Ein Seufzer aus den 80ern

Hans Magnus Enzensbergers Reisebericht Ach Europa!

Hans Magnus Enzensberger: Ach Europa! (Titelbild)

Das Thema ›Europa‹ nimmt seit je einen zentralen Platz in der Essayistik Hans Magnus Enzensbergers ein. Schon im zweiten Band seiner Zeitschrift Kursbuch (1965) bezieht er eine europakritische Position, wo er unter anderem über die sprachliche Scheidungslinie von Europa und der sogenannten ›Dritten Welt‹ reflektiert. Im wiederum kritischen Anschluß an die Schlußpassage aus Frantz Fanons Hauptwerk Die Verdammten dieser Erde (1961) wird die zunehmend marginale Rolle des nördlichen Kontinents als ›Europäische Peripherie‹ charakterisiert.1 Auch sein 1980 erschienener Beitrag, der sich mit der Frage des Eurozentrismus auseinandersetzt, greift das Schlagwort der europäischen »Peripherie« abermals auf.2 In der Kritik steht nun die verfehlte Vorbildrolle Europas, dessen Wohlstand die eurozentristisch orientierte ›Dritte Welt‹ auf minderem Niveau nachzuahmen versuche. Während Enzensberger einerseits darüber nachdenkt, ob die Abstufung zur ›Dritten Welt‹ nicht einem menschenverachtenden, allein auf Konsumismus gerichteten Denken entspringt,3 äußert er andererseits die These, daß die internationale Uniformität der Warenwelt eine eigene Exotik im Inneren der ›Ersten Welt‹ provoziert habe:

Nicht nur die Vereinigten Staaten, auch Frankreich, Schweden, Westdeutschland sind heute Schmelztiegel, Vielvölkerstaaten. Ethnische Minoritäten, Subkulturen, politische und religiöse Sekten nisten sich in den Metropolen ein.4

Diese Beobachtung, daß die multikulturelle Gesellschaft auch in den europäischen Großstädten sukzessiv erstarke, mag für Enzensberger mithin ein Anlaß gewesen sein, sich in den 80er Jahren ein individuelles Bild von ausgewählten europäischen Ländern zu machen. In seinem Sammelband Ach Europa! (1987) läßt Enzensberger seinen Ich-Erzähler die Länder Schweden, Italien, Ungarn, Portugal, Norwegen, Polen und Spanien bereisen und zeigt allein durch diese Auswahl, daß auch der damalige Ostblock durchaus Teil seiner europäischen Landkarte ist. Die Bevorzugung der genannten Länder hat freilich zu Spekulationen und Vermutungen herausgefordert. In der Rückschau schreibt etwa Paul Michael Lützeler über Enzensbergers Reisebericht: »Bezeichnenderweise kamen in seinem Europa-Buch die westlichen Länder wie Frankreich, England und Deutschland gar nicht vor.«5 Was aber begründet diese bewußte Ausklammerung, was ist daran derart »bezeichnend«? Lützeler legt nahe, daß die Antwort in Enzensbergers Neigung zu »den skurrilen, liebenswürdigen, idyllischen, verträumten, kleinen Regionen des Kontinents in Italien, Portugal, Schweden oder Polen« liege.6 Obgleich Enzensberger seinen Erzähler durchaus auch die Metropolen der genannten Länder besichtigen läßt, gilt dessen Blick wiederholt abseitigen Details, marginalen Aspekten und verwitterten Spuren, die zurück in die Vergangenheit führen. In Enzensbergers poetisch-politischem Reisebericht geht es somit nicht darum, die Idee »Europa« in ihrem Gewordensein zu diskutieren oder gar aus der Vision einer transnationalen Gemeinschaft völkerstaatliche Forderungen abzuleiten. Vielmehr zeigt er ein Europa gleichsam aus der Froschperspektive, um über die wahrgenommenen Einzelheiten auf größere gesamtgesellschaftliche und nationalpolitische Zusammenhänge hinzulenken. Der zentrale strukturbildende Aspekt des Europaberichts besteht in der steten Bezugnahme auf das kulturelle Gedächtnis der jeweils bereisten Nation. Diese Rückgriffe auf die Landesgeschichte, diese Rückblenden auf den gesellschaftlichen Entwicklungsgang der erkundeten Länder haben die Funktion, das Erscheinungsbild des gegenwärtigen Europa auch über kontingente historische Ereignisse zu erklären. Dabei lassen sich drei größere Perspektiven voneinander abheben: (I) der Besuch von Orten institutionell verwahrter Erinnerung; (II) die Wiederentdeckung einstiger zivilisatorischer Monumente, die nur noch wie scheinbar geschichtslose Denkmäler in die Gegenwart ragen; und (III) die Wahrnehmung sichtbarer Spuren vergangener Zeiten, die selbst in modernen Großstädten noch Hinweise auf deren Entstehung geben.

