thousand Wars«)

So bleibt zu hoffen, dass ein eventuell drittes Album, dieses in sich vertrackte und schlichtweg schlechte zweite, vergessen lässt. Es wäre zu schade zu sagen, dass AaRON nicht mehr und nicht weniger als eben diese zwölf Songs zu bieten haben bzw. hatten.

 

AaRON: Birds in the Storm. Paris: Bang 2010. Ca. 36 Min. Spielzeit. Ca. 20 Euro.

 

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