(I) Verwahrte Erinnerungen

Zunächst scheint die Geschichte Europas dort am ehesten zu finden zu sein, wo sie traditionell Generationen von Menschen überdauert hat: im Archiv. Einen solchen Fundus bietet auch das Nationalarchiv von Portugal, das Torre de Tombo, das der Erzähler wißbegierig betritt. Zugleich aber führt die Fülle der dort gesammelten Dokumente die Simultaneität von Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit historischer Fakten vor Augen:

Die Bestände sind unabsehbar. Sie reichen so weit wie die unerhörten Entdeckungsreisen der Portugiesen, so weit wie ihr chimärisches Weltreich. Ob ich die Briefe der Vizekönige von Indien oder die Papiere der Companhia do Pernambuco sehen möchte? die Schubladen der portugiesischen Faktorei in Antwerpen? die Zuchtbücher der königlichen Viehherden? die Bücher der Monsune oder die Protokolle der Tabak-Junta? 7

Aufgrund dieser unermüdlich zusammengetragenen Masse an Zeugnissen kann der Archivar Dr. Pereira da Costa mit Stolz behaupten: »wir sind das Gedächtnis Portugals.« (205) Doch inwieweit ist solcher Stolz nicht Überheblichkeit, scheint der Erzähler implizit zu fragen, wenn andernorts der massive Schwund geschichtlicher Erinnerung zu konstatieren ist? Zwar sucht er selbst das Gespräch mit Historikern oder führenden politischen Vertretern, spürt individuellen Lebensgeschichten nach oder begibt sich an Orte, die das nationale Gedächtnis konservieren. Jedoch zeigen die Erfahrungen, die der Erzähler in Schweden sammelt, daß diese Institutionen selbst zu Artefakten werden, sobald es diejenigen nicht mehr gibt, die mit ihnen umzugehen wissen. Denn die vermeintliche Geschichtsmächtigkeit, die von dem portugiesischen Archivar beschworen wird, steht in unmittelbarem Gegensatz zu der Abwendung vom historischen Denken, über die exemplarisch im Schweden-Kapitel berichtet wird. Da ist die Rede von der 17jährigen L., deren Lehrerin ihr nachdrücklich ausredet, sich mit Geschichte zu befassen (37), den Stockholmer Museen, denen es an einer Sammlung zur politischen Landesgeschichte mangelt (38), und einem Historiker, der mit den Worten zitiert wird: »Die Liquidierung der eigenen Geschichte […] ist vielleicht der größte Fehler der schwedischen Sozialdemokratie.« (39)

(II) Geschichtslose Denkmäler

Der aufscheinenden Gefahr, die europäische Welt nur statisch in ihrem aktuellen Zustand wahrzunehmen, versucht der Erzähler auch dadurch zu begegnen, indem er Orte vorstellt, die einstmals als Knotenpunkt des gesellschaftlichen Lebens galten. Beispielsweise schildert er anhand der heute bedeutungslosen Siedlung Leufsta Bruk, wo der Ursprung für den Wohlstand Schwedens gesucht werden könne. Indem er das zentral gelegene Eisenwerk als Kern- und Versorgungsstück der im 18. Jahrhundert florierenden Siedlung identifiziert, wertet er es kurzerhand zur Keimzelle des »modernen schwedischen Wohlfahrtstaates« (37) auf. Unabhängig von der Stichhaltigkeit dieser These gewinnt das Eisenwerk über diese Aufwertung symbolisches Kapital, das noch auf die Gegenwart fortwirkt. Denn wenn der Erzähler feststellt: »Heute steht das traditionsreiche Werk vor dem Konkurs« (42), sind es nicht die kommunalen wirtschaftlichen Nöte, die sein Interesse beanspruchen. Vielmehr geht es um das individuelle Traditions- und Geschichtsbewußtsein, das erkennen hilft, daß mit der Vernichtung dieses Eisenwerkes zugleich nationale Geschichte symbolisch vernichtet würde. Der didaktische Ratschlag des Erzählers könnte daher für jedes Land verallgemeinert werden: »Wer von der Geschichte Schwedens nichts wissen will, der wird die Rätsel, die seine Gegenwart aufgibt, kaum lösen können.« (35)

(III) Spuren vergangener Zeiten

Solche Rätsel geben etwa jene Spuren auf, die der als »Flaneur« (139, 158) die Großstädte durchquerende Erzähler wahrnimmt, wenn sein Blick über Abgelegenes oder fast Verborgenes schweift. In der polnischen Stadt Łomża etwa werden die historischen Tiefenstrukturen anhand der Farbschichten besichtigter Häuserfassaden ergründet: »Wenn man an den blätternden Farben der Fassaden kratzt, kommen immer neue Schichten der Unterdrückung und des Stumpfsinns zum Vorschein: das Regime der Zaren, die Herrschaft der Gutsbesitzer, die mörderischen Überfälle der Deutschen, der Stalinismus…« (339). Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen korrespondiert mit der Theorie der Isochronen, die eingangs des Kapitels über Portugal entfaltet wird. Dort wird die Aufgabe gestellt, »Linien zu finden, an denen sich ablesen ließe, welche Zeitzonen wir durchwandern, wenn wir reisen… Linien, die die Risse und Verwerfungen der Geschichte zeigten…« (182). Ob es solche Linien tatsächlich gibt, läßt die konjunktivische Rede zwar bewußt offen. Wenn der Erzähler aber in Budapest unterwegs ist, um die dortigen Hinterhöfe zu erkunden, wo das »wahre Leben« (140) zuhause sei, macht er deutlich, auf eine solche diachrone Linie gestoßen zu sein. Denn fernab von der »Farbenblindheit« der »sowjetische[n] Ästhetik« (139) ist er in einen märchenhaft anmutenden Architekturraum aus früheren Zeiten geraten, nämlich »auf den Hof eines verfallenen Renaissance-Schlosses oder einer Ritterburg« (140). Generell läßt sich festhalten, daß die Thematisierung von nationalem Geschichtsdenken beileibe kein Selbstzweck ist, um die historische Beschlagenheit des Berichterstatters vorzuführen. Vielmehr avanciert der Rekurs auf das kulturelle Gedächtnis zum kritischen Instrument: Zum einen wird die schon 1980 formulierte Ablehnung der globalisierten Gleichschaltung durch die Industriestaaten rekapituliert. Zum anderen gerät die Suche nach dem Nonkonformen, das nicht dem Zeitgeist zum Opfer gefallen ist, zum ideologischen Programm. Denn nur diejenigen Artefakte vermögen von der Vergangenheit zu erzählen, die Patina angesetzt und »dem großen Staubsauger der Modernisierung bis heute widerstanden« (262) haben. Auch wenn einzelne Beobachtungen Enzensbergers durch den fortschreitenden Geschichtsverlauf, vor allem durch den Zusammenbruch des Ostblocks und die damit zusammenhängende Kapitalisierung der osteuropäischen Welt, relativiert worden sind, beansprucht dieses Grundanliegen, dieser im Grunde archäologische Zugriff, noch immer gegenwärtiges Interesse für die Erkundung eines multikulturellen Europa. Am Ende dominiert jedoch die skeptische Einstellung. Der fingierte Bericht des Auslandskorrespondenten Timothy Taylor aus dem Frühjahr 2006 legt offen, daß die »europäische Einheit« aus der Rückschau nichts weiter als eine »Chimäre« (481) gewesen ist. Ironisch wird das Verdienst Brüssels auf bürokratische Randphänomene reduziert: »Wir haben es zu einheitlichen Lebensmittelfarben gebracht, und die Zollformulare wurden standardisiert.« (482) Daß ein Europa, das auf solche Errungenschaften zurückblicken kann, jedoch keineswegs zum Lachen ist, hat Enzensberger 1989 eindringlich verdeutlicht. Vehement hat er auf den Prozeß der »politische[n] Enteignung« hingewiesen, der mit der Einführung der Europäischen Gemeinschaft und ihrer quasi-staatlichen Institutionen vollzogen worden ist.8 Aus der Perspektive des Jahres 1987 war daher der Seufzer, mit dem er sein Europa-Buch überschrieben hat, ein sehr prophetischer.

 

Hans Magnus Enzensberger: Ach Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern. Mit einem Epilog aus dem Jahre 2006. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, [1987] 1989. 501 Seiten. ISBN: 978-3-518-38190-8. 10,– Euro

  • 1. Hans Magnus Enzensberger: Europäische Peripherie. In: Kursbuch 2 (1965), S. 154–173.
  • 2. Hans Magnus Enzensbeger: Eurozentrismus wider Willen. Ein politisches Vexierbild [1980]. In: Ders.: Politische Brosamen. Frankfurt a.M. 1982, S. 31–52, hier S. 35.
  • 3. »Ist es zuviel verlangt, daß ein Amerikaner in Angola, ein Schwede in China, ein Deutscher in Cuba wenigstens einmal am Tag, versuchsweise, sich sagt: Diese Leute sind genau wie wir? Und das heißt, sie wollen keineswegs nur Schulen und Krankenhäuser, Kantinen und Baracken. Sie wollen sich ihren Beruf aussuchen, genau wie wir. Sie wollen einander lieben. Sie wollen die Wahl haben. Sie wollen sich frei bewegen. Sie wollen selber denken und entscheiden.« (Ebd. 47).
  • 4. Ebd. 51.
  • 5. Paul Michael Lützeler: Ein Postkolonialer Europa-Diskurs? Perspektiven deutscher Autoren. In: Eurovisionen. Vorstellungen von Europa in Literatur und Philosophie. Hg. von Peter Delvaux und Jan Papiór. Amsterdam, Atlanta 1996, S. 215–223, hier S. 218 (Duitse Kroniek, Bd. 46).
  • 6. Ebd.
  • 7. Hans Magnus Enzensberger: Ach Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern. Mit einem Epilog aus dem Jahre 2006. Frankfurt a.M. 1989, S. 204. Wird im folgenden mit Seitenzahlen im Text nachgewiesen.
  • 8. Hans Magnus Enzensberger: Brüssel oder Europa – eins von beiden [1989]. In: Hoffnung Europa. Deutsche Essays von Novalis bis Enzensberger. Hg. von Paul Michael Lützeler. Frankfurt a.M. 1994, S. 500–506, hier S. 504.
 

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